The Book of Unwritten Tales — Persiflage

Adventure aus der Funny-Ecke haben immer ein Problem. Sie laufen Gefahr entsetzlich zu nerven. ‘The Book of Unwritten Tales’ meistert diese Gratwanderung zwischen wirklich lustig und lausig nervig allerdings mit Bravour! Das Fantasy-Cross-Over von King Art Games besticht durch gelungene Fantasy Persiflagen von Herr der Ringe bis World of Warcraft und nutzt die Klischees dieser Gattung auf erfrischende Art aus.

Die Handlung

Wir stolpern eher unfreiwillig in den ewigen Krieg zwischen Gut und Böse, der in Aventásia herrscht. Dabei schlüpfen wir in die Rolle von insgesamt vier Helden. 
Da wäre der abenteuerlustige Gnom Wilbur Wetterquarz (hervorragend gesprochen von Oliver Rohrbeck), der als Kneipenaushilfe in einer verlassenen Zwergenfestung bisher nur von den großen Abenteuern träumte. Unvermittelt gerät er in sein größtes Abenteuer. Oder die Elfe Ivo, die Zeugin einer Entführung wird und sich entgegen der bei Elfen üblichen Sitte in die Angelegenheiten der Sterblichen einmischt. Nicht zuletzt Nathaniel „Nate“ Bonnet, ein Antiheld in feinster ‘Han Solo Manier’ mit seinem Begleiter, dem Vieh, das gleichzeitig auch die vierte Figur ist, die man im Laufe des Spiels übernimmt. Diesen beiden bleibt gar nichts übrig, als in das Abenteuer einzugreifen, da sie von unseren anderen Helden aus der Gefangenschaft befreit wurden…
Man sieht, schon bei der Auswahl der Helden werden allerlei Klischees bedient. Und so verhält es sich auch mit der Art des Abenteuers, auf das wir geschickt werden. Das Ziel ist kein geringeres, als die Errettung der Welt! Wir kommen einem Artefakt auf die Spur, dessen Besitzer das Schicksal der Welt bestimmen wird. Nicht auszudenken, sollte es in die Hände der Falschen geraten. Ja, man könnte meinen diesen Plot hätte es schon einmal gegeben, aber es lohnt ihn bis zum Ende zu verfolgen, denn in „The Book of Unwritten Tales“ darf man den Verlauf durchaus als ungewöhnlich bezeichnen.

Das Spiel

Leider muss ich mit einem dicken Minuspunkt in die Kritik starten: das Spiel ist wirklich viel zu einfach. Die meisten Rätsel löst man ohne nachzudenken, weil die Lösung des Problems auf dem Silbertablett präsentiert wird. Einige Rätsel löst man sogar, bevor sie einem gestellt wurden. Ein Blick ins Inventar, ein weiterer in die Umgebung, gepaart mit ein wenig Point-and-Klick Erfahrung und Phantasie und schon kann man sich denken was wohl als nächstes passiert. Ich würde durchaus die Spielempfehlung „geeignet bis höchstens 12 Jahre“ ausgeben, wäre das Spiel nicht so unwiderstehlich charmant. Denn das ist es. 
Auf die Gefahr hin, dass dieses Review jetzt in die ‘Lobhudelei’ abdriftet und etwas arg subjektiv gerät, aber das Spiel hat es meiner Meinung nach verdient in höchsten Tönen gelobt zu werden. Angefangen mit den schrulligen Charakteren.
Nicht nur die Helden sind auf ihre Art wunderbar liebenswürdig, auch die NPC sind durchweg gelungen. Etwa der ehemalige Transportdrache, der nun eine neue Karriere als furchterregendes Monster anstrebt. Oder der eitle Paladin, den man davon überzeugen muss ausgerechnet einen Untoten zu begnadigen, bringt nicht nur alte World of Warcraft Haudegen zum Schmunzeln. Selbst das „Vieh“ übertrifft alle Erwartungen. Als ich es auf der Verpackung sah stand mir schon der Angstschweiß auf der Stirn, erwartete ich doch einen dieser in Funny-Adventure typisch nervigen Nebencharaktere, die nur durch schrilles Gequietsche und vermeintliche „Niedlichkeit“ auffallen. Nein, das „Vieh“ zu spielen war unterhaltsam, die Sprachumsetzung gelungen.
Auch die Dialoge sind überraschend kurzweilig. Hier kommt der Kenner der Fantasy Szene auf seine Kosten. An Anspielungen auf die Genrestandarts fehlt es nicht und das auf einem durchweg angemessenen Niveau. Herr der Ringe, World of Warcraft, AD&D, Magic the Gathering, kaum ein Klassiker fehlt. Die Sprachausgabe ist hervorragend, was nicht verwundert, liest man die Besetzung: Oliver Rohrbeck (spricht z:B. Justus Jonas von den ???), Dietmar Wunder (spricht z.B. Daniel Craig in Casino Royal), Detlef Bierstedt (spricht z.B. Jonathan Frakes in Rauschiff Enterprise) oder Regina Lemnitz (spricht z.B. Kathy Bates) um nur einige zu nennen.
Auch die Art der Aufgaben zeugt von Humor. Obwohl die Lösungen, wie oben besprochen, zu einfach sind, sind die Aufgaben selbst abwechslungs- und einfallsreich. Wie kann ausgerechnet ein Gnom Diplommagier werden? Wie überzeugt man den Tod, dass er einen erst tötet, um ihn dann ins Leben zurückzuholen? Wie bringt man zwei MMORPG Süchtige dazu sich vom Bildschirm zu trennen? Die Antworten darauf lassen den Spieler oft laut auflachen.
Die Grafik haut einen zwar nicht vom Hocker, aber das muss sie auch gar nicht. Die Charaktere sind liebevoll gestaltet und passen sich gut in die Hintergründe ein. Hübsch ist das ganze allemal und außerdem, was für ein Point-and-Klick Adventure nicht unerheblich ist, sind die Spielszenen übersichtlich. Man verbringt nicht den Hauptteil seiner Zeit damit, den Bildschirm Zentimeter um Zentimeter mit der Maus abzusuchen, weil man befürchtet ein Detail übersehen zu haben. 
Zur Steuerung gibt es nicht viel zu sagen. Sie ist unkompliziert und absoluter Genrestandard. Das Spiel steuert sich mit minimaler Erfahrung intuitiv.

Fazit

Wäre das Spiel nicht so entsetzlich einfach, ich würde ihm wohl die komplette Punktzahl geben. Leider fehlt aber das Rätselvergnügen, eigentlich der Knackpunkt bei diesem Genre, fast völlig. Trotzdem muss ich einfach eine absolute Empfehlung aussprechen. Das Spiel ist nämlich ansonsten ein Riesenspaß für Groß und Klein und garantiert einige unterhaltsame Abende. Meine Empfehlung: einfach zurücklehnen und das verrückte Treiben genießen!