Easter 1916

Wenn Gedichte Geschichte schreiben

Klippenschattierungen (The Cliffs of Moher) | © Holm-Uwe Burgemann 2016
That woman’s days were spent
In ignorant good-will,
Her nights in argument
Until her voice grew shrill.
What voice more sweet than hers
When, young and beautiful,
She rode to harriers?
–William Butler Yeats, Easter 1916

Ein Gedicht schafft Helden, deren schwenkenden Fahnen die Euphorie um die Geschlechtergleichheit manchmal verweht. Was richtete Yeats da bloß an, als er »Easter 1916« schrieb?

William Butler Yeats soll eher sensibler Natur gewesen sein — geradezu sanft. Er neigte auf eine natürliche Weise zur Kreativität und widmete sein Leben der Literatur und der Kunst. Ein Luftikus. Dem damaligen Bild reiner Maskulinität entsprach er nicht. Zu bunt war er, zu ausgefallen und ohnehin zu feminin. Seine Kunst aber, die war klar konformistisch: dominante Männlichkeit, demütige Weiblichkeit.

Woher diese Bilder? Woher diese vom Geschlecht abhängigen Wesenszüge und Verhaltensmuster? Warum diese fortbestehende Geschlechtertrennung, die Schubladen schafft, in einer Kommode aus Marmor, die nicht zerbricht. Alles tatsächlich Mutter Natur? Oder: eine Frage der Kultur?
Hier betritt man das Terrain der Genderdebatte. Hier geht es um die Frage, was denn die Konsequenzen sind, wenn wir ›Geschlecht‹ definieren. Wie und warum werden Definitionen zum Dilemma? Nun, wenn das eine vom anderen zu unterscheiden dem ersten einen Vorteil erteilt, während die Andere sich mit Nachteilen zufrieden zu geben hat, dann können Definitionen zum Dilemma werden. Doch was heißt das?

Ein Beispiel: Wenn Weiblichkeit mit Zurückhaltung assoziiert wird, also auch nur weiblich ist, was zurückhaltend auftritt, verhalte ich (weiblich) mich zurückhaltend, um konform zu bleiben und damit anerkannt zu sein. Denn keiner tanzt gern aus der Reihe.
Zurückhaltung ist nicht immer angebracht. Manchmal ist es wichtig, eine Meinung zu haben und zu vertreten. – Anderen den Vortritt zu lassen, war zu lange ›Frauensache‹. Sich den Vortritt nehmen können, zu lange ›Männersache‹.
Geschlechterrollen und die damit verbundenen Erwartungen schaffen eine Hierarchie, gebaut auf Ideen davon, was ›weiblich‹ und was ›männlich‹ ist. Damals in Irland war das kaum anders. Die Proklamation eines unabhängigen Irlands aus dem Jahr 1916 sprach noch von beiden Geschlechtern: »Irishmen and Irishwoman«. (Heute liegt eines der Originale gut aufbewahrt unter der Decke eines Glaskastens, in der berühmten Bibliothek des Trinity Colleges in Dublin.)

Die eigentliche Verfassung des Irischen Freistaates von 1937 jedoch, beraubte die Frauen vieler ihrer Freiheiten. Wohin verschwanden die Frauen?

Eine Frau zu sein in der Zeit des irischen Bürgerkrieges, der auf die Revolution von 1916 folgte, bedeutete, sich für Wahlrecht oder Heimat entscheiden zu müssen. Schloss man sich der britischen Suffragetten-Bewegung an, hatte man zu befürchten, der irischen Unabhängigkeitsbewegung ein Hindernis zu sein. Die Alternative war, sich nicht erstrangig für das Wahlrecht, sondern für die Freiheit und Unabhängigkeit Irlands einzusetzen. Nur nicht mit Lanzen und Schwertern — denn Revolution war nach wie vor eine Sache des Mannes.

Und doch gab es sie, die Heldinnen. Großartige Vorbilder, mutige Kämpferinnen. Eva Gore-Booth, die Gründerin des Magazins Urania, sah das Geschlecht als reinen Zufall und plädierte für seine völlige Abschaffung. Ihre Schwester, Constance Markievicz, zählte zu einer der bedeutendsten Stimmen der Revolution. Sie war die erste Frau, die in das britische House of Commons gewählt wurde. Ihre Entscheidung, ihren Sitz in London nicht zu besetzen und in Irland zu bleiben, war ein starkes Statement der Rebellion. Nicht anders Jenny Wyse Power, die gegen den Wortlaut in der Verfassung wetterte. Dass Frauen Hauptverdiener sein könnten, war für Viele eine fast verräterische Vorstellung.

Aber ihre Stimmen verstummten unter den Schreien derer, die die Revolution anführten. William Butler Yeats’ »Easter 1916« schaffte ein Ideal auf Kosten der Realität. Die Revolution war nicht nur heroisch. Armut, Frauen, Kinder, Klassenkonflikte — all das wurde wenig beachtet. Und so schrieben jene Geschichte, deren Heldentum Gedichte schmückte. Und Frauen, deren Aktivismus nicht militärischer Natur gewesen war, verschwanden aus der Geschichte.
Die Frauen, wo sie doch nicht an der Seite ihrer Landsmänner gekämpft hatten, galten plötzlich nicht länger als vollwertige Bürger — verewigt in der Verfassung von 1937. Von da an wurde Geschlechterungleichheit legaler Weise zu Gang und Gebe. Das Gesetz bestimmte über Verhütung und Scheidung, bestimmte, was am eigenen weiblichen Körper gut war und was nicht. War es nun die Distanz einer männlichen Elite zur weiblichen Realität oder ein größeres fundamentales Missverständnis? Wohl ein wenig von beiden.

Ironischerweise gaben Yeats Darstellungen der Rollenverteilung in »Easter 1916« eben jenen einen Vorteil, denen er eher distanziert gegenüberstand — dem katholischen Mittelstand. Der Einfluss der Katholischen Kirche war seit der Revolution stetig gewachsen. Ihre Stellungnahme zur Rollenverteilung der Geschlechter war eindeutig. Frau-sein war Daheimsein. Weiblichkeit meinte das Gebären von Nachfolgern, oder politisch: neuen Nationalisten.
Yeats’ legitimierte, wenn auch nicht willentlich, das Bild der Katholischen Kirche. »Easter 1916« untermauerte die Geschlechterungerechtigkeit. Und so kam es, wie es kommen musste.

Yeats schrieb Gedichte.
Und seine Gedichte schrieben Geschichte.

Hätte Yeats nicht die revolutionäre Constance Markievicz als »schrill« bezeichnet, vielleicht wäre ihr Verruf etwas weniger schrill durch die Gesellschaft gegangen. Hätte Yeats sie nicht am Horizont der Helden der Revolution verblassen lassen, nun, vielleicht hätte man sie dann umgehend als Vorreiterin der Revolution erkannt.

So hätten die Frauen nicht nur zusehen müssen, wie andere ihre Geschichte schreiben. Sie hätten sie selber geschrieben.


Ariane Vera schreibt, fernab vom heimischen Festland, in Aberdeen. Meistens über die Stärkung des besseren Geschlechts. Nicht mehr lange, dann nimmt Sie Abschied vom universitären Leben. Ihre eigentlichen Anliegen lagen seit jeher außerhalb.

Weiterdenken: Judith Butler, Gender Trouble: Feminism and the Subversion of Identity (London: Routledge, 1990); Laurie Penny, Unspeakable Things: Sex, Lies, and Revolution (London: Bloomsbury, 2014).