‘Aquarell’ by Peter Fritz Walter (1986)

Magie des Seins

Philosophisches Pamphlet


Inhalt

Einleitung
Neue Realität
Aufbruchsstimmung
Magie des Seins
Neuer Anfang
Philosophisches
Wiedererlangung der Unschuld
Neue Wege


Einleitung

Durch Sinngebung und ein originäres und starkes Verlangen nach Bewusstwerdung kann auch dem verwirrendsten Chaos im individuellen Sein ein Ende bereitet werden. Auf dieser Basis dann ist eine völlige Restrukturierung des Lebens tatsächlich möglich.

Voraussetzung dafür ist jedoch, sich nicht krampfhaft zu klammern ans Alte und Ausgelöschte, um der Neubildung und Regeneration der Psyche den Weg zu bereiten. Ohne einen Prozess der Selbstfindung und Hinwendung zu einer spirituellen Definition des Lebens erscheint eine solche Wiedergeburt schlechterdings nur schwer vorstellbar.

Sinn ist sozusagen spirituelles Brot. Eine Existenz, die sich als sinnlos empfindet, ist gefährdet, und sei sie sozial noch so sehr gesichert. Sich mitzunehmen heißt auch, das Ich, das man einst war, zu akzeptieren und gewissermaßen mit elterlicher Güte zu pflegen. Ich denke nämlich, dass es gerade dies ist, was sicherstellt, dass man den Sinn, den man in den Prüfungen des Lebens gefunden und inkarniert hat, nährt und entwickelt.

Nichts im Leben ist isoliert. Nichts ist abgespalten. Alles ist irgendwie Teil einer größeren Einheit und auch untereinander verbunden. Viele Menschen glauben, Selbstentwicklung heisse, sich selbst über Bord zu werfen und sich ein Neues Ich zu kaufen. Nun ja, diejenigen, die das tun, werden hinfort selbstentfremdet und gehirngewaschen durchs Leben gehen.

Es sind selbige, die sich Sekten verschreiben oder einer Ideologie oder einer Therapie, die sie für Religion nehmen. Es sind auch diejenigen, die der Schwarzweißmalerei anheim fallen, weil sie glauben, ein neues und käufliches Ich könne geradeso für sie gebacken werden, damit sie es bei der nächsten Gelegenheit für ihr altes Ich austauschten.

All solche Selbstentwickler unterliegen der Gefahr, die eine der Grundgefahren des Lebens überhaupt ist: der Gefahr, das Kind mit dem Bade auszuschütten.

Es gibt keine guten und schlechten Ichs und kein Schwarz und Weiß in Fragen der Entwicklung. Es gibt nur Probabilitäten und viele sanfte Übergänge.

An anderer Stelle sagte ich einmal, man könne sein Ego nicht so einfach an den Nagel hängen. Daher können so viele den Erfolg, für den sie Jahrzehnte arbeiteten und der ihnen letztlich zuteil wurde, nicht genießen. Ganz einfach, weil der Genießer abhanden kam auf dem Weg, weil sie sich selbst nicht mitnahmen auf dem Weg zum Ziel. Weil sie irgendwann urteilten über sich selbst, statt sich anzunehmen und zu ihrem Ich zu sagen: Bis hierher und nicht weiter! Weil sie seelenlos vorangingen und einer Chimäre nachjagten.

Natürlich setze ich nicht einfach Ich und Seele gleich. Was ich sage, ist nicht simplistisch, sondern eher komplex, und nicht einfach zu erklären. Ich meine dass wir, auch wenn wir das Ich entwickeln oder gar transzendieren, doch immer mit dem Ich bleiben und es nicht einfach in die nächste Mülltonne werfen können.

Bei manchen Leuten, die ich gern New Age Touristen nenne, habe ich wirklich den Eindruck, dass sie mit der Frage Wo ist die nächste Müllkippe für mein Ich? von Guru zu Guru rennen, und ohne sich bewusst zu sein, haben sie bereits zu Beginn ihrer Reise ihre Seele an den Teufel des Ideals verkauft. Keiner hat es besser erklärt, als Krishnamurti (1895–1986), wo wir hingeraten, wenn wir uns Ideale setzen und uns damit identifizieren. Ideale sind der Nährboden für Konflikt. Sie spalten die Psyche und führen zu schizophrenem Sein, weil sie die Einheit des Bewusstseins zerstören.

Der Teufel des Ideals dekretiert den ewigen Krieg zwischen ist und sollte, zwischen sein und möchte sein, zwischen so bin ich eben und so möchte ich idealerweise sein. Da Ideale per definitionem unerreichbar sind, ist der Krieg aussichtslos und die Niederlage sicher. Was passiert mit dem Selbstwertgefühl währenddessen? Es wird zwischen den Fronten zermalmt. Übrig bleibt der spirituelle Tourist, der das Leben aufspaltet in einen ordinären und einen spirituellen Teil und der die Welt abreist, um den letzten Guru, der gerade in ist, gesehen und gesprochen zu haben. Statt zu leben, reden sie vom Leben. Statt zu lieben, reden sie von Liebe.

Ich habe viele Menschen getroffen, die zeit ihres Lebens eins drauf bekamen, weil sie nicht den leichten und seichten Weg gingen, sondern den wahren. Auch wenn es der falsche war. Aber es waren Menschen mit Substanz, die ich vorher und danach im Alltag einfach nicht mehr traf. Es scheint mir wirklich, dass sich in unseren paranoischen Westkulturen die Substanz des Menschlichen inzwischen in Anstalten befindet, den Gefängnissen, den Irrenhäusern, den Erziehungsheimen und den Asylen.

Das klingt grotesk, aber vielleicht ist doch ein Körnchen Wahrheit dran? Hier, in meinem jetzigen Leben, sehe ich zwei Kategorien von Menschen: die einfachen und wahren und die aufgeblasenen und seichten. Erstere haben niedrige Positionen, letztere mittlere bis hohe.

Ganz hochstehende Leute kenne ich nicht persönlich, jedoch einige wohl aus ihren Schriften. Ich glaube, dass auch sie zu den einfachen und wahren gehören. Es kann logischerweise nicht anders sein.

So fand ich Freunde, als ich den Übergang in die wahre Kultur endlich geschafft hatte. In meiner eigenen Kultur konnte ich keinen Kontakt finden mit Männern von Geist. Ich finde die meisten Männer im Westen dumm und meist noch arrogant dazu, festgefahren in irgendwelchen scheinheiligen Plattitüden, die sie auch noch als Logik ausgeben, diese linkshirnigen Affen.

Vom Leben hingegen haben sie keine Ahnung. Der Liebe, dem Sanften, dem Wahren und dem Schönen irgendwann zwischen zehn und fünfzehn abhanden gekommen, gaukeln sie als halbgebackene und halbherzige Roboter durchs Leben und quatschen irgendeine Ideologie oder Kitschologie nach, die sie Sport, Body Building, Business oder anders nennen.

Nur eine schöne Erinnerung bleibt mir an die Zeit meiner Kindheit, Tante Ida. Die zierliche kultivierte Dame mit der weichen Stimme, den schönen Händen und den Augen voller Güte, Mitgefühl und einer wachen Intelligenz — das war meine Tante Ida. Um das Paradox voll zu machen, gehörte sie zu einer Fleischerfamilie und lebte zusammen mit ihrer alten Mutter im Erdgeschoss des Patrizierhauses am Ende der kleinen Strasse.

Ihre Schwester hatte einen dicken rotköpfigen Fleischer mit rotbraunem Schnurrbart geheiratet, dem der Mercedes vor der Tür des rosa Bungalows gehörte, in dem sie wohnten. Aber das Geld stammte nicht von ihm, denn das Unternehmen wurde von Idas Vater aufgebaut und der fette Fleischer hatte sich ins gemachte Nest gesetzt. Für Ida blieb leider nichts übrig von all dem Reichtum. Sie verließ das graue Patrizierhaus am Morgen und ging auf die Raiffeisenbank ein kleines Gehalt verdienen, von dem sie und ihre Mutter zu leben hatten. Ida war gelernte Malerin und verbrachte ihre freie Zeit mit dem kunstvollen Arrangement von herrlichen Blumengemälden und Landschaften in Öl auf Kanvas.

Keine von Idas Schwestern kümmerte sich um die alte gebrechliche Mutter, die immer schwach und blass in Idas Salon auf dem Kanapee lag.

Sie überließen es Ida und ihrem kleinen Auskommen, die alte Frau zu versorgen, die vielen Medikamente zu kaufen und ihre Zeit für die Pflege der kranken Frau zu opfern, obwohl die Fleischergattin den ganzen Tag in ihrem rosa Bungalow saß und die Hausfrau spielte. Doch damit nicht genug, ließen sie Ida auch noch Miete zahlen für die große kalte Wohnung, die mit den fast fünf Meter hohen Räumen fast nicht zu heizen war. Wenn ich bei Tante Ida und ihren zwölf Katzen war, saßen wir immer in der Küche, in der ein Kohlenofen mollige Wärme verbreitete. Sie hatte immer ein Joghurt für mich parat, sie wusste, was ich gerne mochte.

Im Sommer saßen wir nur auf der großen Veranda, die über dem herrlichen Obstgarten lag und wo Idas liebster Platz zum Malen war. Wieviel bizarre Träume spielten sich in dieser Küche und auf dieser Veranda ab … wie oft träumte ich von dem großen Grundstück und dem Garten! Wie viele Ritter- und Verfolgungsszenen gab es da in meinen Träumen, und alle spielten sie auf diesem Grundstück.

Sogar als ich zwanzig Jahre später Schillers Die Räuber und Die Verschwörung las, so spielten sich alle Szenen in meiner Fantasie auf dieser Veranda und in diesem Garten ab. Es war ein Zaubergarten. Und Tante Ida war die Zauberin.

Aus der Konservatoriumszeit hatte sie noch einige alte Gemälde, einen Blick auf den See, einen Hafen mit Schiffen und Miniaturen in impressionistischem Stil — in all diesen Bildern lag eine Stimmung, die mit Worten nicht zu beschreiben ist. Es ist etwas von der tiefen und ungekünstelten Naivität, Bescheidenheit und Religiosität der Künstlerin darin gewesen, eine Aussage über das Leben, die Schönheit, die Einfachheit, die Liebe.

Tante Ida hatte nie geheiratet; eine Zeitlang war sie verlobt gewesen mit einem ehemaligen Präsidentschaftskandidaten. Sie machte keinen Hehl daraus, dass sie nie mit einem Mann eine Sexualbeziehung unterhalten hatte und dies auch nicht brauche. Sie strahlte die Reinheit und Frische eines Kindes aus, selbst im hohen Alter noch.

Wenn ich bei ihr war, war ich einfach, und ohne es beschreiben zu können, glücklich. Wenn wir, was selten war, einmal auf meine Mutter zu sprechen kamen, sagte sie nur ruhig, Ich kann Deine Mutter nicht verstehen, und eine kleine Falte legte sich in ihre Nasenwurzel; dann nahm ihr Blick einen mir an ihr ungewohnten traurigen Ausdruck an, der aber beim nächsten Wort wieder verflog.

Natürlich konnte ich Tante Ida nur am Wochenende und in den Ferien aufsuchen, denn die Woche verbrachte ich im Kinderheim und auch das nur, solange wir auf dem Berg wohnten, wo sie ihr Anwesen hatte. Aber die wenigen Stunden bei Tante Ida haben mir einen unvergesslichen Schatz mit auf meinen Lebensweg gegeben.

Es ging eine Aura von Frieden und Verstehen von dieser kleinen Frau aus, wie ich sie später nur bei einem Menschen wiedergefunden habe, Krishnamurti. Und doch hatte K. etwas auf den ersten Blick so unzugängliches, wie es Tante Ida nie ausstrahlte. Sie war ein Mensch, der für alle da war: und vor allem für uns Kinder. Es waren immer Kinder bei ihr, aus ihrer Verwandtschaft und vor allem aus der Nachbarschaft.

Ida stammte aus einer Familie des Grossbürgertums, in der man viele soziale Kontakte unterhalten hatte — ganz im Gegensatz zu meiner Familie, aber es war immer so, dass sie für die anderen da war und nie die anderen für sie. Manchmal erzählte sie von den seltenen Malen, wo sie einmal andere um Hilfe gebeten hatte, und wo solche Hilfe dann stets grausam verweigert wurde. Dabei hatte Ida nie anspruchsvolle Wünsche oder unlösbare Probleme. Am meisten wurde sie von ihrer eigenen Familie ausgenutzt.

Aber wenn sie solche Dinge erzählte, lag nie ein Vorwurf in ihrer Stimme, fiel nie ein hartes Wort, nur ein kleines Schweigen, nachdem sie geendet hatte, zeugte von der Trauer, die sich in diesem Herzen des Lichts verbarg und die man darin nicht so leicht vermutete.

Der Geruch der Ölfarbe und Idas Bewegungen, wenn sie die Farbe von der Palette nahm, den Pinsel führte oder über dies oder das ihrer älteren Gemälde sprach, ihre etwas kindlichen Bewegungen, die aber doch unprätentiösen Ernst ausstrahlten, die Feinheit ihres Wesens und ihre sonderbare Stille und Schönheit — all dies lässt mir das Herz schwer werden, jetzt wo ich es schreibe und nachfühle.

Ida war die erste Frau, die ich wahrhaft geliebt habe –und vielleicht die letzte. Sie war und ist für mich die Verkörperung der Schönheit und Weisheit, die ein Mensch lebt, der einfach und wahrhaftig ist.

Meine Mutter vermied es, über Tante Ida zu reden. Sie ließ mich zu ihr gehen, wenn ich wollte, sie spürte, wie sehr ich Ida liebte. Aber in kleinen Bemerkungen, die sie ihr bezüglich machte, lag nie etwas wirklich Billigendes und Anerkennenswertes, wenn sie auch meine Beziehung zu ihr großzügig duldete.

