Notizbuch

Reisenotizen aus Fernwest III

Auf den Straßen von Fernwest / Südamerika | © Sophia Fenchel

Ich erinnere mich, dass mir meine Schwester, als ich 14 war, ein Notizbuch schenkte. Die Oberfläche hatte eine metallene Optik, das Grau wurde von moosgrünen und violetten Sprenkelungen unterbrochen. Es machte auf mich einen bedeutenden Eindruck, damals.
Ich wartete lange, bis ich die erste Seite füllte und noch länger, bis ich zur zweiten gelangte — die dritte habe ich nie beschrieben. Ich hob es mir auf, wie ich mir damals noch Kaugummis oder Schokolade aufbewahrte, bis sie hart und geschmacklos und mit einem weißlichen Film überzogen war. Ich schrieb bis auf ein paar Zeilen auf den ersten beiden Seiten nie etwas hinein, stattdessen öffnete und schloss ich bloß, aber in bedeutender Geste, den Buchdeckel, genoss den sanften Windschlag, den das Öffnen auslöste, wenn ich es denn schnell genug tat und sog den Papiergeruch ein. Mein Notizbuch führte mich in eine Welt, über die ich wusste, dass ich in der ich leben wollte und dass sie sich mit meinem Notizbuch öffnete.

Die leere Seite ist die beste Gelegenheit.

Zu jener Zeit, oder kurz danach, sah ich mich bereits als Schreibenden. Mein Anspruch ging der Tat voraus, wie auch beim Lesen. 
Ich wollte belesen sein, las aber nicht gern; ich wollte verstehen, ließ mich aber selten auf die Anstrengungen ein, die dafür erforderlich sind, und ich wollte schreiben, schrieb aber nie. Ich versuchte es nicht einmal. Aber die Bewegung kam den Gedanken nach, irgendwann, mit 16 Jahren, begann ich dann leidenschaftlich zu lesen und mich bereitwillig zu konzentrieren. Später dann sogar zu schreiben: Notizen, manchmal nur Stichpunkte, viel Fragmentarisches. Mit Hilfe meines Möglichkeitssinnes schöpfte ich aus einer Wirklichkeit, die erst spät(er) eintrat. Doch ihr Eintreten hing davon ab, dass ich sie mir vorstellte.

Seit einem Jahr sind mehrere Notizbücher immer in meiner Nähe. Ich schreibe auf, was ich als vergänglich wahrnehme und daher besonders vom Verlust bedroht ist.

Bei einem bewaffneten Überfall in Bogotá kam mir dann doch mein Notizbuch abhanden, in welchem die Arbeit meiner letzten Tage abgefasst gewesen war, wie auch meine Notizen zu Eribons Rückkehr nach Reims. Mit diesem Buch kam mir auf der Calle 90 in Bogotá auch ein Stück meiner Erinnerung abhanden. Was ich vorausblickend aufgeschrieb, war nun unwiederbringlich verloren und mir drängt sich die Frage auf, was das mit meinem Verhältnis zu den Büchern (in meinem Buch) macht. Was, wenn ich sie erneut lese?
Natürlich ist etwas verloren gegangen, doch muss das, was im Notizbuch geschrieben steht, zugleich minimal in mein Bewusstsein eingeschrieben sein, sodass ich mich dann beim wiederholten Lesen erinnere, an meine verschollenen Notizen, oder sogar weiter und tiefer schaue, da alles schon einmal da war.

Jeder Leser liest sein eigenes Buch und er oder sie liest es niemals, auch beim wiederholten Lesen des gleichen Buches, auf dieselbe Art oder Weise.


Konstantin Schönfelder ist einer der Gründer von Prä|Position und, wenn Nähe berufen macht, ein Gärtner der literarischen und südamerikanischen Landschaften. Dies war das letzte Stück aus seinem kolumbianischen Reisetagebuch.

Zu den Reisenotizen I und II: