Wenn wir »Berlin« sagen

Wider der Terrorangst

Graffiti in נחלאות (Nachlaot), Jerusalem | © Holm-Uwe Burgemann 2016

Der Breitscheidplatz im Herzen Berlins markiert eine Zäsur in unserer Wahrnehmung von Terror. Dort waren »wir« zum ersten Mal betroffen. Damals hatte es uns erwischt. Was wäre falsch daran gewesen, wäre unser Bedauern fortan ein Hintergrundrauschen in den Straßen von Berlin und anderswo. Doch unser Kummer war nicht andauernd, die Kondolenz wohl dosiert. Das wirkte inhuman auf viele und ist dennoch Teil unseres kulturellen Erbguts, ahnt unser Autor und nimmt uns mit an einen Ort, wo sich Leben und Tod wenige Hektar Wüste teilen. Eine deutsch-israelische Suche.


Es ist kurz nach halb neun am Abend des 19. Dezember, ein Montag, da ich auf mein Handy blicke und das Logo der israelischen Zeitung Haaretz oben links im Display sehe, dazu die Push-Nachricht: »Truck plows into christmas market in Berlin.« Es ist dies der Moment, in dem sich Berlin einreiht hinter Madrid, London, Paris, Brüssel und Nizza. In diesem Moment wird aus der Metropole, der hippen Großstadt, dem geschichtsbeladenen Politik- und Partyherzen Deutschlands ein Code. Aus der Hauptstadt wird eine Chiffre. Von nun an wird jeder wissend nicken, ein ernstes Gesicht aufsetzen und sich an den 19. Dezember und seine zwölf Toten und dutzenden Verletzten erinnern, wenn jemand im richtigen Tonfall von Berlin spricht.

Die meisten meiner Freunde wissen, dass ich inzwischen in eine andere deutsche Großstadt gezogen bin, also nicht mehr in Berlin wohne, und fragen nicht nach, ob es mir gut geht. Einer weiß es scheinbar nicht und fragt mich am nächsten Morgen über WhatsApp: »Just heard about Berlin. Are you ok?« Er hat keinesfalls gerade von der Existenz Berlins gehört, er kennt die Stadt gut von vielen Reisen. Gemeint ist: »Just heard about what happened in Berlin.« Er gebraucht Berlin schon als Chiffre. Doch das ist nicht, was mich an der Nachricht stutzig werden lässt.
Ich bin überrascht, weil der Absender Dror heißt und Israeli ist. Ich habe ihn im Oktober 2015 während eines längeren Aufenthalts in Tel Aviv kennengelernt, damals wurde jeden Tag irgendwo in Israel jemand niedergestochen oder -geschossen, meist in Jerusalem, aber manchmal auch in Tel Aviv; einmal an einer Ecke, an der auch Dror und ich schon gemeinsam einen Kaffee getrunken hatten. Manche Journalistinnen und Journalisten sprechen im Herbst 2015 von einer dritten Intifada. Während der ersten Intifada ist Dror zur Welt gekommen, während der zweiten war er alt genug, sie bewusst zu erleben. Dror weiß — im Gegensatz zu den meisten von uns — was es bedeutet, in einem Land zu leben, in dem Terror mehr Alltag als Aufregung ist.

Ich will von Dror wissen, warum er mich gefragt hat, ob es mir gut geht. Wir hatten lange keinen Kontakt mehr. Dafür hat er Verwandte und Freunde in Teilen Israels, in denen es mindestens monatlich Anschläge gibt, wenn auch kleinere als den in Berlin. Fragt er sie auch immer, ob es ihnen gut geht? Er bejaht. »We’re used to it but I know I want to hear the people of whom I know that they are well«, schreibt er, und ich weiß nicht, ob ich ihm glauben soll.
Anschläge in Europa sind trotz allem noch ein seltenes Ereignis. Auf Facebook konnte man sich während Der Vorfall am Weihnachtsmarkt in Berlin als ›in Sicherheit‹ markieren. Das konnte man auch schon zum Anschlag am 13. November 2015 in Paris, nicht aber während des am Vorabend verübten Anschlags in Beirut. Und niemand nickt wissend, setzt ein ernstes Gesicht auf und erinnert sich an den 12. November 2015 und seine 44 Toten, wenn jemand im richtigen Tonfall Beirut sagt — die Stadt ist keine Chiffre für einen Anschlag geworden.

