Effektiver Altruismus

Zwischen Unfreiheit und dem wahrlich Guten

Ohne Titel | © Sophia Fenchel 2017

Wie sollen wir jenen helfen, die sich vorgenommen haben, selbstlos die Welt zu verbessern? Mit dieser Frage wollen Effektive Altruisten das moralisch Richtige, glaubt unser Autor. Doch dabei vernachlässigen sie Qualitäten jenseits des Codierbaren. Junge Bewegungen beweisen sich im Gegenwind. Unser Autor bezweifelt, dass er mit den Effektiven Altruisten im gleichen Boot sitzt. Eine Annäherung.

Einen Artikel über die Lehre des Effektiven Altruismus zu verfassen widerspricht ihm bereits. Das resultiert nicht etwa aus einer dem Effektiven Altruismus eigentümlichen Aversion gegenüber Selbstkritik, sondern ergibt sich vielmehr aus dem konsequentem Befolgen seiner Leitlinien. Das Verfassen von Texten ist mit Zeit verbunden. Eine Zeit, die effektiver eingesetzt werden könnte — zum Beispiel mit dem Retten von Menschenleben.
Der Effektive Altruismus beschreibt eine von Peter Singer, einem zeitgenössischen Utilitaristen, angestoßene Philosophie, die dazu anregt eigene Handlungen und Lebensentwürfe so zu verändern, dass durch diese die größtmögliche Anzahl an Menschenleben gerettet werden können. Ein Vorhaben von höchstem Edelmut, das nach der Logik des Effektiven Altruismus jedoch nicht bedeutet, medizinische Berufe erstreben oder in Entwicklungsländern Reis verteilen zu müssen. Es ist eine weitaus wirkmächtigere Spielart des sogenannten klassischen Utilitarismus: Eine Ethik, die moralischen Menschen nahe legt, ihre Zeit und ihr Handeln so effektiv wie möglich einzusetzen. Effektiv meint, nach Maßgabe von Wahrscheinlichkeitsrechnung und Kausalität zu handeln. Konkret bedeutet das beispielsweise, eine Karriere in der Finanzbranche gegenüber allen anderen beruflichen Wegen vorzuziehen und das ungleich mehr erworbene Geld an Organisationen zu spenden, die sehr wahrscheinlich viele Menschenleben retten und diesem Ansatz folgend zum Beispiel Moskito-Netze großflächig verteilen. Sollte der Leser jetzt eine verfeinerte, ja im Lichte eines globalen Bewusstseins aktualisierte Methode Robin Hoods assoziieren, so ist dies grundsätzlich richtig. Es vernachlässigt aber gleichsam mehrere dem Effektiven Altruismus anhaftende Probleme.
Zwei nachdrücklichere Beispiele lassen diese vorausahnen: Die im ZEIT-Artikel »Die Besserhelfer« vorgestellte Effektive Altruistin Sara wechselte etwa von dem von ihr leidenschaftlich verfolgten Studium der Literaturwissenschaften zur Mathematik. Einem Fach, welches im Erwartungswert weitaus höhere Einnahmen verspricht. Einnahmen, die für Spenden und damit letztlich für den Erhalt von Menschenleben verwendet werden können.
Ein radikalerer Handlungsumschwung, aber eine nach dem Effektiven Altruismus in sich konsistente Haltung, ist der Verzicht auf eigene Kinder. Durch die durch Kinderlosigkeit eingesparten Gelder kann vielen Kindern an anderen Orten der Welt ein besseres Leben ermöglicht werden. Diese Logik erst einmal verinnerlicht, befindet sich der überzeugte Anhänger stets in einem Opportunitätsleben, dem ethischen Äquivalent zu ökonomischen Opportunitätskosten: Wieviel Heil könnte entstehen, sollte ich anders handeln als ich handle?
Selbstevident ist dabei, dass die gewichtigsten Lebensentscheidungen über Familie und Karriere auch den gewichtigsten Opportunitäsaspekt bedeuten. So erklimmt derjenige auf der moralischen Hierarchie die höchste Stufe, der die meisten Menschen rettet und damit womöglich verbundene Entbehrungen in Kauf nimmt.
Im Denken moralischer Hierarchien ist der Effektive Altruismus bereits seiner Existenz wegen verhaftet. Er fordert ja gerade von einem Effektiven Altruisten der Ebene 0 mit einem effizienteren Lebensentwurf die Ebene 1 zu erreichen. Ein Novum besteht dabei in der Messbarkeit dieses eigenen moralischen Werts. In Abgrenzung zur qualitativen Beschreibung des Moralischen durch andere geistigen Strömungen, wie etwa dem Christentum, versucht der Effektive Altruismus Moral zu quantifizieren und in messbare Größen einzuzwängen. Ein Umstand, der zu Ausgrenzung und Brandmarkung führen kann, da erklärter Moral-Messwert im Verdacht steht,mit dem Wert des betrachteten Menschen an sich einherzugehen. Wer die effektiv-altruistischen Lebensweise negiert, läuft Gefahr moralisch abgewertet zu werden. Implizite Annahme dabei ist aber, dass das moralische Level des handelnden Menschen Rückschlüsse auf seinen Wert zulässt. Vor dem Hintergrund, dass Effektive Altruisten den Wert eines Menschen ja gerade losgelöst von sonstigen Einflussfaktoren, wie zum Beispiel Verwandtschaftsbeziehung, geografischer Lage, Nationalität oder weltanschaulicher Überzeugung betrachten, ist das eine trügerische Annahme. Richtig hingegen ist die These, dass durch diesen moralischen Wert den Handlungen einer Person(!) ein Wert beigemessen wird, nicht aber dem jeweiligen Menschen. Dessen Wert ist unveräußerlich. Im Lichte höchster Güter wie dem Leben sind Handlungen, die direkt oder indirekt diese Güter schützen, erstrebenswert und daher wertvoll. Je effektiver diese Handlungen sind, umso wertvoller sind sie; sofern sie nicht gegen die Freiheit anderer oder die eigene Freiheit verstoßen. Letzteres wird insbesondere beim beschriebenen Studiengangwechsel deutlich: Die beiden Güter ›persönliche Freiheit‹ und ›Lebensrettung Anderer‹ werden gegeneinander abgewogen.

