Wechselwarm

The Hipster | Christopher Michel (CC BY 2.0, beschnitten)

Gute betrunkene Gespräche leben ja zu einem nicht unwesentlichen Teil von Umkreisungen, Wiederholungen und Auslassungen. Als mir dieser Typ mit dem total ironischen Schlapphut aber mittlerweile bestimmt zum fünften Mal erzählte, dass hier gestern jemand einen Barhocker in der Toilette runterspülen wollte, war mir das dann doch irgendwie zu viel und ich stolperte über die Balkonschwelle zurück nach drinnen. Es war definitiv einer der Abende, von denen man nichts erwartet und dann kolossal enttäuscht wird, weil Abende, von denen man nichts erwartet ja sehr oft sehr gut werden.

Ich setzte mich in einen alten Kinosessel und hörte den Gesprächen der anderen zu, die meiner Meinung nach vollkommen geisteskrank waren. Da standen zum Beispiel zwei jungen Frauen und unterhielten sich über ihre Tattoos:

Und was steht da auf deinem Arm?
Ha?
Auf deinem Arm, was da steht?
»Agité«
Okey — was heißt das?
»Rastlos«
Ist das so?
Nee, ist einfach nur eine lange Geschichte. Eine lange, lahme Geschichte.

Ich halte sowas für vollkommen irre. Ein anderes Gespräch drehte sich darum, dass Karl verschiedene weibliche Promis nicht auseinanderhalten könne. Namentlich: Yvonne Catterfeld und Jeanette Biedermann, Maybrit Illner und Sandra Maischberger, Natalie Portman und Keira Knightley.

Doch dann, als hätte das Knarzen meines Kinostuhls, wenn man aufstehen und gehen will, sie gerufen, saß da die Rettung in Form eines Mädchens neben mir, die so unscheinbar schön war, dass man kurz überprüft, ob man sich auch nichts über das Shirt gekippt hat. Sie wirkte wacher als der mäßig gebildete, etwas traurige, ohne besondere Hobbys versehene Rest der Veranstaltung, der da an seinem Craft-Bier nippte und Sachen sagte wie: »Aber das kannst du auch eigentlich alles in meinem Blog nachlesen«. Solche verstörenden Sachen eben. Im Gegensatz zu allen anderen konnte ich mir bei ihr vorstellen, wie sie eine Münze in eine Parkuhr wirft oder reagiert, wenn ihr eine Gurkenscheibe seitlich aus einem sehr großen Burger rutscht. Für mich ist es eben wichtig, dass ich mir sowas vorstellen kann. Bei Emilia ging das und zwar ohne Probleme.

Dass sie ›Emilia‹ hieß, wusste ich übrigens, weil es auf einem Post-it auf ihrer Stirn klebte. Ihr Einfaltspinsel von bestem Freund hatte es nämlich anscheinend für geistreich gehalten, bei Wer bin ich? ihren eigenen Namen zu nehmen. Ich sage da einfach nichts dazu. Wir begannen uns jedenfalls zu unterhalten, vieles habe ich mittlerweile vergessen, eine Sache weiß ich aber noch als wäre all das vor drei Wochen passiert. Emilia erzählte, dass sie als kleines Kind immer den Zahnpastaschaum heruntergeschluckt hatte, woraufhin ich mir sehr stark lachend einen solchen Schluckauf einfing, dass ich ihn den ganzen Abend über nicht mehr los bekam.

Irgendwann gingen wir hicksend nach Hause, jeder in seines, aber mit dem Gefühl, das vielleicht bald mal ändern zu können.

Alles was dann kam, haben Menschen schon wesentlich besser aufgeschrieben als ich es hier tun könnte. Schöne Gefühle, gute Gespräche, und die erneute Erkenntnis, dass man vollkommen vergessen hat, wie schön menschliche Nähe ist. Wie unglaublich warm ein fremder Körper sein kann und dass eine Umarmung von hinten einen vermutlich eher zu retten in der Lage ist als vieles andere, das man sonst als so wichtig einschätzt. – Wir sind wie Reptilien. Wärme oder Stillstand.

Alles begann erst schlechter zu werden, als sich Emilias Ex-Freund durch nächtliche Anrufe und die richtigen Nachrichten zur falschen Zeit wieder in ihr Leben bohrte. Mit submariner Beharrlichkeit sorgte er dafür, dass sie ihn nicht vergaß und wenn man ihr nach dem Aufleuchten des Handybildschirms ins Gesicht sah, meinte ich ein Stück Blei durch Honig fallen zu sehen. Langsam senkte sich alles nach unten, langsam wurde alles schwer, langsam wurde sie immer trauriger.

Das zog sich über ein Jahr.


