Wer hört die Stille?

(Ohne Titel) © Eva Morlang

Das menschliche Leben ist voller Rechnungen. Wir rechnen mitunter so weit ins Private hinein, dass wir den Moment verpassen. Und was ist unser Leben anderes als eine sehr lange Reihe von Momenten? In diesem Sinne also: von verpassten Momenten? »Die Rechnung ist falsch und geht doch auf«, hat Michael Ende in Momo geschrieben. Das muss unsere Autorin auch über unseren Umgang mit Musik gedacht haben, als sie sich an diesen Text gemacht hat. »Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.« Das Herz aber rechnet nicht.


Wenn ich schreibe, kann ich mich ganz gut auf mich selbst verlassen. Ich weiß, wie das bei mir läuft. Eine Schreibblockade hatte ich noch nie. Ich öffne das leere Dokument und schnell entstehen die ersten Absätze. Ich schreibe Gedankenfetzen auf, Bruchstücke, trage Informationen zusammen. Dann schließe ich das Dokument, nehme Abstand. Wenn ich es dann wieder öffne, merke ich: Es ist im Grunde alles schon da.

Bei diesem Text war das anders. Als ich nach ein paar Tagen das Dokument öffnete, musste ich feststellen: Es ist überhaupt nichts da. Einzelne Sätze, einzelne Wörter, die sich zu nichts zusammenfügen lassen. Lose Enden für fünf oder sechs verschiedene Texte — aber nicht für einen.
Der Auslöser, diesen Text zu schreiben, war die Begegnung mit einem Komponisten. Moritz Eggert war Gast im musikwissenschaftlichen Institut in Leipzig.


Als ich außer Puste vom Treppensteigen in den Seminarraum haste, ist er bereits brechend voll. Gerade so ergattere ich noch einen Platz in der ersten Reihe. Unser Dozent stellt vorne Wasser bereit, ein Hilfswissenschaftler verkabelt die Musikanlage. Gerade so noch pünktlich — und genauso außer Atem wie ich — betritt er den Raum. Schwarzer Anzug mit weißen Sprenkeln und ein rosa Hemd. Die schwarze Fliege sitzt schief. Er nimmt den ebenfalls schwarzen Hut ab, wickelt sich umständlich den langen, bunt geringelten Schal vom Hals. Strahlend blaue Augen blicken uns neugierig an. Er setzt sich, nimmt sein Tablet in beide Hände, und beginnt zu lesen:

»Ich habe Artsheimer. Ich bin ein rohes Ei, das gepellt werden will. Ich sitze nicht still und ich kann meine Klappe nicht halten«.

Er zeigt uns Noten, spielt Aufnahmen vor, wir diskutieren über die Eliten und darüber, wie man das Publikum erreicht. Er zeigt uns sein Fußballoratorium — 90 Minuten mit Verlängerung. Sagt Sätze wie: »Ein Komponist hat nicht das Recht, irgendetwas auszuschließen, das zum Leben gehört«. Und: »Ich will keinen Stil haben. Stillosigkeit ist interessant für mich. Ein Genre ist ein Gefängnis. Neue Musik ist dann genauso eng wie das Genre Schlager. Man kann vielleicht Adorno zitieren, aber es ist genauso klein!«
Es vergehen vier Stunden, in denen ich kein einziges Mal aufs Handy schaue und nach denen ich so wach bin, dass ich noch weitere vier Stunden im Seminarraum sitzen könnte. Mein Kopf ist voll von Fragen, Anregungen, Ideen, Einsichten und Eindrücken, ich bin ganz aufgeladen. Ich habe mich in so vielem wiedergefunden, habe so viele Anstöße in alle möglichen Richtungen bekommen. Ich muss schreiben. Doch worüber? Zu viele Ideen, zu viele Gedanken. Das Bild des Komponisten in der Gesellschaft? Die Zugänglichkeit zeitgenössischer Musik? Die elitäre Haltung in der Komponistenszene?
Ich kann mich nicht entscheiden, nichts verwerfen, nichts aufgreifen. Das angefangene Dokument bleibt unangerührt liegen. Was Moritz Eggert bei mir angesprochen hat, sitzt tief. Zu tief,um darüber zu schreiben, ohne an die Grenzen dessen zu gelangen, was für mich sagbar ist. Musik ist mir wichtig. So wichtig, dass ich will, dass sie anderen auch wichtig ist. Ich begeistere mich, gehe darin auf, und möchte das mit anderen teilen. Für mich ist die klassische Musikkultur ein unendlich wertvolles Gut, das es zu schützen gilt; was nicht heißt, dass es konserviert werden muss. Musik soll leben und vor allem: erreichen. Sie ist nicht dazu gemacht, in der Schublade zu liegen oder im Lehrbuch auseinandergenommen zu werden. Deshalb kreise ich um die Frage: Wie kann man Musik vermitteln?

