Heilmacht der Eigenmacht
Therapie bedeutet, die natürliche Kraft des Patienten wieder herzustellen
Wir wollen diese natürliche Kraft hier innere Macht oder innere Heilmacht oder schlicht Eigenmacht nennen. Denn diese Kraft kommt aus dem Inneren, aus unserem Zentrum. Sie wird uns nicht von außen verliehen, sie kommt nicht von der Peripherie unseres Wesens her. Sie wird uns weder vom Therapeuten telepathisch übertragen, noch irgendwie auf magische Weise vom Universum zugesandt. Sie ist in uns. Wir müssen sie nur aktivieren, indem wir uns von den Blockaden befreien, die das freie Fließen dieser Kraft verhindern.
Diese Macht ist unsere Eigenmacht, weil sie uns eigen ist, weil sie uns individuell angehört. Und weil ihr Wirken in uns, und in unserem Leben, davon abhängt, dass wir ganz sind, heil, heilig. Sehen wir doch einmal im Englischen, wo es sehr ähnlich ist wie im Deutschen. ‘Whole’ im Englischen bedeutet ganz und ‘holy’ bedeutet heilig. Im Französischen heißt ‘sain’ gesund und ‘saint’ heilig. Alle drei Sprachen drücken also klanglich Dinge ähnlich aus, die vom tieferen Sinn her zusammengehören. Ganzheit, die Tatsache also, nicht fragmentiert zu sein, ist in der Tat eine Form der Gesundheit.
Nun bedeutet Ganzheit aber auch Abwesenheit von Fusion, denn bei Fusion sind die Bioenergien der beiden fusionierten Personen miteinander auf konfuse Weise vermischt. Ein mit einem anderen Menschen fusionierter Mensch ist nicht abgegrenzt und seine Energie ist daher nicht auf sein Zentrum gerichtet, nicht zentriert. Sie verliert sich nach außen, und strebt ständig zu dem hin, was ihm eigentlich fremd ist, zu dem anderen Menschen oder Haustier, mit dem die Fusion besteht.
Fusion bedeutet also nicht nur Unklarheit über das eigene Ich–Bin, über die eigene Identität, sondern auch Verausgabung der Vitalkraft. Um es zu wiederholen und Missverständnisse zu vermeiden: ich spreche hier wohlgemerkt nicht über die frühkindliche Fusion des Babys mit der Mutter, noch über die, etwas spätere, mit dem Vater, denn diese sind gut und notwendig, sondern um eine spätere Fusion, eine Fusion, die stattfindet, wenn das Kind bereits über ein geraumes Maß an Autonomie und Bewegungsfreiheit verfügen sollte und also kein Kleinkind mehr ist. Denn das Paradox ist gerade, dass die Mutter, die unter hyperfusionellen Tendenzen leidet, typischerweise unfähig war, mit ihrem Neugeborenen die frühkindliche Fusion in einer kompletten und für das Baby befriedigenden Weise zu leben. Solche Mütter sind gerade die, die, wenn das Kind Sorge und Pflege braucht, keine Zeit haben, und dann später alles ‘wieder gut machen’ wollen und ihr Kind mit Ammenliebe erdrücken.
Ganz offensichtlich sind beide Verhaltensweisen unfunktionell und inadäquat. Durch eine auf Respekt vor der Individualität des Kindes gegründete Erziehung wird die Eigenmacht der Person des Kindes aufgebaut. Eigenmacht ist die natürliche Kraft der Person des heranwachsenden Menschen. Man könnte auch sagen, dass es die Kraft ist, die dem Geist–Körper–Kontinuum des Menschen inne ist. Sie drückt sich durch freies Spiel der Emotionen aus, durch Wille, Fantasie, Spontaneität und eine gewisse natürliche Autorität, die ganz im Einklang steht mit der Intuition des Kindes, mit seinem Tao. Durch diese Autorität definiert sich das Kind selbst als Person, als abgegrenztes Wesen. Es ist dies ein von der Intuition gebildeter Wille, der sich vor allem emotional manifestiert und kundgibt. Das Kind sagt: Ich will dies ich will jenes nicht, ich liebe das, jenes aber liebe ich nicht.
Bei Kindern, die nicht durch kastrierende Zauberformeln entmannt wurden, denen man nicht die Eigenmacht zerstört hat, um sie durch Ohnmacht zu ersetzen, entwickelt sich dieser Wille zum Ich–Bin ganz natürlich und ungezwungen. Dies deshalb, weil dieser Wille zum Ich–Bin ein Ausfluss des Lebenswillens selbst ist. Leben will nicht nur sein, es will auch spezifisch sein, es will sich abgrenzen gegenüber allem, was anders ist, was Nicht–Ich ist.
