Aus der Verstrickung
Der innere Dialog bringt Befreiung
Wenn wir dieses Kind in uns befreit haben, oder es doch zumindest anerkennen und erhören, sind wir dann in der Lage, mit unseren Eltern authentische Beziehungen herzustellen, oder sogar zur Heilung ihrer Neurose beizutragen? Oder ist das ein Verhalten, das im Kreis der Verstrickung bleibt? Handelt es sich dabei lediglich um eine neue, erwachsenere Form des Beschützen–Wollens unserer Eltern, Eltern nämlich die eigentlich Kinder blieben?
Der innere Dialog ist keine Auseinandersetzung, ist kein Dialog mit unseren wirklichen Eltern, sondern mit den Eltern unserer Kindheit, mit dem Bild unserer Eltern. Nur dieses Bild unserer Eltern können wir ändern, nicht aber unsere Eltern selbst. Welche Rückwirkung, welche Rückkoppelung aber hat eine Änderung des inneren Bildes, das man von einer Person hat, auf diese Person selbst?
Tatsache ist, dass unser Verhalten von den Bildern geprägt ist, die wir in unserem Unterbewussten tragen, den Bildern von uns selbst und denen, die wir uns von anderen Menschen machen. Und die Bilder unserer Eltern, die wir alle in unserem Hinterkopf mit uns herum tragen, gehören zu den stärksten Bildern überhaupt; diese Bilder sind die Schaltpläne unseres gesamten Identifikationsprozesses und beeinflussen unser Verhalten in weitaus höherem Masse, als uns dies bewusst ist. Es ist daher ohne weiteres verständlich, dass wir aufgrund der Bewusstmachung solcher Bilder und ihrer Änderung in entscheidendem Masse unser Verhalten ändern.
Eine Änderung unseres Verhaltens gegenüber unseren Eltern wird automatisch deren Verhalten uns gegenüber beeinflussen und einem Wandel unterwerfen. Darin liegt der familiäre Rückkopplungseffekt jeder von einem Mitglied der Familie durchgeführte Psychotherapie. Dieser Effekt muss nicht immer positiv sein; in vielen Fällen ist er sogar ausgesprochen negativ, wie Familientherapeuten empirisch nachgewiesen haben.
Denn es ist so, dass gerade das stärkste Element in der Familienkette sich zu einer Therapie durchringen wird, um der Neurose zu entgehen und es ist dieses Mitglied der Familie, das durch seine Neurose die anderen Familienmitglieder, meist die Eltern, gewissermaßen gestützt hat und verhinderte, dass deren Krankheit sich dramatisierte. Durch den Entzug des stärksten Bindeglieds der Kette bricht diese in sich zusammen. Dies endet dann oft so, dass dem Familienmitglied, das auf dem Weg der Heilung ist, weil es seinen Problemen in der Therapie ins Auge sieht, mit den Vorwürfen der anderen konfrontiert ist, durch seine Therapie alles nur noch schlimmer zu machen.
Wie auf die Psychoanalyse logischerweise die Psychosynthese folgen musste, so sollte die Praktik des inneren Dialogs nicht dazu führen, dass man sich in den Interaktionen des täglichen Leben bewusst ist der einzelnen Instanz des Ich, die denkt, wirkt, sich ausdrückt. Im Gegensatz zu bestimmten Therapeuten der transaktionellen Methode, finde ich es nicht als ein Zeichen psychischer Integration, sich im Dialog mit anderen Menschen jeweils als Kind, oder als Erwachsener oder als Elternteil zu fühlen, zu verstehen. Denn der innere Dialog soll gerade zu mehr Spontaneität führen, zu mehr Integration, und nicht im Gegenteil zu mehr Reflektion des narzisstischen Ich–Bewusstsein.
Wenn es auch sicherlich für Therapeuten oder in sozialen Berufen Tätige nützlich sein mag, sich bisweilen der jeweiligen Rolleninstanz des eigenen Ich oder der des Gesprächspartners bewusst zu sein, so ist der Sinn einer erfolgreichen Therapie jedoch nicht, uns zu intellektualisierenden Beobachtern unserer selbst und anderer zu machen, sondern zu spontanen Teilnehmern am Gesamtprozess des Lebens. Das integrierte Ich, das mit dem Leben schwingt, weil es von Ängsten und Widerständen gegen das Oszillieren des Lebens weitgehend befreit ist, handelt spontan—angemessen an jede beliebige Situation—und bedient sich, ohne dies bewusst zu reflektieren, der jeweils optimal angepassten Instanz des Ich.