Musik ist mir wichtig. So wichtig, dass ich als routinierte Schreiberin nicht mehr funktioniere. Die Frage nach ihrer Vermittlung beschäftigt mich so ganzheitlich, dass ich sie nicht auf den Punkt bringen kann. Doch das muss ich, wenn ich einen Text schreiben möchte. Wo ist mein Punkt? Die Antwort darauf finde ich dort, wo ich sie nicht erwarte. Über die Weihnachtstage lese ich über Musik. Das Konzert von Martin Tröndle und Happy New Ears von Hans Zender. Und ich lese das Büchlein, das die letzten großen Worte von Roger Willemsen enthält, die wir nachdenken sollen: Wer wir waren. Da wird mir klar, worum es in diesem Text gehen muss: um den Moment.

Willemsen zeichnet ein Bild unserer heutigen Gesellschaft. Ich fühle mich ertappt.

»Neu ist vielleicht nicht der Mensch, der neugieriger auf die Uhr schaut als ins Gesicht der Ehefrau. Neu ist nicht einmal jeder, der auf den Bildschirm interessierter blickt als auf die Welt und von ‘virtueller Welt’ spricht, damit sie der alt-analogen wenigstens noch semantisch gleicht. Neu ist eher jener Typus des ‚Second-Screen-Menschen’, dem der eine Bildschirm nicht mehr reicht, der ohne mehrere Parallelhandlungen die Welt nicht erträgt und im Blend der Informationen, Impulse, und bildgeleiteten Affekte sich selbst ein behäbiger Mutterkonzern ist, unpraktisch konfiguriert und irgendwie fern und unerreichbar«
Roger Willemsen, Wer wir waren (Frankfurt am Main: Fischer, 2016).

Die wenigen Seiten dieses Buches lese ich, ohne parallel über Bildschirme in andere Welten abzuschweifen. Willemsens Worte sauge ich auf und sie saugen mich ein. Und währenddessen spüre ich genau, wie selten das ist, was mir gerade passiert. Wie sehr er recht hat.
Wenn ich in ein klassisches Konzert gehe, habe ich insgeheim einen Wunsch. Egal ob Barock oder Romantik, ob Acapella-Chor oder Sinfonieorchester — ich wünsche mir mindestens einen Gänsehautmoment. Und diese Art von Gänsehaut stellt sich bei mir nur bei Musik ein. Sie benetzt meinen ganzen Körper, kriecht mir den Nacken hoch, bis meine Kopfhaut so sehr kribbelt, dass ich das Gefühl habe, dass sie gleich abhebt. Wenn mich ein Konzert einnimmt, mich bewegt, dann sitze ich ganz still, merke erst im Nachhinein, dass ich mich kaum einen Zentimeter bewegt habe. Wenn das passiert, kann ich nach dem Konzert sagen: das hatte was mit mir zu tun. Ich war da, im Moment.
Wenn ich darüber nachdenke merke ich erst, wie sehr ich mich im Alltag nach diesen Momenten sehne — in denen ich ganz da bin. Das klappt nicht immer, auch längst nicht in jedem Konzert. Manchmal ertappe ich mich sogar in Konzerten, in denen ich selbst im Chor mitsinge, wie mein Kopf über die To-do-Liste der nächsten Woche nachdenkt.

