»Come and take it«

Revolution aus dem Drucker

Der Liberator | Vvzvlad CC-BY-SA 3.0

Cody Wilson positioniert sich sichtlich angespannt vor einer laufenden Kamera des BBC. Es ist ein sonniger Maitag. Wilson hat die Journalisten zur Demonstration eines jüngst abgeschlossenen Projekts auf einen privaten Schießplatz in Austin, Texas eingeladen. Der junge Mann rückt seine Sonnenbrille zurecht, hebt die sperrige weiße Plastikpistole an, die er mit beiden Händen umschlossen hält – und feuert sie auf ein Ziel außerhalb des Blickfelds der Kamera. Dem gedämpften Knall und dem Rückstoß der Waffe folgt Stille. Cody Wilson lächelt, senkt die Waffe und lässt sich von seinem nun ins Bild getretenen Vater gratulieren.

Mit dem so plump wie futuristisch anmutenden, einschüssigen Liberator aus weißem ABS-Kunststoff wurde in jenem Mai 2013 Realität, was zuvor noch ein Traum von Wilsons digitalem Kollektiv Defense Distributed gewesen war. Eine allgemein verfügbare 3D-Druck-Technologie, so meinte Wilson zuvor, könnte zur Herstellung funktionstüchtiger Schusswaffen verwendet werden.
Die Entwicklung der Waffen war für Defense Distributed nur der erste Schritt. Nach erfolgreichem Test sollten die für die Herstellung der Waffe benötigten CAD-Pläne (die digitalen Baupläne) im Internet zum freien Download hochgeladen werden. So wären sie jedem zugänglich. Bereits vor der Veröffentlichung des Liberators hatten Wilson und sein Team Magazine, Verschlussgehäuse und Schalldämpfer für in den Vereinigten Staaten beliebte Sturmgewehre entwickelt, und kostenfrei auf mega.co.nz, einer bei Hackern und Aktivisten beliebten Datenoase, angeboten.

Ein junger Waffendrucker und Hobbyschütze aus Texas, mit dem erklärten Ziel eines universellen und unbeschränkten Waffenzugangs, bei dieser Beschreibung mag man an paranoide Hardliner rechter Gruppierungen denken, wie sie in den Südstaaten verbreitetet sind, wie etwa die Patriotische Bewegung oder die Tea Party. Auch die intuitive Assoziation einer Figur wie Wilson mit der von Verschwörungsphantasien besessenen Milizenbewegung liegt nicht fern.
Umso überraschender ist, dass Wilsons wiederholt behauptet, sein Aktivismus ziele nicht primär auf den Schutz und die Erweiterung des in der Geschichte der Vereinigten Staaten tief verankerten Rechts auf zivilen Waffenbesitzes — selbst wenn viele seiner Unterstützer dieses Ziel verfolgen. Öffentliche Auftritte Wilsons drehen sich nicht um Verfassungstreue, verantwortungsbewusste Waffenbesitzer oder die Absichten der Gründerväter. An diesen beispielsweise aus NRA-Stellungnahmen bekannten Topoi scheint ihm wenig zu liegen. Wilson spricht von Widerstand. Widerstand auch gegen die von ihm kritisierten Bestrebungen linksliberaler Politiker, das Kampfgewehr aus den Händen patriotischer Amerikaner zu reißen (dieses Bestreben und diese wahrgenommene Bedrohungslage verbindet Wilson mit jenen Waffenrechtsaktivisten, welche die europäische Wahrnehmung der amerikanischen Waffenrechtsdebatte dominieren). 
Vor allem aber richtet sich sein Widerstand nach eigener Aussage gegen Bedrohungszenarien, die weniger NRA-Pamphleten als der Kritischen Theorie entnommen sind. Gegen wen oder was sich sein Widerstand richte, beantwortet Wilson mit Verweisen auf die schleichenden Prozesse der ›Kollektivierung der Produktion‹, der ›Subjektivierung‹, der ›Institutionalisierung der menschlichen Psyche‹. Sein Kampf gegen diese anonymen und abstrakten Kräfte, die vermeintlich unsere Ära moderner Staatlichkeit bestimmen, ist Wilsons Kampf für die Menschlichkeit. In einem Spendenaufruf etwa erklärt er sein Projekt mit:

