Emotion und Fusion

Wut ist eine gesunde Emotion!


Die moralisierende Einteilung der Emotionen in gute und schlechte hat dazu geführt, dass die Wut, als schlechte Emotion abqualifiziert, im täglichen Leben sogenannter zivilisierter Kulturen in die Mülltonne des Unterbewusstseins verbannt wurde. Sie feiert gewöhnlich ihr Comeback in Kriegen, Revolten, Massakern, Folterungen oder in der Gewalt innerhalb der Familie. Keine der sogenannten primitiven Tribalkulturen hat jemals das Ausmaß von Destruktivität erreicht wie in Zivilisationen, in denen Unterdrückung von Emotionen als Tugend gepriesen und durch entwürdigende Erziehungsmethoden anerzogen wurde.

In Wahrheit ist Wut eine wichtige und als solche auch positive Emotion. Positiv ist überhaupt aller freie Ausdruck der Lebensenergie, die nämlich erst dann destruktiv wird, wenn man ihr Blockaden in den Weg stellt. Die Wut als ursprüngliche Emotion im Menschen ist daher freier Ausdruck desélan vital, des bioenergetischen Flusses. Sinn der Wut ist, uns ein Signal zu geben, dass wir dabei sind, uns zu missachten, uns nicht genügend Respekt entgegenbringen. Wut ist ein Zeichen dafür, dass wir Fremdeinflüssen nachgegeben haben, die uns von dem in uns vorgezeichneten Weg abbringen. Häufig zeigt sie uns auch an, dass wir unehrlich waren mit uns selbst und anderen.

Eine sehr wichtige Funktion kommt der Wut bei in Bezug auf fusionelle Beziehungen oder überhaupt bei der Setzung von Grenzen der eigenen Person gegenüber anderen Menschen. Wut ist die in allen Therapien am häufigsten auftretende Emotion, und dies ist logischerweise so, weil Wut die in unserer Kultur am stärksten reprimierte Emotion ist. Sehr häufig ist Wut Ausdruck tiefsitzender Revolte gegen Demütigung der eigenen Person durch Eltern, Erzieher oder anderer Personen in der Kindheit und Jugendzeit.

Der zweite Aspekt ist, wie bereits erwähnt, die überaus virulente Wut gegenüber jedem Versuch unserer Umgebung, uns in unserer Evolution zu behindern. Diese Art der Wut geht in aller Regel zurück auf die Kleinkindheit und die Unfähigkeit der Mutter oder beider Eltern, dem Kind die notwendige Autonomie zu gewähren, die Kindheit zu verlassen, also zu wachsen. Diese Wut, die ich als antifusionell qualifizieren möchte, ist eine höchst gesunde, ja lebens– oder überlebenswichtige Emotion. Denn das Recht zu wachsen ist jedem im Wachstum befindlichen Lebewesen ein direktes Begleitrecht zu seinem Recht auf Leben schlechthin. Niemand möchte geboren werden, um als Zwerg zu enden. Ein Kind, das spürt, dass seine Mutter es nicht in seinem Werden anerkennt, es am liebsten wieder in die Matrix zurückstopfen will, fühlt sich in seinem Leben bedroht. Es wird typische Zeichen von Angst und Unsicherheit äußern wie zum Beispiel Festhalten am Rockzipfel, Kontaktschwierigkeiten oder Sprachbehinderung wie Stottern. Diese Unsicherheit ist die Folge davon, dass die Verweigerung von natürlicher Autonomie beim Kinde dazu führt, dass sein Grundvertrauen nicht nur in die Mutter oder die Eltern, sondern ins Leben als solches dahin schwindet.

Bei solchermaßen fusionell aufgezogenen Kindern sorgt dann später eine heftige adoleszente Revolte dafür, diese Fusion letztlich doch noch aufzubrechen oder zumindest zu lockern. Leider ist das Resultat der Revolte meist, dass die Fusion noch stärker wird, weil die sich gegenseitig aufheizenden Emotionen allen Beteiligten am Familiendrama das Gefühl geben, nun wirklich warm zu haben, also zu leben. Folglich wird die Fusion aufrechterhalten, um die illusorische Nestwärme durch heftige Auseinandersetzungen immer wieder neu zu schüren.

