The strongest form of magic

Als ich meiner Mutter vor etwa zwei Jahren gesagt habe, dass ich schwul* bin, war ihre spontane erste Reaktion: “Bist du dir sicher?” Ich musste ein wenig in mich hineinlachen. Viele Reaktionen hatte ich mir ausgemalt, jedoch nicht diese. Natürlich war ich mir sicher. Diese Frage “Bist du tatsächlich schwul?” hatte mich über Jahre begleitet. Wie kann ich mir, wie kann man sich sicher sein? Und was hat es mit mir gemacht, mir diese Frage über Jahre stellen zu müssen? Wie sind die Reaktionen auf (m)ein Coming-Out? Darüber will ich hier und in diesem und in weiteren Artikeln schreiben.

In Mamas “Bist du dir sicher?” versteckte sich — Welch’ Ironie! — wohl vor Allem ihre eigene Unsicherheit darüber, was sie von meiner Homosexualität halten soll. Wenn auch einer ihrer höchsten Erziehungsgrundsätze ein großes “Sei du selbst” mit einem mindestens genauso großen “no matter what” ist — als fürsorgliche Mutter fragte sie sich in diesem Moment sicher, was andere über mich denken werden und ob sie mir Schaden zufügen werden.


Soweit ich mich erinnern kann, war das erste Mal, dass ich mich gefragt habe, ob ich schwul bin, als gerade Mikas erstes Album Erfolge feierte mit “Grace Kelly”, “Lollipop” und “Relax, Take It Easy”. Das war etwa 2007, als auch Katy Perrys “I Kissed A Girl” lief. Die BRAVO brachte damals die erste lesbische Fotolovestory und die Klatschblätter spekulierten, ob Katy Perry etwa lesbisch ist. Manche Kritiker warfen ihr vor, der Song sei homophob, weil sie als Heterosexuelle mit einem heiklen Thema spielte. Katy Perry hat damals natürlich sofort alle Spekulationen beendet und erklärt, dass sie heterosexuell ist. Und fast schon als Zeugin meldete sich auch ihre Mutter zu Wort. Sie gab zu Protokoll, dass sie Gott darum bitte, dass der Song die Leute vor dem Radio nicht homosexuell macht. Ich kann mich darüber wunderbar amüsieren: ein Song, der homosexuell macht — war es das, was Marilyn Manson meinte, als er sagte: “Music is the strongest form of magic”? Für mich ist es ein wenig befremdlich: Katy Perrys Karriere begann mit ihrem geschickten Spiel mit der (gespielten) Empörung der Presse über Homosexualität, betroffen war sie jedoch nicht. Es ist doch nur ein Lied.

Es war in diesem Sommer von Mika und Katy Perry und ich war mit den anderen Jungs der Klasse auf dem Weg vom Biologieunterricht im Nebengebäude zurück zum Hauptgebäude der Schule. Während wir das Klassenzimmer wechselten, sang einer meiner Mitschüler Mikas “Relax, Take It Easy”. Seine Stimme konnte natürlich nicht mit der Stimme Mikas mithalten, aber ich mochte den Song. Ein anderer Mitschüler hielt von dem Song scheinbar nicht so viel, oder er hatte etwas an der Singstimme des Mitschülers auszusetzen. Jedenfalls meinte er: “Mika ist doch schwul!”

Nun, ich weiß nicht, was der Mitschüler uns tatsächlich damit sagen wollte. Vielleicht wollte er uns auch nur sagen, dass Mika sich geoutet hat. Der Satz entfaltete jedenfalls seine volle Wirkung und auf alle Möglichkeiten, wie man den Satz verstehen kann, folgten sogleich Reaktionen: Erstens: Der Gesang verstummte abrupt. Zweitens: ein anderer Mitschüler antwortete mit einem schlichten “Na und? Soll er eben schwul sein!” Und drittens: ich googelte zu Hause “Mika schwul”.

Was der Mitschüler mit “Mika ist doch schwul!” wirklich meinte, wurde nie geklärt, denn das “Na und?” beendete das Gespräch so wie es auch den Gesang beendete.


Ich weiß nicht, was der Mitschüler uns tatsächlich damit sagen wolle. Aber “schwul”, das hört man auch heute noch oft auf Schulhöfen als Schimpfwort. Wann immer etwas negativ ist, wann immer Schülern etwas nicht gefällt, heißt es: “Ist doch schwul”. Soweit ich mich erinnern kann, habe ich das Wort “schwul” erstmals in der Grundschule gehört, bei einem Witz, den man sich in jeder Klassenstufe aufs Neue erzählt hat, weil er gar so witzig ist:

Sitzen drei Schwule in der Badewanne. Welcher hat Geburtstag? — Der Mittlere.

