Unterwegs-sein

Reisenotizen aus Fernwest I

»Grün« (© Konstantin Schönfelder) | Außerhalb von Manizales, Kolumbien | November 2016

Lange habe ich keinen Unterschied zwischen Reisen und Urlaub gemacht. Dem Reisen, bei dem ich alles in Bewegung verwandle, mich überfordere, jeden Eindruck wie meinen letzten zu inhalieren versuche, weil ich spüre, wie vergänglich er ist. Und dem Urlaub, mit dem ich nur fortkommen will, zu einem Ort, den ich nicht aushalten muss, weil er mich stillschweigend erträgt.
Ich mache keinen Urlaub; ich liebe das Reisen. Und viele meiner Reisen, zuletzt in Kolumbien, finden in Bussen statt. Auf der Busfahrt von Bogotá nach Manizales fahre ich in neun Stunden in den kolumbianischen Südwesten. 300 Kilometer, die Straßen entsprechen touristischen Standards. Doch es sind lange neun Stunden, weil der Weg in und über die Anden führt, die sich im Süden Kolumbiens zu erheben beginnen und auf deren Rücken man bis ins südliche Chile einen Kontinent abfahren kann. Die Straßen führen kurvig und zuweilen ungesichert in die Berge hinein und wieder hinaus. Die Abfahrten sind ein Kampf gegen die Mechanik: Die Bremsen sind hör- und spürbar unter Spannung.

In diesem Bus sitzen nur zwei ›monos‹, oder der Blonde, wie es wörtlich übersetzt hieße und wie man mich hier nennt. Anders gesagt: ich bin mit einem französischen Gast der einzige ›mono‹, der es sich antut auf diese Weise gen Westen zu reisen.
Die Kolumbianer scheinen die Wege zu kennen und die Abläufe auch. Wir halten nach vier Stunden, meine Mitfahrer steigen routiniert aus und ich folge ihnen zögerlich mit meinem französischen Freund, der mir irgendwie nah erscheint, weil wir beide doch Europäer sind. Beim Aussteigen laufe ich gegen eine heißfeuchte Wand, schwanke dem kleinen Restaurant entgegen, vor dem unser Bus hält. Wir essen bezweifelbares Schweinefleisch und ausgezeichnete Yuka. Wir sprechen kein Wort.

Nie in meinem Leben sah ich so eine lebendige Landschaft, die wie ein dschungelgrüner Teppich über der Erde ausgebreitet liegt. Ich meine zu spüren, wie fruchtbar dieses Land ist. Über manchen Baumfeldern steigt Rauch auf, der manchmal nur Dampf ist oder und meistens schwacher Nebel. Aber ich achte nur auf das Grün, überall Grün, wie beim Blick auf die Landkarte.
Wir kommen an in Manizales. Mir schmerzen die Beine. Auf meinen Knien zeichnen sich die Abdrücke des Vordersitzes ab, gegen den sie die meiste Zeit gedrängt waren. Ich bin orientierungslos — und müde. Niemand erwartet mich, dabei sollte ich abgeholt werden. Ich lehne meinen gespannten Rucksack an die lehmgelbe Wand des Busbahnhofgebäudes. Ich gebe meinen Knien nach, hocke mich hin, beobachte. Schweiß tropft auf Beton.

»Dies Land gibt keine Lehren. Es verspricht nichts und hält auch nicht mit Hoffnungen hin. Es begnügt sich zu geben, und zwar im Überfluss. Es ist ganz und gar für die Augen da, und sobald man es genießt, kennt man es auch. Seine Genüsse kennen kein Heilmittel, und seine Freuden keine Hoffnung. Es verlangt klare sehende Seelen, die keinen Trost brauchen. Es will, dass man sich zu seiner Klarheit wie zu einem Glauben bekennt. Seltsames Land, das dem Menschen, den es ernährt, beides zugleich gibt: Glanz und Elend! So ist es nicht weiter erstaunlich, dass die reiche Sinnlichkeit dieser Menschen mit dem äußersten Elend zusammentrifft. Jede Wahrheit hat ihre Bitterkeit.«
Albert Camus, Hochzeit des Lichts (Hamburg & Zürich: Arche, 2013), S. 29–30.

Konstantin Schönfelder ist einer der Gründer von Prä|Position und, wenn Nähe berufen macht, ein Gärtner der literarischen und südamerikanischen Landschaften. In den kommenden Wochen lesen wir in seinem Reisetagebuch aus Fernwest.