Eine für alle

Warum es mehr Geschichten braucht

In dem Cafe gibt es lecker Chocolate con Churros.

Auf meiner Liste persönlicher Hass-Städte kommt das spanische Burgos an erster Stelle. Bukarest und Poznan mögen grau und hässlich sein, aber an meine Erinnerungen an Burgos reichen beide nicht heran. Als ich vom Jakobsweg zurück nach Landshut kam, hatte sich meine Geschichte bereits herumgesprochen: „Stefan, erzähl wie das war, als du ausgeraubt wurdest!

Ich beschwichtige zumeist, dass es kein richtiger Raubüberfall gewesen sei. Dennoch schwingt in meiner Stimme wohl auch immer eine Prise Stolz mit, überhaupt etwas so Aufregendes erlebt zu haben. „Nunja“, beginne ich ein weiteres Mal zu erzählen, „es war halb 6 Uhr morgens und es war der erste Tag, an dem ich alleine auf dem Jakobsweg unterwegs war.“

Um die anderen Pilger nicht aufzuwecken, beschloss ich, mich aus der Herberge zu schleichen und mich erst vor der Herberge wanderfertig zu machen. Nur mit Flipflops an den Füßen ging ich zu der Parkbank vor der Herberge und packte dort meinen Wanderrucksack halb aus, in dessen Tiefen meine Wandersocken vergraben waren.


Manchmal ist es mir unangenehm, diese Geschichte zu erzählen. Beim Stichwort „Jakobsweg“ denken die meisten Leute wohl an Hape Kerkeling, seine Klagen über unhygienische Herbergen, in denen hundert Menschen um die Wette schnarchen, seine Schmerzen und seine Bild-Schlagzeile, er habe Gott getroffen. Die Geschichte, die er vom Jakobsweg erzählt, handelt von einer spirituell-religiösen Qual, von ekelerregenden Herbergen und todgefährlichen Pfaden.

Wenn ich dann noch meine Überfallsgeschichte erzähle, sind sich meistens alle einig: „Also diesen Jakobsweg, das würde ich mich ja nicht trauen. Das ist mir viel zu gefährlich.“ Ich versuche die Zuhörenden zu beschwichtigen, dass nichts passiert, wenn man sich nicht dumm verhält, und dass die Zeit auf dem Jakobsweg voller prägender Erlebnisse und Begegnungen war, dass die Herbergen oft wie Oasen wirkten und dass kilometerlanges Gehen unheimlich beruhigend wirkt.


Kaum war der Rucksack auf der Bank entleert und die erste Socke angezogen, war da dieser Mann, etwas heruntergekommen und wohl leicht angetrunken, und verlangte aufdringlich meine Kreditkarte. Anfangs habe ich ihn nicht richtig ernst genommen, habe „No!“ gesagt und meine Socken angezogen. Der Mann holte einen Schraubenzieher hervor, mit dem er auf meinen Hals zeigte. Ich wiederholte mein „No!“ und beeilte mich weiter meine Sachen zu packen.

Sichtlich irritiert tauschte der Mann seinen Schraubenzieher durch ein rostiges Messer aus. Ich begann zu verstehen, aber packte panisch weiter. Dass er meine Hand erwischt haben muss, dass ich blutete, und dass er versucht hat, mir so zu zeigen, wie ernst er es meint, bemerkte ich im Schockzustand nicht. Ich packte weiter. Schließlich ergriff er meine Wanderstöcke und schlug mit ihnen auf meinen Rücken ein. Ich ergriff die Flucht — nicht ohne meinen gepackten Rucksack.

Bis auf die kleine Schramme an meiner rechten Hand ist mir nicht viel passiert. Ich habe meine Wanderstöcke an ihn verloren und bei der Flucht ging mein Ladekabel für den ohnehin schlechten Fotoapparat verloren.


Viele Geschichten hatte ich mitgenommen vom Jakobsweg. 1600 Kilometer auf hundert Tage, das bedeutet jeden Tag zirka 2 neue Bekanntschaften, jede mit einer anderen Motivation, diesen Weg zu gehen. Insgesamt wohl zirka 200 neue Lebensgeschichten, eine spannender als die andere. Aber hören wollten die Leute keine davon, nur die eine, wie ich fast ausgeraubt wurde. Sie passt einfach zu gut in das Bild des Wanderers, der alleine durch die gefährliche Gegend läuft.

