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Moralismus in der Politik

Variationen über das Thema Gewalt


Inhalt

Moral vs. Moralismus
Moralpolitik vs. Friedenspolitik
Heuchelei vs. Wahrheit
Demokratie vs. Moralfaschismus


Moral vs. Moralismus

Mit der Unterdrückung von Lust im Patriarchat ging einher die ‘kulturelle’ Subordination der Natur unter die Dominanz des Mannes. Das hatte zur Folge, dass sich nicht nur soziale Beziehungen durch den Einbruch des Moralismus unnatürlich und gewaltsam entwickelten, sondern auch, dass Herrscher und Staaten über ihre Gleichen von Konflikt und Gewalt gezeichnete Beziehungen anknüpften.

Die Geschichte der Menschheit ist denn auch seit den letzten fünftausend Jahren eine Geschichte von Kriegen und Bürgerkriegen, die Millionen Menschen das Leben kosteten.

Dies ist so, weil sich Staaten, vor allem wenn sie eine relativ junge Geschichte haben, sehr ähnlich wie Menschen benehmen.

Das überrascht nicht, denn schliesslich sind sie in aller Regel nicht von Weisen und Intellektuellen, sondern von recht durchschnittlichen und oft sehr stark konditionierten, und oft opportunistischen Menschen geführt. So kommt es, dass der Moralismus, welcher wohl die herausragendste Charakteristik des Patriarchats ist, nicht nur bei Individuen zu beobachten ist, sondern auch bei dem Verhalten von Staaten, im internationalen Verkehr.


Moralpolitik vs. Friedenspolitik

Es ist offensichtlich kontraproduktiv für den internationalen Frieden, dass man die alte und total ineffektive Haltung des Moralismus auch heute noch im internationalen Verkehr gebraucht. Das erstaunt umso mehr, als wir doch insoweit heute ein wenig klüger sind als die Generationen vor uns, denn wir haben gesehen, dass Moralismus weder im Beruf und im Unternehmen, noch der Erziehung, noch in der Partnerbeziehung etwas bringt. Was Moralismus bringt, in der Tat, sind Lügen!

Und das ist einer der Gründe, warum die internationale Politik heute so lügenhaft ist, wie sie ist, warum es immer wieder Bürgerkriege und Genozide gibt, in denen Millionen ermordet werden und die dann regelmässig von Regierungsvertretern vertuscht werden, und die man den Massen verkauft als das böse Treiben von irgendwelchen Separatisten oder Terroristen, oder Kommunisten, oder wie man sie auch immer nennt.

Der Urgrund von alledem ist Moralismus, welcher mit Moralität so viel zu tun hat, wie Religion mit Fundamentalismus. Wären Staaten wirklich moralisch in ihrem Umgang miteinander, und in ihrem Umgang mit ihren Bürgern, dann würde die Welt gänzlich anders aussehen, und Weltfrieden wäre bereits längst realisiert.

Es ist nicht, dass bestimmte Staaten ‘gewalttätiger’ seien als andere, es hat auch mit der Geschichte nichts zu tun, denn wir sind nicht durch die Geschichte in unserem Handeln bestimmt; es hat auch nichts mit Religionen zu tun, die man in jüngster Zeit immer gern als den Teufel im Getriebe ausmacht.

Es ist Moralismus, als das System, das die Liebe durch die Lüge ersetzt hat!

Denn ehrliche Politik und Moralismus sind nur schwer miteinander vereinbar. Politik, die Verwaltung der polis, dem griechischen Vorläufer unseres Staates, ist eine Aufgabe, die nur dann zum Nutzen aller Beteiligten gelöst werden kann, wenn sie der Sache selbst dient und von einer exakten Analyse der für den Entscheidungsprozess wesentlichen Fakten ausgeht.

Darüber hinaus ist Moralismus eine Form von struktureller Gewalt, eine Art von hybrider Arroganz, die auf einem zutiefst irrationalen Weltbild beruht, das die Fakten verdreht und durch eine ideologische und meist fundamentalistische Brille sieht.

Das moralistische Weltbild ist das Weltbild der ewigen Pharisäer, derjenigen, die glauben, mit Schuld und Strafe, mit Kreuzzügen, heiligen Kriegen oder Todesschwadronen ließen sich Probleme lösen oder gar die Welt verbessern.


Heuchelei vs. Wahrheit

Das moralistische Weltbild ist im Grunde überhaupt kein Weltbild. Es ist ein heuchlerisches Vorschieben von Vorwänden, um die Dinge so sehen und darstellen zu können, wie es einem behagt und dem eigenen opportunistischen Vorteil entspricht.