KRITIK

Die erste Problematik besteht dabei darin, dass der Effektive Altruismus suggeriert, dass es dieses Gegeneinander geben muss. Das ist aber nicht der Fall. Handlungsalternativen wie Freier Handel, Entwicklungshilfe, technischer Fortschritt, vernünftige politische Entscheidungen oder Systemwechsel können mindestens ebenso zum Retten von Leben beitragen. Insbesondere die beiden letztgenannten beeinflussen auch die Effektivität des Effektiven Altruismus. Selbstredend empfiehlt der Effektive Altruismus auch Handlungen oder Berufe zu erstreben, die einen etwaigen Politik- oder Systemwechsel bewirken können. Von einem objektiven Standpunkt aus — dem methodischen Ideal des Effektiven Altruismus — betrachtet, ist es jedoch äußerst unwahrscheinlich zu einer politischen Figur mit Macht zur Veränderung aufzusteigen. Es folgt, dass die Wahl klassischer Berufe effektiver ist als ein Leben als Politiker. Um der Effektivität Willen entreißt sich der revolutionär anmutende Effektive Altruismus sein revolutionäres Potenzial. Er kann im System funktionieren, es jedoch nicht funktional verändern.
Die zweite und wohl größte Kontroverse liegt in der potenziell freiheitsbeschränkenden Natur des Effektiven Altruismus. Im Hinblick auf das Entsagen vom Kinderwunsch, vor dem Zweck, das eingesparte Geld für das Überleben anderer Kinder einzusetzen, wird dieser Hang zur Unfreiheit offenbar.
Wenngleich auch aufgrund lobenswerter Gesinnung: der Effektive Altruist bewegt sich in der Sphäre des Zwecks, des Outputs, des Ergebnis’ und exkludiert das Mittel. Für ihn ist das Wesen des Mittels hauptsächlich das Mittel-Sein an sich. Befürworter des Effektiven Altruismus mit dem Anspruch, ihn als ganzheitliche Geistesströmung zu begreifen, mögen an dieser Stelle einwenden, dass es doch nicht als unfrei gelten könne, im Willen anderen zu Helfen sich auch selbst maßzuregeln. Als bekannte Entsprechung dient etwa der Eintritt in ein Kloster, ein bewusster Verzicht auf Freiheiten, um sein Leben Gott und den Armen wie Schwachen zu widmen. Beide verdienen grundsätzlich hohen Respekt und bedürfen doch einer konkreteren Untersuchung im Lichte der Kantischen Formel des »Zweckes an sich selbst«. Diese hilft uns dabei, ein im Effektiven Altruismus eingewobenes Mittel-Zweck-Problem zu untersuchen: »Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.«[1]
So verstößt es gegen die Kantische Moral, einen anderen, aber auch sich selbst(!) ausschließlich als Mittel für die Erlangung eines — wie auch immer beschaffenen Zwecks — zu verwenden, ihn zu instrumentalisieren. So muss die Wahrung des eigenen Menschseins oder das Menschsein des Anderen immer einen weiteren Zweck, ein begleitendes Handlungsmotiv darstellen. Fraglos ist der effektiv-altruistische Handlungen begründende Handlungszweck erstrebenswert. Doch wie legitim dieser Zweck auch sein mag, die handelnde Person darf nicht in einen Zustand einer Selbstvergessenheit über das eigene Menschsein gelangen. Konstitutiv dafür ist der menschliche Geist, zu welchem der aus Gefühl und Vernunft zusammengesetzte Wille zählt. Konkurrieren Gefühl und Vernunft wie im Beispiel des Kinderwunsches, obliegt es im Sinne einer inneren Freiheit jedem selbst nach subjektiven Schwerpunkten eine Abwägung zwischen Gefühl und Vernunft zu finden. Diese Abwägung selbst ist dann wiederum vernünftig, entspringt sie doch dem rationalen Akt des Abwägens. Den Auftrag, welchen Kant an uns mit dieser Formel hinterlässt, ist dem so beschaffenen Willen Rechnung zu tragen, das eigene, Gefühl und Vernunft implizierende Menschsein als Zweck aufzufassen. Für den Effektiven Altruismus bedeutet dies, dass nur diejenigen, die nach intensiver Abwägung und Erforschung des eigenen Willens zu der authentischen Ansicht gelangt sind, effektiv altruistisch handeln zu wollen, eben dies tun sollen. Weitaus bemerkenswerter als diese Erkenntnis ist jedoch die Tatsache, dass nach Kant die moralische Stellung einer Person eben nicht dadurch definiert ist wie effektiv sie rettet, sondern ob sie der Selbstzweckformel folgt. Die Kantische Ethik ist daher von weitaus grundlegenderer Form als der Effektive Altruismus. Der Effektive Altruismus möchte Leid bekämpfen; Kant möchte menschlich verursachtes Leid ex ante, das heißt präemptiv, ausschließen.

