“Ich wollte es einfach hinkriegen, dass die Website gut ist!”

Auf der re:publicaTEN hat Lucie Höhler in einem Vortrag voller Emojis erklärt, wie sie sich selbst in knapp einem Jahr so gut programmieren beigebracht hat, dass sie ihren Job als Online-Redakteurin gegen eine Stelle als Frontend Developerin eintauschen konnte. Websites und Apps, in die sie früher Inhalte eingepflegt hat, werden nun von ihr selbst gebaut. Wir waren ganz schön beeindruckt und haben uns deshalb mit ihr für ein persönliches Gespräch getroffen.

Edit: Den gesamten Vortrag findet ihr hier als Video auf Youtube.

Wenn ihr direkt wissen wollt, welche Tools ihr beim Lernen geholfen haben, findet ihr auf Lucie’s Website eine ausführliche Liste verschiedener Angebote.

http://luciehoehler.de/learncode

Start Coding: Gab es so etwas wie ein Aha-Erlebnis, an dem du die Entscheidung getroffen hast, dass du dich jetzt ernsthaft mit Coding und Programmieren auseinander setzen willst?

Lucie Höhler: Mit Mitte/Ende 20 hab ich angefangen freiwillig für ein Filmfestival zu arbeiten und dort die Website betreut. Das Redaktionssystem ließ wenig Möglichkeiten, um die Seite zu verändern und das Layout anzupassen. Es hat mich total genervt, dass das so ein starres System war und ich nur den Inhalt der Seite aber nicht die Seite selbst bearbeiten konnte. Ich hatte das Gefühl, dass ich es sicher selbst hinkriegen würde, mehr Platz auf der Seite zu schaffen und sie ansprechender zu gestalten. Das war einer der ersten Momente, in denen ich anfing zu denken: “Man, eigentlich will ich mich gar nicht um die Inhalte kümmern. Ich will machen, dass diese Website gut ist! Das kann doch nicht so schwer sein!”

Lucie Höhler auf der re:publicaTEN

SC: Nach dem Festival hast du eine Weile als professionelle Online-Redakteurin gearbeitet. Wie kam es dazu, dass du dich aus dieser Position heraus für einen neuen Karriereweg als Programmiererin entschieden hast?

Da kamen verschiedene Faktoren zusammen. Auf der einen Seite hatte ich zwar einen Job als Online-Redakteurin, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass es so viele Leute gibt, die “irgendwas mit Medien machen”, wodurch es für mich ziemlich schwer war, einen inhaltlich wirklich spannenden Job zu finden. Gleichzeitig hatte ich immer im Hinterkopf, dass ich total Lust hatte selber an der technischen Seite von Websites zu arbeiten.

Dazu kam, dass ich auf einer Reise in die USA einen Vortrag von einem Firmengründer und Programmierer aus Portland gehört habe. Der Talk war sehr inspirierend und hat mich gleichzeitig sehr unglücklich gemacht. Mir wurde bewusst, wie unzufrieden ich in meinem Job bin und wie toll ich es finde, wenn Leute selber etwas aufbauen, was auf ihren Programmier-Skills beruht. Das war ein Moment, der mich sehr aufgerüttelt hat.

Neben dem Vortrag habe ich in diesem Urlaub auch das Computer History Museum in Kalifornien besucht. Das ist ein ganz tolles Museum zur Computergeschichte. Da hatte ich das Gefühl, irgendwie Teil davon sein zu wollen. Mir schien, dass Frauen in dieser Geschichte viel zu viel außen vor sind und das wollte ich für mich persönlich ändern.

Das Computer History Museum in Mountain View, Kalifornieren; Bildquelle: http://bit.ly/1TSRj63

SC: Wie hast du dann programmieren gelernt?

LH: Ich konnte meinen Job auf eine Halbtagsstelle umstellen und hatte dann jeden Nachmittag Zeit für’s Lernen. Da habe ich mich dann hingesetzt und viel Online-Ressourcen benutzt. Es gibt ganz viele Tutorials mit Videos und Übungen, die man dann direkt im Browser machen kann. Damit hab ich angefangen.

SC: Wie genau hast du dann mit Tutorials gelernt?