Schaut man in die Buchhandlungen und Zeitschriften-Auslagen entsteht schnell der Eindruck: Mit diesem Wunsch nach ganz bewusst erlebten Momenten bin ich nicht allein. Immer mehr Menschen beschäftigen sich mit Themen wie Achtsamkeit und Meditation. Dieser Trend — ich denke so kann man ihn nennen — kommt wohl nicht zufällig gerade in einer Zeit auf, in der wir immer mehr an unseren Smartphones hängen, uns vernetzen, von überall auf alles zugreifen und damit oft im Kopf an einem anderen Ort sind als unser Körper. Noch dazu können wir uns schneller denn je von einem Ort zum anderen bewegen. Mir selbst geht es häufig so, dass die Seele nicht schnell genug nachkommt, wenn der Flieger mich in wenigen Stunden zu anderen Kontinenten bringt. Der Soziologe Hartmut Rosa spricht von ›Beschleunigung‹ und ›Entfremdung‹. Entschleunigung, einen Moment raus aus der Rasanz — das kann Musik sein. Mal fließen die Klänge zäh, mal streben sie nach vorn, überschlagen sich. Der Musikwissenschaftler Hans Zender schreibt: »Im musikalischen Kunstwerk nimmt sich die Wahrnehmung selber wahr, und zwar als Wahrnehmung von Zeit«. Der amerikanische Komponist John Cage trieb das auf die Spitze, in dem er in seinem Werk 4'33'’ das Publikum mit vier Minuten und 33 Sekunden Stille konfrontiert. Wie fühlt sich die Zeit an, wenn man dasitzt und darauf wartet, dass Töne erklingen? Und wie fühlt sie sich an, wenn man schon weiß, was auf einen zukommt, wenn man mit viereinhalb Minuten Stille rechnet?

Seit vielen Jahren schon heißt es, das klassische Konzert stecke in der Krise. Es gibt heute an den meisten Konzerthäusern Programme, um neue und andere Zielgruppen anzusprechen, und das ist auch gut so. Die meisten Klassikhörer sind zwischen 50 und 60 Jahren alt. Die unter 30-Jährigen machen gerade mal 15 Prozent der Klassikhörer aus. Aber, was überrascht: junge Klassikhörer gehen laut einer Studie häufiger ins Konzert als ältere. Die unter 30-jährigen Klassikhörer gingen häufiger ins Konzert als alle anderen Altersgruppen.
Vielleicht sehnen sich jüngere Menschen, deren Leben tiefgreifend digitalisiert ist, immer mehr nach Live-Erlebnissen, nach authentischen Momenten. Diejenigen, die diesen Moment im klassischen Konzert finden, suchen ihn dann immer öfter auf. Andere finden die authentische Erfahrung vielleicht, indem sie über Couchsurfing Menschen aus der ganzen Welt kennenlernen, über Foodsharing Leute in der Nachbarschaft finden, die Hilfe beim Ernten eines Kirschbaums brauchen oder sie erleben einen flow, wenn sie mit den eigenen Händen ein Holzregal zimmern. Wenn alle Bildschirme ausgeschaltet und unbeachtet bleiben und das Bewusstsein unmittelbar bei dem ist, was gerade geschieht.

Um einen solchen Moment im Konzert zu finden, braucht es dazu musikalische Bildung und Erfahrung? Muss man die Musik verstehen, um sie richtig zu erleben? Hans Zender kritisiert in ›Happy New Ears‹ das gebildete und kulturell geprägte Hören. Er schreibt:

»Ein kleines Kind hört noch jedes Ereignis mit der gleichen Offenheit; wir filtern und hören zurecht, wir verbinden und zerstückeln nach Regeln, die wir einmal lernten und dann als Gesetze verinnerlichten«
Hans Zender, Happy New Ears (Freiburg im Breisgau: Herder, 1991).

Es müsse ein Hören entwickelt werden, das seine Erfüllung nicht im Dechiffrieren von ästhetischen Systemen findet, sondern im Hier und Jetzt des Augenblicks. Ein pures Hören wie das eines Kindes. Egal ob Barock, Jazz oder Folk gespielt wird. Egal, ob uns die Musik vertraut ist oder fremd. Wenn wir uns darauf einlassen, können wir den Moment, den ich suche, den viele suchen, in jedem Konzert finden. Dann werden wir gepackt, gerührt. Dann hat die Musik etwas mit uns zu tun.


Eva Morlang ist Redakteurin von Prä|Position. Sie versucht sich Zeit zu nehmen, um mehr von ihr zu haben. So auch für diesen Text.