Ich hatte zu dieser Zeit einen immer wiederkehrenden Traum. Ich befand mich auf der kleinen Strasse auf dem Weg zu Tante Ida. Ich konnte nicht vorankommen, es war, als seien meine Beine mit Kaugummi umwickelt und ich musste um jeden Schritt kämpfen gegen eine mysteriöse magnetische Anziehungskraft von hinten, also von unserer Wohnung, und kam daher so gut wie überhaupt nicht vorwärts. Gleichzeitig verfolgte mich ein Flugzeug von hinten, vor dem ich panische Angst hatte.

Diese Flugzeugsymbolik kam dann fast dreißig Jahre später in einer Serie von Träumen wieder, die eindeutig die Beziehung zu meiner Mutter betrafen und die sich einstellten, nachdem ich Freuds Traumanalyse zum zweiten Mal durchgearbeitet hatte.

Es war ungefähr zu der Zeit, als ich unsere christlich-verklemmte westliche Kultur wahrhaft zu hassen begann, die offenbar nichts als Kadavermoralisten und sadistische Lehrer hervorbringt und die für die Belange der Jugend nur ihr zynisch-geiles Grinsen und die Filmzensur übrig hat.

Woher sollten diese Kartoffelfresser in ihren nach Sauerkraut stinkenden Kleinbürgerhäusern wissen, was Liebe ist, was Schönheit, Anmut und Grazie bedeuten?

Es war zu dieser Zeit, dass ich zum Römer wurde, zum Epikuräer genauer gesagt, zum Petronius bei Nacht und Sokrates bei Tag. Es war zu der Zeit, als ich der christlichen Pest den endgültigen und totalen Krieg erklärte!

Aber der kalvärende und lebensfeindliche ans Kreuz genagelte Heiland meiner Kindheit ließ die Finger nicht von mir — und damit fraßen mich Schuldgefühle auf, die ich allerdings solchermaßen verdrängte, dass sich in meinem Unterbewussten ein ziemlich komplizierter psychischer Prozess entwickelte und zu einer Explosion drang.

Dazu trugen auch zwei Filme bei, die ich als Jugendlicher gesehen hatte und die mich beide zu langem Nachdenken zwangen — erst viel später wurde mir dann klar, wie sehr mich diese beiden Filme unbewusst beeinflusst hatten.

In beiden Filmen ging es um Sexualität, oder genauer gesagt, um sexuelle Gewalt.

Der eine Film war Der letzte Tango in Paris mit Marlon Brando, der andere Altmans Drei Frauen. Als ich mit meinen gerade sechzehn Jahren sah, wie der brutale Brando dieses Mädchen in der leeren Pariser Altbauwohnung im Stehen vergewaltigte, war ich erst einmal ungeheuer geschockt.

Da sah ich nun, worüber wir im Heim unsere Witze gemacht hatten — aber die kalte Realität, die dieser Film offenbarte, löste bei mir nur Angst aus. Das änderte sich allerdings eigenartig rasch.

Als Brando in einer späteren Szene des Films nach einer ganzen Kette von vorausgehenden verbalen Obszönitäten das am Boden liegende nackte Mädchen in einer plötzlichen Eingebung und gegen ihren Willen von hinten nahm, und die Kleine stöhnte unter seinen Stößen und jammerte, er täte ihr weh — da mischte sich in meinen Gefühlen etwas ganz seltsam zusammen. Da war Mitleid für das Mädchen, indignierter Zorn auf den brutalen Satyr, aber auch Eifersucht auf seine Chance, auf diese einmalige Chance, sich einmal richtig und ohne Hemmung dieser diabolischen und alles sprengen-wollenden Lust auszuliefern.

Ich witterte eine Gefahr, etwas inhärent im Männlichen Enthaltenes, ein Drang zu Eroberung um jeden Preis, zu Dominanz, Tyrannei und Gewalt in seinen bittersten Konsequenzen.

Ich sah mir den Film dreimal hintereinander an, denn ich war der Meinung, dass er eine Lehre enthielt, die ich nicht verstand.

Am Ende des Films erschießt das Mädchen ihren Peiniger — aber der Grund ist war eigenartigerweise nicht seine sexuelle Arroganz und Gewalt, sondern die Tatsache, dass er sie hinsichtlich seines Vermögens betrogen hatte. Statt eines reichen texanischen Farmers war er nur mieser kleiner Besitzer einer Absteige, der gerade das Nötigste zum Leben hatte. Das Mädchen, das aus gutbürgerlichem Pariser Milieu stammte, erschießt ihn kaltblütig, als er sich ihr wieder voller Geilheit nähern wollte.

Sie hatte ihn heiraten wollten, was nach Kenntnis seines miserablen gesellschaftlichen Status in ihrem bourgeoisen Milieu nicht mehr möglich gewesen wäre. Also erschoss sie ihn wegen dieses Betrugs, und paradoxerweise nicht wegen seiner sexuellen Gewalt.

Und doch enthält der Film, abgesehen von dem sarkastischen Schluss, der nicht gerade für die Frauen spricht, eine moralische Lehre: wenn Du sexuell den brutalen Stier spielst, zahlst Du mit deinem Leben. Aber wer von uns Jugendlichen hätte nicht einmal gerne den brutalen Stier gespielt? — und nicht nur einmal.

Aber das Schlimmste an allem war, dass sich bei wiederholtem Anschauen des Films meine Angst und mein Horror vor den sexuellen Brutalitäten des Filmhelden in ein aus einem drängenden Begehren zur Nachahmung und gleichzeitigen Schuldgefühlen bestehenden Gefühlsmix verwandelten — und danach verdrängte ich sogar das Gefühl. Alles in allem denke ich, machte es mir der Film nur noch schwerer, meine Männlichkeit positiv zu definieren und zu akzeptieren.

Als ich dann Altmans Drei Frauen sah, war ich bereits etwas älter, aber der Film bereitete mir ähnliche Verständnisschwierigkeiten. Ich dachte nicht nur Tage, sondern Wochen darüber nach. Auch da war ein brutaler Stier, amerikanischer Rancher, der zusammen mit seiner Frau eine Kneipe unterhielt mit einem Schiesszentrum, wo sich jeder Gast mit dem Revolver auf Zielscheiben, Flaschen und Büchsen austoben konnte. Er ging dermaßen brutal mit seiner Frau um und war ständig besoffen, dass diese in eine tiefe Melancholie verfiel. Sie war im Grunde Künstlerin und bemalte die Innenseite von Schwimmbecken mit herrlichen Zeichnungen im Stile Jean Cocteaus.

Die zweite Frau war jung und recht skurril; sie arbeitete in einem Hallenbad mit Behinderten und ging tatsächlich mit jedem Mann ins Bett, der ihr nur einen Blick zuwarf. Sie war im Grunde ebenso unglücklich wie die Rancherfrau, aber bei ihr war das Unglück wohl mehr ihre eigene Leere und Oberflächlichkeit — so sah es jedenfalls anfangs aus.

Dann wurde jedoch ihre Liebe zu einem jungen blonden noch unschuldigen Mädchen aus der Provinz dargestellt und eine Seite an ihr wurde beleuchtet, die man nicht vermutet hatte: eine ungeheure Aufmerksamkeit, Hingabe und Zärtlichkeit für dieses Mädchen, das eines Tages direkt vom Elternhaus in die Stadt kam und in dem Hallenbad eine Stelle fand. Sie bot der Kleinen sofort ihre Wohnung an, was diese auch glücklich annahm.

So wohnten die beiden denn zusammen und teilten alles — bis auf die zahlreichen Liebhaber der jungen Frau. Unter diesen Liebhabern befand sich eines Tages auch der Rancher — und so lernte er das blonde Mädchen kennen. Es kam, was kommen musste. Er verführte sie, und das noch brutal, denn er war ziemlich betrunken.

Als sie im Bett lagen, kam die junge Frau überraschend nach Hause und warf den Rancher wütend hinaus. Dann machte sie der Kleinen eine schreckliche Szene, woraufhin sich diese vor Scham und Schuldgefühlen vom Balkon des Apartments in den Pool stürzte.

Sie überlebte wohl, verlor aber für Monate ihr Gedächtnis. Als sie geheilt war, bekam sie ein Kind von dem Rancher, und dessen Frau war Hebamme bei der schwierigen und schmerzhaften Geburt — aber das Kind kam tot zur Welt.

Der Film endet damit, dass die Rancherfrau sich ihres brutalen Gatten entledigt und die beiden anderen Frauen zu sich auf die Ranch nimmt, wo die drei Frauen ohne Männer ein neues Leben beginnen.

Das Symbol Schwimmbad, das bei allen drei Frauen eine Rolle spielte, repräsentiert Wasser und damit Sexualität. Alle drei Frauen waren von Männern um ihre Sexualität betrogen worden, waren durch männliche Brutalität und Tyrannei daran gehindert, ihre Sexualität zu leben.

Selbst die zweite Frau, der es nicht an oberflächlichen erotischen Abenteuern mit Männern fehlte, blieb innerlich im Grunde leer und unbefriedigt. Ihr Bedürfnis nach Zärtlichkeit und erotischem Spiel und Vergnügen blieb unerkannt von den Macho-Typen, die wohl das Milieu der amerikanischen Provinz kennzeichnen, diesen Männern, die ihre Anima nicht entwickeln, diesen unbewusst homosexuellen und phallisch orientierten Draufgängertypen, die sich im Grunde in einer Malaise vor Frauen befinden und sich durch sexuelle Brutalitäten zu beweisen suchen, dass sie ‘ein Mann’ sind.

Die Brutalität des Ranchers steht stellvertretend für alle Männer. Er zerstörte in der Tat das Leben aller drei Frauen. Aber es sind die Frauen, die siegen!

Der Schluss dieses äußerst feministisch empfundenen Films suggeriert, dass Frauen getrost ohne Männer wie den Rancher leben können, wenn sie nur einmal darüber nachdenken, wie wenig sie eigentlich dabei verlieren. Aber die Gefahr des Films liegt darin, verallgemeinert zu werden.

Man könnte den Schluss des Films nämlich auch so verstehen, dass Frauen überhaupt ohne Männer auskommen könnten. Und ein solches Verständnis wäre eben feministische Propaganda. Die Wahrheit ist es nicht.

Neue Realität

Ich war nur ein halber Goethe. Wie die meisten Menschen nur halbe Menschen sind. Sie schreiben nur dann, wenn sie lieber weinen würden, sozusagen als Weinersatz.

Darum sieht die Menschheitsgeschichte so düster aus. Das ist ganz einfach ein philologischer Irrtum. Die Menschheit begann zu irren dann, als sie dem traute, was geschrieben stand. Statt auf den Gesang der Vögel und das Gelächter der Kinder zu hören.

Es ist nie zu spät. Alle Zeit ist Irrtum. Nun denke ich, lebe ich und schreibe ich von einem anderen Nenner, einer anderen Perspektive, einem anderen Universum. Dem, das ich mir selbst geschaffen habe, mit der Hilfe unsichtbarer Kräfte, die sehr stark sind, wenn dies auch die meisten Menschen nicht für wahr haben wollen.

Diese Kräfte sind Energien, die wir beherrschen können, wenn wir wollen. Nicht im Sinne von Dominanz, sondern von Meisterschaft. Wir können Künstler des Lebens werden, indem wir die Kunst der kosmischen Koordination erlernen. Was ist das?

Früher nannte man es Beten. Heute findet man das altmodisch und hört das Wort nicht mehr gern. Es ist Fantasie. Ich stelle mir vor, dass alles gut ist. Dann ist alles gut. Stell’ dir vor! So einfach ist das.

Und so schwierig für die meisten. Warum? Weil sie dem Irrtum der Zeit verfallen sind. Sie meinen, dass die Zeit, die innen ist, auch außen sein müsse. Sie meinen, die Zeit, die Nicht-Zeit in der Quantenrealität ist, herrsche auch als verkürzte Zeit hienieden. Das ginge nur, wenn sie mit Lichtgeschwindigkeit spazieren gingen. Aber dazu sind wir nicht geschaffen. Wir gehen langsam, also geht die Zeit langsam. Wir sind das Produkt unserer eigenen Antriebskraft. Ist mein Antrieb hoch, so geht meine Zeit schneller, weil ich weniger Gravitation empfinde.

Das Leben ist Quantenphysik. Oder umgekehrt, Quantenphysik ist eine erstaunlich treffende Metapher für das Leben.

Was ist mein Antrieb heute? Was war mein Antrieb in der ersten Hälfte meines Seins? Ich hatte keinen. Ich lebte, um sogenannte Probleme zu lösen. Was sind Probleme? Einbildung. Schon wieder Fantasie.

Mein Leben begann, als ich mir der Kraft der Fantasie bewusst wurde. Da begann ich zu fragen Was wäre, wenn? Da begann ich, das, was hinter mir lag, gering zu achten. Nicht zu verachten, wohlgemerkt. Das wäre auch wieder Irrtum. Ich habe das alles gebraucht, um dahin zu kommen, wo ich bin, als ich mir klar wurde, dass ich nicht mehr da bin, wo ich war. Gering zu achten nur im Sinne einer Weigerung, das was war als maßgeblich anzusehen für die Bewertung dessen, was ist.

Cogito, ergo sum? Nein. Sum, ergo cogito.

Wir alle müssen durch Irren durch, um weniger zu irren. Wir müssen bis zu Ende irren, um mit dem Irren aufzuhören. Um mit dem Irrsinn aufzuhören. Um aufzuhören, irr zu sein. Wie die Labormaus den Ausgang des Labyrinths finden muss.