LH: Es gibt jede Menge Tutorials, die umsonst sind. Ich habe mich dann aber für codeschool.com entscheiden, wo man ein Abo für $29 im Monat abschließt um unbegrenzten Zugriff auf die sehr professionellen Lernvideos zu haben. Ich hab die Videos genutzt wie digitale Vorlesungen, also immer mitgeschrieben, Videos angehalten und noch mal angeguckt, damit ich die Inhalte auch wirklich verstehe. Das funktionierte für mich ziemlich gut und ergänzend gab es noch Übungen in Verbindung zu den Videos. Das war gut für den Einstieg. Aber auf längere Sicht habe ich schnell gemerkt, dass man die Sachen einfach selber anwenden und benutzen muss, um tatsächlich selbst etwas zu bauen. Denn sonst lernt man es nicht wirklich, man muss es irgendwie anwenden.

SC: Was hat dir bei dem Lernen mit Online Tutorials gefehlt?

LH: Ich hätte früher mit der Anwendung der gelernten Inhalte anfangen sollen. Das Erstellen einer kleinen Website oder einer kleinen App ist ein guter Start. Außerdem hab ich gemerkt, dass man dafür auch jemanden zum Austausch braucht. Also entweder andere Lernende, um sich gegenseitig zu helfen. Oder jemand, der weiter ist, und einen ein bisschen mentoren kann. Austausch hat mir gefehlt, auch wenn ich mir das nicht so eingestehen wollte, weil ich ja einfach noch super unsicher war und ich niemanden zeigen wollte, wie viel oder wie wenig ich kann.

SC: Würdest du sagen, dass das Barrieren beim Lernen waren? Dich zu öffnen und dich zu trauen mit anderen in einen Austausch zu treten?

LH: Ich glaube, das war eine große Barriere. Man fühlt sich dann sicherer, wenn man alleine vor sich hin werkelt. Dabei ist man irgendwie im Nirgendwo und kann gar nicht einschätzen, wieviel man schon kann. Das war eine ziemlich große Barriere.

Als ich dann zu Workshops gegangen bin, war das auch erst mal komisch. Ich erinnere mich an einen Workshop zum Thema Node JS, wo ich eine von zwei Frauen in einem Raum von 60 Männern war. Die waren auf jeden Fall alle nett und auch genauso schüchtern wie ich, aber trotzdem fühlt sich das manchmal ein bisschen komisch an. Ich hatte sowieso noch nicht so viel verstanden und war durch die Situation zusätzlich verunsichert. Das war für mich sehr unangenehm, weil ich mich dadurch nicht getraut habe richtig nachzufragen. Nachfragen muss man aber einfach, weil man ja sonst nichts versteht.

SC: Wie hast du es dann geschafft dir anzugewöhnen viel nachzufragen?

LG: Eigentlich gar nicht. (lacht) Ich habe mich wirklich teilweise einfach so durchgehangelt.

SC: Was müsste sich deiner Meinung nach ändern, damit sich Mädchen und Frauen in solchen Situationen wohler fühlen oder erst einmal damit anfangen, sich für Technologien und Programmieren zu interessieren?

LH: Das ist eine gute Frage. Ich glaube, man müsste mehr zeigen, wie kreativ Programmieren ist und wahrscheinlich auch das Image ändern. Und früher damit anfangen das zu vermitteln. Wenn man Informatik oder ähnliche Dinge studiert, dann gehört natürlich Mathe und sowas dazu und das ist auch gut so. Man muss Dinge wie Algorithmen lernen, aber ich glaube dem müsste ein bisschen dieser Schrecken genommen werden, dass das alles wahnsinnig kompliziert ist.

Außerdem sagt man ja, dass man nicht einfach werden kann, was man nicht sehen kann [“You can’t be what you can’t see” ist ein berühmtes Zitat der Kinderrechtsaktivistin Mariam Wright Edelman]. Sprich: Wenn es keine weiblichen Vorbilder gibt und wenn Mädchen überhaupt keine Vorstellung davon haben, dass es coole Frauen gibt, die programmieren und das toll finden, dann kommen Mädchen auch nicht darauf, dass das was für sie selbst sein könnte. Und wenn die Lehrer alle Lehrer sind und keine Lehrerinnen, oder die Leute, die darüber mit Jugendlichen reden keine Frauen sind, dann können Mädchen sich das vermutlich nicht so gut vorstellen. Vorbilder sind eine ganz wichtige Sache!

SC: Gibt es schon Initiativen oder auch Tools, die bewusst mit Vorbildern umgehen und solche Gedanken umsetzen?

