A New Beginning — Achtung Klimawandel

In ferner Zukunft stellen unsere Nachfahren fest, dass wir es total versaut haben mit dem Klima. Ein gewaltiger und für unsere Urururururenkel finaler Sonnensturm droht, die Ausrottung der Menschheit scheint besiegelt. Zum Glück haben die Bunkerkinder — denn in Bunkern leben sie selbstverständlich, die Erdoberfläche ist absolut nicht mehr bewohnbar — einen Plan: den „Phönixplan“. Klar. Aus der Asche und so… Jedenfalls beinhaltet dieser eine Zeitreise in das späte 20. Jahrhundert in dem eigentlich nichts weiter zu tun ist, als eine spezielle alternative Energiequelle (die Blaualge) zu promoten und uns Holzköpfen klar zu machen, dass Atomstrom so gar nicht geht.

Dazu suchen die Zeitreisenden in Person von Fay, einer der beiden Hauptfiguren, Bent Svenson, die andere Hauptperson, auf. Es ist also nun an Fay, einer etwas tollpatschigen, charmanten jungen Frau den im Ruhestand befindlichen Bent davon zu überzeugen, seine Forschung an den Algen wieder aufzunehmen und die Welt zu retten. Das Problem ist, dass Bent die Schnauze gründlich davon voll hat diese Alge zu beforschen, hat er doch über dieses Vorhaben Frau ganz und die Zuneigung des Sohnes fürs Erste auch verloren. Stattdessen ist er vollauf damit beschäftigt zu verhindern, dass sein Selbstmitleid in eine handfeste Depression kippt. Eine Vita, die jedem Kommissar schlechter Krimis alle Ehre macht. Und außerdem: welcher Mann der Wissenschaft glaubt schon an Zeitreisen? Ein schwieriger Einstieg also in ein Abenteuer, dessen Ziel kein geringeres ist als die Rettung der Welt…
Deadalic, die Entwickler des Spiels, bezeichnet A New Beginning als Öko-Thriller. In der Tat gibt es einige Momente im Spiel, die entsprechende Elemente aufweisen, man sollte sich hier von der comichaften Aufmachung des Spiels nicht täuschen lassen. Allerdings kann man wohl auch nicht behaupten, dass der Spieler zitternd und zähneklappernd vor seinem Monitor hockt.

Thriller ist wohl in der Tat etwas übertrieben. Aber man muss sich ja nicht an den Begriffen aufhängen. Insgesamt ist Deadalic mit „A New Beginning“ nämlich ein stimmiges und atmosphärisches Adventure gelungen. Manchmal kippt es ins dramatische, manchmal wird es kriminalistisch und manchmal auch spannend.

Aufmachung

Ich mag schöne Dinge! Und „A New Beginning“ ist so ein schönes Ding. Das fängt schon mit der Verpackung an und zieht sich durch das gesamte Spiel. Zugegeben, ich sage das so, weil es mir persönlich gefällt. Freunde der aufwendigen 3D Grafiken werden enttäuscht sein. Denn wir haben es hier mit einem aufwendig handgezeichneten Computerspiel zu tun, aber eben in 2D. Da ist nichts gerendert, hier wurde gezeichnet, geinkt, koloriert und animiert. Und das wunderschön. Die Figuren schweben zwar manchmal eher durch die Kulissen und nicht jede Handlung ist konsequent zu Ende geführt, d.h. man sieht nicht bei jedem Gegenstand, wie er genau aufgenommen und wohin er gepackt wird. Aber das hat mich nicht eine Sekunde gestört, weil man jederzeit die Mühe zu sehen meint, die in das Gestalten der Szenen gesteckt wurde. Etwa das Äffchen, das einen aus dem Urwald anstarrt. Es lohnt, die Augen nach solchen Details offen zu halten.
Die Zwischensequenzen sind eine Mischung aus Animation und klassischem Comic. Es ist wohl Geschmackssache, ob man das in dieser Form gut findet, oder ob man etwas mehr Animation möchte. Ich fand es herrlich. Meine Argumentation ist ähnlich wie oben: ein Schuss Nostalgie wegen der guten, alten 2D Zeit und eine Vorliebe für gute Illustrationen, bzw. für gute Comics. Außerdem sind sie informativ und passen perfekt in das grafische Gesamtkonzept. Leider muss ich an dieser Stelle anmerken, dass ich zu den Unglücklichen gehöre, bei deren System die Videosequenzen ab und an zu Spielabstürzen führen. Leider gab es, bis ich das Spiel zu Ende gespielt hatte, noch keinen Bugfix, der diesen Fehler behebt. Allerdings plagten mich diese Spielabstürze fast nur am Anfang des Spiels und nahmen ziemlich bald ab. Ich kann natürlich nicht beurteilen, ob dass einfach Zufall war, oder ob das Spiel wirklich vor allem am Anfang dieses Problem hat. Häufiges Speichern ist jedenfalls anzuraten, obwohl mich die Funktion „Weiterspielen“ nach dem Spielneustart immer relativ nah an die Videosequenzen brachte.
Auch über die Vertonung kann man nur Gutes sagen. An professionellen Sprechern wurde nicht gespart, die Tiefe Stimme Jürgen Holdorfs etwa trifft wunderbar den Charakter von Bent. Die Dialoge, die größtenteils auch stimmig inszeniert sind, lassen sich sehr gut anhören. Und auch der Soundtrack (der in meiner Version dem Spiel übrigens erfreulicherweise beilag, ebenso wie ein 2-seitiges A2 Poster!) ist perfekt auf das Spiel abgestimmt, ohne aufdringlich zu werden.