Der Mensch ist das dümmste aller Tiere. Er ist dümmer als Labormäuse. Sein schlimmstes Übel ist jedoch nicht seine Dummheit, sondern dass er sich wunders was drauf einbildet.

Ich bin sicherlich der Schriftsteller, Denker, Philosoph, Psychologe, Erzieher, Wissenschaftler, Musiker und Liebhaber, der unter denen, die am meisten produziert und gearbeitet haben an ihrem Werk, und die ganz bewusst zum Nutzen der Menschheit schufen, in jeder Hinsicht am Wenigsten gelesen und beachtet wurde und ist. Das ist auch Genie! Das ist denn auch was, auf das ich mir wunders was einbilden kann.

Schöner Ruhm. In den Müll damit. Mein Leben änderte sich, als ich mein Horoskop in der Hand hatte. Ich meine, dass sich mein Bewusstsein änderte in dem Moment.

Ich sah klar. Wie wenn man in klare Gemüsesuppe blickt. Ich sah, dass alles schräg stand. Warum stand alles schräg? Weil ich auf der falschen Seite der Weltkugel geboren war. Also extrapolierte ich meine Geburt nach Asien. Da sah denn alles gut aus. Das klang wie ein Trick. Astrologen tun das ohne Spaß. Sie nehmen dafür sogar Geld. Und mit gutem Grund, wie ich später herausfand, allerdings erst etwa zehn Jahre später. So lange brodelte die Suppe in meinem Magen, bis ich sie erbrach. Schluss mit den alten Geschichten.

Nun, dann musste ich endlich gewisse quantenphysikalische Konstanten ändern. Und schon lief die neue Physik, wie Reichs Orgonmotor, wohl vom Wetter abhängig, aber nicht mehr von der Politik.

Südostasien hat den Vorteil, dass das Wetter sich kaum wandelt. Im Winter ist es achtundzwanzig Grad mit fünfundachtzig Prozent Luftfeuchtigkeit, im Sommer ist es zweiunddreißig Grad mit fünfundsiebzig Prozent Luftfeuchtigkeit. Ideales Klima für die Geschmeidigkeit der Seele. Im Westen nichts Neues.

Als es endlich so weit war, wurde ich mir klar, dass es weit genug war.

Wer glaubt, Erfolg sei vom Wetter abhängig, irrt. Auch das Wetter ist nur eine von vielen Unkonstanten. Erfolg ist nur von einem abhängig. Vom Glauben. Welcher Fantasie ist. Creo ergo sum. Nein. Creo ergo creatore sum.

So ging das Leben seinen Gang in meiner neuen heißen Welt, in kleinen Ausmaßen, aber recht und rechtens genossen, für all die, die noch einen Blick haben für Proportionen. Ich rede in der Wir-Form, weil ich weiß, dass ich in einem Universum der Synergien kein Einzelfall sein kann.

Und so ist die Welt nicht schwarz und weiß, sondern das Gute ist nicht beim Guten, sondern beim Schlechten. Und Rosen wachsen auf dem Komposthaufen besser, als in Rosenbetten. Wo waren wir stehen geblieben? Beim Beten.

Beethoven. Betthoven. Bethoven. Ein Betofen. Ja, wenn es richtig betet, wird es heiß. Was wird heiß? Die Brust. Alles.

Die Energie beginnt zu strömen. Dann tritt ein Akafinger heraus aus der Biomasse und geht sich alles zurechtmachen. Er geht hierhin und dorthin. Um die Welt und zum Mond. Wieder zurück. Was hast Du gesehen, Kamerad? Und ich sah, dass es gut war.

Was, du auch? Der Tee ist zu heiß. Was dasselbe ist, als wenn er zu kalt ist. Heiß. Eis. Eis ist im Heiss. Also wieder proportionales Denken.

Bitteschön. Dankeschön. Wenn Du zu heiß bist, geht es auch nicht. Wenn Du zu kalt bist, erst recht nicht. Also wieder der Weg der Mitte. Buddha hatte Recht. Auch er. Doch ich setzte auf dem falschen Tisch. Ich spielte im falschen Kasino.

— Eine Treppe höher, der Herr!

Das hört man gern, doch man glaubt es nicht. Warum nicht? Nicht genug gebetet. Ich erbete mir, erbitte mir, eine neue Realität. Die alte ist fad geworden. Suppe ohne Würze. In Thailand wird scharf gemacht. Alles ist scharf dort.

Nach einer Woche Dom Yam Gung war ich im Krankenhaus und bekam Bluttransfusionen. Meine Freundin war so stolz auf mich, dass ich ihre Küche ass. Aber es war zuviel Chili in der Suppe. Die kleinen roten Pünktchen mit den weißen Körnchen drin.

Aufbruchsstimmung

Das Leben ist voller Geheimnis, vor allem an ruhigen Wochenenden, wenn die Sonne aus einem blauen Himmel strahlt und ich in meinem kleinen Studio sitze, das auf beinah skurrile Weise gleichzeitig die Funktionen eines Marketingbüros, eines Tonstudios, einer weihrauchgeschwängerten Mönchszelle und einer Bibliothek erfüllt.

Sweet Asia, wie eine meiner spontanen Kompositionen heißt, ist meine Liebe, meine Sehnsucht. Die Geschäfte hier laufen nun gut, ich schreibe endlich auch Chinesen ein für den internationalen Business Club, für den ich aktive Promotion betreibe.

Und erhalte auf diese Weise überdies wertvolle Kontakte in Asien. Endlich bin ich umgeben von erfolgreichen, positiven Menschen, und habe mich befreit von all denen, die mich nach unten ziehen, die mein Selbstwertgefühl mindern, weil sie im Leben auf die falsche Weise mit anderen und sich selbst umgehen.

Ich weiß, dass ich auch in meiner Kunst erfolgreich sein werde, und ich bereite diesen Erfolg gründlich vor. Ich überstürze nichts. Ich bereite mich vor auf den großen Erfolg, nicht einen mittelmäßigen Erfolg in irgendeinem Land, sondern den absoluten, weltweiten Erfolg meiner Schriften, meiner Kunst, und meiner Trainingsmethoden.

Ich höre in diesen Tagen den herrlichen Degung Gamelan der Sunda Inseln, Shakuhachi Flöte und Imrat Khans unvergleichliches Tabla Spiel. Die Poesie dieser Musik ist die Poesie meiner Kunst. Die moderne Welt mit ihren lautstarken Parolen spricht mich nicht an. Sie irren. Ich bin nicht gegen sie. Ich akzeptiere sie. Aber ich habe nichts mit Irren zu tun. Außer, dass ich im Geschäft mit den neuzeitlichsten Systemen arbeite. Aber das bedeutet nicht, dass ich auch den modernen Lebensstil mit all seiner kalten Rationalität, seinen Mechanismen, und seinem horrenden Mangel an Kultur übernähme!

Es ist vielmehr so, dass ich mit meiner Kunst innerhalb der A-Kultur eine neue Z-Kultur aufbaue, eine Kultur der Poesie, der Liebe, der totalen und allumfassenden Ekstase für die Reinheit, die Unschuld, die Freude ohne Grund. Denn nur so ist es uns möglich, das Ur-Vertrauen zurückgewinnen, das wir seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden verloren haben.

Diese Tage sind so reich, so glücklich — trotz meiner Einsamkeit. Ich habe den Kontakt mit Leuten abgebrochen, die mich nur ausgenutzt haben.

Es gibt viel Freiheit heute, angeblich, und doch bin ich einsam. Es gibt viel Freiheit für Pornographen, aber nicht viel für Poeten. Die Menschen sind freundlich, aber sie haben keine Fantasie. Sie sind vulgär und ohne wahre Kultur. Sie sind geschäftig, aber es ist, als lebten sie nur zum Schein.

Die Musik, die ich die letzte Zeit hier komponiere, berstet vor Aggressivität. Sie klingt, als wolle ich die ganze Weltkugel in die Luft sprengen.

Aggressivität kommt mir nur zugute, denn ich war zu wenig aggressiv, mein ganzes Leben lang, wie es mein Psychiater nach zwei Jahren Therapie wiederholte.

— You are still too gentle, Pierre …

Die westliche weiße Kultur ist gut im Konglomerieren dessen, was anderen angehört. Sie ist zum Kulturstudio geworden. Denn eine wahre Kultur ist sie niemals gewesen. Die Pfaffen haben sie dominiert, nachdem die Cäsaren out waren. Und weder die einen noch die anderen haben Lebensart besessen. Sie waren Konsumenten, die einen des Fleisches, die anderen des Geistes. Alle haben sie das Leben gespalten und damit zerstört.

Daher bin ich seit meiner Jugendzeit Anhänger der chinesischen Kultur, der chinesischen Medizin, der chinesischen Philosophie, der chinesischen Küche, und der chinesischen Lebensweise. Ich habe für Akupunktur plädiert, als sie in Europa noch als Scharlatanerie verschrien war. Und ich esse seit Jahren nur noch chinesisch, obwohl viele in Europa immer noch glauben, chinesische Restaurants seien schmutzig und man koche Mäuse und Abfall und menge das alles ins Essen.

Meine besten Freunde und Geschäftspartner sind Asiaten oder in irgendeiner Weise mit asiatischen Kulturen verwandt, sei es durch Ehe, sei es durch Abkunft. Meine Literatur, meine Musik ist asiatisch beeinflusst. Und selbst meine Träume und Wünsche sind es!

Denn es war bereits in früheren europäischen Generationen so, dass sie das, was sie so gerne gehabt hätten und für unmöglich hielten, im traumhaften Asien realisiert sahen. Debussy hätte seine Musik nicht kreiert, ohne die Bekanntschaft mit asiatischer Gamelan Musik, noch Ravel, noch auch Messiaen ohne seinen Kontakt mit der japanischen Kultur und Musik.

Asiatische Menschen haben überdies eine besonders glatte Haut und einen angenehmen Körpergeruch. Sie sind im Allgemeinen gesund und leben glücklich, im Verband ihrer großen Familien und Gemeinschaften. Sie sind keine Psychopathen wie die meisten Westler und eher friedlich, und ihre Lebensweise ist, jedenfalls von Alters her, eine solche, die im Einklang steht mit der Natur. Ihre Kinder sind lebendig, frei und voller Humor. Sie kennen nicht die Angstgefühle des traditionellen europäischen Kindes, das oft einsam und in einem Netzwerk von Verboten aufwächst, und sich alleingelassen und hilflos fühlt.

Asiaten haben mehr Respekt vor ihren Kindern und deren Eigenheiten, als wir Europäer. Sie verstehen die kindliche Seele besser, weil sie mehr als wir im Westen Kinder geblieben sind. Sie sind voller Spielleidenschaft, voller Interesse, das Unwägbare des Lebens, das Abenteuer des Lebens zu erfahren und zu erhalten.

Mein Heimweh nach Asien ist auch Heimweh nach der Familie, die ich nie hatte, es ist nicht nur Verlangen nach menschlichem Reichtum, und Reichtum überhaupt, es ist auch und nicht zuletzt das Heimweh nach einer noch intakten Natur, einem herrlich warmen und freundlichen Klima, nach Unschuld in den Menschen, in den Kindern, nach ihrem Lächeln, ihrem Humor, ihrer inneren und äußeren Zivilisation, ihrer unglaublichen Schönheit.

Es ist Heimweh nach Süße, nach Harmonie, nach Geschmack, in allem, im Essen, in der Liebe, in allen Beziehungen, im Leben und Wohnen, in der gesamten Existenz. Asien ist die Kunst selbst, die Lebenskunst selbst. Es ist der Platz, an dem sich Lebenskünstler wohl fühlen, und Menschen, die noch sensibel sind für Lächeln, für die Blicke, die man auf der Strasse miteinander tauscht, mit sogenannten Fremden wohlgemerkt — die es in Asien eben niemals wirklich sind. Und hier im alten Europa sind sich selbst die engsten Familienmitglieder oft fremd geworden und schauen sich nur noch flüchtig oder hastend, oder ängstlich an.

All dies mag nun übertrieben klingen. Das ist mir völlig gleich. Denn ich kann nur subjektiv schreiben, denken, fühlen. Objektivität im Erleben gibt es nicht. Und für mich, so wie es nun einmal empfinde, ist das, was ich schreibe untertrieben. Und ich kann es überhaupt nur der unverantwortlichen Selbstverleugnung zuschreiben, der ich in der Vergangenheit leider anhing, dass ich nicht bereits seit zehn Jahren in Asien lebe.

Die asiatische Küche riecht nach Weiblichkeit und nach Geschlechtlichkeit; sie ist aufregend, pikant, farbenfroh, herrlich abgestimmt in ihrem süß-sauer und pikant-salzig: sie ist, mit einem Wort, sexy. Sie regt die Sexualfunktion an, statt sie, wie die westliche Brei- und Soßenküche, zu blockieren.

Aber Asien und sein Charme ist für mich auch der würzige Duft der heißen Luft in den Tropen, die üppige und prachtvolle Vegetation, die tausenderlei Orchideen in all ihren Farben, die sich aalen im prallen Sonnenlicht, die grünen Wipfel der Kokospalmen, die sich leicht in der Meerbrise wiegen und sich abheben gegen einen Himmel, dessen tiefes Blau man mit den Augen trinkt.

Geschäftsmann in Asien zu sein bedeutet zwar, wie hier, gut angezogen zu sein und in klimatisierten Räumen und Taxis sich zu bewegen, aber es heisst auch, wenn einem der Sinn danach ist, sich in den Pool des Hotels zu werfen, oder sich am Strand zu tummeln, oder in einer befreundeten Familie mit den Kindern zu spielen.