Es ist im Gegenteil ein Zeichen von Desintegration oder Neurose, von innerem Widerstand gegen das Leben, wenn wir uns zum intellektuell–wertenden Beobachter unseres Denkens und Handelns errichten. Man könnte auch sagen, dass solche Art zu Leben auf der Moral beruht, während integriertes Denken und Handeln ohne moralisch–wertende Rückkoppelung aus dem Gnadenzustand, aus Liebe heraus erfolgt.
Dieser Gnadenzustand, der Zustand der Liebe, ist in uns selbst, in unserem Zentrum. Persönliche Kreativität fließt aus dieser Quelle und jede Therapie sollte dahin führen, die Tür zu diesem unerschöpflichen Reservoir individueller Intuition zu öffnen. Hier, tief im sogenannten Unbewussten, liegt die höchste Form persönlicher Intelligenz verborgen, welche durch eine bessere Synchronisation der beiden Hirnhälften oder zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein, zwischen Logik und Intuition, zwischen Männlichem und Weiblichen, Animus und Anima, Erwachsenem und Kind in uns, als Ergebnis jeder erfolgreichen Therapie verfügbar wird.
Der Weg zu dieser Quelle individueller Kreativität und Wahrheit führt über die Befreiung aus dem Netz des Nestes oder dem Nest des Netzes, den Ästen des Stammbaumes. Denn unser Schicksal wird nicht von unserem Stammbaum bestimmt, sondern vom Baum des Lebens. Um das Ego zu transzendieren und damit sozial engagiert zu handeln, muss dieses Ego erst einmal gebildet sein. Die orientalischen Lehren von der Transzendenz des Ich sind so zu verstehen, dass ein persönliches harmonisches Ich–Bewusstsein zu bilden ist. Dieses Ich ist Voraussetzung für jedes konstruktive Handeln.
Tatsächlich wird viel Verwirrung gestiftet mit sogenannten religiösen Konzepten von der Ableugnung oder der Aufgabe des Ich oder dem Tod des Bewusstseins, oder welche Prätentionen auch immer sie aufstellen. Unser Ich aufzugeben, hieße, freiwillig die Psychose zu wählen, um seine Probleme zu lösen, was in der Tat viele Leute, wenn auch oft unbewusst, tun. Warum sollte etwas, das nun einmal in uns ist, weil ihm eine Funktion zukommt, sterben? Warum wollen wir die Schöpfung verbessern, statt sie einfach zu nehmen, wie sie ist? Was hält uns davon ab, wahrhaft zu leben—zu lieben? Ist es das, was wir als das Ich bezeichnen? Oder ist es vielmehr, weil dieses Ich krank ist—neurotisch erstarrt, lebensfeindlich, verzerrt, negativ und destruktiv, dass wir es zerstören wollen? So vorgehen zu wollen, ähnelt ein wenig dem Zahnarzt, der jeden Zahn, wenn er ein wenig von Karies befallen ist, gleich ausreißt.
Es ist absurd, sein Ich negieren zu wollen. Es gibt dafür keine Müllkippe. So einfach ist es nicht. Wir müssen uns schon mit unserem Ich auseinandersetzen, wenn wir es transzendieren wollen. Doch eine solche Transzendierung des Ich ist das Ziel eines langen Weges, das Resultat einer Evolution. Im übrigen kann das Ich nicht selbst das Ich entfernen, eine Wahrheit, die schon Buddha, fünfhundert Jahre vor Christus, klar erkannt hat. Also warum überhaupt die Frage stellen?
Psychisches Gleichgewicht ist, wie jedes Gleichgewicht, niemals starr, sondern eine Art Fluktuationszustand. Alan Watts schreibt in seiner Zen–Studie: ‘Die Vollendung des Zen besteht darin, auf einfache Weise vollkommen menschlich zu sein’. Dies lässt sich allgemein ebenso als Verhaltensweise einer integrierten individuellen Psyche definieren. Wie der Thermostat einer Heizung verhindert, dass die Temperatur zu sehr nach unten absinkt oder zu hoch ansteigt, so hält ein gesundes Ich die Gesamtpsyche von zerstörerischen Extremen frei und führt das Individuum solchermaßen im Weg der Mitte, den übrigens nicht erst Buddha, sondern bereits die alten taoistischen Weisen als den einzig gesunden Weg bezeichneten.
