Multidimensionalität

Wir sind multidimensionale Wesen!


So wie es in der Natur selten schwarz und weiß gibt, sondern viele Grautöne, so setzt sich die Persönlichkeit aus einem mehr oder weniger von verschiedenen Teilpersönlichkeiten oder verschiedenen Energien zusammen, wobei der Grad des Zusammenhalts dieser einzelnen Teile oder Energien von der Integration des Gesamtselbstes abhängt.

Was den Grad der Integration des Gesamtselbstes angeht, so bestehen individuell große Unterschiede. Fälle von Persönlichkeitsspaltung sind lediglich die pathologischen Unfälle, bei denen gewissermaßen der psychische Klebstoff nicht mehr ausreichte, um die verschiedenen Energien der Psyche zusammen zu halten. Dem Ego kommt dabei die Rolle einer Integrationsfigur zu, so wie ein guter Dirigent ein Orchester so führt, dass man glaubt, nur eine einzige Person spielen zu hören—in Wahrheit sind es aber über hundert einzelne Spieler.

Um diese Funktion erfüllen zu können, muss das Ego, wie ein guter Dirigent, anpassungsfähig sein. Ein Dirigent, der die Musiker ständig überfordert, wird am Ende einen Reinfall erleben bei der Premiere. Es geht darum, das letzte aus den Spielern herauszuholen, sie aber nicht über den Höhepunkt ihrer individuellen Leistungsfähigkeit hinauszuführen. Dazu ist erforderlich, dass der Dirigent jeden einzelnen Musiker kennt, jede Stimme in der Partitur und sogar jede Schwachstelle im Orchester, um letztlich die optimale Synthese und höchste Qualität aus all den Einzelleistungen herzustellen.

Ebenso muss das Ego, um seine Funktion der Integration aller im Selbst vorhandener Energien erfüllen zu können, flexibel sein und nicht rigide, offen für das Verständnis jeder einzelnen Energie, ohne diese moralisch zu bewerten. Ein neurotisch versteiftes Ego ist dazu zum Beispiel nur schwer in der Lage, ein psychotisch ertrunkenes Ego offensichtlich noch viel weniger.

Die Psychose ist nichts anderes als ein Chaos der Einzelenergien der Psyche, wobei sich mal diese mal jene der Teilkräfte an die Oberfläche des psychotischen Ozeans schafft und das Gesamtselbst zu überschwemmen sucht. Je nach dem Grad der Desintegration des Ego und dem Potential der jeweils dominierenden Energie, ist der psychotische Schub mehr oder weniger stark. In der gesunden Psyche herrscht allerdings potentiell die gleiche Vielfalt an Teilenergien oder Teilpersönlichkeiten vor wie in der psychotisch zersetzten oder schizophrenen Persönlichkeit, nur dass hier alle diese einzelnen Teile zu einer mehr oder weniger harmonischen Funktionseinheit verschweißt sind.

Wie kommt es zur Bildung solcher Teilpersönlichkeiten? Jeder von uns fühlt in sich Verlangen und Wünsche, Kräfte, die antreiben zur Aktion, und andere, die uns zurückzuhalten suchen; jeder kennt die innere Stimme, die sagt: Nun wohlan denn, vorwärts, es ist wichtig, dass du dich weiterentwickelst, gehe das Risiko ein, habe Mut, voran … Und jeder kennt auch die andere Stimme, die da sagt: Aber nein, nicht so schnell, man muss vorsichtig sein. Wenn du das tust, fällst du aus dem Rahmen; das könnte unangenehme Folgen haben. Lass uns noch abwarten …

Das erinnert an die poetischen Gestalten in Robert Schumanns Musik,Florestan und Eusebius, oder den Emotionalgehalt klassischer Sonatenthemen:
—Erstes Thema: aktiv, männlich, markiert, vorwärtsstürmend (mutig).
—Zweites Thema: passiv, weiblich, zart, zurückhaltend (zaghaft).

Das wiederum erinnert an das klassische Zwillingspaar Castor (göttlich) und Pollux (menschlich), an Shakespeares Romeo und Julia, an Hermann Hesses Narziss und Goldmund, an Goethes Faust und Mephisto—oder, allgemeiner, an das Prinzip des Dualismus schlechthin, das sich nicht nur im Okzident, in Form des platonischen und später aristotelisch–christlichen Dualismus, sondern auch im Orient, wie zum Beispiel im I Ging, dem fünftausend Jahre alten chinesischen Weisheits– und Orakelbuch formulierte:
—Erstes Hexagramm: Das Schöpferische (Yang)
—Zweites Hexagramm: Das Empfangende (Yin)

Jeder kennt solche kleinen Stimmen in sich, ohne sich deswegen gleich für psychotisch oder schizophren zu halten. In der Tat kommt es auf das Verhältnis unseres Bewusstseins zu diesen inneren Stimmen an. Fühlen wir sie als Teile von uns, was der Regelfall ist, bedeutet dies, dass sie in unser Ich, in unser Bewusstsein integriert sind.

