Stellen

Im Blick zurück: eine alte Minol-Tankstelle im Osten

Sehr attraktive Mädchen haben oft hässliche Füße, was mich zeitweise enorm traurig macht. Nicht, dass mich diese schwieligen roten Stellen an den Fersen, oder die Blasen am Knochen neben dem großen Zeh abstoßen würden — es macht mich einfach nur traurig, wie man nach einem Tag traurig ist, den man sich schöner vorgestellt hat.

Ich mag Füße nicht besonders. Ich merke regelrecht, wie sich meine Mundwinkel unweigerlich nach unten ziehen, wenn ich an Plakate mit Werbung für Fußcreme oder andere Dinge denke, die mit diesem unsäglichen Körperteil zusammenhängen. Als ich vor kurzem umgezogen bin (nichts Großes, zwei Häuser weiter), ist mir ein Beistelltisch zwischen dem fünften und dem sechsten Stock aus der Hand gerutscht und direkt auf den Fuß gefallen. Ich ging die Treppe rückwärts, und nur mit Flipflops runter, was auch einfach nicht die weltbeste Idee war. Der Tisch war an sich nicht besonders schwer, in Kombination mit den anderen Umständen hat es jedoch für einen Bluterguss unter dem Nagel gereicht und da mein rechter großer Zeh ohnehin gut einen halben Zentimeter länger ist als mein linker, habe ich derzeit Probleme mit geschlossenen Schuhen.

Ich stand also an einer Ampel und sah den Menschen zu, wie sie geschäftig aussehen wollten, geschäftig waren, ohne das zeigen zu müssen, mit bunten Schuhen und zu kleinen Hunden an ihren Leinen ihr Trainingsziel erreichten, oder einfach nur aussahen. Der Morgen war in keinerlei Hinsicht anders, als der vorgestern und wäre dies auch nicht geworden, hätte mich nicht wider Erwarten ein Mädchen angesprochen. »Hey«, meinte sie, »was hast du denn da gemacht?«, und deutete dabei auf meinen Fuß. Innerhalb einer halben Sekunde sahen alle Menschen auf mich und meine arztgrüne Bandage. »Oh«, erwiderte ich, »mich hat ein Hund angefallen.«

Manchmal passiert es mir, dass ich aus Versehen lüge. Die Worte, die das Gegenteil von Wahrheit, ihre übersteigerte Form oder einfach nur ihr halben Teil sind, sind dann schneller geformt und ausgesprochen, als ich sie zurückhalten kann.

»Krass! War er groß?« Sie war großartig und ich bereits jetzt traurig über den Umstand, dass ich sie angelogen hatte. So würde ich sie nie ohne Anspannung ansehen können. Ich malte mir aus, wie wir zusammen zu ihr gingen, ich den Verband abnehmen würde und da — einfach nur um die Welt zu retten — ein klaffender Hundebiss wäre. Ein richtiger, so enorm, dass man den Fuß kaum noch als solchen identifizieren könnte, was ja auch wirklich kein Problem wäre. Doch würden wir irgendwann soweit kommen, dass ich aus irgendeinem Grund den Verband abnehmen müsste, wäre da (und das wusste ich) kein Hundebiss, sondern nur ein ekliger blauer Zeh, der sich farblich mit dem Grün der Binde beißen, und mich noch trauriger machen würde. Ich hatte vergessen zu antworten, weshalb diese Augen noch größer wurden und die Frage nochmals wiederholten, ob es ein großes Tier gewesen sei. »Nein«, sagte ich »einer wie der da.« Dort war einer dieser Hunde, neben denen eine Katze wie ein Löwe aussieht.