Ein weiterer israelischer Freund, Amos, tickt anders als Dror. Er liest kaum Nachrichten, und als ich ihn zu Beginn meines Aufenthalts in Tel Aviv aufgeregt frage, ob er von den letzten Anschlägen gehört habe, meint er nur: »Hey man, stop reading the news. This is Israel, it happens all the time and only makes you depressed.« Am 9. Juni 2016 ist Amos mit seiner Familie in ein Restaurant im Tel Aviver Sarona Market gegangen. Am Vortag sind im benachbarten Szenecafé Max Brenner bei einer Schießerei vier Menschen getötet und sieben verletzt worden. Amos und seine Familie sind dort nicht aus Trotz Essen gegangen, sondern weil es sie schlichtweg nicht beeindruckt hat — der Tisch war schon seit Wochen reserviert. Er hat mir einmal erzählt von Yoav Horesh, einem israelischen Künstler, der in verschiedenen Ländern Tatorte von Anschlägen unmittelbar und einige Jahre danach besucht und fotografiert. Was Dror daran bemerkenswert findet: In Europa tauchen nach einer Weile Gedenkplaketten auf. In Israel wird der Anschlag nicht langfristig zu einem Denkmal. Nicht nur die Tatsache, dass man nicht weiß, an welches Datum genau man sich erinnern soll, wenn jemand im richtigen Tonfall »Tel Aviv« sagt, verhindert, dass die Stadt zu einer Chiffre wird — man versucht es insgesamt zu vermeiden, individuelle Orte mit derart negativen, singulären Ereignissen zu verknüpfen.

Mir ist klar, dass der Vergleich mit Israel hinkt. Der dortige Umgang mit Terroranschlägen ist die direkte Konsequenz von Jahrzehnten anhaltender Gewalt, wie wir sie in Deutschland (spätestens seit dem Ende der RAF) nicht kennen. Wir können glücklich sein, dass wir in Deutschland nicht gezwungen wurden, diesen Umgang zu erlernen. Nun lernen wir — und können auch von Israel lernen. Dror und Amos verdeutlichen: Es gibt verschiedene Wege, um dem Terror individuell und gesellschaftlich zu begegnen. Und wenn wir damit umzugehen verstehen, wird mit uns nicht umgegangen werden.

Auch ich schrecke auf, wenn es einen Terroranschlag in Deutschland gibt. Ich finde es grausam. Und dann lese ich, dass 2015 alleine in Berlin bei 137 713 registrierten Verkehrsunfällen 15.717 Personen leicht, 2.073 Personen schwer verletzt und 48 Personen getötet worden sind, das kann man online in der Verkehrsunfallstatistik der Berliner Polizei nachschlagen. Das sind viermal so viele Menschen, wie auf dem Weihnachtsmarkt gestorben sind, die Zahlen der Verletzten lassen sich noch nicht einmal sinnvoll vergleichen. Dabei geht es mir nicht darum, das dadurch entstandene Leid zu vergleichen.

Das Bundesverfassungsgericht hat, als es um die Frage ging, ob man ein entführtes Passagierflugzeug auch abschießen dürfe — beispielsweise um, wie in dem Theaterstück »Terror« von Ferdinand von Schirach, zu verhindern, dass es in ein mit 70.000 Personen besetztes Fußballstadion stürzt —, die Position vertreten, dass man Menschenleben nicht gegeneinander aufrechnen könne. Ein Leben sei dem Wert unendlich gleichzusetzen, und unendlich plus unendlich ist nur erneut unendlich, man kann damit nicht rechnen. Aber man kann damit Statistik betreiben und Gefährdungen berechnen. Da ist es ein Leichtes, abzuschätzen, dass die Gefahr, bei einem Verkehrsunglück umzukommen, ungleich höher ist als die, bei einem Terroranschlag getötet zu werden.
Einen interessanten ähnlichen Vergleich macht Frederik von Paepcke in seinem Artikel »Warum Senioren gefährlicher sind als Terroristen«: Es sterben jedes Jahr weitaus mehr Menschen dadurch, dass ältere Autofahrer vom Verkehr überfordert sind, als durch den Terrorismus. Trotzdem gilt der Führerschein auf Lebenszeit. Trotzdem gehen wir über rote Ampeln und hören Musik, während wir ohne nach links und rechts und dann nochmal nach links zu gucken über die Straße gehen. Wir fürchten uns nicht wirklich vor dem Verkehr. Aber in den Nachrichten sehen wir Menschen an Orten weit weg von Berlin, die vielleicht niemanden in der Stadt kennen und nun sagen, sie würden sich auf dem Weihnachtsmarkt nicht mehr sicher fühlen. Ich fürchte mich nicht auf dem Weihnachtsmarkt, jedenfalls nicht mehr als anderswo.

Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen einem Gewaltverbrechen, bei dem Menschen gezielt getötet wurden, und einem Unfall. Das liegt aber auch daran, dass es Schuldige gibt, die mutwillig gehandelt haben — man kann seine Trauer und sein Entsetzen in Wut umwandeln. Das geht noch besser, wenn es sich um einen islamistischen Anschlag handelt, denn dann kann man seine neue Wut in die Kerbe einer alten Wut schlagen, eine Wut auf den Islam, auf Geflüchtete, auf Dinge, die einem schon länger Unbehagen bereitet haben.
So kann Donald Trump twittern, Islamisten würden gezielt Christinnen und Christen abschlachten (ignorierend, dass die Mehrzahl der Opfer islamistischen Terrorismus muslimischen Glaubens sind). Horst Seehofer kann sagen: »Wir sind es den Opfern, den Betroffenen und der gesamten Bevölkerung schuldig, dass wir unsere gesamte Zuwanderungs- und Sicherheitspolitik überdenken und neu justieren« (und zwar so schnell nach dem Anschlag, dass der Verdächtige, auf dessen Schuld die These damals noch beruhte, noch nicht einmal richtig in U-Haft sitzt, und sich dann ja auch tatsächlich als unschuldig erweist und kurz darauf freigelassen wird). Die AfD kann von »Merkels Toten« twittern (und implizieren, Länder mit weniger Geflüchteten seien sicherer vor Anschlägen).

