Lieblingsfilme 2015

It Follows — Platz 9 in 2015

Toplisten, sehr wichtig. Besonders wenn es um Filme geht. Bevor ich starte noch zwei Disclaimer zu meiner.

  1. Schande über mich, aber: Ich habe nicht jeden relevanten Film gesehen. Keine Zeit und so. Ich freue mich also über entsprechende Hinweise und Geheimtipps, so wie jeder respektable Film Geek. Drei Filme sind mir bewusst, die ich bisher verpasst habe, die es vielleicht irgendwie auf die Liste geschafft hätten, auch wenn ich das sehr bezweifle: Steve Jobs, Star Wars und Crimson Peak.
  2. Ein paar Filme wie zum Beispiel The Revenant könnte man technisch vielleicht noch 2015 zuordnen. Für mich aber fallen Filme in das Jahr, in dem ich sie hier in Deutschland im Kino hätte schauen können. Oscar für Leo aber in jedem Fall schnellstmöglich bitte, eh klar. Auch wenn The Revenant leider alles in allem nicht so begeistern konnte wie erhofft und Leo’s Rolle etwas verzweifelt nach einem Oscar schreit.

Starten wir mit den “honorable mentions”, Filmen die ich — teilweise sehr — mochte, die es aber nicht in meine Top 10 geschafft haben, ohne spezielle Reihenfolge:

  • Mission Impossible: Rogue Nation — Tom Cruise steht bekanntermaßen nicht gerade hoch im Kurs, vermutlich zu recht. Viele meiden seine Filme mittlerweile kategorisch. Meine Empfehlung: Den Mensch dahinter ausblenden und akzeptieren, dass Tom Cruise als einer der wenigen noch Blockbuster wie wir sie alle lieben abliefert. Fällt dann wieder allen im Nachhinein auf, wenn er sich in den Ruhestand begeben hat.
  • Chappie — Von vielen komplett fehlverstanden befürchte ich. Oder ich bin auf dem Holzweg. Oder wurde Chappie ganz einfach falsch vermarktet? In jedem Fall: Metascore 41 ist wirklich mies, autsch. Dieser Film nimmt sich nicht ernst, sondern will einfach nur unterhalten. Er ist vielmehr ein Kinderfilm, als ein Science Fiction Epos, welches sich tiefergehend mit den sicherlich spannenden und vorhandenen Fragen im Kontext künstliche Intelligenz auseinander setzen möchte. Mit den richtigen Erwartungen ein großer Spaß.
  • Trainwreck —”Ich bin mollig und ne Frau und hab Sex und sag ficken und das ist auch alles gut so” erwartet, stattdessen eine gute Komödie mit vielen Lachern bekommen.
  • The Martian — Etwas überhyped für meinen Geschmack, die von Kritikern heraufbeschworene “Wiedergeburt des intelligenten Kinos” konnte ich nicht entdecken, aber alles in allem gute Unterhaltung und ein wie immer sympathischer Matt Damon, der den Film schultert, wenn nicht sogar rettet.
  • The Final Girls — Bei diesem Film habe ich mir am schwersten getan, ihn nicht in die Top 10 zu nehmen. Lustiger Horrorfilm mit frischer Prämisse und einer erstaunlich berührenden Mutter-Tochter Geschichte.
  • We are still here — Hat auf Papier alle Zutaten für einen weiteren Horrorfilm, den kein Mensch braucht. Tatsächlich aber hält der Film ein paar schöne Twists und Ideen bereit, genug um sich deutlich vom Einheitsbrei abzuheben und in Erinnerung zu bleiben.
  • Goodnight Mommy aka Ich seh ich seh — Debutfilm eines Regie Duos aus Österreich mit wirklich gruseligem Setting und Prämisse. Gegen Ende geht ein ganz klein wenig die Luft raus, aber Schwamm drüber, sollte man gesehen haben.