Wachstum geht beim Kinde, wie wir gesehen haben, einher mit Abgrenzung von der Matrix, mit dem graduellen Verlassen der Fusion. Dieser objektiven Notwendigkeit zum Wachstum entspricht subjektiv ein im heranwachsenden Leben angelegter Wille zur Abgrenzung, zurIndividuation, zum Aufbau eines von der Matrix getrennten autonomen Energiesystems. Es geht also in einem Erziehungsansatz, der sich als natürlich, ökologisch oder ganzheitlich versteht, nicht darum, in irgendeiner Weise auf das Körper–Geist–System des Kindes einzuwirken, sondern es geht lediglich darum, die bereits von Natur her bestehende Ganzheit des Kindes sowie den ihr inhärenten Willen nach Autonomie zu respektieren und zu fördern. Dem kommt ein permissiver und toleranter Erziehungsansatz, der Extreme aller Art vermeidet, wohl am nächsten.
In Stammeskulturen, seien sie indianischen oder afrikanischen Ursprungs, gehört das Wissen um diese Zusammenhänge zum traditionellen Kulturerbe. Es ist das, was wir Volksweisheit nennen. Es ist das Wissen des mit dem Boden verbundenen Menschen, der die Gesetze des Lebens nicht nur kennt, sondern sie respektiert, indem er in wirklich heiliger Kommunion mit der Erde lebt. Nur wir dem Boden mehr oder weniger entwurzelten Neuzeitbürger westlicher Industrienationen müssen diese Wahrheiten wieder hören, nicht um sie zu lernen, sondern damit wir sie in unserem eigenen intuitiven Wissensschatz wiederentdecken. Denn Wahrheit verliert sich nicht. Sie kann lediglich verdeckt sein von subkulturellem Müll, der im Grunde den Jugendsünden der ersten Industrialisierung angehört und heute entsorgt sein sollte.
Vielmehr ist das Problem des Machtmissbrauchs in Beziehungen, als Folge der bis ins Erwachsenenalter verschleppten, oder aber nichtgelebten frühkindlichen Fusion mit der Matrix, ein immer brisanteres Problem. Es ist möglich, dass Drogenabhängigkeit, Alkoholismus, Delinquenz Jugendlicher, Inzest, Kindesmissbrauch, Kindermord und sogar Faschismus, totalitäre politische Systeme und was an Gewalt damit verbunden ist, bis hin zu Kriegen und Völkermord letztlich auf dieses so harmlos erscheinende Problem zurückgehen. Nach der altindischen Mystik leben wir im sogenannten Kali Yuga, dem Zeitalter der hinduistischen Göttin Kali, einer negativen Muttergestalt, die auch Lilith oder schwarze Göttin genannt wird. Es könnte dies ein Hinweis darauf sein, dass die Destruktivität des gegenwärtigen Zeitalters, all seine Gewalt, seine Massaker, seine Folterungen, Terroranschläge und Massenmorde, letztlich mit einer schwarzen Matrix, mit einer bedrohlichen, kastrierenden Mutterimago als den das kollektive Unterbewusste dominierender Archetyp im Zusammenhang stehen.
Diese These ist schwerlich wissenschaftlich zu beweisen, obwohl sich viele Indizien für ihre Wahrscheinlichkeit darbieten. Ich möchte daher diese Hypothese dahingestellt sein lassen, weil sie für die gegenwärtige Untersuchung nicht unmittelbar erhellend wirkt. Stattdessen möchte ich mich dem therapeutischen Aspekt, dem Ausweg aus der Fusion mit größerem Einsatz zuwenden.
Wesentlich ist zu wissen, dass jeder im individuellen oder kollektiven Unterbewussten vorhandene Archetyp nur dann die Gesamtpsyche dominieren und verpesten kann, wenn sich die Person seiner nicht bewusst ist. Ein dem Wachbewusstsein bekannter Archetyp, sei er noch so angsterregend, verliert seine destruktive psychische Energie. Die in ihm enthaltene Energie ändert durch die Einwirkung des Bewusstseins ihre Polarität von negativ zu positiv. Und sie wird dann als positiv gepolte Energie dem Gesamtbewusstsein zugeführt.