Ein Brüller. Schwulenwitze sind ja — mit wenigen Ausnahmen — deswegen witzig, weil es um Schwule geht und weil Schwule ja seltsame Dinge machen, keine Kinder bekommen können oder Detlef und Dieter heißen. Die Pointe kommt da immer besonders überraschend. Noch nicht genug von Witzen mit Badewannen? Bitte sehr:

Sitzen zwei Schwule in der Badewanne. Lässt einer einen Furz. Sagt der Andere: “Oh, schau mal, unser Kind atmet!”

Über diesen Witz hat der Freundeskreis meiner Eltern herzlich gelacht. Ich fragte mich währenddessen, wie mein Coming-Out aufgenommen werden würde. Nur bei meinem Vater wusste ich, dass er damit kein Problem haben würde. Schon früh begann er, wenn er von der Zukunft oder ihm möglicherweise verborgenen Teilen der Gegenwart sprach, nicht nur von “eine Freundin”, sondern auch von “eine Freundin oder ein Freund” zu sprechen und seine Offenheit damit zu demonstrieren. Ich bin ihm unheimlich dankbar dafür, dass ich wissen durfte, dass ich letztlich immer mit ihm reden könnte und dass er mich unterstützen würde. Das hat mir mein Coming-Out sehr erleichtert. Und als es dann so weit war, dass ich mich meinen Eltern gegenüber outen konnte, bekräftigten beide wieder, dass sie mich lieben und dass sie immer zu mir stehen werden.

Welch Glück ich doch habe!


So wenig Klarheit geschaffen werden konnte über die Absichten des singenden Mitschülers, so wenig konnte Google klären, ob Mika denn schwul ist. Es kursierten Fotos von ihm mit Katy Perry und Spekulationen, ob die beiden zusammen sind. Und Mika erklärte damals auf die Frage nach der Homosexualität genervt, dass er “niemals irgendetwas” zu seiner Sexualität erzählen wird und dass er auch nicht versteht, warum er die ganze Zeit danach gefragt wird. Er konnte nicht verstehen, ob diese Frage tatsächlich nötig ist. Mika hat wenige Jahre später dann doch nochjemals etwas” zu seiner Sexualität erzählt. Und auch für mich sollte es noch ein paar Jahre dauern.

Dieses Jahr hat Clarence Seedorf Thomas Hitzlsperger gefragt, ob es wirklich nötig ist, dass Homosexuelle immer über ihre sexuelle Orientierung reden? Hitzelspergers Antwort war so einfach wie genial:

“Immer, wenn ich über einen Fußballer lese, der seine Frau betrogen hat […] wird über seine Sexualität geredet. Immer, wenn ich ins Büro gehe und auf dem Schreibtisch meines Kollegen ein Foto der Partnerin sehe, sagt er mir, dass er heterosexuell ist […] Natürlich sagen Leute, dass [die Akzeptanz Homosexueller] kein Problem sein sollte. Ich wünschte, es wäre kein Problem. Aber es ist immer noch eins.”


Ich glaube, für meine Generation ist ein Coming-Out schon sehr viel anders als für die Generationen davor. Vieles hat sich zum Besseren verändert, viel mehr Menschen reagieren offen und akzeptierend. Und gleichzeitig gibt es immer noch viele Vorurteile, Mobbing und Eltern, die ihre Kinder verstoßen. Nie war so unklar, welche Reaktionen man zu erwarten hat. Aber nie waren die Chancen auf gute Reaktionen so gut wie heute. Das Verhältnis von negativen zu positiven Reaktionen ist die letzten Jahren zugunsten der positiven gekippt. Diese Zeit ist wie ein Regenbogen, der nur entsteht, wenn es regnet und gleichzeitig die Sonne scheint — und es ist ein wenig ironisch, dass gerade diese Metapher so passend ist.Wir dürfen froh und dankbar darüber sein, dass sich immer mehr zeigt: The strongest form of magic is not music. It’s love and acceptance.


Dieser Artikel ist Teil einer Reihe.

Ein paar Worte zum *

“Bin ich schwul?” Um diese Frage zu beantworten, müsste man wohl zuerst die Frage “Wer bin ich und wenn ja wie viele?” beantworten. Als Menschen sind wir vielschichtig und sehnen uns doch nach klaren Bezeichnungen. Ich habe mich daher entschlossen, hier das Label “schwul” zu verwenden und mit einem kleinen Sternchen anzudeuten, dass die Sache natürlich komplizierter ist. Dazu bald mehr.


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