Faszinierende und bewegende Dokumentationen waren für mich dieses Jahr Amy, sowie die Mehrteiler The Jinx und Making A Murderer, auch wenn sich letztere von einer gewissen emotionalen Manipulation wohl schwer freisprechen kann.

Vor der Top 10 Liste der besten Filme in 2015, möchte ich noch auf eine Serie hinweisen, die ich kürzlich entdeckt habe und jedem dringend empfehle, der etwas in Richtung Drama mit großartigen Schauspielern interessant findet: Rectify. Unbedingt. Thematisch sehr nah an Making A Murderer, falls das eine Entscheidungshilfe darstellt.

Und nun ohne weitere Exkurse meine 10 Lieblingsfilme aus dem vergangenen Jahr.

10. The Diary Of A Teenage Girl — Wäre ich kein ganzer Kerl gehobenen Alters, sondern eine ganze Frau in meinen jungen Jahren, dann wäre dieser Film vermutlich noch deutlich weiter oben auf der Liste. So oder so, der Film ist in vielerlei Hinsicht eine ganz wunderbare Erfahrung, für jeden. Es werden für gewöhnlich unterrepräsentierte oder ignorierte Motive auf eine so offenbarende Weise beleuchtet — fernab von allen Klischees die man typischerweise vorgesetzt bekommt, sobald es um “Teenager und deren Problemchen” geht — dass man nicht anders kann, als völlig einzutauchen und mitzuschwimmen. Ich bin gespannt zu sehen, was die Regisseurin und Drehbuchautorin Marielle Heller als nächstes anpackt.

9. It Follows — Frischer Wind im Horror-Genre ist selten. Wirklich gute Horrorfilme ebenso. Umso erfreulicher ist It Follows. Handwerklich sehr gut umgesetzt und von einer dichten Atmosphäre geprägt, sollte man diesen Film als Genre Fan auf keinen Fall versäumen.

8. Sicario — Der Trailer weckt Erwartungen an einen actionlastigen Thriller im Drogenkrieg in Mexico. Auf einer grundlegenden Ebene ist dem natürlich so, aber was der Film tatsächlich transportiert ist sehr viel nuancierter und vielschichtiger. Im Laufe des Films offenbaren sich einem immer wieder neue Abgründe und Augenöffner, während man gemeinsam mit der grandios aufspielenden Emily Blunt durch eine Geschichte taumelt, die einen zwingt abseits der gelernten Gut und Böse Schemata zu denken.

7. A Most Violent Year — Oscar Isaac kann bekanntlich ja schon so ziemlich alles, bester Mann. Und genau das beweist er hier erneut. Nicht mit großen Gesten, sondern subtil und zwischen den Zeilen, so wie es dieser Film verlangt. Sicherlich nicht der einfachste Film und vielleicht auch darum weitestgehend unbeachtet, verschwand dieser Film schnell wieder nach Veröffentlichung. Umso schöner, ihn hier empfehlen zu können.

6. Inside Out — Nachdem mich die Pixar Filme nach Oben nicht interessiert haben und ich auch davor nie ein bekennender Fan war, stellte dieser Film für mich eine Überraschung dar. Ich bin froh, dem Film doch eine Chance gegeben zu haben, nachdem vertrauenswürdige Quellen so viel Gutes zu berichten hatten. Die Prämisse ist so einfach wie genial, und dabei wundervoll universell nachvollziehbar umgesetzt.