An dieser Stelle wird die Rolle des Effektiven Altruismus offenbar. Er kann eine mächtige Methodik sein, um Leid effektiv zu bekämpfen, darf aber nicht zu einer umfassenden, unfreien Ideologie verkommen. Diese Gefahr ist durch das quantitative Moment des Effektiven Altruismus gegeben und überschattet so seinen Verdienst: Ihm gelingt, seinen Mitgliedern ein echtes Bewusstsein von ›existentem Leiden‹ zu vermitteln und verlangt von uns allen nicht nur Gutes, sondern Gutes möglichst gut zu tun.

[1] »Menschheit« ist hier als Menschsein, die Menschheitlichkeit der Person aufzufassen. Immanuel Kant. Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (Frankfurt am Main: Suhrkamp, [1785] 2007). S. 79.


MATTHIAS SCHERR hat Wegmarken gesetzt, die für sein Alter außergewöhnlich breit und divers angeordnet sind. Matthias studiert Volkswirtschaft und Mathematik in Regensburg. Als Schüler gewann er den Bundeswettbewerb ›Jugend Gründet‹ und folgt seit dem einer schöpferische Linie, die ihn zu Project Together brachte, bevor sie sich im Londoner East End, in den Fluren von Goldman Sachs verläuft. Jüngst gewann Project Together die ›Google Impact Challenge 2016‹. Mit seiner unternehmerischen Erfahrung möchte er auf den Schultern der Jungen Union die deutsche Politiklandschaft praktisch gestalten, um dann — wie sollte es auch anders sein — gesellschaftlich zu wirken.

In seinem Podcast ›Waking Up‹ zeigt Sam Harris im Gespräch mit William MacAskill, eine der bedeutendsten Stimmen des Effektiven Altruismus, wie diese Strömung noch verstanden werden kann — ein Kontrastprogramm zur obigen Argumentation. Wer persönlich ins Gespräch kommen will, kann am 8. Oktober 2016 zur ersten deutschen Konferenz zum Effektiven Altruismus nach Berlin fahren.