Das Phänomen bei Psychose und Paranoia ist demgegenüber davon gekennzeichnet, dass der Kranke glaubt, die Stimmen, die er vernimmt, seien völlig losgelöst von seiner eigenen Psyche, und kämen von außen. Er fühlt sich häufig verfolgt von diesen Stimmen, die ihn bedrohen oder ihm Befehle erteilen, die er ohne Verzug ausführen zu müssen glaubt. Es handelt sich hierbei also um ein Phänomen der Desintegration von solchen Teilen der Psyche des Kranken.

Was uns also von einem Paranoiker unterscheidet, ist die Tatsache, dass wir solche Teilkräfte der Psyche im Rahmen unseres Bewusstseins verankert halten können, dass wir sie in einer Art Harmonie oder Gleichgewicht zu halten vermögen. Dali sagte, das einzige, was ihn von einem Verrückten unterscheide sei, dass er nicht verrückt sei.

Es ist demgegenüber keineswegs so, dass der psychisch gesunde Mensch lediglich über eine einzige Facette der Persönlichkeit verfüge. Es handelt sich vielmehr um eine Art Adhäsionsphänomen—in gewisser Weise den Zentrifugal– und Zentripetalkräften im Atom vergleichbar. Die verschiedenen Aspekte der Persönlichkeit können, wenn uns dieses Bild hier erlaubt ist, als Elektronen der Psyche gedacht werden, die um einen Nukleus: das Selbst oder Persönlichkeitskern kreisen. Sie tragen in sich selbst die energetische Tendenz, sich vom Kern zu lösen, sich zu verselbständigen in verschiedene Teil–Persönlichkeiten, sich also sozusagen zentrifugal zu zerstreuen. Andererseits besteht vom Persönlichkeitskern her eine energetische Anziehung, die diese Teilenergien, diese verschiedenen Aspekte der Persönlichkeit in der Gesamtpsyche zu halten sucht, sich also zentripetal nach innen zieht, sie harmonisiert und im Ganzen verhaftet hält.

Von daher ist die Frage von Normalität oder Geisteskrankheit im Grunde eine Frage der Dialektik dieser innerpsychischen Prozesse von Anziehung und Abstoßung, von Integration und Zersetzung, von Harmonie und Ungleichgewicht, im einzelnen Fall.

Bereits weiter oben zitierte Beispiele aus der Literatur zeigen, in welchem Masse große schöpferische Menschen die verschiedenen Facetten ihrer Gesamtpsyche, in ihren Werken, einerseits zu verschiedenen Teil–Persönlichkeiten ausformten, sie aber andererseits, vielleicht gerade aufgrund ihrer literarischen Ausarbeitung, im Rahmen des psychischen Gleichgewichts zu halten erreichten. Shakespeare, Goethe, Schiller, Dostojewski, und aus jüngerer Zeit James Joyce, sind dafür nur einige wenige Beispiele aus der Weltliteratur.

Je komplexer die psychische Struktur eines Menschen, je größer sein kreatives Potential, umso mehr Facetten hat seine Persönlichkeit. Goethe ist dafür ein herausragendes Beispiel. Es ist aus biographischen Quellen bekannt, dass Goethe, um bestimmte Ziele im Leben zu erreichen, ganz bewusst seine kreative Imagination dafür einsetzte—wie dies heute von verschiedenen Schulen des Persönlichkeitstrainings gelehrt wird. Goethe ging dabei soweit, ein bestimmtes Ereignis, Begegnung oder Gespräch, das für ihn von Bedeutung war, zu inszenieren, indem er selbst die Rollen übernahm und improvisierte. Dies konnte dann zum Beispiel so aussehen:
—Goethe I (Verleger): Sie wollten mir ein neues Buch unterbreiten?
—Goethe II (Schriftsteller): Ja. Ich habe das Schauspiel gerade abgeschlossen. Es heißt Antigone. Es ist ein antiker Stoff, den bereits Sophokles bearbeitete …
—Goethe I (Verleger): Nun ja, zeigen Sie mal her, Herr Geheimrat, das könnte von Interesse sein …
—Goethe II (Schriftsteller): Das könnte nicht nur von Interesse sein, das istvon Interesse, Herr Verleger …

Dabei verwandelte sich Goethe blitzschnell in die eine und die andere der Personen, und das konnten auch mehr sein als zwei Personen, und spielte jede der Rollen bis zur Perfektion.

Was ist Theater überhaupt anderes, als die Inszenierung bestimmter Facetten unserer Persönlichkeit? In diesem Sinne ist jede Art von Theater im Grunde Psychodrama. Letztere Gattung des Theaters unterscheidet sich in der Tat von anderen Formen des Theaters nur dadurch, dass es als Teil einer Psychotherapie ganz bewusst heilenden Zwecken unterstellt wird. Der innere Dialog ist in der Tat eine Art von innerem Theater, eine Bühne inkarnierter psychischer Energien.

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