5. The Overnight — Ich liebe kammerspielartige Filme: ein Setting, wenige Schauspieler, ein begrenzter Zeithorizont. Diese Komödie handelt von einem Kennenlern-Doppeldate zwischen zwei Ehe-Paaren, welches im Laufe der Nacht immer weiter eskaliert, bis zu einem denkwürdigen Höhepunkt in den Morgenstunden und bringt somit alles mit, was mir gefällt. Dazu ist er zweifelsfrei der lustigste Film des Jahres, ein Glück, wenn man den Film wie ich im Kino erwischt hat. Dieser Film macht mit Publikum noch mehr Spaß und ist daher auch meine Empfehlung für jeden, der in größerer Runde lachen und vor Scham im Boden versinken möchte. Der Film hat zweifelsohne seine Schwächen, nicht jede Charakter-Entwicklung und Entscheidung ist immer glaubhaft. Doch die spürbare Chemie zwischen den vier Darstellern macht es einem leicht, über diese Schwächen hinwegzusehen, so dass man sich liebend gerne immer weiter in diesen Strudel von Unsinn und Sinnsuche hereinziehen lässt. In der ersten Stunde sind die Lacher so treffsicher und häufig, dass einem die letzte halbe Stunde im Vergleich ein wenig schwächer vorkommt, dafür wird ein paar interessanten Fragestellungen zum Ende hin mehr Platz eingeräumt.

4. Die Wolken von Sils Maria — Meine Freundin hasst Kristen Stewart. Hasste. Ich meine diese extrem überzeugte, fundierte Art von Hass, die typischerweise dann vorherscht, wenn man sich mit dem Hass Objekt nie ernsthaft beschäftigt hat. Also die Art, die gerade in ganz anderem Zusammenhang Deutschland übernimmt, aber das ist ein anderes Thema. Da meine Freundin aber (eigentlich, habe ich zumindest gehört) ein intelligenter und ganz wunderbarer Mensch ist, hat sie meinem wiederholten Drängen irgendwann nachgegeben und mit mir angeschaut, wie Kristen Stewart auf Augenhöhe mit der wie nahezu immer wunderbaren Juliette Binoche in einem faszinierenden Kammerspiel agiert. Abseits davon, dass es ein Film ist, in dem Frauen, anders als so oft, mehr als ein Vehikel für oder Beiwerk zu den männlichen Darstellern sind, entfaltet sich eine fesselnde Geschichte, die eigentlich gar nicht lange genug dauern kann. P.S.: Nach diesem Film war es dann auch erlaubt On The Road anzuschauen, den fand sie auch super. Ein empfehlenswerter Film, der weitere Facetten einer vielversprechenden, jungen Schauspielern zeigt. Und ihre Titties. Tzehe.

3. Ex Machina — Wie The Overnight, ist auch dieser Film ein Kammerspiel. Drei Akteure in einem Haus (und was für ein Haus, damn), die über wenige Tage hinweg an einem Experiment teilnehmen — ob sie es wissen, wollen oder nicht. Die Stärke des Films sind für mich die Fragen rund um künstliche Intelligenz, mit denen er den Zuschauer zurücklässt. Fragen, die wie es aussieht viel früher relevant werden, als alle noch vor wenigen Jahren dachten. Dazu kommen die tollen Leistungen der Schauspieler, insbesondere von Oscar Isaac, ganz nebenbei mit der besten Tanzszene des Jahres. Manchen war das Ende zu einfach und vorhersehbar, ich verstehe es eher als unausweichlich und alternativlos. Wenn man denn unbedingt die “Wiedergeburt des intelligenten Kinos” finden möchte, dann doch bitte hier.