Es bedeutet, seine Gesundheit zu erhalten, während man sie doch in Europa, in der Nässe, der Kälte und der Monotonie nicht nur des Wetters, sondern auch der Menschen, über kurz oder lang verliert. Gerade dadurch nämlich, dass man das fehlende Lebensvergnügen durch mehr und immer mehr Arbeit zu kompensieren sucht. Oder mehr Essen, Rauchen, oder Alkohol. Und dabei wird dann auch der Urlaub zum Stress, zum Leistungsevenement, zum Status, der verdient werden muss.

Das Leben ist vor allem eine Form von höherem Geheimnis, eine magische Macht, die, wenn man mit ihr verbunden bleibt, alles in das Licht der Schönheit, des Glückhaften und Frischen taucht und immer mit neuen Inhalten füllt. Ich bewahre mir dieses Geheimnis bewusst. Es ist in der Gamelan Musik, die ich soeben höre, es ist in diesem herrlichen neuen Notebook, im chinesischen Essen, das ich im Restaurant abhole, in meiner ruhigen und erfolgreichen Arbeit im Bereich des internationalen Marketings, den tibetanischen Weihrauchstäbchen, der Sonne, die mein Wohnbüro momentweise in einen Schein des Unwirklichen taucht; es ist in dem melancholischen Klang der Koto, der die Aura alles Essentiellen ausdrückt und alles weglässt, was unwichtig ist.

Welch ein Unterschied zwischen dieser Welt der Poesie und der Liebe, in ihrer Unschuld, ihrer schillernden Schönheit, einerseits, und der Welt des Business, in die ich mich geworfen habe, und die ganz und gar nicht unschuldig ist!

Die letzten Tage musste ich wiederum eine Neuorientierung vornehmen. Derjenige, dem ich am meisten vertraute und der mein Büro finanzieren wollte, stellte sich als der größte Betrüger heraus. Zum Glück verlor ich kein Geld bei der Angelegenheit, wohl aber eine schöne Perspektive. Andererseits jedoch habe ich glücklicherweise immer einen gewissen Abstand zu allen Menschen und Ereignissen, vor allem im Geschäftsleben. Es scheint dies wirklich eine Welt zu sein, wo einer den anderen ausnutzen will, einer dem anderen Feind ist. Aber das scheint nur so. Es kommt darauf an, mit wem man sich einlässt. Auch hier gibt es, wie überall, schwarz und weiß, und viel grau dazwischen.

Ich muss an das glauben, was mir eigen ist, nicht, was mich nur äußerlich umgibt. All die Zeit, die ich in die Promotion dieses internationalen Business Clubs steckte, all das Geld, all die Mühe! Sicher, der Club besteht immer noch und wird letztlich nicht affektiert durch die Betrügerei eines seiner Mitglieder, aber gerade dieser Mann hatte Genie genug, das Geschäftskonzept des Clubs so zu verändern, dass es endlich attraktiv war für die Unternehmenswelt. Endlich hatten wir Erfolg.

Nun wollen die anderen Jungs das weiterführen, aber ich weiß, dass sie das Zeug dazu nicht haben. Sie werden ohne ihn, der uns alle übers Ohr haute, nicht auskommen. Er ist der einzige, der Leaderkapazität hat unter ihnen. Der Präsident des Clubs selbst, in England, ist ein junger Mann, der, so scheint es, nicht viel Erfahrung hat im Verkauf seines Produkts. Aber er versorgt seine aktiven Promotoren nicht mit Material. Wie in all diesen Multilevel Marketing Unternehmen, werden gigantische Sprüche gemacht, groß aufgetischt mit Phrasen und Heilsverkündungen, und letztlich die dummen Leichtgläubigen über den Tisch gezogen.

All die Versprechungen wurden in keiner Weise wahr gemacht und das Konzept immer wieder verändert. Das, was im Geschäftsleben überhaupt das Wichtigste ist, Vertrauensaufbau und Kontinuität in der Produktpflege einerseits und der Kundenpflege andererseits, wurde immer wieder an die Seite gestellt.

Ich hatte mit viel Einsatz daran gearbeitet, das Konzept auf die Verhältnisse hier anzupassen, schrieb Broschüren und Präsentationen, die andere kopierten, ohne sie eigentlich zu verstehen. Und immer wieder, wenn ich das Konzept an Geschäftsleute vorstellte, erntete ich nur müde Lächeln und unausgesprochenes oder offen bekundetes Misstrauen gegenüber einem System, das eigentlich ein Win-Win System ist und daher jeden ansprechen müsste.

Aber Unternehmer sind misstrauisch geworden gegenüber Erfolgsstories, die allzu prophetisch klingen. Mehrere solcher Discountsysteme sind sang- und klanglos wieder vom Markt verschwunden und hinterließen eine graue Masse Düpierter und einen schlechten Nachgeschmack.

Ich sitze nun da und rette, was zu retten ist, mache keinen Hehl aus der Wahrheit und warne Freunde, die kürzlich einstiegen oder drauf und dran waren, es nun zu tun. Ich gebe ihnen ihr Geld zurück. Die Freundschaften und Vertrauensbeziehungen sind mir wichtiger als das Geld, das ich hätte verdienen können.

In einer Woche nun endlich fliege ich ab, buchte gestern den Flug. In Thailand möchte ich einen Wohnsitz gründen. Traum, den ich seit meiner Jugendzeit habe. Die Musik, die ich gerade höre, aus den südlichen Provinzen von Laos, stimmt mich glücklich und bringt meine Seele ins Gleichgewicht. Wie viel Lebensfreude drückt das rhythmische Gegrill der Mundorgel (khen) aus und der fast ekstatische Gesang (lam), dem der folgende Text zugrunde liegt:

How beautiful this girl was! When I went into the forest, I enjoyed the scent of the wild flowers which surrounded me when a gentle breeze blew, and reminded me of the scent of a young girl. I have never understood how the rain knows when to stop, nor have I understood the eclipse of the moon; but I will never be able to stop loving that young girl.

Die Welt ist reich und die Völker im Orient, die noch nicht berührt sind von westlicher Eigenheit, reich an Weisheit und Lebensfreude. Ihre Kinder sind wahre Kleinode, schön wie nur die Sonne und der Mond selbst, und in ihrem Charme, ihrer unschuldigen Originalität, ihrem ungetrübten Vertrauen in die Natur, auch die Natur des Menschen, ihrer natürlichen Affektivität und Kameraderie, ihrer Zärtlichkeit.

Dass ich diese Menschen und diese Völker liebe, ist eine recht schwache Bezeichnung gegenüber meinen wahren und langdauernden Gefühlen ihnen gegenüber, meiner Bewunderung für ihre Kultur, die vor allem eine innere Kultur ist, etwas, das die meisten Touristen überhaupt nicht sehen noch fühlen, etwas, das einfach typisch asiatisch ist. Es ist die Zivilisation von Jahrtausenden, die in diesen Völkern noch stets vorhanden ist, in ihrem Erbgut. Ihre Freundlichkeit Fremden gegenüber, ihre Gastfreiheit, ist nur eines der mehr sichtbaren Elemente dieser Kultur.

In den ursprünglichen Kulturen des Orients wissen die Menschen, wer sie sind und welches ihr Platz ist. Bei uns herrscht sogenannte Freiheit, die jedoch die größte Unfreiheit ist, die die Welt jemals sah. Konfusion wird erzeugt durch Eltern, die keine Spiegel sind für ihre Kinder und ihren hausgemachten Narzissmus auf diese übertragen.

Ein Element dieser Konfusion ist der Wunsch, seinen Platz zu verlassen, und einen neuen Platz zu suchen, der einem besser scheint. Den richtigen Platz finden aber kann nur, wer weiß, wer er ist. Denn wenn man weiß, wer man ist, weiß man auch, welches der Platz ist, wo man hingehört. Der gewöhnliche Westtourist ist ein stetiger Sucher. Er weiß nicht, wo er hingehört, weil er nicht weiß, wer er ist.

So ein Lebenstourist war auch ich. Ich lief herum und wusste nicht, was mein eigen ist. Bis ich mein inneres Kind entdeckte und heilte. Dadurch kreierte ich Novelty, etwas ungeahnt Neues, und stets wieder Neues in meinem Leben, eine kontinuierliche Magie, die mich nicht mit Konfusion, sondern mit Gewissheit erfüllt, und in der ich mich selbst immer wieder finde. Stets erneuert, stets reicher, stets mehr ich selbst! Es ist diese Liebe zum Leben, diese Ekstase, die unser Jungbrunnen ist, die uns das Sein immer wieder mit Kraft anreichert und uns von der Monotonie der Gewohnheiten befreit, die uns mit der Zeit zum Schrumpfen, zum Erstarren und zum Ersticken bringen.

Die gesamte asiatische Kultur ist erfüllt von dieser Kraft, dieser Ekstase, dieser Sonne von Energie. Es ist die Liebe zum Leben selbst. Sie ist in der Süße asiatischer Landschaften, dem Glanz des Lichts über den Reisfeldern, der Ruhe und dem Humor der Alten, die den Boden bearbeiten und abends mit ihren Kinder zusammen um kleine Holzfeuer sitzen, essen, trinken und singen, und sich des Lebens freuen. Sie ist in der Goldfarbe der faltigen Gesichter alter Weiber, denen der rote Betelsaft von den Lippen läuft und die sich uralte Geschichten erzählen, während sie zum Markt fahren oder vom Markt kommen, fröhlich, ihre einfachen, aber glücklichen Leben in ihren Gesichtern tragend.

Stark sind diese Frauen, immer etwas mich sich schleppend, einen Sack Reis oder einen Korb Gemüse, ein Kind. Behende sind sie, wissend. Sie verheben sich nicht. Ihre Bewegungen sind gemessen, im Einklang mit ihrem Kontinuum. Die meisten von ihnen sind sehr gesund und werden sehr alt.

In Asien wie in Afrika haben die Frauen die Autorität, nicht die Männer. Die Mädchen, nicht die Jungen. Touristen glauben, es sei umgekehrt, und man lässt ihnen ruhig den falschen Eindruck, der sich auf Äußerliches gründet und die wahren Zusammenhänge verkennt. Magierinnen sind sie, die Frauen Asiens. Zu allem sind sie fähig, zu allem haben sie die Kraft. Nichts ist ihnen unmöglich.

Magie des Seins

Ich habe immer geträumt. Zuerst war der Traum so sehr geschieden von der sogenannten Realität — an deren Realität ich zweifle — dass ich in zwei Welten zu leben glaubte. In der von mir selbst erschaffenen Traumwelt, und in der sogenannten wirklichen Welt. Das Ganze war ziemlich schizophren. Denn die Traumwelt, oder sagen wir innere Realität war immer schön, und die Wirklichkeit, sagen wir äussere Realität, immer hässlich, oder gar strafend.

Ein paar Breitengrade, und schon ist die Welt eine andere. So relativ ist alles hier auf Erden. Das Leben selbst lacht den Moralisten ins Gesicht, mit ihren steifen Regeln und Maßregeln, ihrer Arroganz des Absoluten, Absolut-Sein-Wollenden!

Schau’ die Erde an, Sterblicher, und du siehst, dass nur die Steine sich überall gleich bleiben! Alles, was lebt, variiert in unendlicher Vielfalt. Und nicht einmal die Götter sind sich gleich.

Die Lebensblocker haben weniger Macht in Kulturen, wo es heiß ist und das Blut flüssiger, wo Kinder sich noch nackt an Stränden und in Strassen tummeln.

Es ist schon ein herrliches Gefühl, auf einer erhöhten marmornen Balustrade, im eleganten antiken Sessel sitzend, aus dem Fenster des luxuriösen Tower-Hotels zu schauen und den glitzernden Verkehr zu beobachten. Surabaya hat seine Reize. Und nicht nur, was das herrliche Golden Park Hotel angeht.

Ich kann vor dem Fenster zwei Holzjalousien schließen, die ganz mit Stickerei überzogen sind, und fühle mich zuhause. Obwohl ich erst die dritte Nacht hier bin.

Dort war ich ein Elend-Einsamer, obwohl es mir nicht schlecht ging. Aber es war, als sei etwas Atmosphärisches gegen mich, mein So-Sein-Wie-Ich-Nun-Einmal-Bin. Manche sagen, ich bilde mir das ein. Das sind die, die eigentlich sensibel sind, sich aber eine dicke Haut zugelegt haben, um die Brutalitäten einer enthumanisierten Kultur nicht mehr zu fühlen. Ich habe dieses Phänomen zu lange untersucht, als dass mir noch einer etwas vormachen könnte. Ich lasse sie reden und denke mir das, was ich für richtig halte, für richtig fühle.

Hier sind die Menschen flink, intelligent, behende, wissen sich zu helfen in allen Situationen. Sie sind gewandt, und wenn sie Erziehung genossen haben, sogar weltgewandt, mit dem ausgestattet, was man früher in Europa Manieren nannte oder Herzenstakt, und was abhanden kam im Sammelsurium und der Kramwirtschaft der neurotischen Plattenleger der Hölle.

Hier ist noch Anmut in den Menschen, wo sie in Europa durch dekadenten Hochmut ersetzt wurde. Und technologisch ist man hier inzwischen versierter, schneller und inventuöser als in den Kaltländern.

Hier habe ich in vier Tagen dreimal so viel Kontakte gemacht, als in Europa in einem ganzen Jahr. Und das mindeste, was man bekommt, ist ein Lächeln. Übergang von einer Welt in eine andere, von krampferzeugendem Kaltwasser in warme Strudel des Glücks.

Ich habe viel gebetet die letzten Tage, um mit allem dort abzuschließen, auch mit diversen Frauen, die mich heiraten wollten und sich an mich hängten wie Kletten. Nun fühle ich mich wirklich frei.

