Die Stimme des Kindes
Was heißt Erwachsensein?
Was heisst Erwachsensein?
Heißt es, alles besser zu wissen, als Kinder? Heißt es, überhaupt etwas zu wissen? Oder ist es einfach ein Ende—das Ende der Kindheit? Wenn es so wäre, so bedeutete Erwachsensein das Ende aller Kreativität. Leider ist dies tatsächlich der Fall bei vielen Menschen. Vielleicht aber kann der Weg der Selbstfindung, den ich in dieser Anleitung zum inneren Dialog nachzeichnen möchte, manch einem dabei helfen, diesen Tod der Kreativität, diese Stagnation in einem falsch verstandenen Erwachsensein, zu verhindern oder rückgängig zu machen.
Wirkliches Erwachsensein ist nur möglich, wenn wir das Kind in uns erhören und anerkennen, wenn wir ihm einen Lebensraum geben, eine Möglichkeit, sich auszudrücken und zu entfalten. Nur dadurch können wir die Verantwortung für dieses Kind, das wir alle mit uns herumtragen, übernehmen. Es ist dies die Verantwortung für alles, was uns human macht, für unsere Emotionen, unsere Intuition, unsere Gefühle, unsere Spontaneität.
Erst wenn wir dem Kind in uns Leben und Ausdruck geben, sind wir in der Lage, integrierte und nicht schizoide Erwachsene zu sein und unser ganzes Selbst, und nicht nur einen davon abgespaltenen Teil, kreativ zu realisieren. Der innere Dialog kann uns dabei helfen, ganzheitlicher zu leben, zu denken, zu handeln—zu sein. Auch wenn man nicht die Weisheit und überragende Gelehrtheit eines Erasmus von Rotterdam besitzt, der mit seinem Lob der Torheit eine Tür zu unserem Inneren öffnete, die aller Klugheit und Gelehrsamkeit verschlossen bleibt—so kann man dennoch die Pforte öffnen, die zu unserer eigenen individuellen Weisheit führt. Denn wir alle besitzen den Führer, der die Pforte kennt und den Schlüssel zu ihr hat: es ist das Kind in uns.
Doch viele von uns sind solchermaßen von Kategorien der sogenannten Vernunft und eines vermeintlich normalen Verhaltens bestimmt, dass sie sich dem Fluss der inneren Energie, die uns immer wieder zu unserem Zentrum führt, entgegenstellen.
Lasst uns denn von Plato und Aristoteles Abschied nehmen, alle Ideale in den Wind streuen und uns dem Heraklitischen Alles fließt zuwenden. Lasst uns dem inneren Strömen, der Torheit uns öffnen, dem Kinde, dem Kindlichen in uns, der Musik, die uns auf ihren Flügeln in das Reich führt, das nur uns allein angehört: unserem inneren Selbst.
Die Stimme des Kindes
Müssen wir Experten der Psychologie oder der Kinderpsychologie sein, um unseren Kindern dabei zu helfen, zu glücklichen und kreativen Menschen heranzuwachsen? Müssen wir Freud gelesen haben oder Bettelheim oder sollten wir Kurse in Pädagogik absolvieren? Wir können dies alles natürlich tun, aber wird uns das zu besseren, liebevolleren Eltern machen? Oder sollten wir gar eine Psychotherapie durchlaufen, um uns von jeder Neurose zu befreien (sofern dies überhaupt möglich ist), bevor wir uns der Betreuung von Kindern widmen? Müssen wir erst bessere Menschen werden, um gute Eltern sein zu können?
Jeder weiß in seinem Inneren wohl, warum er sich ein Kind wünscht. Und jeder, der sich der professionellen Kinderbetreuung widmen will, hat eine Stimme in sich, die ihm sagt, weshalb er gerade dies tun will—und nicht etwa sein Brot als Buchhalter, Wissenschaftler oder Kinodirektor verdienen will.
Das vorliegende Essay richtet sich an jeden, der diese innere Stimme in sich verspürt und erhört, diese Stimme, die vielleicht die des Kindes in uns selbst ist, das erhört werden will, das sich Liebe wünscht und Fürsorge. Ich möchte hier die Erkenntnis vermitteln, dass wir Kinder, seien es unsere eigenen oder fremde, uns anvertraute Kinder, nur so gut, oder so schlecht, behandeln können, wie wir das Kind in uns selbst behandeln.
Wissen um psychologische Zusammenhänge ist sicherlich wichtig und es wird hier auch darum gehen, aber alles Wissen um die Psychologie des Kindes und seine Entwicklung nützt uns wenig, wenn wir mit dem Kind in uns selbst in Konflikt stehen, wenn wir es in uns unterdrücken, ihm die Sprache verwehren, es also mundtot machen, oder ihm seine Emotionen verbieten.
Ich möchte in diesem Essay eine Art Anleitung geben, mit dem Kind in uns selbst in einen lebendigen, kreativen Kontakt zu treten. Ich stütze mich dabei auf meine eigene Arbeit mit dem inneren Dialog als Methode. Unsere Arbeit geht von der Erkenntnis aus, dass jedes Drama in unserem äußeren Leben die Spiegelung eines inneren Dramas ist. Jede Person, mit der wir äußerlich in Interaktion treten, symbolisiert energetische Zusammenhänge in unserem Innern, in unserer Psyche. Wenn wir also mit Kindern in einen konstruktiven und für diese heilsamen oder erzieherisch wertvollen Dialog treten wollen, ob diese Kinder nun unsere eigenen sind oder die Kinder anderer Eltern, so müssen wir mit dem Kinde in uns selbst in einem solchen konstruktiven Dialog stehen. Wissen, in dem Sinne wir es hier gebrauchen oder anwenden, ist also vielmehr eine Form der Selbstkenntnis.