Ich kannte diesen Ex-Freund nicht persönlich, doch wollte endlich etwas machen und nun ist es bei mir eben es so, dass mir gerade dann die besten Ideen kommen, wenn ich Dinge tue, die an sich in keiner Weise inspirierend sind. Aus diesem Grund habe ich auch die Bunte abonniert, einfach deshalb, weil es einmal in der Woche für das Nervensystem extrem heilsam sein kann, Sätze wie, »Ich bin fremdgegangen — soll ich beichten?«, zu lesen.
Die Idee, die mir kurz nach der Überschrift, »Lage außer Kontrolle. Der Rosenkrieg wird immer schmutziger!«, kam, um Emilia auf andere und im besten Fall bessere Gedanken zu bringen, war folgende: Sie würde am kommenden Wochenende mit dem Zug nach Paris zu ihrer Mutter und ihrem Stiefvater fahren. Wäre es da nicht großartig, wenn ich ihr kurz vor der Ankunft in Paris eine Nachricht schicken würde, dass ich auch gleich da wäre? Ich legte die Zeitung auf den Beistelltisch und richtete mich auf. Dass wir uns gemeinsam durch den abendlichen Bahnhof zum Parkplatz drängen und zusammen zu ihren Eltern fahren könnten? Dass ihre Mutter schon Bescheid wisse und zudem eine kleine Überraschungsfeier geplant hatte, dass alle da sein würden, essend und lachend? »Ja!«, dachte ich, das wäre großartig und sah einen aus dem Leim gegangenen B-Promi an, der volltrunken aus einer Bar stolperte.

Und dann war es soweit: Ich saß im Zug, tippte die Nachricht und sendete sie um kurz vor acht los. Mein Herz rumpelte wie ein Mixer mit zu harten Früchten darin. Alles war genau richtig, die Lichter der Stadt sahen nicht aus wie Glühwürmchen oder verschollene Träume, sondern einfach wie die Lichter einer Stadt. Vor mir stand ein lauwarmer Kaffee und ich freute mich so sehr, gleich dieses Gesicht sehen zu können. Der Ausstieg war in Fahrtrichtung links. Nur Emilia meldete sich nicht.
Kein Lebenszeichen, keine Erwiderung dieses ganz offensichtlichen Liebesbeweises, »Kein Bist du verrückt?! Bis gleich du Spinner [lustiger Smiley]«; »Warum machst du sowas? Ich mag keine Überraschungen, das weißt du [kein Smiley]!«; oder »Ich wollte ein Wochenende nur mit meinen Eltern verbringen. Du erdrückst mich! [böser Smiley]«.

Nichts.

Wie sich herausstellte war meine Meldung nicht die wichtigste gewesen, die auf ihrem Telefon aufgeleuchtet war. Auch ihr Ex-Freund hatte ihr geschrieben. Sein Text hatte weniger Worte, war in seiner Aussage klarer und für sie anscheinend auch relevanter. »Ich habe Krebs [kein Smiley]«, wehte es sie da vom Bildschirm an.
Als ich den Grund erfahren habe, warum Emilia sich nicht gemeldet, sie meinen Text zunächst nicht einmal gelesen hatte, spürte ich wie die Botenstoffe in meinem Hirn ihren Dienst als Kellner quittierten und die Tabletts mit voller Wucht gegen meine Schädelwände warfen. Sie rief mich an und sagte vollkommen zerfetzte Dinge. Ich glaube, dass ich lange nicht geantwortet habe und mich dann sowas sagen hörte wie: »So schlimm kann es nicht sein, wenn es ein Tier im Wasser gibt, das so heißt, oder?«

So eine geisteskranke Scheisse eben.

Als ich auflegte, hatte ich ein seltsames Gefühl. Mir war klar, dass das mit Emilia vorbei sein würde und wichtiger noch, dass es gerade jemanden gab, für den vermutlich weitaus größere Dinge bald vorbei sein könnten, doch ich fühlte nicht wirklich etwas. Begriff nur, dass die großen Veränderungen sich zunächst nie wie solche anfühlen. Das Problem ist nie ein Sturm, denn bei einem Sturm weißt du, dass es dir deine Existenz unterm Arsch wegblasen wird. Das Problem ist ein unerwarteter Windstoß, der dir die unterste Karte aus deinem Haus pustet und alles zum Einsturz bringt.

Emilia fuhr also nicht nach Paris zu ihrer Mutter, sondern nach Marseille zu ihm und es musste, das habe ich mir im Nachhinein überlegt, an diesem Abend einen Moment gegeben haben, an dem unsere Züge aneinander vorbeigefahren sind und wir nicht mehr als 12 Meter auseinander waren. Man hätte bestimmt auch überlegen können, wann genau das war, dafür fehlte mir aber beim besten Willen die Kraft. 
Und so saß ich dann also zusammen mit Emilias Mutter, den 21 anderen Gästen und meinem hervorragenden Französisch an einem üppig gedeckten Tisch und hatte absolut keinen Appetit. »Du Champ-«, hickste er, »-pagne« fragte Pierre, ein rundlicher Mann mit einer Flasche in der Hand. »No merci«, sagte ich und musste an ein umgedrehtes Pissoir denken. »No merci«, war überhaupt der Satz der Stunde, »Verschon mich doch einfach«, der zugehörige und alles umkreisende Gedanke.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, merkte ich, dass etwas anders war. Ich hatte schon lange nicht mehr so viel Nebel im Kopf. Außerdem erkannte mein Handy meinen Fingerabdruck nicht mehr, ganz so, als hätte mich all das gestern so verändert. Als hätte all das gestern meine DNA zerschossen.

Das ist jetzt fünf Jahre her und was soll ich sagen: Er hat den Krebs besiegt und Emilia lebt bei ihm. Ihr Kind hat mittlerweile die Größe eines Rollkoffers, alle Finger und kann Bonjour sagen.


Dominik Erhard sieht sich als Wittgensteinsche Leiter für andere Leute. Er ist freier Autor, immer mal wieder bayrischer Meister im Poetry-Slam und assistiert beim Philosophie-Magazin. Für Prä|Position schreibt er von nun an monatlich Anstößiges und hofft, nicht allzu schnell umzufallen.