Die Illusion kollektiver Fusion

Folgen der sekundären Fusion


Denn den Herrschern, sollte ich denken, gereicht es nicht zum Nutzen, wenn höhere Einsicht und feste Freundschaften und Verbindungen unter den Beherrschten entstehen, was vor allen andern Dingen die Liebe hervorzurufen pflegt.
—Plato, Gastmahl

Das Problem von Macht oder Ohnmacht ist ein solches der sekundären Fusion und ihrer Folgen. Ich erklärte, was wir unter primärer und sekundärer Fusion verstehen: primäre Fusion ist die ursprüngliche Fusion des Kleinkindes mit der Matrix nach physischer Abnabelung, während die sekundäre Fusion eine jede ist, welche die ursprüngliche Fusion, die als Paradieserinnerung im Unterbewusstsein eingraviert ist, auf neue affektive Beziehungen zu projizieren trachtet.

Nun ist einleuchtend, dass eine solche Projektion nicht nur möglich ist in Partnerbeziehungen, sondern ebenso in Beziehungen des Einzelnen zum Kollektiv, der Gemeinschaft, der Gruppe, dem Staat, der Nation. Ich bin der Ansicht, dass solche Fusionen des Einzelnen mit einem Kollektiv stets negative Folgen haben, sowohl für den Betreffenden, als auch, auf lange Sicht, für das Kollektiv.

Um dies zu verdeutlichen, sollten wir uns vielleicht vorweg einen anderen Begriff ansehen: den der Integration. Welches ist der Unterschied zwischen Fusion und Integration? Ein Individuum, das sich in eine größere Gemeinschaft oder Gruppe, in ein Kollektiv, integriert, muss zunächst einmal in sich abgegrenzt sein. Es muss eben ein Individuum sein (individus, lat. unteilbar, ungeteilt). Integration ist die loyale Mitarbeit in einem größeren Ganzen, bei voller Bewahrung der Individualität. Fusion hingegen ist die freiwillige oder unfreiwillige Eingliederung in ein Kollektiv unter Aufgabe der eigenen Individualität, oder die Aufzehrung des Einzelnen durch das Kollektiv. Man könnte es stichwortartig so umschreiben: Die Integration in einen Staat bedeutet eine Partnerbeziehung zwischen Individuum und Staat, also einen wahrhaft demokratischen Staat; die Fusion in einen Staat begründet einen Ameisenstaat. Bei Integration denken wir sofort an Demokratie, bei Fusion hingegen an tyrannische, autoritäre und faschistische Systeme.

Obzwar diese Erkenntnis sinnvoll scheint, ist sie doch in dieser Allgemeinheit wohl zumindest ungenau. Denn auch in Demokratien fusionieren sich Menschen in den Staat, indem sie ihre primäre Fusion auf die Beziehung zum System projizieren. Und in autoritär–faschistischen Systemen können sich Individuen ohne Fusionsproblem theoretisch und praktisch in das System integrieren, ganz einfach weil ihnen das Vorteile bringt. Zum Beispiel könnten sie dies tun, weil sie davon rein materiell profitieren und unter Bewahrung ihrer Identität, weil sie innerlich die mit dem Regime einhergehende Ideologie ablehnen. Doch wenn dies auch logisch richtig erscheint, so ist es praktisch doch eher der Ausnahmefall, ganz einfach weil es viel weniger starke und mutige Menschen gibt, die einfach in allen Systemen das ihre finden, als es schwache und zaghafte gibt, die überall mehr oder weniger versagen oder subalterne Funktionen bekleiden. Die folgenden Ausführungen verstehen sich also in der Weise, dass sie lediglich Tendenzen oder Gefahren ausdrücken, welche die Fusionsproblematik auf kollektiver Ebene in sich birgt.

Dabei ist übrigens auch an das Verhalten der Staaten untereinander zu denken. Denn da ebenfalls treten Fusionsprobleme auf und Gewalt unter Staaten ist oft eine solche, die sich entweder durch territorialen Übergriff, also fusionsbegründend, oder aber durch Defensivreaktionen auf drohende Übergriffe, also fusionsabwehrend manifestiert.