»Ich bin Rosalie«, sagte Rosalie und fügte an, dass sie auch einmal einen solchen Verband tragen musste. »Als ich 12 Jahre alt war, hat mich eine Schlange zwischen dem kleinen und dem Ringzeh gebissen. Du weißt doch, dahin, wo die Haut sehr weich ist und wir Schwimmhäute hätten, wenn wir Schwimmhäute hätten.« Auf einmal merkte ich, dass ich weniger traurig war. ›Ringzeh‹, ›Schwimmhäute hätten, wenn wir Schwimmhäute hätten‹, das war in Ordnung. »Das ist die empfindlichste Stelle meines Körpers. Es ist keine Narbe, eher eine Wunde, die nicht verheilt.«

Ich wusste nicht, was ich zu tun hatte. Da lief man gerade noch durch die Stadt, dachte sich: Potzblitz, wie hässlich all diese Menschen mit ihren Füßen sind, und dann wünscht man sich wenig mehr, als diese Stelle sehen zu können, mit diesem Menschen alleine zu sein und einen Hundebiss zu haben. Da ich wirklich nicht wusste, was zu tun war, fragte ich aus einer Mischung aus zu leise — und dann, als ich das merkte — zu laut, ob wir zusammen zur U-Bahn gehen wollten. »Wohl eher hinken«, sagte sie und lächelte, dass man das Gefühl hatte, nach hinten umgeschubst zu werden und nichts dagegen zu haben.

Als es wirklich dazu kam, dass wir uns in einer Situation einfanden, in der man für gewöhnlich keine Schuhe, Verbände — und jemand der bei Verstand ist — auch keine Socken trägt, sah sie, was wirklich unter dem Verband war, sagte aber nur: »Ich wusste, dass das nicht stimmt, schon als du es gesagt hast. Du kannst gut mit Worten umgehen, aber deine Augen hast du nicht im Griff. Die verraten jedes Mal, wenn du unsicher bist, oder nicht meinst, was du sagst.«
Natürlich habe ich mir auch ihre Stelle angesehen und sie war genau so, wie Rosalie sie an der Ampel beschrieben hatte: leicht gerötet, wund und eben keine Narbe. Als ich, was noch nie passiert war (weder bei diesem, noch bei einem anderen Menschen), den Drang hatte, diesen Fuß zu berühren, und es tat, zuckte sie unwillkürlich. Dass das hochziehe bis zur Wange, sagte sie. Als läge durch ihren Körper ein Kabel, das beim Kontaktschluss mit einem anderen Menschen oder einem kalten Gegenstand Unzahlen von Volt durch ihren Körper schießen ließe. Seitdem ich wusste, wo die Stelle war und was sie auslöste, achtete ich immer darauf, sie nicht zu berühren, wie Rosalie darauf achtete, mich manchmal einfach in Ruhe zu lassen. Wir waren in Ordnung, ich mochte sie und liebte uns.

Eines Tages jedoch, vermutlich an einem Donnerstag, standen wir an einem Fußgängerüberweg, auf dessen anderer Seite wir anders ankamen, als wir losgingen. Rosalie fixierte bereits beim zweiten Schritt auf der Straße einen jungen Mann an, mit einer dieser Hundemarken um den Hals und einem Ice-Frog-Eis-Paket von der Tankstelle unter dem Arm. Äußerlich mein ziemliches Gegenteil. Auf der Hälfte der Straße ließ sie meine Hand los, wurde langsamer, drehte sich um und fragte ihn, wo man denn solche Eiswürfel herbekommen könne. Sie wusste es selbst, wusste auch, dass ich es ihr zur Erinnerung nochmals hätte sagen können, doch sie wollte es von ihm hören. Und es war in Ordnung.
»Da drüben bei der Tankstelle«, sagte er. Und obwohl das die Wahrheit war, machte mich das vermutlich trauriger, als meine Lüge an der Ampel damals.

Ich weiß nicht genau, wann mir klar wurde, dass Rosalie sich gerade verabschiedet hatte, doch als ich auf der anderen Seite ankam, schmerzte mein Bein, als hätte sich ein Hund darin festgebissen. Sie kam auf so leisen Sohlen, dass ich sie nicht gehört hatte, doch als sie ging, war es so laut. So unendlich schmerzhaft und so laut.


Dominik Erhard sieht sich als Wittgensteinsche Leiter für andere Leute. Er ist freier Autor, immer mal wieder bayrischer Meister im Poetry-Slam und assistiert beim Philosophie-Magazin. Für Prä|Position schreibt er von nun an monatlich Anstößiges und hofft, nicht allzu schnell umzufallen.