Das dürfen wir nicht zulassen. Wir dürfen nicht zulassen, dass solche Sätze die Saat für Angst und Hass werden, denn das ist der eigentliche Unterschied zwischen Terrortoten und einem Verkehrstoten: dass die Ersteren das Potential haben, unsere Gesellschaft aus den Fugen zu heben. Und das ist das Ziel der Terroristen. Es wird weitere Anschläge, weitere Tote geben. Doch ebenso wie unsere Gesellschaft nicht an den Verkehrstoten scheitert, wird sie auch nicht an Terrortoten zugrunde gehen. Solange wir Ruhe bewahren, und keine Gesellschaft des Hasses und der Angst werden. Wir dürfen uns nicht davor fürchten, auf den Weihnachtsmarkt zu gehen, so wie wir uns nicht fürchten, die Straße zu überqueren.

In den Tagen nach dem 19. Dezember haben viele meiner Freunde auf Facebook ein Zitat Helmut Schmidts geteilt, es schien ihnen Kraft und Trost zu spenden. Es stammt aus dem Herbst 1977 und ist eine Reaktion auf die Ermordung von Hans-Martin Schleyer durch die RAF, ist jedoch heute nicht weniger aktuell.

»Sie mögen in diesem Augenblick ein triumphierendes Machtgefühl empfinden. Aber sie sollen sich nicht täuschen. Der Terrorismus hat auf die Dauer keine Chance. Denn gegen den Terrorismus steht nicht nur der Wille der staatlichen Organe, gegen den Terrorismus steht der Wille des ganzen Volkes. Dabei müssen wir alle trotz unseres Zornes einen kühlen Kopf behalten.«

Der letzte Satz muss zu unserem Mantra werden: Wir müssen einen kühlen Kopf behalten. Das gelingt in Israel nicht immer, und jedes Mal, wenn es misslingt, wird das Gewaltkarussell ein bisschen angeschoben.

Es gibt in Tel Aviv dann doch einen Ort, der untrennbar mit einem Attentat verknüpft ist. Dort hängt eine Plakette, es gibt ein kleines Denkmal, und der ganze Platz, einer der größten der Stadt, ist nach dem einen Mann benannt, der dort vor bald 22 Jahren erschossen wurde: der Kikar Rabin. ›Kikar‹ bedeutet im Hebräischen ›Platz‹, und ›Rabin‹ steht für Yitzhak Rabin, der als israelischer Premierminister den Friedensprozess mit den Palästinenserinnen und Palästinensern angestoßen hatte, ehe er am 4. November 1995 nach einer Friedenskundgebung erschossen wurde. Er war der Hoffnungsträger liberaler Israelis. Als er starb, starb für viele nicht nur ein Mensch, nicht nur ein Premierminister. Für viele starb die Hoffnung auf Frieden. Der Kikar Rabin ist eine Chiffre nicht nur für den Tod eines Mannes, sondern für den Tod einer Hoffnung.
Bei uns ist es nicht so weit. Wir müssen gemeinsam dafür einstehen, dass Berlin auch weiterhin Stadt ist und nicht zur einsamen Chiffre, zum Ort eines Anschlags, wird. Spiegel Online titelte kurz nach dem Anschlag, die Stadt sei »maximal unbeeindruckt«. Ich bin drei Tage später selbst nach Berlin gefahren um dort Weihnachten zu feiern und habe die selbe lebendige, chaotische und liebenswerte Stadt angetroffen wie zu meinem letzten Besuch. »Is’ mir egal« mag großen Teilen Berlins als Leitmotiv des Lebensgefühls auch nach dem 19. Dezember erhalten geblieben sein, vor allem die Politik, aber eben auch wie jene Menschen, die nun nicht mehr nach Berlin oder nicht mehr auf den Weihnachtsmarkt gehen wollen, sind leider alles andere als unbeeindruckt.

Im Wahljahr 2017 überschlagen sich die Parteien mit Vorschlägen im Bereich der Sicherheitspolitik, nur die wenigsten gehen einen Schritt zurück, holen einmal tief Luft und versuchen, zu reflektieren. Dabei gilt: Wir müssen einen kühlen Kopf behalten.


Marek Weber studierte in Berlin und Tel Aviv klassische Trompete. Während seiner Zeit in Tel Aviv erlebte er am Neujahrstag einen Anschlag aus ›naher Ferne‹ mit: er lehnte sich in den Wind auf der Strandpromenade, während im anderen Ende der Stadt die Schüsse fielen. Tage später frühstückte er wieder in seinem Lieblingscafé, das sich in der Straße des Tatorts befand. Über sich, halb im Scherze, sagt er, dass seine Kinder wissen werden, wie man Müll trennt und sich bei einem Raketenangriff verhält.