2. Victoria — Ich muss ein Geständnis ablegen. Ich bin ein Hater. Ich versuche es in allen Bereichen meines Lebens zu verhindern, ich behaupte sogar großteils mit Erfolg. Nur in zwei Bereichen lasse ich mich seit vielen Jahren gehen: Deutsches Kino und deutsche Comedy. Übrigens sehe ich mich absolut im Recht, wenn nicht gar in der Verantwortung, meinen gesamten Hass auf diese zwei Bereiche deutscher “Unterhaltung” zu bündeln. Ich werde nicht müde zu betonen, dass es in den letzten 15 Jahren kaum sehenswerte deutsche Filme gegeben hat, Ausnahmen waren dabei für mich Gegen die Wand, Wer früher stirbt ist länger tot, Das Experiment und vielleicht noch ein, zwei andere, die mir gerade nicht einfallen. Schaut man sich an, was in Frankreich, Spanien, England und speziell Skandinavien passiert, dann ist das ein absolutes Trauerspiel. Und dann kommt dieses Jahr Victoria und haut mich komplett um. Der gesamte Film ist one take aufgenommen (echtes one take, eat a Korn, Birdman), was für sich genommen schon eine unfassbare Leistung ist. Doch der Film ruht sich nicht auf diesem technischen Kniff aus und lässt ihn nicht zu einem Gimmick verkommen, sondern nutzt ihn, um den Zuschauer noch näher an das Geschehen zu bringen, alles noch realer wirken zu lassen. Was sich dann vor den Augen des Zuschauers entfaltet, ist bemerkenswert. Wer den Film noch nicht gesehen hat, sollte sich nicht informieren, sondern ihn ganz einfach ansehen — je weniger man weiss, desto besser. Entsprechend möchte ich auch kein Wort über den Inhalt des Films verlieren und freue mich in stiller Andacht, dass so etwas wunderbares aus Deutschland kommen kann. Ich bin gespannt, wie vielen schlechten Nachahmungen der Film den Weg bereitet und hoffe sehr, dass es ein Indiz für mutigeres und ganz einfach besseres deutsches Filmschaffen ist.

Und nun zu meinem unangefochtenen Film des Jahres.

Mad Max: Fury Road — Was George Miller, immerhin 71 Jahre alt und zuletzt Regisseur für Happy Feet 2, Happy Feet und Schweinchen Babe in der großen Stadt (sic), mit Mad Max: Fury Road erschaffen hat, ist nichts Geringeres als ein Spektakel und Manifest für das Action-Genre. Wie einige der Szenen überhaupt realisiert wurden, ist mir ein absolutes Rätsel. So erstaunlich wie die Tatsache, dass der furioseste Trip der letzten Jahre von besagtem George Miller stammt, so erstaunlich und faszinierend sind die Diskussionen die sich rund um die Motive und Zwischentöne des Films entsponnen haben, speziell der Umgang mit Behinderungen und das feministische Fundament. Wer möchte, findet also genug Denkanstöße und kann sich fragen, wie viel davon gewollt ist oder nicht. Und wer das nicht möchte, der bestaunt ganz einfach nur den sich vor uns entfaltenden Irsinn, die wunderschönen Bilder, die bis ins letzte Detail lebendig wirkende Welt, die Coolness von Imperator Furiosa und das wortkarge Grunzen von Mad Max. Und noch so viel mehr. Ich bin gerade noch dabei herauszufinden, was die kürzeste gesellschaftlich akzeptable Dauer ist, um einen Film erneut zu sehen. Erneut im Sinne von das dritte Mal. In jedem Fall bin ich sicher, dass ich Max Mad: Fury Road noch oft besuchen werde in den kommenden Jahren.

Ob 2015 alles in allem ein besonders gutes oder schlechtes Filmjahr war, vermag ich nicht zu sagen. Eher durchschnittlich vermeintlich. Sicher bin ich aber, dass zumindest Mad Max: Fury Road noch viele Jahre überdauern wird. Ob Victoria für das deutsche Kino die erhoffte Initialzündung dargestellt hat, werden wir dann hoffentlich in ein, zwei Jahren sehen.

Schreibt mir und lasst mich wissen, was ich verpasst habe im letzten Jahr und worauf ihr euch in diesem Jahr besonders freut.


Ein Klick auf das Herz wenn’s gefällt wär nice, Dankeschön!

Ich lebe mobile, privat und beruflich.

Seit mehr als zehn Jahren arbeite ich in der Agenturwelt in leitenden Positionen als Manager für Produkte, Kunden und Projekte.

manuelraimund.de