Warum spreche ich nun von der Illusion kollektiver Fusion? Ganz einfach, weil die Fusion eines Einzelnen in ein Kollektiv seine individuelle Kreativität und Entfaltung verunmöglicht und daher seinen Beitrag zum Ganzen auf Null reduziert. Anders gesagt, wer als unfusioniertes Individuum eine ganze Maschine hätte sein können, wird durch Fusion in ein Kollektiv zum Zahnrad in einer Maschinerie, wo alle Zahnräder in Wirklichkeit leer laufen und daher die Gesamtproduktivität der Riesenmaschine zwar nominal hoch sein kann, aber am Maßstab menschlicher Evolution gemessen gleich Null ist oder gar retrogradiert.

Illusion ist dies deshalb, weil nach außen hin die bloß nominale Produktivität ins Auge tritt, während das Rückschreiten im Bereich menschlich–spiritueller Evolution okkultiert wird. Illusion auch deshalb, weil viele Menschen in guter Absicht irren, dass ein Gemeinwesen besser funktioniere, wenn alle seine Mitglieder darin fusioniert sind. Und da dies eine Art von optischer Täuschung ist, handelt es sich hier, gleich einer Fata Morgana, um eine Illusion.

Alle totalitären Systeme und ihre Propagandisten definieren die Familie als geschlossene fusionelle Einheit und richten das Erziehungssystem darauf aus, dass die primäre Fusion erhalten bleibt oder durch sekundäre Fusionen unendlich verlängert wird. Sodann wird durch Jugendorganisationen meist gleichgeschlechtlicher Art sekundäre Fusion ermöglicht, mit dem Ziel, nicht etwa den Beteiligten die Möglichkeit zur Entwicklung von Autonomie und Individualität zu gewähren, sondern im Gegenteil, um ein Band zu knüpfen zwischen Familie, Jugendorganisation und Militär mit dem Ziel der Einordnung der Jugend in die staatliche Bürokratie und Maschinerie.

Um die Entwicklung der individuellen Autonomie zu unterbinden, sind intime Freundschaften in den Jugendorganisationen und auch außerhalb unerwünscht und werden denunziert und grausam bestraft. Dennoch sind sie nicht zu unterbinden, weil paradoxerweise das ganze System daraufhin angelegt ist. Vor allem die Verunmöglichung individueller Kreativität in solchen Massensystemen hat zur Folge, dass sie weder wahrhaft produktiv noch dauerhaft sind. Ihr Fortbestehen wird durch Gewalt und drakonische Gesetze sowie Moralregeln erzwungen.

Nichts lässt sich auf die Dauer kollektiv erreichen ohne die freiwillige und wohlwollende Mitarbeit der Beteiligten; so sind auch solche Systeme nichts als aufgeblasene Bürokratien, und es gibt wohl kaum Kollektive, die ineffizienter sind als sie. Das übersehen alle Faschisten, ob sie nun politisch rechts oder links angesiedelt waren oder sind, in ihrer Beschränktheit und ihrem moralistischen Dogmatismus.

Wer am Menschen vorbei regiert, regiert am Leben vorbei. Ob man nun die Bindung des Einzelnen an das Kollektiv, wie Rousseau, mit einem Gesellschaftsvertrag (contrat social), durch ein Band staatsbürgerlicher Loyalität (citizenship) oder partnerschaftlich definiert, freiheitlich–demokratische Formen der Mitarbeit des Einzelnen an der Kollektivordnung zielen immer auf die Integration des Individuums in das Gesellschaftsgefüge ab. Und Erziehung ist demgemäß mehr oder weniger auf die Entwicklung der individuellen Kreativität jedes Einzelnen ausgerichtet. Da Faschismus die kreative und partnerschaftliche Mitarbeit des Einzelnen schändet, ist es eine zutiefst unproduktive Ideologie. Was sie hervorbringt, ist denn auch in erster Linie Verbrechertum, und nicht etwa heroische Menschlichkeit, das nämlich, was sie ihrem Lippenbekenntnis zufolge anstrebt.

Man könnte bei partnerschaftlichen Beziehungen, obwohl dies vielleicht ungewöhnlich klingt, theoretisch auch von echten Liebesbeziehungen des Einzelnen zum Kollektiv reden. Da nämlich, wo das System, im demokratischen Sinne, den Einzelnen braucht und nützt, und seine individuelle Kreativität und Originalität zur Entfaltung bringt, wird seinem Anderssein Wert verliehen, der nicht nur ihm selbst, sondern der Allgemeinheit zum Nutzen gereicht. Denn wo der Einzelne vom Kollektiv die Chance bekommt, und die Freiheit erhält, seine individuelle Kreativität und persönliches Potential zu entwickeln, da wird dies positiv zurückwirken auf das Kollektiv durch die Loyalität des Einzelnen der Ordnung gegenüber. Daher ist im partnerschaftlich–demokratischen Gesellschaftssystem per se mehr kreatives Potential für alle!