Wer glaubt, dieses Weltbild gehöre der Vergangenheit an, muss mit Blindheit geschlagen sein. Denn man braucht nur eine beliebige Tageszeitung aufzuschlagen, um sich vom Gegenteil zu überzeugen. Ob es nun um Rüstung geht, um das Drogenproblem, um Rassen– oder Nationalitätenkonflikte, um die Überbevölkerung der Erde, die langsame aber sichere Vernichtung der Umwelt oder gar die Misere der Straßenkinder in vielen Ländern dieser Welt, der Prostitution oder die Anliegen sexueller Minderheiten geht — überall wird von den Regierenden versucht, diese Weltprobleme und Zeitfragen mit alten, moralistischen Schablonen zu erfassen und mit mehr oder weniger gewalttätigen Schuld–Und–Strafe–Konzepten anzugehen.

Dabei hat alle menschliche Geschichte gezeigt, wo solche Gedankenkonzepte und Begriffe hinführen: zu Gewalt, Völkermord, Mordkreuzzügen, Inquisition, dem Ausrotten ganzer Kulturen, die nicht ins moralistische Weltbild passen, zu Konzentrationslagern, Terrorregimen bis hin zu unserer heutigen weltweiten Polizeiüberwachung im Namen des ‘Kampfes gegen den internationalen Terrorismus.’

Seit die Moralisten die Welt regieren, wurde die Welt nicht zum Paradiese: im Gegenteil ist es uns allen schlechter dabei ergangen. All ihre Schutz– und Behütungsparolen, ihre Kinderzimmermoral und ihre drakonisch–dummen Lügenkampagnen haben im Gegenteil die Welt unmündiger gemacht und weniger stark zur wirklichen Auseinandersetzung mit der immensen Menge von Problemen, welche, wenn man sich ihnen ohne Begriffsschablonen und moralistischen Konzeption nähert, als miteinander verknüpft erweisen.

Weder Nietzsche, der das moralische Zeitalter mit dem Mittelalter beginnen ließ und noch vor Ende des 19. Jahrhunderts die Zerstörung der Moral verkündete, noch die in den Industrienationen verbreitete Abkehr von religiöser Weltsicht, haben daran etwas geändert. Denn das Problem liegt auf einer ganz anderen Ebene. Es geht nicht um Glauben oder Wissen, es geht um Angst.


Demokratie vs. Moralfaschismus

Das moralistische Weltbild, ganz unabhängig von jeder Religion oder Ideologie, ist auf die Angst gegründet und ist eine Gestalt dieser Angst.

In den Vereinigten Staaten arbeiten mehr als 70% aller Wissenschaftler für die Rüstung, einfach aufgrund des neurotischen Aberglaubens, dass immer die anderen die Angreifer sind, die Bösen, die Unmoralischen, die Saboteure, die Terroristen. Dabei engagieren sich solche Staaten oft selbst in terrorartigen Moralkreuzzügen und richten damit ein Vielfaches an Schaden an, verglichen mit dem, den sie vorgeben, verhüten zu wollen.

Ich möchte ein solches Verhalten einmal mit dem Begriff des moralischen Faschismus belegen. Allgemeiner formuliert geht es dabei um ein Handeln, das, regelmäßig unter Vertuschung der wahren Ursachen eines Problems, dieses durch kurzsichtige und meist gewalttätige Maßnahmen zu lösen versucht, um das Problem zu verlagern und es damit komplexer zu machen, als es ursprünglich war. All dies mit dem Endziel, Macht und Ansehen zu gewinnen, also persönliche oder nationale Vorteile zu erreichen. So wird ein Problem ausgenutzt, aber nicht gelöst.

Es sieht heute schick aus, wenn sich Gruppen oder gar Nationen als Weltpolizei aufführen. Die Medien berichten gern ausführlich darüber.

Eingelullt in Konsum, erhebt kaum jemand dagegen seine Stimme. Doch wem gereicht ein solches Verhalten eigentlich zu Nutzen, ausser natürlich denen, die es anzetteln? Sehe ich dies als Jurist einmal unter der Lupe des internationalen Rechts, so muss ich feststellen, dass weltpolizeiliche Maßnahmen, wie sie manche Staaten neuerdings praktizieren, häufig die nationale Souveränität anderer Staaten verletzen.

Solches wird manchmal dann ex post auch offen zugegeben und mit moralischen Argumenten gerechtfertigt. Hingegen sieht Art. 2 (4) der Verfassung der Vereinten Nationen, welcher die nationale Souveränität schützt, keinen solchen Ausnahmetatbestand vor. Ein solcher käme denn auch einer Generalklausel gleich, der die Souveränität der Staaten, die im internationalen Recht einen der heiligsten Grundsätze darstellt, unterhöhlen würde.

Im Grunde handelt es sich bloß um Variationen eines alten Themas. Wer hat die Moral erfunden? Wer hat damit begonnen, immer die anderen als schuldig zu befinden, und den Balken im eigenen Auge zu übersehen? Wer hat Lust und Liebe als sündhaft angesehen? Wer hat die Wörter Liebe und Sex erfunden, und wer das Wort G–o–t–t? Wer hat definiert, was eine Droge ist und was keine? Wer hat sich überlegt, dass die Frau aus einer Rippe des Mannes hervorgegangen sein müsse? Wer hat behauptet, dass die Erde dem Menschen untertan sei und wieso? Wessen Körper hat seinen Besitzer so angeekelt, dass dieser dekretierte, der Körper sei ‘sündhaftes Fleisch?’

