Spiegelwelten

Die Scheibenputzer | Thomas Leuthard (CC BY 2.0)
»In Wirklichkeit aber ist kein Ich, auch nicht das naivste, eine Einheit, sondern eine höchst vielfältige Welt, ein kleiner Sternenhimmel, ein Chaos von Formen, Stufen und Zuständen, von Erbschaften und Möglichkeiten.«
— Hermann Hesse, Der Steppenwolf

Da sitze ich in dieser Kirche, vier Flugstunden weg von dem Ort, den ich mein Zuhause nenne und plötzlich fühle ich mich heimisch. Fühle mich erinnert an meine Kindheit, in der ich anfangs andächtig lauschend und später dem rhythmischen Klang des Rosenkranz-Gebetes folgend bald jeden Sonntag in der Kirche saß und auf den Beginn der Messe wartete. Heute sitze ich, wieder andächtig lauschend, und durchaus überrascht über dieses Gefühl, das mich zwischen arabischen Christen in einer Kirche der Hauptstadt Jordaniens beschleicht. Ich frage mich: Wer bin ich?
Eine »höchst vielfältige Welt«, meint Hesse. In Gedanken nickend gebe ich ihm Recht und tauche in ebendiese ein. In fast schon mechanischer Routine mache ich mich auf die Suche nach meinen Erbschaften, wühle mich durch das Chaos meiner eigenen Zustände, Formen und Stufen meiner eigenen vielfältigen Welt. Schon unzählige Male habe ich dieselben Gedanken gedacht, andere verworfen, neue aufgenommen. Immer ein wenig zögernd, unsicher, teils ratlos und dennoch euphorisch angesichts all der Möglichkeiten, die vor mir liegen. Ich taste meine eigenen Grenzen ab, stoße dabei auf eine durchsichtige Scheibe und sehe die Welt, die mich umgibt. Mein Blick auf all die Vielfalt im Draußen verschwimmt mit meinem Spiegelbild und vor mir wird die Scheidewand zum Augenspiel: Ich schaue nach draußen und blicke in mein Gesicht.

Voller Verwunderung stehe ich nun im Geiste vor meinem früheren Ich und versuche zu verstehen, was gerade vor sich geht. Würden wir hier in der Kirche tatsächlich neben einander sitzen, kämen wir uns vermutlich nicht einmal bekannt vor. Jetzt aber tippt es mir auf meine Schulter, geduldig aber bestimmt, und erinnert mich daran, dass ich mich nicht vergessen kann. Jedenfalls nicht ganz so leicht, wie ich mir das vielleicht dachte und manchmal wünschte. Leise klopft eine Erbschaft an die Tür — die ich in den letzten Jahren meines Lebens sorgfältig verstaut, in einer der hinteren Ecken meines Zimmers versteckt hatte — will gehört werden und wirft nun Fragen auf, von denen ich dachte, ich hätte sie längst beantwortet.

Während es für mein früheres Ich noch selbstverständlich war, gemeinsam mit Eltern und Großeltern die Messe zu besuchen und zu glauben, oder zumindest nicht weiter zu hinterfragen, hat mein heutiges Ich irgendwann begonnen, anders zu denken. Aufgeworfene Fragen blieben unbeantwortet und verstaubten gemeinsam mit dem Versuch mein Erbe zu verstehen und in meinem Sinne zu leben. Grund dafür ist zum einen meine eigene Trägheit, zum anderen die Komplexität dieser Glaubensfrage für sich.
Der vertraute Sprechrhythmus, der mich gerade eben noch fortgetragen hat in das Innere meiner selbst, verstummt abrupt. In der Kirche beginnt jetzt der Gottesdienst. Gemeinsam mit den anderen Gläubigen stehe ich auf. Ich schaue mich um, blicke in die verschiedensten Gesichter, weiß, dahinter versteckt sich eine so vielfältige Welt, wie die meine eine ist, und mir wird klar: In der Begegnung mit anderen erfahre ich auch einen Teil meines Selbst.


Franziska Prokopetz durchwandert den nahen und mittleren Osten auf akademischen wie persönlichen Wegen. Ihren literarischer Auftrag versteht sie als Information, als das Anschreiben gegen unsere vorurteilbehaftete Zeit. Oder: Ihre Suche nach den ›Knotenpunkten‹ kultureller und religiöser Identität.