Dies ist klar ein alchemistischer Vorgang und so können wir denn auch sagen, dass Bewusstsein eine Katalysatorfunktion im Geiste hat, wodurch es auf die Substanz des Geistes, welche reine Energie ist, alchemistisch einwirkt. Diese Transformation des individuellen Bewusstseins führt zu einer weitaus stärkeren Begreifbarkeit der Welt und der inneren Zusammenhänge des Lebens. Mit jeder Transformation individuellen Bewusstseins wird aber zugleich ein Partikelchen des kollektiven Bewusstseins transformiert oder reformiert. Größere Klarheit, größerer Frieden, größere Vigilanz und Reinheit der Liebe sind die weltweiten Folgen einer solchen Erweiterung des planetaren Bewusstseinsinhalts. Um zurückzukehren auf das individuelle Niveau, so geht, wie bereits eingangs bemerkt, jeder therapeutische Ansatz davon aus, die individuelle Psyche von Blockaden und hypnotischen Injunktionen zu befreien, die der Entfaltung der natürlichen Eigenmacht im Wege stehen. Das Heilungsziel ist somit die Wiederherstellung des in der Individualpsyche herrschenden dynamischen Kraftflusses.
Bezogen auf unsere fusionelle Problematik, bedeutet dies, dass die Heilmacht der Eigenmacht aktiviert werden muss. Damit meine ich, dass Heilprozesse nicht durch magische Intervention des Arztes auf das Energiesystem des Patienten bewirkt werden, sondern durch eine Aktivierung des im Energiesystem des Patienten angelegten Eigenheilpotentials. Auch medikamentöse Eingriffe oder Therapien zielen letztlich darauf ab, die körpereigenen Heilprozesse anzuregen oder zu beschleunigen.
Jede Therapie ist daher im Grunde eine Form katalysierter Selbsttherapie, und jeder Therapeut ist folglich Katalysator für die Aktivierung des patienteneigenen Heilsystems. Auch Behandlung mit Hypnose macht davon keine Ausnahme, denn jede Hypnose ist eine Form der Autohypnose, wie unter anderem Milton Erickson in seinen vielen Schriften, Fallreporten und Erfahrungsberichten überzeugend nachgewiesen hat.
Es geht also in einem eventuellen interdisziplinären Ansatz, und nur ein solcher wird der Komplexität des Problems gerecht, darum, die Probleme der Fusion edukativ, reedukativ oder therapeutisch in der Weise anzugehen, dass die Betroffenen imstande sind, ihr natürliches Potential an Eigenmacht selbst aufzubauen, indem die psychischen Blockaden, die der Entfaltung dieses Potentials im Wege stehen, entfernt werden.
Viele verschiedene Therapieformen bieten sich hierzu an. Eine direkte Arbeit an den Emotionen und deren Ausdruck erscheint unumgänglich. Nur wer seine Emotionen ausdrücken kann, weil er nämlich gelernt hat, dass er sich selbst dazu die Erlaubnis geben muss, ist in der Lage, seiner Umwelt die Grenzen seiner Geist–Körper Einheit mitzuteilen und erlangt gleichzeitig die nötige Sensibilität, die Mitteilungen der Grenzen anderer Menschen zu beachten.
Zunächst einmal ist erforderlich, dass die Person ihre Emotionen zulässt und ertragen kann. Sodann setzt eine zusätzliche intellektuell–sprachliche Arbeit ein, die dazu dient, die Emotionen durch die Sprache zu humanisieren und sie damit auf spezifisch menschliche Weise der Kommunikation zuzuführen.
Emotionen sind unsere Antennen zur Selbstempfindung: sich selbst empfinden, und sich selbst finden sind zwei Ausdrucksweisen für denselben Vorgang. Sich selbst zu fühlen wird zum sich als Selbst fühlen, indem die empfundenen Emotionen als die ureigenen erkannt und akzeptiert werden. Nur durch die Anerkennung unserer Emotionen können wir zur Anerkennung unserer Ganzheit gelangen. Und da wir in Wahrheit, wie Ramana Maharshi immer wieder betonte, diese Ganzheit nie verloren haben, geht es nur darum, dass wir zur Überzeugung gelangen, diese Ganzheit zu besitzen, ganz wir selbst zu sein. Dann sind wir es auch. Dann sind wir das Selbst, unser Höheres Ganzes, und leiten unser Leben von einer Warte aus, die das individuelle Ego übersteigt.
Nun bringt mich dies zur Notwendigkeit einer kurzen Erklärung dieses scheinbaren Widerspruchs. Natürlich ist für individuelle Ganzheit die Bildung und Strukturierung des eigenen Ego notwendig; die Strukturierung des eigenen Ego führt nicht, wie man meinen könnte, zu Egozentrismus oder Egoismus und Dominanzstreben. Im Gegenteil. Ein starkes Ego ist die Voraussetzung für den Schritt, der zur Überwindung des Ego führt, hin zu wahrhaft selbstlosem Denken und Handeln.
