Der Monarch

© Nicolas Bastuck

Am Eingang hängt ein verkritzeltes gelbes Metallschild. Raucherlokal, Zutritt ab 18 Jahren. An der Kasse kurz dahinter sitzt ein Hipster in Jeansjacke. »Das Ticket kostet zwölf Euro«, sagt er unschuldig. Nicht wissend, dass sich unter mir kurz ein Abgrund öffnet. Im Internet stand zehn Euro. Zusammengeschnorrt habe ich mir: zehn Euro. Sofort krame ich hektisch in meinem Portemonnaie und fördere elf Euro und zwanzig Cent zutage. »Reicht’s nicht ganz?«, fragt der Jeansjackenträger mitleidig, so, dass sich mir die Nackenhaare aufstellen. Ich nicke. Er nickt. Und drückt mir einen Stempel aufs Handgelenk.
Noch etwas ungläubig benommen stolpere ich in die Bar, die passenderweise Monarch heißt. Ein abgehalfterter König mit Raucherlunge. Die Wände sind bordeauxrot gestrichen. Das Licht ist gedämpft gelb. An die Decke schmiegen sich verrostete Lüftungsrohre. An einem baumelt seltsam entrückt eine Diskokugel. Die Wände zieren kitschige Jagdmalereien und Schwarzweißfotografien. Alles ist noch so, wie ich es in Erinnerung hatte.
Ich setze mich ans Fenster, mache es mir auf der Fensterbank gemütlich. Mein grauer, zerschlissener Mantel dient mir dürftig als Kissen und Rückenlehne. Ich drehe mir die erste von vielen Zigaretten dieses Abends und entlasse meine Augen in den Freigang. Alle Menschen scheinen sich zu kennen. Ich sitze alleine in meiner Erwartung auf das Konzert.

Mein Handy klingelt das erste Mal. Die Nummer sagt mir nichts, aber ich weiß, wer mich da versucht zu erreichen. Bald muss ich rangehen und mir eine Entschuldigung einfallen lassen, warum ich nicht dort bin, wo ich hingehöre und nicht das mache, was ich tun sollte. Die aufflammenden Schuldgefühle schiebe ich zur Seite. Wenigstens ein, zwei Songs. Dann wieder in die Wirklichkeit zurück. Nur ganz kurz in diesem Raucherauffangbecken gute Musik genießen. Nur ganz kurz. Dann bin ich wieder da. Versprochen.
Die Bühne wirkt wie ein Wohnzimmer: Nachttischlampe auf dem Keyboard und eine grüngemusterte Tapete im Hintergrund. Neben dem Keyboard stehen eine abgeschrammelte Akustikgitarre — sie erinnert mich an den Abend, an dem ich das erste Mal echtes Koks gesehen habe — daneben eine elektrische Gitarre in karibikhellblau, die mich an einen sonnigen Nachmittag in Tübingen erinnert. Ein Amerikaner schmetterte in ihrer Begleitung den Fachwerkhäusern der Altstadt Balladen entgegen. Eine andere Erinnerungszeit. Ein anderes Leben. Als ich noch jemand anderen liebte, jemand anderes dachte zu sein, jemand anderes werden wollte.

Das Lokal füllt sich mehr und mehr. An der Bar steht ein noch vage bekanntes Gesicht. Dieses Gesicht hatte damals das Koks auf den Tisch gelegt und mein naives Landeigehirn kurzerhand in die Realität Berliner Nachtlebens katapultiert. Schmierig wirkender Pferdeschwanz, Plauzenansatz und die traurigen Augen einer deutschen Dogge. Ich wende mich ab.
Ich sitze wie ein Einsiedler neben drei Franzosen und habe Durst. Aber in dem Portemonnaie ist nichts mehr, was ich zu Bier machen könnte.
Neben mir bröckelt Putz von der Wand. Das Mikro steht weiter verlassen mittig auf der Bühne. Das ununterbrochene Geschnatter der Menschen füllt meine Ohren. Ich werde ungeduldiger.
Ich habe Durst auf den ersten Akkord. Die erste Note aus dieser samtweichen Soulkehle mit rauen Ecken, die ich damals lieben gelernt habe.
Die Bühne bleibt leer und
meine Zeit verrinnt
und tickt
und tickt
und verrinnt.
Und da. Plötzlich sitzen Bassist, Keyboarder und Drummer auf der Bühne. Der Beifall klingelt stumm in meinen Ohren. Er tritt auf. Die Haare kürzer, aber sie fallen noch zu weichen Locken.
Gib mir den ersten Ton, lechzt es in mich hinein. Gib mir den ersten Ton.


Nina Romming begann mit zehn Jahren, ihrem Leben in Notizbüchern eine weitere Realität zu geben. Was darin verdichtet liegt, ist ihr erzählerisches Guthaben, von dem sie ab und an auch hier etwas auszahlt. Außerdem erzählt sie als Regisseurin, als die sie sich ›vor allem‹ versteht, mit Butchers & Duchess.