Und das ist ein Gefühl, das ich in meinem Leben noch niemals erlebt habe. Das Leben ist ein Fluss ohne Ende. Es ist auch kein Ende des Auf und Ab, des Glücklichseins und Traurigseins. Das vergesse ich immer wieder, denn Traumtänzer suchen nun einmal Traumwelten des ewigen Glücks.

Früher gehörte ich selbst zu den Lebensblockern, einen Berg von Schuldgefühlen im Herzen. Ich hatte Angst vor der Bewegung, vor dem Vorangehen, vor dem Ich-sein, und damit dem Da-sein. Und nun, wo ich dies schreibe, habe ich wieder einen Nachmittag dieser Trauer hinter mir, die alles zu verzehren scheint.

Doch weiß ich heute glücklicherweise, dass dieser Zustand immer ein Ende bedeutet von etwas, das vergangen ist und sein soll und ein neuer Anfang von etwas, das in mir geboren ist und Realisierung sucht. Wer das nicht nur begreift, sondern auch auszuleben imstande ist, gehört nicht mehr zu den Lebensblockern und hilft der Erde mit seiner Energie zu Regeneration.

Denn das Problem der Lebensblocker ist, dass sie sich gegen Schmerz, und auch den potentiellen Schmerz immunisieren. Aber Liebe ist immer garantielos. Wer liebt, öffnet sein Herz und setzt sich dem Risiko aus. Dem Risiko nämlich, ein Nein zu erhalten.

Übrigens ist es im Geschäftsleben nicht anders.

Überall bringt Risiko Leben hervor und Reichtum. Wir von den Kaltländern haben Lebensblockermechanismen auf die Erde als ganzes übertragen. Damit haben wir die Atmosphäre beschädigt, das Wertvollste des Lebens auf Erden überhaupt.

Neuer Anfang

Die Verwandte meiner Freunde in Holland, für die ich, um dienstbar zu sein, ein Dampfbügeleisen mitgeschleppt hatte, leitete eine Agentur für die Vermittlung von Arbeitern. Es war glühend heiss an dem Tag in Jakarta.

Und zu allem übel wusste der Taxifahrer nicht, wo es war und fuhr einfach drauflos. Bis ich merkte, dass der Kerl einfach ins Grüne fuhr und keinen Schimmer hatte, wo die Strasse war, die wir suchten. Endlich befahl ich ihm anzuhalten, zahlte ihm idiotischerweise den Zählerstand und musste mir ein weiteres Taxi suchen.

Da standen einige herum am Straßenrand, aber keiner wollte mich mitnehmen. War ihnen allen denn diese Strasse fremd, die so klein und unbekannt auch nicht sein konnte, da sich immerhin eine Vermittlungsagentur darin befand?

Schließlich fragte ich einen Security-Offizier, der mir freundlich ein Taxi herbeirief. Auch er musste mehrmals anhalten und fragen. Es war in der Tat eine sehr breite Strasse mit vielen Geschäften und endlich hielten wir vor einer Bürofassade an.

Die Agentur war eines dieser Büros, wo Mädchen immer damit beschäftigt sind, Akten von einem Zimmer ins andere zu tragen und das Schreibmaschinengetippe zur Dauerberieselung gehört.

Die Chefin kam nach einem Moment, in dem ich Bekanntschaft mit ihrem Sohn machte, einem etwas dicklichen jungen Mann, der bereits nach kurzem Gespräch offenbarte, er sei sehr für Jesus engagiert, in einer der lokalen Kirchen. Er spiele dort auch Musik.

Man war kaum an meinem Geschäftsvorschlag interessiert, lud mich jedoch zum Essen ein, vor allem, um mir ein Mädchen anzudrehen, ein entsetzlich hässliches, pockennarbiges Geschöpf, das ich zuerst für die Tochter der Alten hielt, das sich aber später als nur entfernt verwandt mit ihr herausstellte.

Als man bemerkte, dass ich nicht das leiseste Interesse für die Matrone hatte, rief man eine der kleinen Kassiererinnen aus dem Büro für mich heran. Offenbar sollte die mir gefallen. Als sie merkte, dass ich schwieg wie ein Grab und sich kein Kontakt anbahnte, entschuldigte sie sich hastig und ging wieder zurück zu ihrer öden Arbeit.

Der Sohn der Chefin brachte mich in die Nähe meiner nächsten Geschäftsverabredung in einem lokalen Geschäftsclub.

Gerade rechtzeitig kam ich zur Verabredung in dem exklusiven Club, der kalt war wie ein Eisschrank und wo die laute Musik mir auf die Nerven ging. Aber dieser Ort war mir nun einmal von Monalisa angegeben worden, der Angestellten des Immobilienbüros.

Ich hatte meinen Cocktail längst ausgetrunken und begann bereits, Kopfschmerzen davon zu bekommen, da kamen die drei jungen Frauen, die nicht nur geschäftlich korrekt gekleidet, sondern überdies erstaunlich hübsch waren.

Erna, Monalisa und Jasmina lauschten interessiert meinen Erklärungen über die Vorteile der Mitgliedschaft im internationalen Businessclub. Kurz vorher hatte ich den Manager auf das neue Marketingsystem angesprochen, dessen Promotion ich betrieb, und er war interessiert, später mehr darüber zu erfahren.

Am folgenden Tag flog ich nach Surabaya. Ich hatte kein Hotel gebucht und wurde am Flughafen vom Sales Manager eines großen Hotels angesprochen.

Erst zögerte ich, dann aber wurde mir ein spezieller Tarif gemacht, der mir günstig schien für die Klasse des Hotels. Im vollklimatisierten Hotelbus, der bereitstand, machte ich die Bekanntschaft mit einem alten Japaner, einem Kalligrafiemeister, der schlecht Englisch sprach.

Er hatte eine seiner einzigartigen Kalligrafien dem Sales Manager geschenkt, der ersichtlich nichts damit anzufangen wusste. Ich bat ihn freundlich um die Zeichnung und er war ersichtlich glücklich, sie, mit der Erlaubnis des Künstlers, an mich weitergeben zu dürfen.

Der Meister schreibt mir denn auch prompt seinen Namen samt einer kleinen Widmung auf die Rückseite des Kartons. So kam ich in den Besitz einer herrlichen japanischen Kalligrafie, die der Künstler, Shigeno Yamagushi, mir nun auch erklärt.

— Da ist das Herz und da der Geist, und ein durchgehender Wille, der wie ein Pfeil zum Ziel gelangt. Da ist Friede und Harmonie, und Liebe. Das ist die Botschaft.

Herr Yamagushi war eine faszinierende Persönlichkeit. Er zeigte mir Fotos von seinem Beruf, seinem Privatleben. Er war fünfundzwanzig Jahre lang Direktor des Board of Education von Tokyo gewesen und erst seit kurzem in den Ruhestand getreten. Auch Samurai war er und auf einem der Fotos zu sehen mit der traditionellen Kleidung und dem Schwert der Samurai.

Ich lud Herrn Yamagushi zum Abendessen ein ins japanische Restaurant des Hotels. Und da war Sony, der junge und gutaussehende Mitarbeiter des Marketing Department, der mit uns im Bus mitfuhr. Herr Yamagushi hatte sich ersichtlich in den hübschen Sony verguckt und fand die Idee reizend, dass er mit uns kam zum Abendessen.

Als ich zur vereinbarten Zeit an die Tür des japanischen Gelehrten klopfe, öffnet ein nackter Mann, der sich hinter der Tür versteckt.

— I’m not ready, I’m tacking bath …

Ich sage, ich warte unten auf ihn, in der Lobby, wo ich mich gleich an den herrlichen weißen Flügel setze und improvisiere. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich spielte, doch mit einem Mal applaudiert es stark hinter mir. Und da sehe ich Sony und Yamagushi, auf dem Sofa, die mir klatschen.

Die beiden zusammen formen ein lustiges Paar. Der gutaussehende blühende junge Indonesier, im eleganten Anzug, der perfekt Englisch spricht und sich kultiviert benimmt neben dem alten, faltigen Gelehrten, der schlottrig-schlampig angezogen ist, sehr schlecht Englisch spricht und sich höchst eigenartig benimmt.

Am Eingang des Restaurants wird Herr Yamagushi von den Kimono-Mädchen fast wie ein Staatspräsident empfangen, wie jemand, dem viel Ehre und Würde zukommt. Wir essen japanisches Fondue und ich lerne den Eigentümer des Restaurants kennen.

Joe hat zwei Jahre in Berlin gearbeitet und spricht gut Englisch und ein wenig Deutsch. Er sieht aus wie ein echter Samurai, ist groß, schlank, muskulös, mit glattem schwarzem Haar, stark gebräuntem Gesicht, extrem langen Augenschlitzen, einer fast magischen Art, sich zu bewegen. Er ist ganz in Schwarz gekleidet. Wir freunden uns gleich miteinander an.

Joe bemüht sich, Deutsch mit mir zu sprechen. In seiner ganzen Art liegt viel Liebenswürdigkeit, ein tiefer Respekt und eine Höflichkeit, die gewissermaßen im Blut liegt. Der Mann gibt mir zu denken. Er scheint mir außergewöhnlich.

Am folgenden Tag lerne ich Joe etwas näher kennen, und ich mache Fotos von seinen beiden Söhnen Noriki und Tataki.

Noriki war ein raufiger Sechsjähriger, und der vierjährige zarte Tataki war ein stiller See. Später fahren wir zu seiner Villa. Die Jungen sind überaus hübsch. Ihre Mutter ist von der Insel, aber an der hellen Haut der Jungen und ihren herrlich mandelförmigen Augen ist ihr japanisches Blut zu erkennen. Auch die lebhafte Energie, die sie besitzen und ihr Sinn für Humor und Schalk zeigen es an. Sie geben sich viel weniger scheu, als indonesische Kinder es sind.

Joe besitzt ein herrliches Anwesen, in der Nähe des Flughafens, eine alte Kolonialvilla. Ein Teil davon ist notdürftig in Stand gebracht und dient der Familie als Behausung. Der andere Teil ist in Wiederaufbau.

Hinter dem Gebäude breitet sich ein prachtvoller Park aus, der allerdings ziemlich verwildert brachliegt. Doch Joe hat Projekte hier. Er möchte in der Villa ein japanisches Restaurant und kleines Hotel einrichten. Im Park wird eine Freilichtbühne erstehen mit großer Leinwand für ein Karaoke im Mondschein, sowie eine Bar, in der es an nichts fehlen soll. Das Gelände wird angelegt als japanischer Garten, mit allerlei Grünpflanzen und Blumen. Nicht genug damit, möchte der unternehmerische Japaner im naheliegenden Flughafen eine Geldwechselstube betreiben und schlägt sich mit den Behörden herum für die Genehmigung. Der große Vorteil ist offensichtlich die Nähe zum Flughafen und das weiträumige Terrain.

Bereits am Tag zuvor hatte ich die Bekanntschaft mit Stanley gemacht. Stanley, Verwandter eines Geschäftsfreundes aus Holland, hatte ein Kolonialwarengeschäft in der Stadt. Stanley ist einer der wenigen, die wirklich menschlich geblieben sind, obwohl sie der großen Gesellschaft angehören. Prinz Bernard von Holland und der Vizepräsident Indonesiens gehören zu seinen Freunden.

Stanley verstand mich auf Anhieb und wir wurden Freunde. Ein kleiner hinkender Chinese, ältlich, mit Brille und immer verschwitzt, half mir mit unendlicher Geduld, neue Geschäftskontakte zu finden.

Am Abend diniere ich mit Stanley. Ich hatte ihm eine Geschäftsvorstellung gegeben und er zeigte sich sehr interessiert, im Gegensatz zum Vizemanager des Hotels, der mich am Nachmittag in seinem Büro empfängt und mich sehr bald hinauskomplimentiert. Stanley möchte als aktiver Promoter des Club fungieren und verlangt mehr Information, die ich telefonisch anfordere.

Stanley macht sich Gedanken, welche seiner Geschäftsfreunde eventuell an einer Clubmitgliedschaft interessiert sein könnten. Dann holt er mich wieder mit seinem alten VW-Käfer am Hotel ab und wir fahren zunächst zu seinem Geschäft, wo mir große gerahmte Fotos auf den Regalen gleich auffallen. Ein Foto zeigt ihn händeschüttelnd mit Prinz Bernard, ein anderes mit dem Vizepräsidenten, ein drittes mit dem Chef der Streitkräfte in freundschaftlichem Händedruck.

Stanley schließt das Geschäft und wir fahren zu einem chinesischen Restaurant und Vergnügungszentrum. Der Besitzer ist ein Freund Stanleys.

In dem großen Saal war ein ungeheures Spektakel im Gange, eine Hochzeitsfeier, die auf der Bühne stattfand. An den ausladenden runden Tischen mit roten Tischdecken saßen zahllose Chinesen, die rauchten, tranken, aßen oder der Aufführung klatschten. Der Boden war schmutzig und die meisten der Tische ebenfalls. Ein entsetzlicher Lärm herrschte, sodass man sein eigenes Wort nicht verstand und fast schreien musste, um sich zu verständigen.

Ich erfahre, dass er nicht nur chinesisch und indonesisch, sondern eine ganze Reihe anderer Sprachen spricht, darunter Thai. Mit unendlicher Liebe und Geduld schreibt er mir auf ein Blatt Papier die Formulierungen in der Landessprache und in Thai für tägliche Informationen, und wie man einen Geschäftskontakt beginnt.

Endlich erscheint der Besitzer des Lokals, ein bebrillter schlanker Chinese, der uns freundlich begrüßt.

Stanley legt dem Lokalbesitzer das Geschäftskonzept des Clubs aus — schreiend. Der Chinese schaut teilnahmslos lächelnd drein.