Dieses Phänomen, dass wir glauben über eine Sache Bescheid zu wissen, obwohl wir sie nur von einer Seite betrachtet haben, nennt Chimamamnda Ngozi Adichie „the danger of a single story“. Die Single Story des Jakobsweges sind einsames Wandern und religiöse Strapazen. Die Single Story, die ich über den Mann in der Überfallszene erzähle, ist seine Kriminalität.

Chimamanda Ngozi Adichie kommt aus Nigeria und erzählt in ihrem TED-Talk , dass auch sie Afrika in Form einer Single Story sehen würde, wenn sie dort nicht aufgewachsen wäre:

“That Africa was a place of beautiful landscapes, beautiful animals and incomprehensible people fighting senseless wars, dying of poverty and AIDS, unable to speak for themselves and waiting to be saved by a kind white foreigner”
Chimamanda Ngozi Adichie: The Danger of a Single Story

Wir hören viele Geschichten immer und immer wieder. Aber wenn wir eine Geschichte über eine Sache, eine Person oder Bevölkerungsgruppe nur oft genug gehört haben, sagt Adichie, dann werden diese Sachen, Personen oder Bevölkerungsgruppen auch zu dem, was die Geschichte über sie erzählt. Diese Single Stories mögen zwar oft auf irgendeine Weise wahr sein, aber die Wirklichkeit ist so viel komplexer als das, was in diesen Geschichten erzählt wird.

“The problem with stereotypes is not that they are not true, but that they are incomplete. That they make one story the only story”

Unsere Leben bestehen aus vielen überlappenden Geschichten. Unsere Leben sind so komplex als wären sie eigene kleine Welten. So vieles passiert gleichzeitig! Mit so vielen Menschen kommen wir in Berührung, Tag für Tag, und so viele mehr sind irgendwie mit den Ereignissen in unserem Leben verbunden, ohne dass wir sie auch nur einmal zu Gesicht bekommen. Wenn Menschen ihre Memoiren schreiben, ist das nichts weiter als ein „Best-of“ hunderter „Best-of“-Bücher ihres Lebens. Ein einzelner Tag würde kaum zwischen zwei Buchdeckel passen.

Was Michael Ende in seiner „Unendlichen Geschichte“ beschreibt, die Geschichte von der Rettung Phantasiens, umfasst gerade einmal wenige Stunden — und selbst für dieses Buch benötigt der Autor einen Trick, um es kurz zu halten: Den Satz „Doch das ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll“.


Chimamanda Ngozi Adichie konnte mit vier Jahren lesen und hat schon bald angefangen zu schreiben. Ihre Mutter hat sie beim Essen ermahnt, stets alles aufzuessen, weil andere Menschen nicht zu essen hätten. Wie sie aufgewachsen ist, passt nicht zu der Single Story, die wir von Afrika haben.

Trevor Noah, Moderator der „Daily Show”, dem Vorbild der “heute Show“, ist in Südafrika aufgewachsen. In seinem Buch „Born a crime” schildert er, wie es war, als sie einen ganzen Monat lang aus Geldnot immer dasselbe essen mussten. Aber zu seiner Geschichte gehört eben auch, dass er zu anderen Zeiten beim Pausenverkauf der erste in der Reihe war und dass er selbstgebrannte CDs vertickt hat. Armut und Rassismus sind Teil seiner Geschichte, aber ihn machen als Menschen sehr viel mehr Erlebnisse aus. Ihn auf Armut und Rassismus zu begrenzen, raubt ihm einen Teil seiner Würde.


Geschichten wurden oftmals gezielt dazu genutzt, um Menschen ihre Würde zu nehmen. Man denke nur an die Geschichten über die „Wilden“ nach der Eroberung Amerikas. Man denke an Adam und Eva, die bis heute als Argument gegen Adoptionsreche für Schwule und Lesben benutzt werden. Aber genauso können Geschichten auch genutzt werden, um Menschen zu bestärken. Geschichten können verloren geglaubte Würde zurückgeben. Denn Klischees haben keinen “wahren Kern”. Sie zeigen einen Aspekt eines Themas, einer Gruppe. Aber sie zeigen nicht das Ganze. Klischees muss man eine Vielfalt an Geschichten entgegenstellen.


