Der Weg der Freude
Ja, hier ist von Freude die Rede!
Nun, jeder wird sich wohl gleich sagen, dass es doch wohl nicht der Rede bedarf, dass Freude eine Emotion ist, die wir gerne empfinden und dass wir daher sicher keinen Lehrer brauchen, der uns sagt, wie wir uns freuen sollen. Und dass wir uns freuen sollen.
Und doch, so einfach ist es auch wieder nicht mit der Freude. Um es ganz vorweg zu sagen: wer sich erlaubt wütend zu sein und zu trauern, wenn der Anlass zur Trauer sich bietet, der wird sich auch freuen können. Wer Wut und Trauer unterdrückt, wird hingegen Mühe haben, sich zu freuen.
Wahre Freude ist nicht bedingt durch einen Anlass. Ich spreche hier nicht von Glück, von etwas, das bedingt ist durch äußere oder innere Umstände, von Zufriedenheit, von Erfüllung irgendwelcher Ziele, und so fort. Sondern es ist die Rede von Freude im Sinne von einfacher Lebensfreude, Freude am Dasein, Freude an sich. Die Freude, die wir, nicht unzutreffend mitKindesfreude bezeichnen. Und in der Hinsicht können wir in der Tat viel von Kindern lernen. Sie können sich spontan, und ohne jeden Anlass freuen.
Lebensfreude setzt das tiefe Vertrauen voraus, dass das Leben sinnvoll ist. Ohne einen Sinn im Leben zu finden, können wir diese Art der Freude nur schwer realisieren. Mit Sinn ist nun nicht gemeint irgendeine Aufgabe, die wir uns gesetzt hätten, oder eine Verantwortung für etwas oder andere Menschen—nein, es ist der Sinn, der existentiell im Leben, als Prozess, als Erscheinung, direkt enthalten ist, der also Bestandteil des Lebens selbst ist.
Wenn wir uns freuen, freuen wir uns im Grunde darüber, dass wir leben, freuen wir uns, uns zu freuen—weil sich freuen ein unmittelbarer Ausdruck, und vielleicht der unmittelbarste, des Lebens ist. Freude ist Selbstausdruck, wie Liebe Selbstausdruck ist.
Wahre Freude ist nicht möglich, wenn unser Herz belastet ist mit negativen Gefühlen, vor allem mit Schuldgefühlen, Gefühlen der Reue und des Bedauerns, also mit allem, was uns an Vergangenes bindet. Wenn wir unsere Vergangenheit auf dem Buckel haben, tragen wir sie in Wahrheit in unserem Herzen mit uns herum. Vergangenheit, richtig besehen, ist ein Arsenal von Anekdoten, guten und frivolen, ein Bündel verstaubter Briefe, von denen manche nach Rosen duften und andere weniger gut, eine Klamottenkiste mit Gerümpel, aber auch einigen Edelsteinen, die es aufzubewahren gilt. Vergangenheit ist Schlacke in unseren Zellen, die herausgespült werden sollte mit dem Wasser des Lebens.
Freude ist ein kreativer und erneuernder Prozess. Sie stellt sich oft unmittelbar nach der Trauer ein und bedeutet einen Neuanfang; es ist die Kunst, in der Gegenwart zu leben. Freude ist völlig unabhängig von äußeren Anlässen. Sie stellt sich von innen ein, ist eine Bewegung von innen nach außen, zentrifugal, dem Leben entgegen.
Gleichzeitig ist Freude eine Emotion, die uns das Gefühl gibt, mit Allem–Was–Ist in Kommunion zu sein, verbunden zu sein mit dem Leben selbst und seiner Kraft. Seid umschlungen Millionen! war der Freudenruf Schillers, wie wir ihn heute in Beethovens Neunter Symphonie, gleich einem universalen, alle Religionen überschreitenden Gebet in Musik, vernehmen können. Freude als schöner Götterfunken wird von Schiller als ein direkt mit dem Göttlichen verbundenes und verbindendes Gefühl angesehen. Das Wort Funken soll dabei das Lichthafte der Freude, ihre Klarheit und Reinheit metaphorisch wiedergeben.
Natürlich besteht das Kaleidoskop der Emotionen nicht nur aus Freude, sondern die anderen Emotionen haben darin gleichermaßen ihren Platz. Unser Innenleben auf eine einzige Emotion beschränken zu wollen, würde eine Verarmung bedeuten. Versuchten wir, nur eine einzige Emotion, und sei es die Freude, in uns konstant aufrechtzuerhalten, würde das bedeuten, dass wir den Fluss unserer Energie blockieren.
Emotional frei erzogene Kinder kämen gar nicht auf den Gedanken, sich solchermaßen innerlich Gewalt anzutun. Aber viele von uns Erwachsenen versuchen mehr oder weniger unbewusst genau dies: sich immer auf der gleichen Wellenlänge zu halten, immer positive Gefühle zu haben, immer anständig und angepasst zu erscheinen und alle anderen Emotionen zu unterdrücken. Die Folgen sind nicht nur eine große Verarmung der Affektivität, der Sensibilität dem Leben, sich selbst und anderen gegenüber, sondern auch ein Ansteigen des Gewaltpotentials, da jede verdrängte Emotion, gleich einem in einen Käfig eingesperrten Tiger sich potenziert, also virulenter wird, statt sich, wie es normal ist, harmlos zu entladen. Und letztlich geht emotionale Verarmung immer daher mit einem Mangel an Authentizität.
Dennoch können wir, wenn wir alle Emotionen akzeptieren, uns mit einiger Übung und vor allem einem passiven disziplinierten Beobachten des Wechselspiels unserer Emotionen, auf einem Niveau halten, in welchem Freude und Harmonie vorherrschen. Dazu ist vor allem erforderlich, dass wir lernen, sogenannte negative Emotionen anzunehmen und sie in kontrollierbarer Weise auszudrücken, sie also keinesfalls unterzuschlucken oder aufzustauen.
Wir müssen vorab einfach akzeptieren, dass sie zu uns gehören, zu unserem inneren Kaleidoskop verschiedenartiger Gefühle, die alle einen Sinn haben, und die in ihren Wechselwirkungen miteinander in einem intelligenten Zusammenhang stehen.
Email me when Parenting Toward Autonomy publishes stories