Es scheint, dass das, was er hört, ihn überhaupt nichts angeht. Am Ende meint er lässig, er werde sich das einmal überlegen und verschwindet. Ich sage Stanley, dass ich in dem Getöse keinen Bissen werde essen können und er stimmt mit mir überein und meint, wir würden mit seiner Frau und Tochter zusammen woanders essen gehen.

Bei einem Kaufhausbesuch am nächsten Morgen lerne ich zwei Studenten kennen, Aries und Ipong, und lade sie zum Essen ein. Aries sagt, er sei überglücklich, meine Bekanntschaft gemacht zu haben. Es stellt sich heraus, dass er Jura studiert und Sohn eines Rechtsanwaltes ist. Im übrigen ist er Amway-Berater, wie ich selbst. Er hat seine ganze Familie eingeschrieben und sie alle vertreten die große amerikanische Organisation in Surabaya. Wir machen Pläne für künftige Zusammenarbeit und trennen uns dann, da Aries und Ipong zur Universität zurück müssen.

Ich mag das Golden Park Hotel, seinen Luxus, die Freundlichkeit und Zuverlässigkeit seines Personals, die Freiheit, die ich hier genieße.

Am Morgen sitze ich an dem kleinen runden Tisch auf der Empore des Zimmers, schaue über das nie schlafende Surabaya hin und schreibe. Und meist geht das Telefon schon früh oder ich erhalte Botschaften für Verabredungen am Tage.

Am Abend speise ich mit Aries, Stanley und Rosa in Joes japanischem Restaurant. Die etwa dreißigjährige hübsche Rosa, Italienerin, war in der Kleidungsbranche. Intelligent, war sie doch recht eigenartig, ängstlich und voller Vorurteile gegenüber Indonesiern. Sie ließ nicht ab, Argumente zu bringen, warum sie unzuverlässig, schmutzig und gefährlich seien.

Später am Abend sprach sie über ihre Alpträume und ich sagte ihr, sie habe ein Kindheitstrauma noch nicht verarbeitet. Doch behauptet sie, sie glaube nicht an Psychologie, obwohl sie zugibt, bereits mehrere Psychologen ohne Erfolg konsultiert zu haben. Ich finde sie entsetzlich langweilig, während Aries und Stanley, und auch Joe völlig verrückt nach ihr sind.

An diesem Abend hatte ich die Gelegenheit, Joe eine Geschäftsvorstellung zu geben. Er war auf mein Zimmer gekommen. Aber statt über Club, sprachen wir über Samurai und mystische Erfahrungen. Joe war Samurai der sechzehnten Generation. Seine Familientradition als Samurai ging bis ins vierzehnte Jahrhundert zurück. Er hatte als kleiner Junge eine Art von selbst gewählter Initiation mitgemacht.

Sein Vater besaß starke paranormale Kräfte. Er konnte mit seinem Bruder, Joes Onkel, über den halben Erdball hinweg telepathisch kommunizieren, ein Faktum, das sogar wissenschaftlich untersucht und nachgewiesen worden war.

Als Joe neun Jahre alt war, beschloss er, es seinem Vater gleichzutun und verließ das Elternhaus für eine Woche, um in die Berge zu gehen.

Niemand wusste, wo er war und Joe war überdies ohne elterliches Wissen verschwunden, gleichsam weggelaufen. Er fuhr mit seinem Bericht fort, nachdem wir uns im Yogisitz auf den Boden des Zimmers gesetzt hatten. Er habe es also als kleiner Junge seinem Vater gleichgetan, alle Kleider abgestreift und sich splitternackt auf das blanke Eis gesetzt. Zu sich selbst habe er immer wieder die Suggestion wiederholt:

— I am a stone, I am a stone, I am a stone …

Anfangs habe die Kälte ihm starke Schmerzen verursacht, aber mit der Zeit seien sie verschwunden. So habe er Stunden gesessen, vielleicht Tage, er wisse es nicht wie lange es eigentlich gewesen sei. Bei Anbruch der Nacht habe es angefangen zu schneien und er habe festgestellt, dass er seine Glieder nicht mehr bewegen konnte, dass er komplett gelähmt war. Als das Tageslicht wiederkam, wollte er seine Augen öffnen, aber das sei unmöglich gewesen. Alle seine Muskeln seien offenbar gelähmt gewesen.

Auf seiner Hand, so habe er gespürt, habe sich Brot oder Speise gefunden, die ihm ein barmherziger Bergwanderer draufgelegt haben musste und die nun Vögel von seiner Hand pickten. Er habe dann die Suggestion gestoppt und seinen Geist darauf programmiert, das Leben wiederzuerlangen.

Langsam, ganz langsam, habe er wieder etwas gespürt, zuerst in seinen Händen, dann in den Unterarmen und so fort. Er habe zuerst lediglich die Finger wieder bewegen können und es habe ihn eine ungeheure Anstrengung und sicher Stunden gekostet, bis er einen Arm nach dem anderen wieder anheben konnte.

Doch es sei ihm gelungen, schließlich aufzustehen, sich anzuziehen und wieder ins elterliche Haus zurückzufinden. Er sei furchtbar ausgescholten und geschlagen worden und habe schrecklich ausgesehen, übersät mit Kälteblasen, die nun aufsprangen und Flüssigkeit abgaben. Sein Vater habe ihn ins Krankenhaus bringen müssen.

Im Restaurant erzählt Joe die Geschichte wieder, die wir alle mit angehaltenem Atem anhören. Anschließend spricht er über magische japanische Bäume.

Das sei eine alte Geschichte, die die Samurai überliefert hätten. Es habe einmal einen Baum gegeben, den niemand hätte schneiden können. Es sei einer der Bäume gewesen, die man regelmäßig beschneiden müsse, aber niemand sei dies gelungen. Die größten der Samurai seien speziell angereist, um es zu probieren, aber jeden habe das gleiche Schicksal ereilt.

Wenn man sich dem Baum genähert habe, um ihn zu schneiden, sei man auf der Stelle gelähmt gewesen für einige Stunden, bis man die Intention, den Baum zu beschneiden, aufgegeben habe. Der Baum habe am Ende große Berühmtheit erlangt und man sei hingepilgert, um ihn anzusehen und seine unglaubliche magische Kraft zu erfahren. Eines Tages sei ein Bergheiliger erschienen, der vorgab, das Rätsel lösen zu können. Er habe einem Samurai gesagt, er müsse sich vor dem Baum verneigen, beten und den Baum bitten, ihn beschneiden zu dürfen. In dem Moment erlösche die widrige magische Kraft des Baumes und er könne ohne Probleme beschnitten werden. Der Samurai habe den Heiligen zunächst ausgelacht.

— Was, vor einem Baum soll ich mich verneigen und beten? Ich bin doch nicht verrückt. Was ist das für ein Unsinn?

— Probiere es, Meister, und du wirst selbst sehen, hatte der Heilige geantwortet und sei plötzlich verschwunden.

Der Samurai, der zunächst nicht überzeugt war, bekehrte sich nach einem Moment. Er dachte im übrigen, dass er großen Ruhm erlangen würde, wenn es ihm gelänge, den Baum zu beschneiden. So kniete er denn nieder, betete und bat den Baum, ihn beschneiden zu dürfen. Sodann stand er auf, näherte sich ohne Probleme dem Baum und beschnitt ihn.

Rosa meinte, sie glaube an solche Geschichten nicht.

Obwohl sie mir gegenüber zugab, dass sie Joe und all das Samurai-Getue ‘faszinierend’ finde. Mir ging es an diesem Abend auch weniger um Mystik, als um einen Geschäftsabschluss.

Nun hatte ich drei potentielle Promotoren beieinander: Aries, der seinen Vater in das Geschäftskonzept bringen wollte, Stanley und Joe. Und so dauerte es nicht lange, bis Rosa von allen Seiten berieselt und neugierig gemacht wurde. Auch sie wollte mitmachen und zunächst mehr Information erhalten, was ich ihr versprach.

Philosophisches

Der Buddhismus verurteilt menschliches Verhalten nicht, er beurteilt es nach seinen Wirkungen und ist daher funktionell ausgerichtet, und nicht moralistisch. Das Leben selbst indessen ist funktionell ausgerichtet und nicht moralistisch.

Das Leben ermöglicht alle Arten von Verhaltensweisen und produziert die skurrilsten Gestalten und Vorgänge, so als experimentiere es ständig mit seiner eigenen Grundsubstanz. Dabei beobachtet es die Wirkungen, die es hervorbringt. Die Dinosaurier mussten verschwinden, weil sie sich dem veränderten Erdklima nicht schnell genug anpassen konnten.

Die Erde opferte sie einem Experiment, das notwendig war. Denn das Verschwinden einer Spezies hatte angesichts der Abkühlung der Atmosphäre die Entstehung tausender anderer zur Folge.

Der freie und amoralische Mensch experimentiert ebenso.

Er beobachtet die Wirkungen seiner Handlungen und korrigiert sein Verhalten dementsprechend. Nur so ist Fortschritt erzielbar.

Bestimmte Verhaltensweisen von vornherein auszuschließen, hindert den Prozess dieser Erfahrung, verlangsamt ihn und hemmt daher die spirituelle Entwicklung des Menschen.

Moralismus ist sozusagen ein Missverständnis des Lebens selbst und zugleich das vielleicht stärkste Hemmnis der Gesamtentwicklung der Menschheit zu einer besseren, das heißt funktionell gesünder ausgerichteten Rasse. Eine Rasse, die, wie die aktuelle Menschheit, sich und ihren Planeten zerrüttet, ist funktionell eindeutig falsch ausgerichtet.

Und diese Menschheit ist in ihrer überwiegenden Totalität moralistisch orientiert und hat seit jeher das Verbot, die Untersagung bestimmter Verhaltensweisen, als Instrument der sogenannten Besserung des Menschen und der menschlichen Zustände propagiert.

Man kann diese Wahrheit auch, wie Krishnamurti, positiv formulieren und sagen, dass der Mensch sich nur in Freiheit zu seiner wahren Bestimmung entwickeln und realisieren kann. Freiheit ist nicht nur die Abwesenheit von Zwang, von Unfreiheit, es ist viel mehr. Freiheit ist eine Art Triebfeder, und Hefe menschlichen Verhaltens. Der Mensch kann nur in Freiheit kreativ werden. Kreativität gleich welcher Art ist ohne Freiheit unmöglich.

Im Robotstaat neuer Zeit ist selbst die Freiheit der Kreation neuen Lebens beschnitten, denn man wird bestraft, wenn man mehr Kinder zeugt und aufzieht, als offiziell propagiert.

Aber auch mit der künstlerischen Freiheit ist es so. In totalitären Kulturen ist die Kunst zweckgebunden. Ihre Unfreiheit ist deutlich sichtbar in ihrer schablonenhaft langweiligen Deskriptivität, ihrem Mangel an Ausdruck, an Gefühl, an Metaphorik, an Fantasie vor allem.

In der Religion erzeugt Unfreiheit perverse Verhaltensweisen, Neurosen aller Art. In der Politik erzeugt sie totalitäre unmenschliche Systeme ohne Geist und Herz, Gefängnisse des Lebens und der Schöpferkraft des Menschen.

Krishnamurti machte deutlich, dass es unmöglich ist, Freiheit zu beschreiben. Denn in ihr liegt das Unendliche begriffen! Man kann lediglich das an der Unfreiheit Typische aufzeigen, um sozusagen das Gerümpel aus dem Geist zu räumen und ihn in die Lage zu versetzen das, was nicht beschreibbar ist, zu empfangen wie eine Gnade.

Unser menschlicher Geist ist nicht objektiv beim Begreifen des Lebens, seiner Wahrheit. Oft vermeinen wir uns unfrei, wenn wir in Wahrheit frei sind, und frei, wenn wir in Wahrheit eingebunden sind in Netze, die uns verstricken.

Ich stellte immer wieder fest, dass ich in Zeiten, die mir Glück und Freiheit brachten, das Leben als langweilig befand oder generell zu sehr auf das sporadisch Negative des Erlebens fixiert war, während ich in Zeiten großer Unfreiheit jeden Zugewinn an Freiheit jubilierend begrüßte. Ich war mir in der Unfreiheit mehr der Freiheit bewusst, als in der Freiheit.

Diese scheinbare Misskonzeption unseres Erlebens oder seiner Evaluation durch unseren Geist scheint ein unglücklicher Fehler im menschlichen Bewusstsein zu sein. Betrachtet man dieses Phänomen aber einmal näher, so begreift man schnell, wie notwendig gerade diese scheinbare Paradoxie im menschlichen Leben ist. Denn diese Beschaffenheit unseres Geistes und seines Wahrnehmungsvermögens setzt uns gerade in die Lage, in jeder Phase unseres Seins einen Ausgleich zu schaffen, ein gewisses Gleichgewicht zu erstellen in unserem Begreifen der Realität.

Ganz übersehen sollte man demgegenüber jedoch den Einfluss phylogenetischer Faktoren nicht. Rassen und Völker haben eine Geschichte und ein Erbe, wie jeder Mensch dies hat. Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob man den Naturwissenschaftlern folgt, die diese Überlieferung genetisch erklären, oder den Geisteswissenschaftlern und Geistlichen, die sie spirituell deuten.

Tatsache ist, dass der Mensch nicht, wie Rousseau einst annahm, als tabula rasa zur Welt kommt. Bei Kindern ist, wie ich bereits ausführte, diese Affinität oder Potentialität spontan sichtbar. Bei kreativen Erwachsenen auch. Bei der Mehrzahl der paranoischen Individuen dieser Erde jedoch bleibt sie versteckt hinter einem Geflecht sorgfältig ineinandergepasster Lügen und Vorwände, einem Gemisch aus Schutzbehauptungen und Ausflüchten vor der Wahrheit des Seins und auch und gerade des eigenen Daseins.

