Der Kuss

Der Kuss | © Alexia Fenchel (2017)

Licht bricht
In die Welt hinein.
Eins wird Alles,
Bald Alles Ein.
So tief verschlungen Du und Ich,
Traum und Sehnsucht lichten sich.

Der Kuss von Gustav Klimt heißt es,
Und doch zerfällt im Munde es.

Mantel unsrer Innigkeit,
Ist Schutze unsrer Zärtlichkeit.
Chaos wir vergehn in dir, Du
Himmlisch buntes Blumenmeer.

Lesart

Wer die Form begreift, versteht zugleich etwas Inhaltliches. Auf mehr oder auf weniger soll hier gar nicht verwiesen werden. Ist die Form des vorliegenden Gedichtes besonders? Das ist suggestiv gefragt, natürlich (sie ist es). Wenn wir uns die Form als ein Gefäß vorstellen, das wir mit Inhalt befüllen, dann bestimmt die Form darüber, wo der Inhalt wie landet und welcher Teil davon nicht hineinpasst. Auch wenn wir Form und Inhalt streng zu trennen versuchen, kann die Form zum Inhalt werden. So auch hier.
Der buchstäbliche Versanfang wird gedichtsübergreifend zu einer eigenständigen Idee: Wir lesen das Gedicht von links nach rechts, aber auch von oben nach unten. Wer es versucht, wird kennenlernen, was im Griechischen Akrostichon heißt und der deutsche Leistenvers ist.
Und was lesen wir in der ›Leiste‹ von
Der Kuss? Wir entdecken eine Frage, die den Dichter umtreibt; aber nicht nur ihn, es ist sogar, vielleicht: die Frage des menschlichen Lebens. (Konstantin Schönfelder)


Moritz Junge bezweifelt, dass er wirklich aus der Stadt kommen soll, die damit wirbt, ›supernormal‹ zu sein. Vielleicht verrät er seine Stadt ja, wenn er Gedichte schreibt. Oder er tut es, weil er Philosophie studiert, und als Nietzsche- und Foucaultleser — natürlich — immer alarmiert ist, wenn jemand das Normale idealisiert.