Der innere Dialog als Meditation ist geeignet, Klarheit zu schaffen im Bereich des Denkens und Fühlens und uns mit unserem höheren Selbst, unserem Zentrum, zu vereinen. Man könnte sogar so weit gehen und ihn mit dem Gebet in einem weiten Sinne gleichsetzen. Denn was ist Religion anderes, als ein Bemühen, uns wieder mit unserem Selbst, von dem wir durch das Bewusstsein getrennt zu sein scheinen, zu verbinden?
Das höhere Selbst, unser Zentrum, ist die Quelle der Kreativität. Es ist der Sitz aller unserer schöpferischen Fähigkeiten und Talente. Das Erwachen der persönlichen Kreativität ist daher gleichzeitig ein Erwachen zu unserem höheren Selbst. Dieser Weg führt über das Kind in uns, denn es ist die Quelle unserer Spontaneität, unserer Verspieltheit, Intuition und Originalität.
Das Kind in uns ist der weise Führer, der uns zu unserer Einzigartigkeit leitet. Wird dem Kinde in uns Stimme und Ausdruck verliehen, so kann sich unsere Kreativität entfalten; wurde das Kind in uns zum Schweigen gebracht, ist die einzige wahre Quelle unseres Wesens versiegt.
Dieses schweigende Kind in uns, erhören wir seine zaghaften Versuche, sich dem erwachsenen Ich mitzuteilen, entfaltet sich dann, gleich einer sich zart öffnenden Blume, zu unserem wahren Sprachrohr, zum Kanal unseres tiefsten Wesens und Wissens. Das Ziel individueller Verwirklichung, was ist es anderes als die Erweckung unserer ureigenen Kreativität? Was steht dieser Kreativität überhaupt im Wege?
Als Kinder waren wir alle kreativ, originell—bis standardisierende Normen, Erziehungsformen, der ganze Mechanismus der Konditionierung uns zu dem machten, was wir wurden. Manche von uns haben sich ihre Originalität und Kreativität bewahrt; wir nennen sie Künstler, schöpferisch Tätige. Wir finden unter ihnen auch die großen Forscher, Erfinder, Neuerer, die Pioniere. Doch in allen von uns ist das Potential enthalten, Pioniere, Neuerer zu sein—auf welchem Gebiet auch immer. Jeder, der wahrhaft sich selbst ist, trägt bei zur großen ewigen Transformation und Wandlung des Universums. Der innere Dialog dient nicht nur therapeutischen Zwecken, sondern stellt ein geradezu ideales Instrument dar, die Quelle der eigenen Kreativität aufzuspüren—und die Bereiche ausfindig zu machen, in denen sich unser höheres Selbst schöpferisch ausdrücken und realisieren möchte.
Der tiefere Sinn dieses Führers ist im Grunde aufzuzeigen, wie alle unsere Probleme und inneren Spannungen, ungelöste Probleme der Kindheit, vergangene Traumata, und so fort, uns dazu dienen können, über uns hinaus zu wachsen. Gehen wir nämlich diese Probleme an, sehen wir ihnen ins Auge und stellen uns der Herausforderung, die wir uns letztlich selbst gestellt haben, dann können wir auf diesem Weg ein ungeahntes schöpferisches Potential entwickeln—oder besser gesagt: freisetzen. Denn dieses Potential war immer schon in uns; es ist ein Teil unseres Seins.
Alle Kräfte unserer Persönlichkeit helfen uns dabei, unsere Neigungen und Begabungen konstruktiv zu realisieren, wenn es uns gelingt, einen Dialog zwischen den verschiedenen Teilen oder Energien unserer Gesamtpersönlichkeit herzustellen. Alle in unserem Selbst angelegten Kräfte und Energien dienen uns zur kreativen Entfaltung, wenn wir ihnen eine Richtung geben, wenn wir sie gewissermaßen organisieren. Dazu ist ein Dialog, ein Zusammenwirken der Energien, die oft entgegengesetzten Zielen zu dienen scheinen, unabdingbar. Dabei ist vor allem wichtig zu begreifen, dass unser Unterbewusstsein kein Moralgesetz kennt und daher destruktive Energien nicht einfach als böse oder schlimm abgetan oder negiert werden können. Da es nur eine vitale Energie gibt, diese Energie aber sowohl positiv und konstruktiv, als auch negativ und destruktiv wirken kann, kommt es bei negativen Energien lediglich darauf an, sie bewusst zu machen, in Dialog mit ihnen zu treten und sie zu beobachten.
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