Doch es gibt einen Ausweg aus diesem Lügengeflecht. Er liegt im Bewusstwerden der eigenen Wahrheit, die in erster Linie körperlich ist und daher das Bewusstsein des Körpers erfordert.

Sich den eigenen Körper bewusst machen bedeutet daher, bewusst essen, bewusst fühlen, bewusst lieben. Es bedeutet, erotisch intelligent zu sein.

Bewusstsein bei der Nahrungsaufnahme und Herausfinden der für den eigenen Körper ideal geeigneten Nahrung ist essentiell für die Sensibilität des Körpers, die wiederum Voraussetzung ist für die Sensibilität des Geistes.

Bewusstsein in der Liebe setzt voraus, dass wir unsere Liebeswünsche erlauben, bewusst machen und kultivieren, dass wir dafür sorgen, dass wir sie in unserem täglichen Leben auf offene Weise realisieren können und sie uns Freude bringen. Endlich ist es wichtig, dass wir unsere Gefühle zulassen und uns bewusst machen, was wir eigentlich fühlen.

Der paranoische Mensch lebt in Ersatzgefühlen, weil er die Realität seiner Organempfindung durch die Unrealität seines Glaubenssystems ersetzt hat. Wenn er traurig ist, bekommt er Hunger und überisst sich. Weil er sich die Trauer nicht zulässt, ersetzt er sie unbewusst durch Hunger.

Wenn er wütend ist, trinkt er Alkohol, um seine Wut nicht zu spüren. Ganz einfach, weil er Angst hat vor der Wut und sie desintegriert hat aus seinem Gesamtempfinden. Wenn er sexuell erregt ist, wird er nervös und nimmt Beruhigungspillen, weil er seine Triebe fürchtet und verlernt hat, sie auszuleben, und ihre kreative Funktion nicht erkennt.

Die buddhistische Lehre postuliert einen reinen Geist als Voraussetzung für das richtige Aufnehmen und Wahrnehmen der Realität. Ein reiner Geist im buddhistischen Sinne ist nichts anderes als ein nicht-paranoischer Geist, ein spontaner, sozusagen kindlicher Geist. Und auch die Bibel sagt schliesslich: Werdet wie die Kinder!

Wiedererlangung der Unschuld

Es geht mir um die Wiedererlangung der Unschuld. Das ist mein Kernthema.

Es ist mir ein Anliegen, Menschen darin zu unterstützen, die Tiefe und Authentizität ihres Lebens und seiner Magie wiederzufinden. Es geht mir um die rechte Hirnhälfte. Die wurde den meisten von uns in der Kindheit nämlich abrasiert …

Diese sozusagen allgemeine Orientierung oder Motivation ist jedoch kein Ausblenden. Sie ist wiederum nur ein Ausdruck, eine Funktion jenes weiteren Rahmens, der für mich ein philosophischer und literarischer Rahmen ist.

Es geht mir darum, einen Ausdruck zu finden für eine neue Realität, eine Realität, die der Mensch heute finden und erlangen muss, will er nicht untergehen im Techno-Wahnsinn und all den anderen Idiotien und Idiotologien, an welchen unsere Zeit so reich ist.

Und diese Realität ist eine magische Realität, eine Realität, die das Unsichtbare, das der neukartesianische Irrsinn ausgeklammert hat aus der Totalität des Erfahrens, wieder eingliedert in das Leben — einfach, um das natürliche Gleichgewicht wiederherzustellen.

Ich finde, dass jeder schreiben und veröffentlichen sollte, denn das würde die Welt positiv verändern. Und in einem unglaublichen Mass. Das ist so, weil Schreiben in einer ganz subtilen Weise die beiden Hirnhälften synchronisiert und uns auf diese Weise zu holistischem Denken hinführt, uns kreativer macht und uns auch allgemein zu einem ausgeglichenen Lebensstil hinführt.

Darüber hinaus ist Schreiben eines der effektivsten Mittel, um der Gewalt in der Welt zu begegnen. Denn Gewalt ist nichts als eine pervertierte Form des Dialogs.

Und diese Perversion kommt zustande, weil der Mensch es verlernt oder niemals gelernt hat, auf eine konstruktive Weise in Dialog zu treten. Dialog zunächst einmal mit sich selbst und dann mit anderen.

Schreiben ist ein Dialog mit sich selbst und mit anderen. Und es ist etwas, wo man Geheimnisse, wo man das Unsagbare ausdrücken kann. Wenn man’s nämlich getan hat, sieht man, dass es garnicht so unsagbar ist und dann wird ein Ventil geöffnet und gefährlicher Dampf abgelassen …

Schreiben kann jeder. Auch malen kann jeder. Auch musizieren kann jeder. Dass man etwas nicht kann, geht auf die Indoktrination der Schule zurück.

Warum soll der Mensch, der so vollkommen geschaffen wurde, überhaupt etwas nicht können? Man frage die Mittelmäßigen. Die reden in der Tat tagaus tagein über alles, was sie nicht können. Man rede mit den Grossen. Die reden davon, was sie können und zustande gebracht haben. Und was sie morgen Neues tun werden! Das ist der Unterschied. Es ist ein Unterschied in der Grundeinstellung.

Der Mensch, und jeder Mensch, kann grundsätzlich alles.

Nicht jeder ist ein Goethe oder wird einer, wenn er zu schreiben beginnt, aber das ist ja auch nicht das Problem. Doch mit Menschen, die schreiben, kann man nicht verfahren wie mit Kanonenfutter und das sind auch keine, die jubilieren, wenn das nächste McFress um die Ecke öffnet. Und es sind auch keine, die jedes Blah-Blah jedes Psychologen gleich an ihren Kindern ausprobieren, weil sie glauben, schlechte Eltern zu sein. Und so fort.

Ich frage mich wirklich, wie es sein kann, dass andere Menschen nicht schreiben?

Ich halte Schreiben für eine Notwendigkeit jedes einigermaßen kulturellen Menschen. Früher war das auch so. Da hatte doch jedes Schulmädchen wenigstens sein Minnebuch oder Romanzenheftchen oder wie man das auch immer nannte. Jeder Schüler hatte früher sein Tagebuch, wenn er nicht gerade aus einer Landwirtsfamilie kam. Und heute?

Aber ich denke, bei vielen wird das Tagebuch einfach durch den Computer ersetzt. Dies nur, um vorauszuschicken, dass ich Schreiben nicht für etwas so Einzigartiges halte, dass es nur Wissenschaftlern oder Genies oder Poeten vorbehalten wäre. Wenn die Schule diesen Eindruck erweckt bei Kindern, dass Schreiben also so etwas Elitäres oder Hochgeistiges sei, dann irrt sie. Und sie zerstört damit ein ganz wesentliches Stück Kultur, denn Kultur ist Sprache.

Unschuld ist mir ein wichtiges Anliegen, das meine ganze Produktion durchdringt. Es ist eigentlich mein zentrales Anliegen. Wenn der Mensch es nicht schafft, zur Unschuld zurückzukehren, weiß ich nicht, was geschehen wird.

Ich denke, dass die Menschheit sich dann verrennt in weitere Babeltürme. Das ist individuell und kollektiv so. Die Lösung vom Wissen und die Verbindung mit Weisheit ist ganz unentbehrlich für den Fortschritt des Menschen. Es ist nicht die Akkumulation des Wissens, sondern seine Integration, die diesen Fortschritt ermöglicht. Das ist ein subtiler Prozess des Loslassens, das, was man gemeinhin Meditation nennt.

Die meisten Leute glauben, Meditation sei ein Fortrennen vor der Realität. Dabei bewirkt Meditation eigentlich genau das Gegenteil, nämlich eine stärkere Hingabe ans Leben, an die Existenz, und zwar durch die graduelle Überwindung der Existenzangst, durch ein Sich-Fallenlassen, ein Sich-Hingeben ans Sein. Und gerade das ist nämlich Unschuld.

Im Grunde ist diese Wahrheit Grundlage aller Religionen. Aber man braucht dazu eigentlich weder eine Religion noch einen Gott-Vater. Das sind alles überflüssige Zutaten in der Suppe des Lebens. Es ist das, was Krishnamurti als total awareness bezeichnete. Diese totale Aufmerksamkeit ist unmöglich, solange man im Denken verhaftet ist. Aber der Fehler ist dann auch wieder, dass man das Denken gering schätzt oder nach Methoden sucht, um das Denken zu stillen. Denn Stille im Geist erreicht man nicht durch Bestillung, sondern durch richtigen Umgang mit dem Denken. Das bedeutet, dass man dem Denken seinen gebührenden Platz zukommen lässt, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Es gibt verschiedene Techniken, zum Beispiel des Technik des Zen, die eine Technik des ganz bewussten Nichtstuns ist. Laotse lehrt es ebenfalls im Tao Te King. Oder gewisse Yogaübungen, oder aber, für all die Leute, die solches nicht anfangen möchten, Dinge wie Gartenarbeit, Autofahren oder Spazierengehen …

Krishnamurti sagte in einem seiner Notebooks, dass es fast keine bessere Methode der Meditation gäbe, als Autofahren. Ich finde das auch. Das ist vielleicht der Grund, warum Autofahren so reizvoll für viele Deutsche, ohne dass die meisten wissen warum.

Man mag sich wohl wundern, Autofahren als spirituelle Aktivität klassifiziert zu sehen. Doch solle man sich vergegenwärtigen, dass es nicht richtig ist, das Leben aufzusplitten in eine spirituelle Hälfte und eine nicht-spirituelle. Oder in spirituelle Tätigkeiten und nicht-spirituelle. Das ist schizophren, obwohl es heute nun einmal Gang und Gäbe ist. Leben ist ein Ganzes, eine Einheit.

Das Leben begreifen kann man erst dann beginnen, wenn man aufgehört hat, es aufzusplitten in dies und das. Das ist es doch gerade, was Meditation uns lehrt. Und wiederum, gerade das ist Unschuld. Ein Geist nämlich, der nicht mehr splittet und seziert, ein Geist, der ganz ist, nicht fragmentiert. Ganz heißt heil und davon kommt heilig. Im Englischen whole und holy. Da ist doch wieder klar ersichtlich, dass die Sprache selbst diese Weisheit kennt, ja dass die Sprache Weisheit ist.

Es ist gut, in Paradoxen zu denken. Es hilft, Ganzheit zu bilden. Deshalb ist es in der Erziehung zum Beispiel sehr gut und hilfreich, mit Paradoxen zu arbeiten. In der Schule sollte man den Kindern Paradoxe vorsetzen, um ihr Denken und ihr Nicht-Denken zu schulen. Mit Nicht-Denken meine ich, ihre Fähigkeit, einzusehen, wo die Grenzen des Denkens sind und den Zustand der inneren Stille zu erreichen. Aber spontan, nicht durch Zwang.

Das tut man auch im Zen. Das Koan im Zen hat die Funktion, alte Denkgewohnheiten zu sprengen. Diesen fast unlösbar scheinenden Rätseln liegen meist Paradoxe zugrunde.

Der Barockmensch brauchte kein Zen. Er lebte mehr, als wir heute, im Einklang mit der Natur, mit den Elementen. Das war auch im alten Indien so, im alten Persien oder im alten China. Für mich hat der Barockmensch mehr Weisheit besessen, als unser ganzes heutiges Zeitalter mit seiner arroganten Wissenschaft, seiner blutlosen Technik und seinen sogenannten Errungenschaften.

Der Anfang auf dem Wege zur Ganzheit ist Zurückweisung.

Wieder verweise ich auf die Lehre Krishnamurtis, der dies einfach unvergleichlich gut ausgedrückt und erklärt hat.

Das Gute, das Ideale, das, was wir alle anstreben, lässt sich nicht positiv definieren. Wir können nicht definieren, was Liebe oder was Gott ist. Es ist einfach dumm, das zu tun, weil es unmöglich ist, etwas in die Sprache zu pressen, was außerhalb von Raum und Zeit und damit erst recht außerhalb der Sprache und des Denkens steht.

Ich habe nämlich im Stillen über Jahre und Jahre hin produziert, ohne dass mich auch nur ein Verleger überhaupt anhörte. Und es war eben wiederum die Unschuld, die ich mir bewahrte, der Anfängergeist, wie man im Zen sagt. Und das entwickelte einen sehr starken Willen, meine Medien eben selbst zu produzieren, mein eigenes Internet, mein eigenes Radio und Fernsehen, meine eigene Medienwelt, meine Galaxy, mein Universum.

Und indem ich abdankte von der Scheinkultur, verband mit mich mit der richtigen Kultur, der wirklichen, der, die man totschmiert heute unter den Heuchelphrasen, die man wie schwarze Schleier den Kindern in die Wiegen legt.

Neue Wege

Es gibt viele Wege, Unschuld wiederzufinden, aber viele von den traditionellen Wegen funktionieren heute nicht mehr. Es ist mehr erforderlich, um die Blockade zu entfernen. Es genügt dazu nicht, Spaziergänge in der Stille der Natur zu unternehmen und Sonnenuntergänge anzuschauen, oder auch viel mit kleinen Kindern zusammen zu sein. Das ist alles wohl sehr wichtig, aber allein ist das für die meisten Menschen nicht ausreichend. Eine Arbeit an der Persönlichkeit, und gleichzeitig mutiges Handeln ist unumgänglich.

Große Bewusstseinsöffner wie Carlos Castaneda, Anthony Robbins oder James Redfield haben dies sehr gut angefangen, und viele konnten von ihnen lernen.

Es ist gut, beim Glaubenssystem zu beginnen und es gewissermaßen explodieren zu lassen. Wenn man diese Bewusstseinsöffnung nicht erzielt, hat auch all die Arbeit, die man gewöhnlich spirituelle Arbeit nennt, keinen Erfolg. Oder anders gesagt, sie hat schon Erfolg, aber was sie zustande bringt, ist Hochmut, nicht Unschuld.