Die Fusion kann nur durch Arbeit im Inneren, im Verborgenen sozusagen, überwunden werden. Das bedeutet, durch meditative Selbsttherapie die Grundgefühle, die mit der Fusion einhergehen, wieder zu spüren und dann bewusst zu verarbeiten und zu integrieren. Die Grundgefühle der Fusion sind Angst, Unsicherheit und Wut, wobei der Wut wegen ihrer Signalfunktion vielleicht der größte Stellenwert beizumessen ist. Jedes Mal, wenn wir dabei sind, uns wieder zu refusionieren, also uns auf eine fusionelle Freundschaft oder Liebesbeziehung einlassen, werden wir folglich diese Emotionen wieder verspüren: Angst, Unsicherheit und Wut.

Es ist nicht verwunderlich, dass Wut als unerhört empfunden wird. In unserer westlichen Kultur wird die pathologische sekundäre Fusion, mangels Bewusstheit ihrer Destruktivität, als paradiesischer Zustand der Reinheit und des Wohlbefindens beurteilt. Es kommt ihr die Funktion zu, die Lebensangst, die Unsicherheit als Grundhaltung fusioneller Charaktere zu mildern und zu verdecken. Der Doppelsinn hier des Wortes unerhört ist sehr interessant in diesem Zusammenhang.
—Das ist ja unerhört, wie ich mich jedes Mal aufrege …

Wenn wir eine Emotion unerhört finden, neigen wir dazu, sie zu verdrängen. Also erhören wir sie nicht, also verstehen wir nicht ihre Botschaft, ihre Intelligenz. Taucht also das Signal auf, die Fusion zu beenden, die neu angeknüpfte Nabelschnur zu kappen, und endlich persönliche Autonomie und Freiheit zu erlangen, macht sich die Wut wieder bemerkbar. Allerdings wird ihre Signalfunktion meist übersehen; stattdessen ruft sie oft nur Perplexität und Schuldgefühle hervor. Dies vor allem deswegen, weil in einer Kultur der Emotionsverdrängung der Signalcharakter der Wut generell verkannt wird.

Vielmehr tragen soziale Normen und Umfeld häufig dazu bei, dass ein Teufelskreis bei der betreffenden Person entsteht, der sie zwischen den sekurisierenden und den aggressionsbegründenden Wirkungen der Kodependenz hin– und herpendeln lässt, und dies zum Preise der Aufgabe jeden inneren Friedens, jedem In–Sich–Schwingen und damit der Gefahr völliger Selbstentfremdung.

Wut ist nicht per se ein Ausdruck von Gewalt oder Aggressivität, wie man gemeinhin anzunehmen geneigt ist. Dies wird in Kulturen, in denen Emotionen freierer Ausdruck zugestanden wird, auch anerkannt. Man stelle sich etwa in einem Land Südamerikas mehrere Leute auf der Straße vor, die sich wahrhaft wütend anschreien, sich Vorwürfe machen und heftig gestikulieren dabei. Jeder Passant, ob Erwachsener oder Kind, wird entweder lächeln oder aber ruhig schmunzelnd den Kopf schütteln und seiner Wege gehen. Spielt sich jedoch die gleiche Szene in einem Land hoher Emotionsverdrängung wie der Schweiz, ab, so werden Passanten eher stehen bleiben, misstrauisch, gar feindselig die Szene beobachten—oder gar kurzerhand die Polizei alarmieren. Im ersten Beispiel wird die Emotion der Wut als jedem menschlichen Dialog potentiell inhärent anerkannt, im zweiten Beispiel wird sie aus menschlicher Kommunikation potentiell ausgeschlossen und in den Bereich des Tabus verdammt.

Wer Emotionen misstraut, misstraut dem Leben. Denn das Leben manifestiert sich nun einmal im Menschen auch in Form von Emotionen. Das ist auch gut so. Denn es ist gerade die eiskalte und saubere Ratio, die solch destruktive Dinge wie Napalmbomben und sogenannte Verteidigungssysteme oder Abwehrsysteme erfand und erfindet oder die, fast unbemerkt, in Form von Zivilisationsmüll aller Art die Umwelt zerstört. Nur auf der Basis der Unterdrückung natürlicher Empfindungen konnte eine Zivilisation entstehen, die eiskalt vernichtet, die der Zerstörung ein System gab, das hocheffizient ist.