»Defense Distributed as a project, I think, is about the preservation of human dignity in a world of accelerating inhumanity.«

Wie ein einziger roter Faden durchziehen solche Ideen Wilsons Auftritte, nicht selten begleitet von prominenten Denkern der théorie française. Mit den Werken Proudhons, Baudrillards, Rancières und Foucaults scheint der ehemalige Student der englischen Literatur und enthusiastische Leser politischer Philosophie gut vertraut und so angetan zu sein, dass er, sicher zur Belustigung einiger Zuschauer, dem konservativen Talkshow-Moderatoren Glenn Beck empfahl, Foucaults Überwachen und Strafen (1976) zu lesen, als ihn dieser nach den Gründen seines Aktivismus fragte.

Wilsons Ziel ist die Überwindung von Staatlichkeit. Konkreter fasst er dieses Ziel, indem er die abstrakte, schwer in konkrete Politik übersetzbare französische Philosophie um die pragmatischere Sprache des Krypto-Anarchismus ergänzt. Vertreter dieser Bewegung sahen in den späten 1980er Jahren im entstehenden Internet eine historische Gelegenheit, dem Staat und seiner Expansion in das bürgerliche Leben zu widerstehen. Sie versuchten, neue Technologien zu entwickeln, um Räume der Interaktion, Information und des Austausches zu schaffen, die für den Staat nicht zugänglich sind. Davon angeregt wählte Wilson den 3D-Drucker als Vehikel seines antistaatlichen Aktivismus’. Der 3D-Druck stellte für ihn eine Technologie dar, deren staatliche Regulierung nahezu unmöglich war, die Schusswaffe ein Objekt, welches wie kein anderes im Fokus staatlicher Regulierungsbestrebungen stand.
Die anfangs leicht ungläubige, nach ersten erfolgreichen Tests des Liberators dann besorgte Faszination vieler waffenfeindlicher Journalisten, war begleitet von der Skepsis gegenüber der Wirkungskraft seiner Waffe und gegen Wilson selbst. Private Waffenherstellung allein ist nichts Neues. Bereits in den Gründungsjahren wurde die private Waffenherstellung, das sogenannte Guerilla-Gunsmithing, juristisch abgesichert und gesellschaftlich weithin anerkannt zu einem festen Bestandteil der amerikanischen Kultur. Als Waffenenthusiast waren wohl auch Wilson selbst diverse einfachere und preisgünstigere Alternativen der Schusswaffenherstellung bekannt. Jedoch wollte er die gedruckte Waffe, weil ihm zunächst am Symbol und erst dann an ihrer Wirkmacht gelegen war. Die Liberator-Pistole demonstrierte, die Umkehrbarkeit staatlicher Regulierung und eröffnete ein neues Kapitel technischer Innovation, welches von Anbeginn den Staat und seine Kontrollphantasien bedrohte. Die Liberator-Pistole demonstrierte schließlich Sympathisanten und Neugierigen weltweit, dass die Schusswaffe als Objekt staatlicher Kontrolle in absehbarer Zeit Vergangenheit sein würde. So ineffizient sie auch sein mochte, einmal real, würde sie eine Bewegung begründen, welche sich den 3D-Druck und andere vergleichbare Technologien zur Herstellung immer mächtigerer Waffen erschließen würde. Mit dieser Vermutung lag Wilson nicht falsch: Wer sich für den Fortschritt 3D-druckbarer Waffen interessiert, kann sich auf Plattformen wie YouTube durch Waffenentwicklern mit Pseudonymen wie »Guy in a Garage« auf den neuesten Stand bringen lassen.