Ich habe diese Arbeit getan. Es ist die Heranbildung dessen, was man früher in der deutschen Kultur hoch wertete und als einen kritischen Geist bezeichnete. Leider ist der kritische Geist oft ein verbockter Geist, verstockter Geist, und das ist kein unschuldiger Geist.

Ohne den Buchdruck hätte es niemals eine Befreiung des Individuums gegeben in Europa. Demokratie fängt an mit Kommunikation und Diktatur damit, Kommunikation zu verbieten.

So einfach ist das, und so tragisch, denn die großen Manipulatoren der Menschheit, von Cäsar bis Goebbels, wussten das sehr gut. Es war gewissermaßen ihr Einmaleins. Und die Massen sind bis heute so ignorant geblieben, dass sie diese wunderbaren Errungenschaften der menschlichen Entwicklung gering achten. Daher bestehe ich auf einer kulturellen Erziehung, denn es ist die einzige und wahre Vorbereitung zu wahrer Demokratie. Und zu wahrer Toleranz. Es gibt keine andere. Aber heute geht man einen ganz anderen Weg und hat überhaupt keinen Sinn mehr, historisches und soziales Bewusstsein im Kind zu stärken, damit es sieht, dass Demokratie und Freiheit die höchsten Güter sind, die wir haben.

Diese Welt besteht zum allergrößten Teil aus Mitläufern, Nachläufern und Nachbetern. Es ist nicht mehr Mode, und war vielleicht niemals Mode, aufzustehen und zu sagen Also gut, Sie können nun sagen, was sie wollen, aber meine Meinung ist die und die, und ich kann ihnen genau sagen warum. Das und das sind meine Gründe, weil dies und dies meine Erfahrungen sind oder waren. Dann kann ich beginnen mit einer Diskussion, mit einem Austausch.

Aber finden Sie mal solche Leute! Ich habe bisher noch keinen einzigen gefunden! Die Leute reden einem nach dem Mund, sodass man nicht einmal weiß, was sie wirklich denken, oder sie denken überhaupt nichts und lassen sich lenken wie die Marionetten.

Oder sie verschließen sich in dummer Borniertheit in irgendwelchen Ansichten, die sie aus Büchern abgeschaut haben, oder sie zitieren eine Autorität, Doktor Spock oder wer weiß ich. Aber wenn man sich anschaut, auf welcher Basis unser Erziehungssystem immer noch steht, braucht einen das durchaus nicht zu verwundern. Es ist eine logische Folge.

Wenn man gehorsame Stutzer und Nachläufer züchten will, so bekommt man sie eben. Und es hat bisher, vom Altertum abgesehen und von der Renaissance, doch in keiner Zeit eine andere Art von Erziehung gegeben.

Ein Grossteil der Angst kann aufgelöst werden, wenn man diese beiden ersten Schritte konsequent und über einen längeren Zeitraum hin durchgeführt hat.

Die nächsten Schritte sind unterstützende Maßnahmen. Aber sie sind nichtsdestoweniger auf die Dauer gesehen sehr wichtig. Es sind Übungen und Kunstfertigkeiten. Es geht um energetische Körperübungen einerseits und die Ausübung einer Kunstfertigkeit zum anderen.

Es ist wichtig, das Strömen der inneren Energie zu erhöhen und ins Gleichgewicht zu bringen, weil Angst in erster Linie ein energetisches Phänomen ist. Angst ist physiologisch die Folge einer Energieblockade im Organismus. Sie ist so etwas wie Anti-Energie, oder negativ gepolte Energie.

Vielleicht hat es damit zu tun, was Reich tödliches Orgon nannte und im Feng Shui als sha bezeichnet wird? Ist gut möglich. Aber wie dem auch sei, diese Energieblockaden kann man nach und nach auflösen. Und dann löst sich die Angst im wahrsten Sinne des Wortes in Luft auf.

Diese Blockaden sind mental und emotional.

Sie somatisieren sich jedoch mit der Zeit, also manifestieren sich im Körper, meist als Muskelverspannungen. Die stärksten und häufigsten sind die im Augenbereich, im Nackenbereich, im Brustbereich und Abdominalbereich.

Es ist das, was Dr. Wilhelm Reich den Muskelpanzer oder Charakterpanzer nannte. Allerdings sprechen wir hier doch über einen sehr hohen Grad von Blockade. Man kann nicht davon ausgehen, dass jeder, der unter Angst leidet, gepanzert ist. Das wäre zu weitgehend. Aber mit Angst fängt der Panzerungsprozess sicher an.

Neben den mentalen Techniken, die ich vorhin erwähnte, und zu denen ich sicher auch religiöse Praktik rechnen möchte und Gebete, sind dies vor allem energetische Körperübungen wie Tai-Chi Chuan, Qigong oder Yoga. Diese Techniken haben gemeinsam, dass sie die Bioenergie wieder in ihre natürlichen Bahnen zurücklenken und nach und nach den pathologisch offenen Energiekreislauf wieder schließen. Das führt dazu, dass die verspannten Körperpartien wieder von Blut und Vitalenergie durchflossen werden, und also wieder lebendig werden. Dabei lösen sich die Blockaden graduell auf.

Darüber hinaus sind diese Techniken daraufhin angelegt, den Geist zu beruhigen und zu stärken. Im übrigen wird das Feedbacksystem des Körpers verbessert, sodass der Körper nach und nach dem Geist ein positives und ermutigendes Feedback gibt. Dadurch wird das natürliche Selbstvertrauen wiederhergestellt. Die negative Spirale wird so nach und nach in eine positive Spirale umgedreht, was zur Folge hat, dass die ganze Ausrichtung des Lebens sich dramatisch zum Besseren hin verändert.

Ich erwähnte bereits weiter oben, dass ich daneben auch eine Form der Beschäftigung mit Kunst, sei es nun Zeichnen, Malen oder Musizieren oder Fotografie anrate. Es gibt nichts Stärkeres im Menschen, als sein Sinn für Schönheit und Ästhetik. Die Beschäftigung mit Kunst erlaubt es uns, von Problemen Abstand zu nehmen und die Vollkommenheit des Lebens und der Schöpfung auf ganz natürliche Weise zu erleben.

Dazu ist nicht erforderlich, eine bestimmte Technik zu erlernen. Das ist nämlich ganz der persönlichen Ausrichtung überlassen. Natürlich brauche ich eine Technik, um Bachs wundervolle Musik zu spielen. Aber ich brauche keine Technik, um auf dem Klavier zu improvisieren oder spontane Zeichnungen zu machen.

Da spiele ich einfach mit dem Material und drücke das Kind in mir schöpferisch aus. Beides ist gleich gut. Ich denke, wenn man keine Lust oder keine Zeit, eine künstlerische Technik zu erlernen, so ist es immer noch besser, ohne Technik künstlerisch zu schaffen, als garnichts zu tun.

Ich tue beides, mit Erfolg und Befriedigung und ich kann nur sagen, dass beides interessant ist und erfüllend. Ich habe Zeiten gehabt, da hatte ich solch widerliche Probleme mit der Klaviertechnik, dass es für mich sehr gut und heilsam war, zu klimpern, wie man sagt, das heißt, spontan zu improvisieren. Meine Musik ist letztlich eine Ausfeilung dieses Prinzips, das ich bis zu einer gewissen Virtuosität entwickelt habe.

Ich hatte die Angst satt, das entsetzliche Schwitzen beim Vorspielen und sogar beim Üben. Ich hatte es satt, unter Erfolgsdruck zu stehen, obwohl ich doch damals in Amerika meine Masterstudien im internationalen Recht zur totalen Verblüffung des Professorenkollegiums und des Dekans offiziell an den Nagel hängte und mich beim Konservatorium in die Meisterklasse einschrieb. Der junge Pianist, der die Klasse leitete, war ein anderer Typ von Professor, als meine vorherigen Lehrer am Konservatorium in Deutschland.

Er hatte Verständnis für mich und hörte mich an, er beobachtete auch mein Spiel sehr genau. Ich verstand erst nicht, worauf er hinaus wollte, aber er hörte nicht auf, meine Hände zu beobachten und zu befühlen und sogar die einzelnen Fingermuskeln genau zu untersuchen.

Und seine Diagnose war vernichtend! Er stellte fest, dass die Finger sich nicht entspannen, wenn sie gespielt haben, und er empfahl mir deswegen ganz bestimmte Entspannungsübungen.

Wenn ein Finger gespielt hat, muss der Fingermuskel sich danach sofort entspannen. Überhaupt und ganz allgemein beruht im Leben letztlich alles auf Spannung und Entspannung. Wenn Sie nur die Spannung beherrschen, aber nicht die Entspannung, können Sie Meisterschaft niemals erreichen.

In nichts. Im Sport ist es ebenso. Wenn ein Athlet sich nie entspannen würde, wäre er bald am Ende. Spannung führt in die Erschöpfung, wenn sie nicht von Zeit zu Zeit gelöst wird. Ein Muskel, der entspannt ist, ist viel stärker, als einer der angespannt ist.

Aber das konnten sie damals meinen Fingern lange predigen. Sie waren einfach steif. Ich gab also die klassischen Studien auf nach der Diagnose des Klavierprofessors und begann, frei zu improvisieren. Obwohl doch eigentlich alles nur die Folge der Angst gewesen war. Ich brauchte aber damals wohl jemanden, dem ich nacheifern konnte in meiner Abwendung von der Klassik.

Also nahm ich mir die Pianisten Friedrich Gulda (1930–2000) und Glenn Gould (1932–1982) als Vorbilder. Es ist lustig, weil ihre Namen so ähnlich sind, obwohl ersterer bekanntlich Österreicher und letzterer Kanadier war. Aber beide hatten sie die Klassik und den Konzertsaal hingeworfen und ihren Abschied genommen von der geilen Schau des pianistischen Narzissmus. Gulda ging bekanntlich unter die Jazzmusiker und Gould fing an, mit dem Synthesizer Experimente zu machen. Er hat auch viel mit Kindern gearbeitet. Ich las damals viel und unter anderem Schriften und Briefe von Gould und ein Pamphlet, das Gulda auf den Klassikrummel geschrieben hatte.

Gulda, der ein so hervorragender Beethoven-Spieler gewesen war, schrieb, er könne die Beethovenpest nicht mehr ertragen! Ich feuerte also meinen Beethoven ebenso in die Ecke und fing an mit Jazz.

Letztlich war das heilsam, sehr heilsam, obwohl die Entscheidung selbst doch sehr kindisch war. Heute mag ich Beethoven wieder gern, obwohl ich ihn immer noch nicht spiele. Ich bin einfach noch nicht so weit. Nun wage ich mich immerhin daran, Bachs Wohltemperiertes Klavier nach und nach wieder einzustudieren und zur wirklichen Vorspielreife zu bringen. Und das innere Glück, das ich dabei erlebe, ist einfach unbeschreiblich.

Aber das Wichtigste von alledem, und deswegen habe ich das hier überhaupt nur erzählt, ist, dass die Angst einfach total verschwunden ist. Ich denke, das Entspannungsprinzip wirkte auch hier Wunder. Ich hatte einfach nichts mehr getan und dadurch konnte sich der Krampf, in dem ich mich befunden hatte, lösen.

Wie es Laotse sagt, ist es manchmal im Leben gut stehen zu bleiben oder gar zurück zu gehen, um später weiter und schneller springen zu können. Ich wusste das damals nicht, sondern handelte einfach spontan und intuitiv. Das heißt, ich schickte die Klassik praktisch für Jahre in den Winterschlaf. Nicht was das Hören angeht, aber was das Spielen angeht, schon.

Ich habe mir einfach gesagt, so, meine Freunde, die Klassik ist für Svjatoslav Richter, der kann das besser. Also was tue ich? Nun, das, was ich auch als Kind schon liebte: klimpern! Ich habe das Schimpfwort, das mir meine Mutter in meiner Kindheit so oft an den Kopf warf, in eine Tugend verwandelt.

Und damit habe ich der Angst natürlich einen heimtückischen Streich gespielt. Denn sie hatte plötzlich keinen Ansatzpunkt mehr.

Beim Improvisieren war ich frei von Angst. Da hatte ich nichts zu leisten, nicht perfekt zu sein. Da hatte ich eigentlich garnichts zu tun. Und das Tollste war, dass die Leute begannen, mir zuzuhören. Was sie vorher, als ich Klassik spielte, nur wider Willen taten. Nun auf einmal fand mein Spiel Interesse. Wie paradox das ist! Nun, da ich garnichts mehr dafür tat, kein Üben mehr, keine Anstrengung mehr, keine Hingabe mehr, keine Sorgen mehr, nun kam der Erfolg. Und ganz sprichwörtlich spielerisch!

Wo war die Angst geblieben? Das Interessante ist, dass später, als ich mit der Klassik wieder begann, nach mehr als acht Jahren, die Angst total verschwunden war — und meine Finger auf einmal elastisch und stark waren und sich die Muskeln zusehends stärkten. Da begann ich, Chopin Etüden zu spielen. Es kam einem Wunder gleich. Aber das Wunder war eigentlich nur, dass die Angst sich aufgelöst hatte. Denn alles andere war einfach die Folge dieser veränderten Ausgangslage.

Religio heißt nichts anderes als Zurück-Bindung. Sich wieder binden, sich wieder anzubinden an die Führung unseres wahren Selbst, ist der Sinn von Religion. In diesem Sinne ist die Arbeit, von der ich hier spreche, eine wahrhaft religiöse Arbeit. Aber sicher nicht in einem kirchlich-moralistischen Sinne.