Was ist ein “Sozialunternehmen”? — Interview mit Fabian Suwanprateep

Tropfen schlägt Wellen in Milch
Damit Investitionen hohe Wellen in der Gesellschaft schlagen, muss man wissen, was man als Sozialunternehmen betrachtet — und was nicht.

von Daniel Müller

Fabian Suwanprateep ist Trainer im On Purpose Associate-Programm, wo er das Training zum Thema “Impact Investing” leitet. Wir unterhielten uns mit ihm über Rechtsformen im Social-Business-Bereich und darüber, was ein Sozialunternehmen ausmacht.

On Purpose: Herr Suwanprateep, Sie sind Trainer bei On Purpose und Experte im Bereich Venture Philanthropy und Sozialunternehmertum. Vielleicht können Sie uns eine der zentralen, aber oft nur impliziten, Fragen beantworten, die dieser Wirtschaftssektor oftmals aufwirft: Was ist denn ein „Sozialunternehmen“?

Fabian Suwanprateep: Na ja, da gibt es eine durchaus kontroverse Diskussion, die ja meist um das Thema „non-profit“ gegen „for-profit“ entbrennt: Kann ein „For-profit“ überhaupt sozial sein? Wie viel Profit ist noch sozial? Solche Fragen eben. Gerade in Deutschland will man sehr gerne den Begriff des Sozialunternehmens trennscharf von dem des klassischen — oder profitorientierten — Unternehmens absetzen. Das halte ich aber nicht für sinnvoll.

On Purpose: Wobei es in Deutschland ja eine Rechtsform gibt, die beides zusammenbringt: die gGmbH…

Fabian Suwanprateep: …die aber auch wieder ihre Einschränkungen hat. In meinen Augen sind Sozialunternehmen jedoch nicht auf eine konkrete Rechtsform beschränkt. Sie können in Form von NGOs und Non-Profits auftreten, aber auch sehr wohl in der Form in von For-Profits. Sozialunternehmertum ist keine Rechtsform, sondern ein Selbstverständnis!

Sozialunternehmertum ist keine Rechtsform, sondern ein Selbstverständnis!

On Purpose: Wie sieht denn dieses Selbstverständnis genau aus?

Fabian Suwanprateep: Die primäre Motivation vieler Sozialunternehmen ist es, eine bestimmte soziale oder ökologische Herausforderung zu bewältigen. Dabei handeln sie unternehmerisch, möchten finanziell nachhaltig und nach Möglichkeit gewinnbringend wirtschaften. Nur so können sie gewährleisten, dass sie auch die benötigten Ressourcen zur Verfügung haben, um ihre Mission zu erfüllen. Das Erreichen dieses Zwecks ist dabei eben nicht von der Rechtsform abhängig, sondern was ich mit meinem Unternehmen erreichen will und wie.

On Purpose: Genau, nach diesem Kriterium suchen wir bei On Purpose ja auch unsere Partnerorganisationen aus: Das „Was“ und das „Wie“ zählt…

Fabian Suwanprateep: … auch wenn der soziale Impact einer Organisation nicht immer bis aufs letzte Komma gemessen werden kann. Zum einen ist das nicht immer möglich, zum anderen manchmal auch gar nicht sinnvoll. Das Selbstverständnis eines Unternehmens oder einer Organisation in Betracht zu ziehen ist da oftmals viel aufschlussreicher.

On Purpose: Können Sie da ein konkretes Beispiel nennen?

Taschenrechner
Was ein Sozialunternehmen ausmacht ist nich immer quantitativ zu erfassen.

Fabian Suwanprateep: Die Organisation Ackerdemia [Partnerorganisation von On Purpose Berlin, Anm. d. Red.], die sich um gesunde Ernährung für Kinder und Jugendliche bemüht, ist ein eingetragener gemeinnütziger Verein und zeichnet sich u.a. durch ihre unternehmerische Herangehensweise aus. Dann gibt es aber auch z.B. VerbaVoice, die mittels Technologie einen barrierefreien Zugang zu Bildung, Wissen und Information für alle Menschen mit Hörbehinderung — schaffen wollen. Im Gegensatz zu Ackerdemia ist VerbaVoice aber eine normale GmbH, aber nicht minder Sozialunternehmen. Sprich, wenn man als interessierter Spender oder sozialer Investor sich nur anhand der Rechtsform Orientierung verschaffen möchte, dann läuft man Gefahr viele wirkungsvolle Organisationen zu übersehen.

Der soziale Impact einer Organisation kann nicht immer bis auf’s letzte Komma gemessen werden

On Purpose: Welche Vorteile sehen Sie bei For-Profit-Sozialunternehmen gegenüber einem Non-Profit?

Fabian Suwanprateep: For-Profits machen sicherlich den Einstieg für Mitarbeiter aus der klassischen Wirtschaft leichter. Ihre Sprache, ihre Abläufe und ihre Denkweisen sind oft näher dran an denen der klassischen Wirtschaft als bei Non-Profits oder NGOs. Da hat jeder Bereich so seinen eigenen Jargon und Slang. Das haben bestimmt auch schon einige Associates bei On Purpose festgestellt.

On Purpose: Ja, auch wenn sich manche auch mit viel Eifer durchaus erfolgreich den NGO-Sprech angeeignet haben. Herr Suwanprateep, danke für das Gespräch!


fabian_suwanprateep

Fabian Suwanprateep ist Berater bei Beyond Philanthropy. Beyond Philanthropy bietet strategische Beratungsleistungen, die den Kunden dabei helfen, die effektivsten Programme für sozialen Wandel zu entwerfen, zu entwickeln und durchzuführen. Fabians Ziel ist es, den Ansatz seiner Kunden zu philanthropischen Spenden und sozialem Investment so zu verbessern, dass ihre Ressourcen die bestmögliche Wirkung auf die Gesellschaft haben.