Das falsche Streben nach dem Besserem.

Warum uns bessere Hardware / Software oder besseres Werkzeug nicht zu besseren führt.


Als Jugendlicher dachte ich mir “Boah, wenn du das Notebook hast, dann kannst du richtig was reißen…” oder “Wenn du das Zeichentablet hast kannst du voll gut zeichnen.”

10 Jahre später — also heute — sitze ich hier, hab einen Arbeitsplatz von dem ich immer geträumt habe, das Zeichentablet was ich immer gewünscht habe… nur meine Arbeit hat sich nicht signifikant verändert. Der Unterschied ist: ich weiß es heute.

Der Trugschluss hat mich Jahre verfolgt und ich bin bei weitem nicht der einzige. Wenn man sich regelmäßig mal durch irgendwelche Foren oder Plattformen schlägt findet man immer wieder die Frage: “Welche Kamera hast du benutzt?”, “Welche Version von Photoshop hast du?” oder “Wo kann ich die Stifte kaufen, die du hast?”

Es gehört mehr dazu als nur das Werkzeug. Du musst die Materie lieben, du musst dich damit auseinander setzen, du musst kritisch sein und das Beste aus dem machen, was du hast. Keine Frage: aus besserem Werkzeug und Werkstoffen (was auch immer das in dem jeweiligen Fall sein mag) kann man bessere Ergebnisse erschaffen. Die Arbeit wird eventuell leichter oder gar offensichtlicher.

Der Film Titanic hat seinerzeit (1997 erschienen) 200 Millionen Dollar gekostet. Eine wirkliche Stange Geld. Hier ein bisschen Background-Info: einiges von dem Film ist im Computer entstanden — aber wirklich nicht so viel, wie heute. Man hat die Titanic im Original-Maßstab zur Hälfte nachgebaut (auf Kostengründen) und intelligent gefilmt. In der Szene, in der alle Passagiere aufs Schiff steigen, wurde alles Spiegelverkehrt gedreht: die Beschriftungen wurden so angebracht, dass diese später im Film richtig zu sehen waren. Dies hatte den Grund, dass man die Titanic wie 1912 von der richtigen Seite zeigen und aus dem Hafen rausfahren lassen wollte. (Hier Link zu der Stelle im Making Of: http://youtu.be/zIOo8PbXh7I?t=1m5s)

Für diesen Film wurden viele Tricks erfunden — grade im Special-Effects-Sektor. Es ist heute schwer vorstellbar: 1997 war man einfach noch nicht so weit einen Film Fotorealistisch aus dem Computer kommen zu lassen. Heute ist das wesentlich einfacher eine Welt aus dem Computer glaubhaft darzustellen. Titanic wäre in dieser Form niemals möglich gewesen, wenn die Leute zu der Zeit ihr Handwerk nicht verstanden hätten. (Falls sich jemand dafür im Detail interessiert gibt es von Rob Legato, der Maßgeblich an Filmen wie Titanic oder Apollo13 beteiligt war, einen Ted-Talk, in dem er erklärt, wie er zu den Ergebnissen kommt)

Sogar aus heutiger Sicht finde ich diesen Film von der technischen Seite extrem faszinierend: begrenzte Resourcen wie Geld, Rechenleistung, fehlendes Filmmaterial wurden mit einer Menge Tricks sehr schön kasschiert. Bei vielen Szenen war ich mir felsenfest sicher, dass diese Real sind und ich musste später rausfinden, dass ich einfach nur sehr sehr gut getäuscht worden bin.

Täuschung ist etwas was Hollywood bis heute sehr sehr gut kann. Die Techniken dazu werden immer raffienierter — das ist eben der Lauf der Zeit. Die Werkzeuge sind aber immer die gleichen. Wichtig ist das Know How von den Leuten die an diesem Film mitarbeiten. Wenn ich nur die blanke Ausrüstung hätte würde der Film bei mir wahrscheinlich grottenschlecht aussehen.


Irgendwann habe ich es begriffen: nur das Werkzeug bringt mir nichts. Aber auch diese nackte Erkenntnis bringt mich nicht weiter. Ich habe anfangen mich in mehr Sachen reinzulesen, mir mehr Sachen anzuschauen, mir von jedem Film, der mir was bedeutet das Making Of zu gucken. Das Geheimnis ist einfach ein Problem zu verstehen, ein Ziel zu definieren, sein Wissensstand zu nutzen, einfach auszuprobieren und irgendwann mit seiner Arbeit zufrieden sein. Für viele Sachen muss man lesen, Menschen in seinem Umfeld befragen, sich Sachen wieder und wieder ansehen… und dann reicht eventuell nur ein dummer Kommentar oder Gedanke um auf die “Lösung” zu kommen, wie man etwas umsetzen kann und mit viel Glück den neuen “Gold-Standard” in dieser Disziplin zu definieren.

Also erst machen und dann neue, bessere Werkzeuge anschaffen.

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