Für mich stellten manche Äußerungen zur Ehefüralle in den vergangenen Wochen neue Tiefpunkte dar. Da braucht Merkel den Vergleich mit gewalttätigen heterosexuellen Paaren, um Adoptionen durch homosexuelle Paare zu rechtfertigen. Nach dem Motto „Schwule* Paare sind schlimm, aber es geht schlimmer“. Da maßt sie es sich an, die Entscheidung im Bundestag als „Gewissensentscheidung“ zu deklarieren. Als wäre Schwulsein* eine Entscheidung und gewissenlos, gewissermaßen ein unmoralisches Verbrechen.

Die Diskussion, die sie neu entfacht hat, war nicht besser. Da postet ein ehemaliger Mitschüler „Die Ehe für alle ist die Ehe für keinen“. Als wären Schwulsein eine ansteckende Krankheit, die nun auch heterosexuelle Paare infiziert. Da vergleicht ein CDU-Abgeordneter homosexuelle Beziehungen mit der Beziehung eines Blinden zu seinem Blindenhund und schafft es gleich zwei diskriminierte Minderheiten zu verachten. All diese Bilder lassen eine wichtige Zutat vermissen: Liebe, ja die Fähigkeit zu lieben. Und wer Menschen die Fähigkeit zu lieben abspricht, spricht ihnen ihre Würde ab.


Gerade, weil Homosexuelle immer noch würdelos behandelt werden, weil der Weg aus dem Schrank kein einfacher ist, und weil ich der festen Überzeugung bin, dass man viele bunte und verschiedene persönliche Geschichten braucht, um gegen Klischees und das beklemmende Gefühl mit seinen Erfahrungen alleine zu sein, anzukommen, möchte ich in diesem Blog meine Erfahrungen und Ansichten teilen. Denn egal, ob man das will oder nicht: Coming-Out ist immer auch ein politischer Prozess.

Mein Blog soll weitere Geschichten zu den Geschichten hinzufügen, die man schon kennt. Zu den Geschichten von Schwulen, die nach ihrem Coming-Out gemobbt werden und geschlagen, zu den Geschichten von Schwulen, die Modeexperten sind und sich „tuntig“ geben, und denen, die an AIDS sterben. Es gibt sicher auch Schwule*, die Modeexperten sind, und es gibt leider immer noch zu viele Schwule, die an AIDS sterben. All diese Geschichten haben ihre Berechtigung. Doch wir sollten neue Geschichten erzählen und versuchen, dieses enge Bild zu weiten.


Diesen Eintrag würde ich am liebsten damit beenden, weitere Geschichten über den Mann zu erzählen, der meine Kreditkarte wollte. Ich wüsste gerne mehr Geschichten, damit diese Geschichte nicht seine einzige Geschichte bleibt. Ich würde gerne erzählen, ob er eine Familie hat, wie er seine Nacht verbracht hat, ob er meine Wanderstöcke verkauft hat und was er sich davon geleistet hat. Ich würde gerne erzählen, wie er als Kind war und wer seine Freunde sind. Ich wüsste gerne, warum er so gehumpelt ist, wohin er wohl mit den Wanderstöcken wandern würde und was er fotografieren würde, wenn er den Fotoapparat und nicht nur das Kabel dazu hätte. Ich würde ihn gerne wiedertreffen. Doch das ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll.


Dieser Artikel ist Teil einer Reihe.

Ein paar Worte zum *

“Bin ich schwul?” Um diese Frage zu beantworten, müsste man wohl zuerst die Frage “Wer bin ich und wenn ja wie viele?” beantworten. Als Menschen sind wir vielschichtig und sehnen uns doch nach klaren Bezeichnungen. Ich habe mich daher entschlossen, hier das Label “schwul” zu verwenden und mit einem kleinen Sternchen anzudeuten, dass die Sache natürlich komplizierter ist. Dazu bald mehr.


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