Das Wissen um die Vorgänge in unserer Psyche ist wohl die unmittelbarste Form von Wissen. Ich würde es primäres Wissen nennen. Wir benötigen dazu keine Bücher, keine Studien, keine Hilfsmittel—außer einem ruhigen Platz, an dem wir uns wohlfühlen, wo wir ungestört sind und an dem wir, vielleicht mit Hilfe entspannender Musik, uns in eine Art meditativer Innenschau versetzen. Der Platz kann auch einfach an einer Schreibmaschine sein, wo der innere Dialog, so wie er uns im entspannten Zustand einfließt, einfach durch die Finger aufs Papier weiterfließt. Diese Form des inneren Dialogs, so wie wir ihn hier verstehen, ist nicht zu verwechseln mit Arten der Meditation, die oft religiös motiviert sind und bei denen wir das Ich zu überwinden suchen. Hier geht es vielmehr darum, das Ich kennen zu lernen und seine verschiedenen Energien zu erkennen und zu integrieren.
In diesem Dialog sind im wesentlichen drei Personen im Spiel: das Kind in uns, die Elterninstanz und die Erwachseneninstanz. So jedenfalls wurde dies von der sogenannten transaktionellen Analyse definiert, die Eric Berne 1950 in den USA gründete und die erstmals in der Geschichte der Psychoanalyse eine Methode inneren Dialogs propagierte, um damit Heilzwecken zu dienen. Heute sind wir allerdings weiter und wissen, dass das Ich sich aus viel mehr psychischen Energien zusammensetzt. Durch die Analyse von Fällen der Persönlichkeitsspaltung wurde klar, dass das individuelle Ich sich aus verschiedenen Teilpersönlichkeiten zusammensetzt, die man auch psychische Energien nennen könnte. Sie werden durch das Egozusammengehalten.
Was ist nun die Rolle des Ego? Das Ego vereint diese Energien sich zu einer einzigen Energie, die konstruktiv ist und den sozialen Austausch mit der Außenwelt ermöglicht. Dazu korrespondiert ein Ich–Gefühl oder Ich–Bewusstsein, das wir alle haben, wenn wir nicht hochgradig schizophren sind oder mit halluzinogenen Drogen unser Ich zeitweise außer Kraft gesetzt haben.
Das innere Kind
Das Kind in uns sind wir selbst, als wir Kind waren. In dieser Energie liegt unsere Vergangenheit gespeichert, so wie wir sie als Kind erfuhren, erfühlten, erlebten. Dieses Kind, mit all seinen Gefühlen, mit seinen Frustrationen, seinem Schmerz oder seiner Freude, seiner Verspieltheit, seinem oft überraschenden Wissen auch, hat überlebt in unserer Psyche. Seine Energie steht uns zur Verfügung in dem Masse, wie wir es anhören, ihm Freiheit und Gelegenheit geben, sich auszudrücken, seine Bedürfnisse kundzugeben, sich kreativ zu entfalten.
Bei vielen von uns ist die Instanz des Kindes entweder unterentwickelt oder überentwickelt. Ein unterentwickeltes inneres Kind äußert sich darin, dass wir unter affektiver Karenz leiden, Mangel an Fantasie haben, ziemlich unkreativ sind, dass wir verlernt haben zu spielen, dass wir ziemlich rigide sind in allem, eher hart oder streng und wenig flexibel, dass wir in Routinen oder Gewohnheiten erstarrt sind, und dass es uns sehr schwer fällt, Änderungen, selbst wenn sie notwendig sind, in unserem Leben zu bewirken.
Ein hypertrophiertes oder dominantes inneres Kind zeigt sich daran, dass unser Verhalten eher unreif oder infantil ist, dass wir stark abhängig sind von Menschen oder Situationen, von Drogen auch, dass es uns am Organisationstalent fehlt, dass wir eher chaotisch leben, in chronischer Unordnung sozusagen, dass wir oft zerfahren und unkonzentriert sind, und dass es uns an einer gehörigen Portion von Selbstdisziplin fehlt.
Es kommt nun nicht so sehr darauf an, wie die Instanzen, die unser Ich bilden, im einzelnen entwickelt sind. Viel wichtiger ist ihre Beziehung zueinander, ihre Organisation sozusagen, ihr Zusammenspiel, ihre Interaktion innerhalb unserer Psyche.
Die Elterninstanz
Die Elterninstanz repräsentiert unsere eigenen Eltern, so wie wir sie erlebt und internalisiert haben. Diese Energie gibt uns den moralischen Sinn; in ihr sind kollektive Wertmaßstäbe und Tabus enthalten. Die Elterninstanz manifestiert sich im Handeln durch das Übernehmen von Verantwortung, den Willen zu schützen und zu beschützen, negativ durch Bevormundung und die Etablierung von Abhängigkeitsverhältnissen.
Der innere Erwachsene
Die Erwachseneninstanz ist das, was man unseren rationalen Verstand nennen könnte; es ist der objektive Beobachter, der wägende und ausgleichende Geist, die reife Persönlichkeit. Negativ läuft der Erwachsene, nimmt er überhand, die Gefahr, das Kind zu vergessen und in intellektuellen Schemata zu erstarren. In Beziehungen ist diese Energie darum bemüht, die Dinge rationell oder realistisch zu sehen, auch Gefühlsangelegenheiten. Es ist offensichtlich, dass ein zu starker innerer Erwachsener, der nicht durch das innere Kind ausbalanciert wird, Gefühlskälte und Unverständnis für Gefühle in seine Beziehungen bringen wird und dadurch Vereinsamung erlangen mag.
Bevor wir in einen kreativen Kontakt mit dem inneren Kinde kommen können, müssen wir eines vorweg tun: wir müssen dem Kinde in uns das Wort erteilen!
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