Solange Fusion besteht zwischen dem eigenen Ego und einem fremden Ego, kann dieser letzte Schritt nicht getan werden. Denn in diesem Falle ist es das ganze Bestreben jedes der beiden Egos, zur Abkoppelung vom anderen Ego zu gelangen, und damit zu Individualität und Autonomie.
Diese notwendige Evolutionsrichtung auf die eigene Ganzheit schließt wahrhaft altruistisches Handeln nicht aus. Im Gegenteil ist es so, dass wir nur dann gefühlvoll und sensibel die Interessen anderer und der Erde beachten können, wenn wir unser Ego integriert haben; integrieren können wir aber nur etwas, was vorhanden, was gebildet ist. Aufgabe oder Zerstörung des Ego, wie es manche Sekten blindlings postulieren, bedeutet in letzter Instanz die Erzeugung einer Psychose! Während dieser Bewusstseinszustand natürlich kurzfristig, und unter Mithilfe psychedelischer Drogen, erzielbar ist und wohl auch gewisse Vorteile bringt als Seinserfahrung, ist ein solcher Zustand undenkbar als Dauerzustand, ohne dass dabei das psychische Gleichgewicht aufgelöst wird.
Was viele Prediger der Bewusstseinserweiterung leider übersehen, ist, dass man nur erweitern kann, was vorhanden ist. Wenn das Ich genügend stark geformt ist, kann man daran gehen, es zu expandieren. Aber mit einem ungenügend geformten Ich, wie es typischerweise das Relikt patriarchalischer Erziehung ist, gehen solche Erfahrungen ins Leere. Was sie erzeugen, ist Konfusion, blinde Abhängigkeit von Gurus und Sinngebern und ein mehr oder weniger erodiertes Realitätsgefühl.
Die Realisierung der eigenen Ganzheit setzt Bewusstsein des Selbst voraus. Wir nennen dies Selbstbewusstsein. Dieses Bewusstsein erstreckt sich auf alle Bereiche der Psyche und natürlich auch auf den Körper. Es umfasst das Bewusstsein des kaleidoskopartigen Spiels der Emotionen sowie deren passive Beobachtung und volle Akzeptierung. Diesen Gedanken, und was daraus folgt für das Verständnis unserer Emotionen ist Gegenstand der nächsten Etappe.
Die Abnabelung von der Matrix und projektiven fusionellen Kontakten wie mit dem Ehepartner, engen Freunden, oder der außerehelichen Konkubine, kommt in der Regel nicht durch ein brutales Kappen der Bande solcher Beziehungen zustande. Vielmehr weisen gerade brüske Trennungsreaktionen auf implizite Trennungsängste hin und sind generell nicht geeignet, die innere Problematik zu lösen. Denn was innen ist, muss auch innen behandelt werden. Und die fusionelle Problematik ist von ihrem Ausgangspunkt her eine innere Problematik.
Überspitzt formuliert handelt es sich eigentlich um eine Illusion. Denn mit dem Kappen der Nabelschnur wurde die Trennung von der Matrix vollzogen. Die psychische Nabelschnur, um die es hier nur geht, ist eine Kreation der Psyche. Doch diese Illusion, solange sie nicht als solche erkannt wird, stellt Realität dar. Wie Jung überzeugend nachgewiesen hat, werden alle unbewussten Gedankeninhalte in Handeln und Erleben umgesetzt, also gleichsam nach außen inkarniert, ohne dass dabei Wille und Wachbewusstsein eine Rolle spielten. So wird die Reaktion auf eine als bedrohlich empfundene Trennungsangst häufig sein, die Beziehung abzubrechen, was natürlich paradox erscheint, psychologisch gesehen aber völlig logisch ist, und zwar mehr oder weniger brüsk und meistens ohne Übereinkunft mit dem Partner: man rennt einfach weg—um dann wenig später eine neue, gleichermaßen fusionell geprägte Beziehung anzuknüpfen, die der alten wie ein Ei dem anderen gleicht, und sie ersetzt.
Häufiger Partnertausch ist die Folge ungelöster fusioneller Probleme. Es handelt sich hier um ein, wie bereits bemerkt, äußerlich paradoxes Verhalten. Denn die Fusion wird gesucht und doch wieder geflohen. Jeder neue Ansatz einer intimen Beziehung erweckt neue Hoffnung auf das erstrebte Partnerglück. Allerdings wird dieses Glück in einer fusionsartigen Bindung gesehen, nicht in einer auf gegenseitige Autonomie und Eigenverantwortung beruhenden wirklichen Partnerschaft.
