Die Entdeckung meiner Sterblichkeit

Dieser Beitrag schließt an »Vergessen« an. Der Autor sucht Halt am Ende eines Lebensabschnitts. Er findet ihn, während er mit seiner Sterblichkeit umzugehen versucht, in einer Frage. Müssen wir mehr über den Tod nachdenken, um lebendig zu sein?

Unsere Mortalität ist naturgesetzlich verankert. Wir erfahren den Tod — den Herrendorf, Hitchens oder Raddatz literarisch verarbeiten, als er sich ihnen “physisch“ annähert — ebenso wie die Autoren selbst. Wir wissen nicht, wie sich Sterben anfühlt und glauben doch zu wissen, sobald wir von ihren bewegenden Beobachtungen lesen, lernen, gerührt sind, wie es sich anfühlt oder anfühlen muss, wenn es für uns soweit ist. Das liegt zum einen daran, dass die Autoren so fähig sind, ihre Situation erfahrbar zu machen. Sie gehen über das bloße Schildern hinaus. Sie reflektieren und weinen — und wir weinen mit ihnen. Aber auch daran, dass wir als Menschen, alle Menschen, in diesem Schicksal vereint sind und diese Angst so universal existent wie partikular präsent ist.
Geweint habe ich das letzte Mal vor ein paar Tagen, als ich Paul Kalathinis Buch When Breath Becomes Air zu Ende brachte. Ich möchte ihn gern in diese Reihe bringen, die ich zuvor mit Herrendorf, Hitchens und Raddatz aufgebaut habe, weil er so ein begnadeter und ambitionierter Schreiber ist. Er ist ursprünglich kein Autor, sondern ein Neurochirurg und Neurowissenschaftler. Auf seinem beruflichen und geistigen Höhepunkt bricht mit 35 Jahren eine Krebsdiagnose über ihn herein.
»And with that, the future I had imagined, the one just about to be realized, the culmination of decades of striving, evaporated.« (Und damit erlosch, verflüchtigte sich die Zukunft, die ich mir ausgemalt hatte und um deren Größe ich jahrzehntelang kämpfte.) Zwei Jahre später — so viel kann ich vorweg nehmen, weil es ja meine Tränen und der Titel bereits verraten, wenn nicht schon die einleitenden Worte — stirbt er. Aber es liegen zwei Jahre zwischen Diagnose und Tod. Das ist entscheidend, auch für Kalathini, der sich deshalb dazu entschließt, ein Buch zu schreiben und seine praktischen Erfahrungen in eine sprachliche Form zu übertragen. When Breath Becomes Air dokumentiert seinen Versuch, der — wie jedes Leben auch — einmalig und endgültig ist.
»If the weight of mortality does not grow lighter, does it at least get more familiar?« (Wenn der Ballast der Sterblichkeit nicht geringer wird, gewöhnen wir uns wenigstens daran?)


Wann beginnen wir zu lernen, dass wir endlich sind? Ich kann mich nicht daran erinnern, dass mir das als Kleinkind bewusst gewesen war. Ich musste gedacht haben, dass sich das Leben unbefristet ereignet. Ich weiß nicht mehr, wann sich dieser Glaube als Illusion verflüchtigte, aber ich kann mich gut daran erinnern, dass mich die neue Entdeckung furchtbar traurig gemacht hat. Im Schlafzimmer meiner Großeltern, in dem ich mich eigentlich zum Mittagsschlaf befand, konnte ich kein Auge zumachen. Ich starrte für eine Stunde an die Decke. Ich hatte große Angst davor, nicht wieder aufzuwachen. Mit offenen Augen war ich im Leben, das Dunkel bedeutete den Tod.
Schauen wir uns Kinderfotos an, schreibt Roger Willemsen, betrachten wir uns immer als Sterbende. Ich erkenne mich darin wieder, finde ich mich wieder im Schwärmerischen, Träumerischen, auch Ängstlichen. Das Kind in mir aber ist biografisch geworden. Es ist nicht mehr gegenwärtig. Ich denke, mit meinem Jahr in Washington, DC ist etwas zu Ende gegangen. Sollte es eine magische Grenze, oder einen Grenzverlauf, geben — in der ein Selbstbewusstsein im Erwachsenen erwacht — dann habe ich sie in den letzten Monaten überquert. Es geschah schleichend, nicht traumatisch. Ein Knacks, kein Bruch.

Ich bin Anfang 20. Ich hoffe, meine Gesundheit bricht mich nicht in der Mitte meines Schaffens auseinander. Ich bin hungrig, sehnsüchtig, demütig — aber vor allem eines: dankbar. Das ist das dominierende Gefühl, dass mich bei jeder Lektüre überkommt, die dem Tod entgegen schreibt. Und so sollte es sein.

Müssen wir mehr über den Tod nachdenken, um lebendig zu sein?