Emotionen sind auch effizient, aber nicht nach der Art kurzsinniger linkshirniger Affenlogik, die das Zyklische des Lebens und seine Ganzheit nur unzureichend versteht, sondern nach der dem Leben eigenen Ökonomie, dem Prinzip des freien Fliessens, das Wilhelm Reich bekanntlichPrinzip der Selbstregulierung nannte. Eine Emotion macht stets einer anderen Platz. Nach der Wut kommt der Frieden. Das ist so, weil Emotionen kaleidoskopartig miteinander verknüpft sind. Sie sind Vibrationen; jede Emotion hat eine bestimmte Frequenz, die man durch eine Farbe ausdrücken könnte. Anders ausgedrückt, sind alle Emotionen farbige Strahlen derselben Energie, der Vitalenergie namentlich. Alle zusammen machten weisses Licht aus. Wenn man daher eine Emotion unterdrückt, so unterdrückt man sie alle. Das bedeutet, dass ein Mensch, der die Wut unterdrückt, im Gründe mit der Zeit aller Emotionen abhanden kommen wird. Man sagt, dass ein Mensch ‘eiskalt’ ist oder wurde. Das drückt diese Wahrheit sehr plastisch aus.

Emotionen sind ein unermesslicher Reichtum des Lebens. Nur ein emotionaler oder doch zumindest emotionsempfänglicher Mensch kann Mitleid, Mitgefühl empfinden mit einem anderen Lebewesen. Ein Individuum, das seine Emotionen auf Eis gelegt und unterdrückt hat, wird eben eiskalt reagieren.

Nur wer die potentielle Fehlerhaftigkeit des Menschen anerkennt, kann einen wahren Humanismus entwickeln, der das Ganze des Lebens versteht.

Um noch einmal spezifischer auf die Wut zurückzukommen, so ist wesentlich zu erkennen, dass es sich bei der Wut um eine Emotion handelt, die zu einer Abgrenzung zwingt. Abgrenzung nicht nur, um aus Pseudofusion freizukommen, sondern Abgrenzung ganz allgemein als die persönliche Individualität konstituierende Notwendigkeit. Ohne Abgrenzung vom Kollektiv, von der Umgebung, dem sozialen Umfeld, dem ewig Anderen, kann sich das Eigene nicht ausprägen. Um sich herauszulösen aus der Masse muss der Einzelne sich abgrenzen, sich individuieren, singularisieren. Dazu ist notwendig, neben dem kognitiven Erkennen der eigenen Andersartigkeit, sich niemals völlig an andere oder das Kollektiv anzupassen, sondern immer einen Freiraum des Andersseinszu wahren.

Die Wut ist ein Signal, das uns, jedes Mal wenn wir uns, bewusst oder unbewusst, im ewig Anderen auflösen wollen, zurückruft zu unserer eigenen Bestimmung, unserer Eigenheit, unserer Wahrheit, die gerade durch die Tatsache, dass sie verschieden von der Wahrheit der anderen ist, Bedeutung und Gewicht erlangt.

Um sich klar zu machen, dass Wut an sich nichts Destruktives oder Zu–Fürchtendes ist, sollte man sich einmal vor Augen führen, wie kleine Kinder sich verhalten.

Kleine Kinder, werden sie nicht repressiv und emotionsfeindlich, sondern permissiv erzogen, sind häufig wütend, ja rasend vor Wut. Es ist bekannt, dass es Entwicklungsphasen gibt bei kleinen Kindern wo solche Wutausbrüche besonders häufig vorkommen und zum Alltag gehören. Liberale und intelligente Erzieher wissen, dass es gerade diese Phasen sind, in denen sich das Kind individuiert, in denen es sich abgrenzt von Eltern, Erziehern und anderen Kindern und Erwachsenen, in denen es seine ureigene Individualität entwickelt und auf sein Wesen, seine Verschiedenheit aufmerksam wird.

Nun hat aber wohl noch niemals jemand gesehen, dass kleine Kinder, die miteinander spielen und wütend werden, aus welchem Anlass auch immer, und die, wie es nicht selten ist, ihre Wut auch körperlich ausdrücken, durch Schläge, Fußtritte oder wie auch immer, sich gegenseitig irreparable Schäden zufügen oder sich gar töten. Dies ist, jedenfalls bei emotional gesunden, weil lebhaften Kindern, nicht möglich. Wohl ist es möglich bei Kindern, die extrem repressiv und submissiv erzogen wurden und ein sehr hohes Maß an Wut herunterschlucken mussten und absolut keine Möglichkeit fanden, dieses Potential irgendwie zu entladen. Ein solcher Berg von Wut kann sich dann später im Leben, vor allem von der Adoleszenz an, in der eine Art Wiederholung frühkindlicher Vorgänge in veränderter Form stattfindet, destruktiv auswirken.