Der von Wilson gewählte Name für die druckbaren Waffe, Liberator, sollte auch die US-Regierung provozieren. Diese hatte bereits 1942 im Zuge ihrer psychologischen Kriegsführung die FP-45 Liberator/M1942, die spätere Namensgeberin von Wilsons Wiki-Waffe, entworfen. Von dieser in der Produktion ununterbietbar günstigen Pistole aus gestanzten Metallteilen wurden in Serienproduktion innerhalb kürzester Zeit eine Million Exemplare hergestellt, welche anschließend über von alliierten Mächten besetzten Gebieten abgeworfen werden sollten. Eine unbekannte Zahl dieser leicht versteckbaren, aber nicht minder tödlichen Waffen würde in den Händen von Zivilisten und Widerstandskämpfern, wie man damals hoffte, unter den Besatzungssoldaten eine solche Angst vor Kontakt mit der Zivilbevölkerung verbreiten, dass ihre Kampfmoral nachhaltig geschwächt wäre. Zwar eignete sich die Waffe nicht für den Fronteinsatz, konnte aber für Attentate auf Soldaten der Achsenmächte verwendet werden.[1]
Wilsons Entscheidung für die Benennung seiner Waffe nach der FP-45-Liberator-Pistole liegt wohl in ihrer Symbolfunktion begründet, welche der sieben Jahrzehnte alten Waffe und ihrem Entstehungskontext anhaftet. Wilson sah in der Absicht der Erfinder eine Analogie zu seinen eigenen Zielen. Die Befreier-Pistole sollte die asymmetrische Verteilung von Gewaltmitteln zwischen der militärischen Maschinerie der Achsenmächte und der Bevölkerungen der von ihnen besetzten Nationen aufrütteln, sie sollte ein faktisches Recht auf Widerstand gegen Tyrannei sichern. In seiner eigenen Wahrnehmung tat Wilson genau das, als er die Pläne für die erste druckbare Schusswaffe im Internet veröffentlichte: er ging den ersten Schritt in eine Zukunft, in welcher ein Recht auf Widerstand gegen staatliche Übergriffe nicht länger ein abstraktes Minderheitenideal, sondern ein politisches Faktum sein würde. Wie ihre Namensgeberin ist auch seine eigene, für jeglichen Kampfeinsatz gänzlich unbrauchbare, Liberator-Pistole ein Symbol psychologischer Kriegsführung — wie ihr 70 Jahre altes Vorbild kann sie töten.

Die häufig gestellte Frage, ob er denn keine Bedenken hinsichtlich der kriminellen und potenziell tödlichen Verwendung seiner Waffenpläne habe, weist Wilson zurück und flüchtet sich in eine antistaatliche Rhetorik: Er wolle sich nicht in derartigen Details verlieren. Er habe eine größere Vision. Losgelöst von solchen vermeintlich kurzfristigen, tagespolitischen Diskussionen ist Wilsons Aktivismus dennoch nicht. Nach dem Amoklauf an der Sandy Hook Elementary School setzte er den Forderungen nach einem Verbot hochkapazitiver Magazinen das Feinstein Mag entgegen, ein druckbares Magzin für die AK-47. (Der Name verweist auf Dianne Feinstein, eine demokratische Senatorin, die sich für striktere Waffengesetze einsetzt.)

Um die persönlichen Konsequenzen seines Handelns schert sich Wilson nicht. Die Vereinigten Staaten seien nicht »freundlich« zu ihren Radikalen und er wisse, dass der Staat alles daran setzen werde, ihn aufzuhalten. Immer wieder betont er pathetisch seine eigene Opferbereitschaft. Es ist fragwürdig, ob die von Wilson demonstrierte radikale Entschlossenheit tatsächlich in seinen politischen Überzeugungen oder nicht letztlich persönlich begründet ist. In seinen öffentlichen Auftritten sucht er Aufmerksamkeit und Feindschaft. Denn während Wilson sich ideologisch in vielerlei Hinsicht nicht festlegen will und seinen Aktivismus nicht zuletzt auch als eine Form politischer Selbstfindung versteht, bleibt eine Überzeugung unverändert: er will die Welt brennen sehen. Die Inkaufnahme möglicherweise desaströser Konsequenzen ist für ihn notwendig im revolutionären Kampf gegen den Staat:

»›Revolutionary‹ thought would require a passion for a real and virtous terror. If you dare to chart a divergent course, you should also muster the awful might to initiate it. You can´t just envision it; you have to implement it. What seperated Defense Distributed from the impotent was that when we said ›universal access to arms,‹ those who listened understood we meant just that.«[2]