Und warum haben das alle geglaubt? Warum glauben wir überhaupt etwas, wo wir wissen können und wo das, was wir nicht wissen, uns gleichgültig sein kann? Warum rennt der Mensch hinter Wissen und Lust her, anstatt zu leben? Warum weiss der Mensch nicht, was Leben ist und lässt sich von seinen Führern sagen, was es sein sollte? Warum braucht der Mensch überhaupt Führer? Warum hat er panische Angst davor, sich selbst zu führen, sich selbst überlassen zu sein? Warum flüchtet er aus der Verantwortung in sinnlose Schuldgefühle? Warum zieht er der Wahrheit die Heuchelei vor?

Jeder, der auf diese Fragen schnelle Antworten weiss, weiss nichts. Denn es gibt Fragen, auf die es keine schnellen Antworten gibt und die man daher unbeantwortet lassen sollte.

Eine einzige Frage ist mehr wert als hundert Antworten. Jede Moral gibt schnelle Antworten und verbietet das Fragen. Wer fragt ist subversiv. Wahre Intelligenz braucht es, um die richtigen Fragen zu stellen und nicht um die immer wieder falschen Antworten zu geben.

Erst wenn dieser Ausgangspunkt erreicht ist und alle moralischen Schemata und Konzepte entschieden zurückgewiesen wurden, ist ein ganz neuer und kreativer Blickwinkel möglich. Dann wird man vielleicht Lösungen dieser Zeitfragen, die im Grunde sehr alte Menschheitsfragen sind, finden, an die man bisher noch nie gedacht hat.


Kritischer Rückblick

  • Gewalt beruht nicht auf menschlicher Natur, sondern unmenschlicher Kultur; sie ist zum grossen Teil konditioniert wird durch die Unmoral des Moralismus, welche im internationalen Verkehr und der Art, wie sich Regierungen ihren Staatsangehörigen gegenüber verhalten, den Ton angibt.
  • Durch Moralismus in der Erziehung und Moralismus in der Politik wird Gewalt dann auch politisch und sozialpolitisch festgeschrieben als eine angebliche genetische Fehlfunktion des Menschen. Richtig besehen ergeben diese Forschungen klar und deutlich, dass Moralismus selbst Gewalt ist, nicht aber menschliche Natur, soweit sie weitgehend ‘unmoralisiert’ aufwachsen darf.
  • Die funktionale Ursache der Gewalt ist also nicht in der Natur, sondern in einer Verbiegung von natürlichen Lebensfunktionen zu finden.
  • Die Forschungen des amerikanischen Neuropsychologen James W. Prescott lassen erkennen, dass es einen funktionellen Zusammenhang gibt zwischen Lustunterdrückung und dem Entstehen von Gewalt. Wir können hier von einer gesellschaftlichen Konditionierung auf Gewalt sprechen. Dies ist gültig sowohl für den individuellen wie den kollektiven Bereich.
  • Im übrigen hat neurologische Forschung seit den 70er Jahren gezeigt, dass das menschliche Gehirn unzweifelhaft dem Lustprinzip folgt, also biologisch–evolutiv, und psychisch–kreativ auf Lustgewinn angelegt ist. Dies ist eine fundamentale wissenschaftliche Erkenntnis, die, verstünde man die Tragweite dieser Forschung, umgehend einen Paradigmenwechsel in der Erziehung und der Berufsausbildung nach sich ziehen würde.
  • Diese Forschungen wurden durch die moderne Neurologie der letzten beiden Jahrzehnte voll bestätigt, und darüber hinaus wurde herausgefunden, was man vorher nicht wusste, dass wir auch bei voll ausgewachsenem Gehirn die neurale Struktur des Gehirns, das sogenannte Neuronetz, ändern können durch gezielte und konsistente Persönlichkeitsarbeit, Meditation und bewusste und gewollte Änderung unserer Verhaltensmuster.
  • Moralismus in der Politik hat seit der zweiten Hälfte der achtziger Jahre eine besondere strategische Bedeutung erhalten, obwohl moralisierendes Geschwafel vonseiten der Politiker seit alters her ‘gut ankam’ bei den Massen, denn sie wurden auf solche Parolen von ihren Religionen und ihren Schulsystemen gründlich vorbereitet. Als geschulter Jurist und nach dem Studium von Werken wie Machiavellis Der Fürst (1513/1531/2009) weiss man, dass all dies reine Taktik ist und mit wahrer Moral im Sinne von eines individuellen Verlangens nach ethisch–rechtem Handeln nichts, aber auch gar nichts zu hat.