Das Spiel

„A new Beginning“ macht es jedem Point-and-Klick Spieler leicht. Die Steuerung ist intuitiv und man findet sich ohne Probleme sofort in die Spielwelt ein. Man kann sich zu Beginn sogar zur Übung optional helfen lassen. Sicher unnötig für erfahrene Spieler, aber ein netter Einstieg für alle Point-and-Klick Erstlinge.
Das lässt sich wohl auch über die zu lösenden Aufgaben sagen. Alles in allem sind die Rätsel logisch, ohne den Spieler komplett zu langweilen. Es kann sogar an 2 oder 3 Stellen im Spiel passieren, dass man mal nicht auf Anhieb weiß, was als nächstes zu tun ist. Einigen Rätseln kann man auch durchaus das Prädikat „besonders gelungen“ verleihen, z.B. etwas später im Spiel, wenn man als Bent seinen Mitstreitern helfen muss ein Kartenspiel zu gewinnen.

A New Beginning Trailer

Die mittlerweile wohl branchenüblichen Logik- und Puzzlespiele waren auch wirklich gut. Oft hat man ja bei diesen Minigames das Gefühl, die Entwickler hätten sie nur eingebaut, damit man überhaupt mal was zum Nachdenken hat. Sie sind dann oft aus dem Spielzusammenhang gerissen, und entweder frustrieren schwer, oder schon in tausend anderen Varianten durchexerziert. Bei „A new Beginning“ ist das nicht so. Die Spiele passen sich gut in die Story ein, sind gut lösbar und teilweise auch wirklich innovativ. Zum Beispiel wenn Fay in einem futuristischem Fernglas die Schritte ihres Vorgesetzten nachvollziehen muss, oder wenn Bent eine Bombe entschärfen muss. Hätte Daedalic wirklich einen Thriller produzieren wollen, hätte es einigen dieser Puzzle- und Logikrätsel allerdings bestimmt gut getan, wenn man sie gegen die Uhr spielen müsste. Etwa das Entschärfen der Bombe. Klassischer geht es ja eigentlich für einen Thriller kaum, die Uhr tickt runter, bei 0:00 macht es bumm, 0:03…0:02…0:001…die Spannung ist beim Schreiben dieses Artikels ja kaum auszuhalten. Leider hat Bent aber alle Zeit der Welt. In der Tat bin ich während des Lösens Tee kochen gegangen und habe mir, während ich dem Wasser beim kochen zugeguckt habe, überlegt, wie ich es wohl am besten löse. Solche Szenen gibt es in dem Spiel leider mehrere. Da will Spannung aufgebaut werden, aber weil man nicht unter Druck steht kommt im Wohnzimmer einfach keine auf.

Die beiden Figuren Bent und Fay spielt man übrigens in etwa gleich häufig. Wann man wen spielt wird vom Spiel vorgegeben. Hier hätte ich mir vielleicht gewünscht selber entscheiden zu können, wer welche Aufgabe wann löst. Insgesamt ist an manchen Stellen des Spiels sehr eng vorgegeben, wo man was machen kann. Im Laufe des Spiels landet man zum Beispiel auf einer Forschungsinsel. Auf dieser kann man sich aber zu keiner Zeit frei bewegen, sondern hat immer nur 5–6 Bilder in denen man die aktuelle Aufgabe lösen muss. Ich persönlich mag es eigentlich lieber, wenn man sich relativ frei durch seine Spielwelt bewegen kann und im Falle eines „Hängers“ noch mal alle siebenhundert Bilder genauestens durchsuchen muss. Aber auch das ist natürlich vor Allem „Geschmackssache“. Bei „A new Beginning“ führt es vor allem dazu, dass das Spiel zu jedem Zeitpunkt extrem übersichtlich bleibt, was wohl vielen Spielern auch sehr gefallen wird.

Fazit zu A New Beginning

„A new Beginning“ ist ein gutes Point-and-Click Adventure. 
Im Gameplay leistet es sich eigentlich keine groben Schnitzer, es sieht gut aus, die Story ist stimmig, man langweilt sich nie, es ist streckenweise mal lustig, mal spannend, mal dramatisch…und trotzdem springt der letzte Funke bei mir nicht über. Vielleicht ist die Zielgruppe eine andere. Das Spiel hat den deutschen Entwicklerpreis für das beste Jugendspiel 2010 gewonnen, und das kann ich auch gut verstehen. Die Mission des Spiels ist ja eine beinahe pädagogische. Oder ich verstehe den Humor der Entwickler nicht. Oder ist die Szene gleich zu Beginn in der Fay den von Bents Pestizidenschleuder getöteten Vogel tränenreich begräbt letztlich gar nicht ironisch gemeint? Und genau das meine ich, manche Dialoge oder auch Szenen sind derartig drüber, dass sie eigentlich nur ironisch gemeint sein können, man aber das Gefühl nicht los wird, dass sie es gar nicht sind. Und wenn das so wäre, würde die Moralkeule, die in dem Spiel geschwungen wird, wirklich hart treffen. Etwas weniger 5-Groschenroman-Drama hätte sein dürfen…

Aber, wie gesagt, da das Spiel insgesamt einfach stimmig ist sollte man sich nicht scheuen es unter bundesdeutschen Weihnachtsbäumen zu verteilen. Schließlich ist der Ansatz auch mal ernstere Themen anzupacken anstatt immer wieder die armen Inka oder Kreuzritter zu bemühen nicht nur löblich, sondern auch wünschenswert.

Ich bin dann mal Müll trennen…