Eine Leidenschaft für »echten tugendhaften Terror« — was mit Phrasen wie diesen gemeint sein könnte ist der Interpretation des Lesers überlassen. Einem distanzierten Beobachter stellt sich dann vielleicht die Frage, ob sich hinter dieser Leidenschaft nicht vielmehr das Bedürfnis verbirgt, für sich allein die Rolle des ultimativen Staatsfeinds, des bösen Genies zu erkämpfen; so als ob Wilsons Kampf nicht ein Kampf um Anerkennung und Aufmerksamkeit, sondern gegen untragbare Verhältnisse sei.
Für diese Interpretation spricht vor allem die Abwesenheit utopischer Visionen oder Ziele in seinem Programm. Wie andere revolutionäre Aktivisten spricht auch Wilson nicht selten in Bildern und Formeln, die gezielt assoziativ sind. Er hofft »von den Dächern zu Wählen« (ein Euphemismus für bewaffneten Aufstand). Anders als andere Revolutionäre scheint er allerdings nicht an die Möglichkeit zu glauben, dass seine Vision zu besseren Umständen führen könnte. Das letzte und übergeordnete Prinzip Wilsons, der ungehinderte und radikal gleiche Zugang zu Waffen, ist für ihn ein Selbstzweck. Was dieses Prinzip tatsächlich bedeutet, scheint für Wilson irrelevant, das Prinzip selbst ausnahmslos zu sein: Nicht einmal Nuklearwaffen sollten einigen wenigen vorbehalten sein.

Auch vier Jahre nach dem ersten Schuss des Liberator spricht er auf anarcho-libertär ausgerichteten Events, lässt sich für Radiotalkshows interviewen, kommentiert auf Twitter unter @Radomysisky das Zeitgeschehen (offensichtlich eine späte Ehrung des russischen Revolutionärs Sinowjews). Vor kurzem tauchte er als Prophet des Chaos’ und Held des Films The New Radical auf den Leinwänden des Sundance-Film-Festival auf. Bei der Filmpremiere fragte der ehemalige Firmenchef des Online-Magazins Salon, ob Wilsons Forderungen nicht in eine dystopische Zukunft mündeten, eine Zukunft, die wir nicht wollen können. Als ehemaliger Marxist erinnere er sich an die Zeiten der revolutionären Weather Underground Organization, und wolle daher wissen, ob Wilson tatsächlich eine bewaffnete Revolution einleiten möchte.

Wilson antwortet:

»I am the product of the New Left — if you don´t like the Frankenstein you have created, you should consider the life that you´ve lived. […] Marx said the Proletariat should never be disarmed. It should always have ready access to arms.«

[1] Die vom United States Joint Special Operations Command konzipierte FP-45 Liberator wurde vom Office of Strategic Services (eine Vorgängerorganisation der CIA) bei der General Motors Corporation Inland Division in Auftrag gegeben, die unter Geheimhaltung und ohne Seriennummern innerhalb weniger Monate eine Millionen Exemplare für einen Stückpreis von etwa 3 US-Dollar herstellte. Die einschüssigen Pistolen aus gestanztem Metall wurden jeweils mit einigen Patronen Munition und einem erklärenden Comic-Strip in ungekennzeichneten Boxen verstaut. Sie sollten von der britischen und amerikanischen Luftwaffe über feindlichem Gebiet abgeworfen werden. Dank ihrer vergleichsweise leichten Handhabung konnten die Pistolen auch von kampfunerfahrenen Zivilisten eingesetzt werden. Wenngleich ein Großteil der Waffen nie zum Einsatz kam und nach dem Weltkrieg zerstört wurde, blieb die der Waffe zugrundeliegende militärische Kalkulation Teil des strategischen Katalogs der US-Streitkräfte. Zu Beginn des Vietnamkrieges wurde die Deer Gun, eine vergleichbare Waffe hergestellt, um unter südvietnamesischen Zivilisten verteilt zu werden.

[2] Wilson, Cody: Come And Take It. The Gun Printer´s Guide To Free Thinking, S. 84f., Gallery Books: New York, 2016.


Justus Konstantin Jost ist seit seiner frühen Jugend Kampfsportler, heute im israelischen Krav Maga. Das ist hebräisch und meint »Kontaktkampf«, was verschleiert, dass es hier um Schmerz geht — vor allem für unseren Autor. Körperliche Härte mag die erste Voraussetzung eines künftigen Kriegsreporters sein, seine wichtigste ist es nicht. Man »muss« auch, wie er es ist, Autodidakt sein und, vielleicht, wie er es tut, nach Unruhen suchen.

(Das Titelfoto wurde beschnitten und anschließend in schwarz-weiß umgewandelt.)