Die meisten Initiativen, die ich kenne, bemühen sich um einen bewussten Umgang. Einmal gibt es natürlich solche Projekte, die sich sowieso gezielt an Mädchen oder Frauen richten, wie z.B. Railsgirls. Oder solche Initiativen wie Jugend hackt, die auch Hacking Days für Jugendliche machen. Die bemühen sich, dass sie weibliche Coaches dabei haben. Außerdem versuchen sie gezielt zu schauen, wie sie Mädchen ansprechen und zur Teilnahme an ihren Veranstaltungen einladen können. Ich hab das Gefühl, dass gerade die Jugendinitiativen versuchen darauf zu achten.

Der Hackathon von Jugend hackt im Oktober 2015 in Berlin; Bildquelle: http://bit.ly/1OoirdS

SC: Wie hat dein Berufseinstieg als Programmiererin funktioniert?

LG: Ich hatte das Glück, dass ich einige Leute kenne, die im Tech-Bereich in Berlin sehr gut vernetzt sind. Ein Bekannter hatte einen eher anonymen Tweet geschrieben: „Eine Bekannte von mir sucht eine Einstiegsposition im Frontend.“ Es war wirklich faszinierend, weil sich darauf tatsächlich Leute gemeldet haben und mein Bekannter mir dann einfach gesagt hat, dass ich mich bei den entsprechenden Firmen in Kontakt setzen soll. Ich hab dann einfach E-Mails verschickt und mich kurz vorgestellt. Sowas wie ein Projekt, das ich umgesetzt hatte, konnte ich ja noch nicht vorweisen. Deshalb konnte ich einfach nur schreiben: „Ich hab mir jetzt ein Jahr lang programmieren beigebracht, lass’ uns doch mal auf einen Kaffee treffen.“

Tatsächlich haben die Leute dann alle wirklich Interesse gezeigt. Ich wurde zum Probearbeiten eingeladen und eine Firma bot mir eine Stelle als Trainee an. Das war eine tolle Möglichkeit, durch die ich für eine feste Stelle eingestellt wurde und trotzdem noch mal ein bisschen weiter lernen konnte.

SC: Was machst du in deinem Job genau?

LG: Ich arbeite an der Entwicklung von Web-Anwendungen — sprich “Apps”. Dabei entwickle ich das technische Grundgerüst, auf das dann das Design gesetzt und in das Inhalte wie Text oder Bilder eingefügt werden. In letzter Zeit habe ich an einer App gearbeitet, die in Kürze online gehen wird. Ich kümmere mich nun also wirklich um die technische Seite hinter Online-Inhalten, so wie ich es lange im Hinterkopf hatte.

SC: Gibt für dich eine Faszination an deiner Arbeit und am Programmieren?

LG: Es gibt auf jeden Fall eine Faszination! Ich habe bisher keine andere Arbeit gefunden, bei der ich mich so gut konzentrieren kann, was für mich total wichtig und toll ist! Man wird da so richtig reingezogen und denkt stundenlang über nichts anderes nach, weil man irgendwie an was bastelt, überlegt, recherchiert und dabei neue Dinge herausfindet. Man lernt, was gut funktioniert oder was nicht klappt und versucht die Gründe dafür zu finden. Das ist gleichzeitig sehr kreativ, finde ich. Es ist faszinierend, weil es sehr befriedigend sein kann, wenn die Dinge klappen, wie man sie sich vorstellt. Und gleichzeitig ist es sehr frustrierend, wenn sie nicht klappen und man nicht weiß, warum. Es ist manchmal ein Wechselbad der Gefühle und deshalb zwischendurch ganz schön aufregend. Wenn ich zum ersten Mal sehe, dass etwas funktioniert und auch noch gut aussieht, das ist jedes Mal ein super Moment!

SC: Es kann kaum ein besseres Schlusswort geben. Vielen Dank für deine Zeit und das nette Gespräch.

Übrigens betreibt Lucie zusammen mit einem sehr spannenden Team das Blog kleinerdrei. Regelmäßig werden dort Artikel zu Themen veröffentlicht, die dem Redaktionsteam persönlich am Herzen liegen. Nach eigenen Angaben sind das “gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen, alles, was das popkulturliebende Herz höher schlagen lässt (sprich: Internet, Film, Fernsehen, Musik), Alltagsporträts und Medienkritik, Sexualität und Literaturempfehlungen, Interviews” und noch viel mehr. Wir finden: Starkes Projekt!

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