Jede Therapie zielt darauf ab, das emotionale Gleichgewicht des Menschen wiederherzustellen. Der Weg zum Selbstrespekt führt zwangsläufig über den Respekt vor unseren Emotionen. Denn es sind sie, die in unserer repressiven Erziehung am meisten mit Füßen getreten wurden und in vielen von uns ein Schattendasein führen.

Schattendasein setzt Schatten voraus und es ist dieser Schatten, der in vielen Menschen eine Art Eigendasein führt. In extremen Fällen der Schizophrenie, der Abspaltung von Emotionen, kann dieser Schatten monsterhafte Züge annehmen und zu einem Angstfaktor im Leben der Person werden. Indessen ist es durchaus möglich, mit diesem inneren Schatten in Kontakt zu treten und ihn sich zum Freund zu machen. Denn in dieser Akkumulation von Zorn, die sich zu einem inneren Schatten verdichtet hat, liegt ein sehr hohes Energiepotential verborgen, das einem inneren Tresor gleicht. Gelingt es uns, mit unserem Schatten in Dialog zu treten und sein Potential zu integrieren, werden wir dadurch ungemein bereichert und erfahren die wahre Tiefendimension des Lebens. Die Folge ist ein Sprudeln von Kreativität und Lebensfreude.

Durch den inneren Dialog, nämlich einen in leichter Entspannung geführten Dialog mit dem Schatten, mit dem Teil in uns, der immer Nein sagt, kann wirksam die individuelle Problematik erkannt werden, die zur Blockade der Energie führte und den Schatten ins Leben rief. Darüber hinaus führt diese Methode zu einem neuen Fluss der Energie, aus dem Schatten heraus in die Ganzheit der Person zurückzufinden. Negativität und Destruktivität können nur durch das Zulassen von Emotionen verhindert werden, nicht durch ihre Unterdrückung.

Ein anderer Teil in uns, der Wut empfindet, ist unser inneres Kind. Es wurde bei vielen von uns in seiner Eigenwürde, in seinem Lebensrecht verletzt und ist überempfindlich geworden. Seine Reaktion auf die Verletzung war, infolge seines Gefühls der Ohnmacht gegenüber einer übermächtigen Erwachsenenwelt, das des Jähzorns, der blinden Wut.

Als Erwachsene sind wir gehalten, die Verantwortung für dieses Kind in uns zu übernehmen, und dies auch angesichts der Tatsache, dass das Kind in uns letztlich Recht hat, so wütend zu sein. Aber diese infantile Wut ist höchst destruktiv, wenn sie sich in einem Erwachsenen äußert, der, im Gegensatz zum Kinde, ein höheres Machtpotential besitzt. Unser inneres Kind will nichts anderes, als geliebt und verstanden zu werden. In allererster Linie will es angehört werden. Es will, dass wir uns ihm zuwenden, dass uns seine Belange nicht gleichgültig sind. Tun wir dies und treten wir in Dialog mit dem Kind in uns, nehmen wir die Verantwortung für uns selbst wahr. Dies sowohl in unserer Beziehung mit uns selbst, als auch im Verhältnis zu unseren Mitmenschen und der ganzen Natur.

Destruktive Menschen sind im Grunde destruktive Kinder und eine destruktive Kultur ist eine infantile Kultur, eine Kultur, die nicht im Inneren reifte, obwohl sie im Äußeren mächtig nach vorn gedrängt ist mit all ihrer Technologie, mit ihrem Wissen und ihrer stolzen Aggressivität.

Nur wenn wir das Kind in uns in unser Leben wieder einbeziehen, es anhören, seine Revolte und seine Wut verstehen, seine Wunde erkennen und heilen, steht uns seine große Energie und Kreativität, seine angeborene Weisheit und Spontaneität, sein großer Lebenswille und seine tiefe Liebes– und Hingabefähigkeit (wieder) zur Verfügung.

Ist das Kind in uns wütend, müssen wir verstehen, dass es ein Recht hat auf diese Wut, dass wir aber nun diese Wut im Grunde nicht mehr benötigen. Denn diese Wut war ursprünglich eine Verteidigungsreaktion des Kindes, deren wir, erwachsen, heute nicht mehr bedürfen. Sind wir uns im klaren darüber, dass wir es uns leisten können, verletzbar zu sein und dass wahres Erwachsensein, wahre Offenheit dem Leben gegenüber gerade in dieser Verletzbarkeit besteht, wird die Wut des Kindes in uns von allein nachlassen, bis sie schließlich völlig verstummen wird. Die in ihr enthaltene Energie wird unserer Kreativität sehr zugute kommen und wir werden aufblühen in allen Bereichen.

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