Die von mir entwickelten Abgrenzungskriterien bezüglich der Fusion als lieblosem Zustand gegenüber wahrer Liebe, die Freiheit und Autonomie voraussetzt, lassen sich also in gewisser Hinsicht auch auf kollektive Beziehungen anwenden. Sie ermöglichen uns, darüber hinaus, das wahre Wesen politischer Regimes zu erkennen, und zwar unabhängig von politischen Parolen und Wertungen, sondern im Bezug auf das Menschliche.

Bei Beziehungen zwischen Staaten, Beziehungen also, die dem Völkerrecht unterliegen, können keine anderen Prinzipien gelten. Denn Staaten verkehren miteinander in ziemlich derselben Weise wie Individuen. Nicht zuletzt wurde das Völkerrecht aus einem Courtoisierecht der Fürsten untereinander entwickelt und trägt bis heute die manchmal leider noch kindergartenartigen Züge einer Völkerhorde, bei der jeder das beste Stück des Geburtstagskuchens zu ergattern trachtet.

Fusionselemente und –probleme werden durch das Vokabular des Völkerrechts verbildlicht. Man spricht zum Beispiel davon, dass die Truppen einer Nation in eine andere eingefallen sind. Im Französischen, das bekanntlich die traditionelle Sprache der Völkerdiplomatie war und ist, spricht man vom envahissement eines Landes durch ein anderes. Und in der Psychologie bezeichnet man eine fusionelle Mutter als mère envahissante. Es gibt im Völkerrecht Protektorate, Gebiete, die unter der Herrschaft eines anderen Staates stehen, welche Herrschaft meist nicht so sehr protektiv als vielmehr ausbeutend ist. Und in der Psychologie ist bekanntlich die Rede von fusionellen Eltern, wo sie gern beschönigend als überprotektive Eltern bezeichnet werden, wo doch bekannt ist, dass, ganz so wie Staaten es tun, mehr ausbeuten als protegieren, und in jedem Falle eine Herrschaft über das Kind ausüben. Schließlich spricht man von Fusion zweier Staatsgebiete oder deren Separation.

Doch nicht nur im politisch–ideologischen, sondern auch im sogenannten religiösen Bereich hindern fusionelle Ansprüche des Kollektivs den Einzelnen, zu seiner wahren Religion (religio, lat.: Wiederanbindung, Wiederanknüpfung) zu finden, das heißt, zu seinem Selbst zu finden, zu dem, was die meisten von uns infolge von Selbstentfremdung verloren zu haben glauben.

Ramana Maharshi hat gezeigt, dass wir unser Selbst in Wahrheit nie verloren haben noch verlieren können, noch überhaupt wiederzugewinnen brauchen, da es immerwährend ist, ewig und unzerstörbar, und weder Anfang noch Ende hat.

Hierbei sollte ich vielleicht erklärend bemerken, dass ich keinesfalls allgemein gegen Religionen Stellung beziehe. Es gilt vielmehr das gleiche, wie das zum Bereich des Staatswesens und seines Verhältnisses zum Einzelnen bereits Gesagte: das im wahren Sinne religiöse Individuum, das also sein Selbst realisiert hat, erkennt die allen Religionen gemeinsame Wahrheit und kann sich auf freiwilliger Basis in eine Religion integrieren—oder es unterlassen.

Dieses Erkennen der Wahrheit kann uns organisierte Religion nur bis zu einem gewissen Grade vermitteln. Der letzte Schritt ist immer individuell. Erkennen der Wahrheit bedeutet Leben mit dem Essentiellen, mit Freude und dem Respekt der goldenen Regel, die da sagt: Tue keinem an, was du nicht willst, das man dir selbst antut. Erkennen der Wahrheit bedeutet nicht nur Erfüllung, sondern Transzendierung von irdischem Gesetz und Moral durch die Realisierung des höherrangigen Gesetzes der universellen Liebe und Brüderlichkeit.

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