Palais des Beaux Arts, Löwengasse 47.

Charles-Antoine Delanglard hatte eine ebenso simple wie zündende Idee. Er stülpte die Weltkugel einfach um und machte sie in ihrem Innenraum begehbar. Auf einer Plattform konnten nun wissbegierige Besucher der neuen Pariser Sehenswürdigkeit ihre Blicke über den Pazifik schweifen lassen, über St. Petersburg, die Sahara und Sansibar. Das Georama, so hatte der ideenreiche Finanzbeamte seine Erfindung benannt, ermöglichte die vollständige Rundumbetrachtung der Erde, in einer Perspektive, die der allseits bekannte Globus nicht bieten konnte.

Delanglard hatte sein auf einem Grundstück zwischen der Rue de la Paix und dem Boulevard des Capucines angesiedeltes Georama im Mai 1825 eröffnet. Knapp achtzig Jahre später thronten zwei riesige, offen gestaltete und vergoldete Weltkugeln auf einem Neubau in der Wiener Löwengasse, auf einem palastartigen Eckhaus, dessen Bedeutung mit der Seine-Metropole in unmittelbarem Zusammenhang stand. Die von schwarz behandschuhten Frauenfiguren getragenen Globen verwiesen auf die internationale Tätigkeit des unternehmungslustigen Bauherrn und wurden korrespondierend begleitet von Fassadenaufschriften wie »London« oder »New York«, welche sich an Erkern und Balkonen der reich geschmückten Immobilie befanden. Über dem Eingangsportal des Verlagsgebäudes — denn um ein solches handelte es sich — war stolz »Palais des Beaux Arts« in die Mauern eingemeißelt.

Et c’est Paris bonjour

Arnold Bachwitz, geboren 1854, jener Mann, der dieses bemerkenswerte Gebäude in Auftrag gegeben hatte, war einst aus Halle an der Saale nach Wien gekommen. Sehr an Mode interessiert, eröffnete er ein Atelier für diesbezügliche Zeichnungen am Hohen Markt und begab sich schon bald regelmäßig nach Paris, um dort Präsentationen zu besuchen. Bachwitz muss über ein extrem gutes Gespür für kommende Trends verfügt haben, denn das Geschäft im gründerzeitlichen Wien, der rasant anwachsenden Hauptstadt der Donaumonarchie, florierte bestens. Daher also der Neubau in der Löwengasse — man benötigte Platz für die Produktion der von Bachwitz so benannten Chic Parisien-Modealben und wünschte großzügig gestaltete Räumlichkeiten.

Hans Canon und die Koloristinnen

»Wie soll denn das Gebäude aussehen?« fragten die damit befassten Architekten, das viel beschäftigte Brüderpaar Anton und Josef Drexler. »Großartig!« erklärte Bachwitz, ein enthusiastischer Auftraggeber. »Wie in Paris! Und ein bissel romantisierend!« So geschah es denn auch. In der von Bachwitz geschaffenen französischen Enklave nahe am Donaukanal waren nun hunderte Menschen beschäftigt. Es gab sorgsam arbeitende Koloristinnen — jedes Heft war handkoloriert. Es gab, siehe die schon erwähnten Erkeraufschriften, die fleißig telefonierenden Mitarbeiter der Exportabteilung — sie holten bei den in London oder New York ansässigen Generalvertretern der Bachwitz’schen Produkte laufend Informationen über den Absatz der Hefte ein und nahmen auch Bestellungen auf. Im obersten Stockwerk, in Räumlichkeiten, die an Innenhöfe grenzten, wurden in lichtdurchfluteten Ateliers jene Blusen, Kleider und Mäntel entworfen, die danach als Zeichnungen und Schnittmuster sowohl die Dame von Welt als auch viele Wiener Schneidereien entzückten. Der an der Löwengasse gelegene Souterrain beherbergte über viele Jahre die Druckerei, jener an der Paracelsusgasse eine Garage, wo auch Arnold Bachwitz selbst sein Auto parkte. Die Privatwohnung des Verlegers und seiner Familie befand sich selbstverständlich im ersten Stock, über dem noblen Schriftzug des Palais. An der Straßenfront der letzten Etage wiederum war eine täglich geöffnete, für jedermann zugängliche Galerie untergebracht, mit Werken etwa von Hans Canon, Hugo Charlemont, Hugo Darnaut, Friedrich Gauermann sowie Moritz von Schwind, die hier zum Verkauf standen. Arnold Bachwitz war zudem, was nicht unerwähnt bleiben soll, ein Stifter des Künstlerhauses.

Moderne Welt und Diaspora

Wie im Pariser Georama befanden sich Bachwitz und seine Mitarbeiter also in gewisser Weise im Inneren der Weltkugel(n). Es mutet daher kaum überraschend an, dass hier, in diesem Gebäude, ab 1919 auch eine auf Kunst, Literatur, Reportagen sowie, natürlich, Mode fokussierte Zeitschrift namens Die moderne Welt produziert wurde. Deren Team war durchaus illuster: So schrieb etwa Raoul Auernheimer für besagtes Magazin und auch Ea von Allesch. Letztere ging in die Geschichte ein als Geliebte und Muse des Schriftstellers Hermann Broch, der sie bekanntlich oft aus der Redaktion abholte. Doch die Wienerin, die Jahre zuvor von Gustav Klimt mit Wasserschlangen II porträtiert wurde, war auch und vor allem vielseitig interessiert sowie unabhängig, eine hart arbeitende Frau, die sich keinesfalls als Anhängsel zufrieden geben wollte.