Die durch diese Erwartung erzeugte unterbewusste Assoziation mit der primären Fusion muss zwangsläufig Angst hervorrufen. Dies wegen des missglückten Bemühens um Autonomie, das bereits in der frühen Kindheit frustriert wurde und der Angst vor weiterer Frustration, die sich deswegen bereits dem kindlichen Gemüte eingraviert hatte. In jeder sekundären Fusionsbeziehung werden dann also, neben dem anfänglichen paradiesischen Glück nostalgischer Fusionserinnerung, auch die primäre Fusionsangst und die Begleitgefühle der Ohnmacht, der Wut, der Frustration wieder neu aktualisiert. So kann das Glück gewissermaßen immer nur vergiftet genossen werden.
Es ist letztlich vom Standpunkt des gesunden Menschenverstandes aus betrachtet nicht verwunderlich, dass ein solches Wiederaufwärmen der alten Suppe keine sehr glücklichen Folgen zeitigen kann. Alle Beobachtung der Natur und ihrer Gesetze führt uns vor Augen, dass Häutungen in jeder Art von Entwicklung unentbehrlich sind. Wie wäre es um die Schönheit des Schmetterlings und um seine Beweglichkeit bestellt, müsste er die dicke Hülle der Larve oder gar der Puppe mit sich herumführen? Oder, ein Bild, das vielleicht noch anschaulicher ist: Man stelle sich vor, unser erwachsener Körper sei stets umkleidet mit der Haut, die unseren Körper umgab, als wir Säuglinge waren. Diese Haut hat sich nicht etwa auf unsere heutigen Masse ausgedehnt, noch ist sie einfach gewachsen. Sie hat sich vielmehr durch ständiges Häuten oder Schuppen stets erneuert. Und Forscher haben überdies herausgefunden, dass sich unser gesamtes Zellgewebe innerhalb der kurzen Spanne von elf Monaten vollkommen erneuert. Alle Jahr also haben wir einen neuen Körper.
Das Wechselspiel der Emotionen, wenn der Energiefluss normal ist, also keine Neurose oder gar Psychose vorliegt, ist im Grunde auch ein solches Häuten, ein solches Sterben und Wiedergeborenwerden von Emotionen, ein Auf und Ab, das, gleich den Wellen des Meeres, die Bewegung des Fliessens erst wirklich hervorbringt.
Die Heilmacht der Eigenmacht geht Hand in Hand mit dem natürlichen Fluss der Emotionen, der Lebensenergie. Nur in sich abgegrenzten fließenden Systemen ist es möglich, dem Gesetz der Entropie entgegen zu wirken und Energie zu speichern und zu bewahren vor Abfall in ein niedrigeres Energieniveau. Bei fusionell verkoppelten Fließsystemen kommt es zu Abfluss der Energie beim einen und Überfluss beim anderen. Also in jedem Falle zu einer Ungleichgewichtung der individuellen Vitalenergien.
Nur bei einer Art idealem Zusammenschwingen der beiden Energiesysteme ist Harmonie für beide Fusionspartner möglich. Das ist sicher für Mutter und Säugling der Fall. Aber nur deswegen, weil beim Säugling noch kein als eigen abgegrenztes Ego vorliegt und die postnatale Fusion daher eine bloße beim Menschenbaby für die Dauer der ersten achtzehn Monate notwendigen Fortsetzung der fötalen erscheint. Dies ist ebenso in der Pflanzenwelt, wo häufig verschiedene Spezies eine für beide fruchtbare und gewinnbringende Symbiose unterhalten.
Dies gilt jedoch nicht für die sekundäre Fusion oder Kodependenz, von der hier einzig die Rede ist. Es handelt sich dabei eben nicht um eine von der Natur gewollte und geregelte und sozusagen partnerschaftliche Symbiose, sondern um ein ungleichgewichtiges Verhältnis, das beide Partner der Beziehung an ihrer Entwicklung hindert, statt diese Entwicklung, wie es bei der Symbiose der Fall ist, zu fördern. Es ist leicht einzusehen, dass jeder Mangel an Autonomie potentiell ein Schritt hin zur Schizophrenie ist. Oder aber, positiv formuliert, und sicher im Einklang mit Kritikern der traditionellen Psychiatrie wie Szasz oder Laing, könnte man die Behauptung aufstellen, dass die sogenannte Schizophrenie nichts anderes ist, als ein Mangel an Autonomie, ein Fusionsproblem, das dabei ist, gewisse pathologische Formen anzunehmen.
Und dann kommt noch dazu, dass es nicht ohne weiteres klar ist, was wir denn nun als pathologisch definieren? Denn ganz offenbar hängt dies von den jeweils gültigen kulturellen Verhaltensnormen ab.
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