Wir wissen allerdings (noch) nicht, ob Allesch ebenfalls, wie so viele andere Mitarbeiter der Firma Bachwitz, und auch der Verleger selbst, das vis-à-vis gelegene Café Lovrana besuchte (andere nippten bevorzugt im gleichfalls nahen Café Zartl an einer Melange. Es war, wie so oft, eine Glaubenssache). Das nach einem Badeort nahe Abbazia/Opatija benannte Kaffeehaus an der Ecke Löwengasse 36/Rudolf-von-Alt-Platz 1 jedenfalls entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem pulsierenden Treffpunkt von Personen mit verschiedensten Interessen. So dienten die Räumlichkeiten unter anderem auch der Sektion Landstraße des Zionistischen Landesverbandes Österreich als Versammlungsort — ihre Mitglieder, die den in der Diaspora verfolgten Juden in Palästina eine neue Heimat geben wollten, sie blickten aus den Fenstern des Cafés auf die Weltkugeln des Verlagsgebäudes.

Musil und der Mittelpunkt Europas

»Man saß im Mittelpunkt Europas, wo die alten Weltachsen sich schneiden«, erklärte Robert Musil in seinem Mann ohne Eigenschaften: ein Satz, der »Kakanien« beschreiben sollte, sich aber auch auf das Palais des Beaux Arts anwenden lässt. Musil selbst kannte das Gebäude und seinen einige Jahre später errichteten Annex in der Paracelsusgasse 9 sehr gut. Zum einen war er natürlich mit Ea von Allesch befreundet. Zum anderen logierte er in unmittelbarer Nähe, nur die Rasumofskygasse musste einige Meter hinabgeschritten werden, und schrieb dort, in seiner Wohnung, an oben erwähntem Roman, der zu den einflussreichsten der literarischen Moderne zählen würde. Eine Straße weiter, in der Kundmanngasse, von Musil bloß durch das Palais Rasumofsky und das Landstraßer Gymnasium getrennt, errichtete Ludwig Wittgenstein 1926–1928 gemeinsam mit dem Loos-Schüler Paul Engelmann für seine Schwester Margarethe Stonborough ein Haus, zu dessen verblüffendsten Aspekten, wie Bernhard Leitner notierte, die »Ästhetik der Schwerelosigkeit« zählt. »Die Welt zerfällt in Tatsachen«, hatte Wittgenstein in seinem Tractatus logico-philosophicus deklariert.

1908 und 1938

Während sich das nahe Wittgenstein-Haus, in dem auch Intellektuelle des Wiener Kreises häufig Treffen abhielten, auf dem ehemaligen Grundstück einer Gärtnerei befindet, breiten sich die Häusergruppen rund um das Palais des Beaux Arts zu großen Teilen auf jenem Gelände aus, das einst der britischen Firma Clayton & Shuttleworth als Produktionsstätte diente. Bis zur Marxergasse bzw. Kegelgasse hatte sich die Anlage dieses erfolgreichen Unternehmens erstreckt, das landwirtschaftliche Geräte erzeugt und Filialen in Budapest, Prag, Lemberg sowie Czernowitz unterhalten hatte. Nachdem der von Heimito von Doderer in den Wasserfällen von Slunj verewigte Betrieb um 1905 nach Floridsdorf übersiedelt war, hatte man das gesamte Viertel neu gestaltet. Das Palais des Beaux Arts war 1908–1909 errichtet worden, der Anbau in der Paracelsusgasse 1912; für sich selbst entwarfen die Brüder Drexler das Eckhaus Löwengasse 34/Rudolf-von-Alt-Platz 7 als neues Quartier. Arnold Bachwitz, der von Nachkommen ehemaliger Angestellter als großzügiger und ungemein netter Chef beschrieben wird, lebte und arbeitete nun im Palais des Beaux Arts bis zu seinem Tod im Jahr 1930. In den folgenden Jahren lag die Leitung des Unternehmens in den Händen von Familienmitgliedern, die Gemäldeausstellung im letzten Stock allerdings wurde geschlossen. Mit dem »Anschluss« 1938 kam die Katastrophe: Rosine Bachwitz, Arnolds Witwe, wurde im Holocaust ermordet, ebenso seine Tochter Alice Strel. Grete Lebach, eine weitere Tochter, die als erfolgreiche Geschäftsfrau in Berlin reüssiert hatte und als enge Freundin von Albert Einstein in die Wissenschaftsgeschichte einging, starb im August 1938 unter unwürdigen Umständen im Wiener Rothschildspital. Der Verlag selbst wie auch das Gebäude wurde »arisiert«, danach brachte man hier im 2. Weltkrieg eine Stabstelle des NS-Luftgaukommandos unter. Zu diesem Zeitpunkt war Margarethe Stonborough-Wittgenstein längst schon ins Exil geflüchtet. Robert Musil, der einstige »Nachbar«, ebenfalls. Auf Wikipedia kann man die Details zu ihnen nachlesen. Und auch den Eintrag über das Palais des Beaux Arts studieren. Dort, auf dieser kollaborativen Plattform, deren Logo eine Weltkugel darstellt.

Eva Maria-Mandl ist Autorin und Historikerin. Sie wohnt seit ihrer Kindheit in der unmittelbaren Nachbarschaft des Palais des Beaux Arts. Sie schreibt auf Ihrem Blog Pratercottage.