Innovation in Zeiten der Covid-Disruption

Die Arbeit des Innovationsbüros des BMFSFJ

Lilian Emonds
Jun 23 · 5 min read

von Lilian Emonds & Mads Pankow

Eine Gruppe von jungen Menschen, die in einem Büro mit vielen Pflanzen um ein Flipchart steht; auf dem Blatt steht ›Chatbots — verstandenenes Projekt‹

ie viele Buzzwords passen in eine Überschrift? Zugegeben: Als das Innovationsbüro ›Digitales Leben‹ des Bundesfamilienministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) im Dezember 2018 seine Arbeit aufnahm, hat das für viele Leute innerhalb und außerhalb des Ministeriums zunächst Fragezeichen aufgeworfen. Die neu im Organigramm des BMFSFJ aufgetauchte Organisationseinheit wurde mit so einigen oft ebenso vielversprechenden wie im Verwaltungssprech bisher unbekannten Wörtern betitelt — und war damit zunächst vor allem eines: eine Neuheit. Über eine klassische Projektausschreibung initiiert, hat das BMFSFJ eine im Kreis der Bundesministerien in dieser Form einzigartige ›intern-extern‹ Kombinationslösung gewählt — die damit jedoch den zentralen Aufgabenbereichen des Projekts direkt entspricht.

Hausinterne Wirkung über Arbeitssilos hinweg

Gemeinsam mit der abteilungsübergreifenden Arbeitsgruppe ›Digitale Gesellschaft‹, die zeitgleich neu eingerichtet wurde, ermittelt das Team des Innovationsbüros fortlaufend die Unterstützungsbedarfe im Haus, um Raum für Austausch und Diskussion zu digital(politisch)en Fragestellungen oder aktuellen Themen zu schaffen. Hierzu zählen Formate wie der Digitale Morgen, eine regelmäßige Diskussionsrunde mit prominenten Digitalisierungsexpert*innen, der Innovationsbrief, ein quartalsmäßiger Newsletter zu aktuellen nationalen und internationalen Digitalthemen, oder auch Workshops, die beispielsweise mit ›Algorithmenvermittelter Diskriminierung‹ auch komplexere Aspekte des digitalen Wandels thematisieren.

Drei Personen präsentieren ein Projekt. Eine junge Frau mit Kopftuch hält ein Mikrofon und spricht; hinter ihnen steht ein Banner des Bundesfamilienministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Drei Personen präsentieren ein Projekt. Eine junge Frau mit Kopftuch hält ein Mikrofon und spricht; hinter ihnen steht ein Banner des Bundesfamilienministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Fotos: Kerstin Musl

Durch die kontinuierliche Weiterentwicklung der digitalen Expertise in den Fachabteilungen des Hauses entstehen fortlaufend neue Anwendungsideen. So gewinnt die Unterstützung und Beratung bei digitalen Vorhaben durch das Innovationsbüro stetig an Bedeutung. Je nach konkretem Bedarf der Fachreferate und Reifegrad der Anwendungsidee reicht die Unterstützung des Innovationsbüros von der Ausrichtung kurzfristig angesetzter Workshops zur Identifikation konkreter Problemstellungen (z.B. für Pilotprojekte im Rahmen der KI-Strategie) oder Zieldefinition angestrebter Digitalisierungsmaßnahmen bis hin zur Unterstützung durch technische Expertise bei langfristigen Entwicklungsprozessen. Ziel des Innovationsbüros ist dabei in erster Linie, bereits bestehende Vorhaben besser miteinander zu vernetzen und im Sinne der ›Hilfe zur Selbsthilfe‹ die praktische Prozess- und Digitalisierungsexpertise im Haus weiter zu verstetigen.

Vernetzung mit der Zivilgesellschaft

Den vielfältigen Zielgruppen und Partnerorganisation des Hauses stellte sich das Innovationsbüro erstmals im Juli 2019 mit einem öffentlich beworbenen Chancen-Hackathon vor. Über 100 Programmierer*innen, Designer*innen, interessierte Bürger*innen sowie Vertreter*innen aus Zielgruppenverbänden des BMFSFJ erarbeiteten neue Lösungen für fünf ›Challenges‹: den zukünftigen Herausforderungen des BMFSFJ. Die vielversprechendsten Lösungen wurden direkt im BMFSFJ aufgegriffen und weiterentwickelt. Der von vielen Teilnehmenden geäußerte Wunsch, an diesen Herausforderungen weiterarbeiten zu können, führte zur Konzeption von regelmäßig durchgeführten Innovationswerkstätten, einem Workshopformat für den Austausch und die Entwicklung gemeinsamer Ideen zwischen Zivilgesellschaften, interessierten Bürger*innen und dem BMFSFJ. Derlei Veranstaltungsformate stellen die oben erwähnte interne-externe Grundausrichtung der Arbeit des Innovationsbüros in den Vordergrund.

Entwicklung eigener Innovationen und daraus aufbauende Zukunftsvisionen

Unabhängig von der fortlaufenden Zusammenarbeit mit den Ministeriumsreferaten entwickelt das Innovationsbüro eigenständig auch ausgewählte innovative Ideen und Projekte. Hierzu zählt das auf Anregung von Teilnehmenden des Chancen-Hackathons entstandene Projekt Maps4Parents — eine Onlinekarte, die speziell auf den Informationsbedarf von Eltern ausgerichtet ist. Das Projekt reagiert auf den dringenden Bedarf des dritten Sektors nach Zugang zu Daten aus der Verwaltung — die oftmals Voraussetzung für die Umsetzung gemeinwohlorientierter digitaler Innovationen sind. Um diesen Bedarfen zu begegnen, hat das BMFSFJ zusammen mit dem Innovationsbüro eine Datendrehscheibe für das Gemeinwohl, einen Data Hub, initiiert. Durch die gezielte Verschränkung von relevanten Projektideen, Vorhaben und Zuwendungen soll dieser Datenpool zu einem innovativen Labor, dem Civic Data Lab weiterentwickelt werden, um auch für den dritten Sektor die Umsetzung datengetriebener Innovationen zu ermöglichen.

Eine Gruppe von 30 bis 40 Personen in lockerem Kleidungsstil sitzen in einem großen Büroraum, klatschen und lächeln
Eine Gruppe von 30 bis 40 Personen in lockerem Kleidungsstil sitzen in einem großen Büroraum, klatschen und lächeln
Fotos: Kerstin Musl

Um darüber hinaus Orientierung nach innen und außen zu geben, Aufgaben zu identifizieren und gemeinsame Ziele festzulegen, hat das Ministerium zusammen mit dem Innovationsbüro die im Jahr 2017/2018 aufgesetzte Digitalstrategie zu einer Agenda für smarte Gesellschaftspolitik weiterentwickelt. Dabei geht es nicht nur um die Bestandsaufnahme aktueller Maßnahmen und Herausforderungen, sondern vor allem auch darum, den Blick in eine erstrebenswerte Zukunft und die Rolle des BMFSFJ als smartes Gesellschaftsministerium in der digitalen Transformation zu definieren.

Covid-Disruption?

Wenn zum Start des Innovationsbüros das ein oder andere Schlagwort noch Fragezeichen aufgeworfen hatte, wurde das durch Kommunikations- und Austauschformate wie u.a. den Innovationsbrief oder den Hackathon schnell adressiert, mit Leben gefüllt und die Zusammenarbeit im Haus und darüber hinaus auf vielfältige Weise gestärkt. Die gelungene Etablierung der Arbeit des Innovationsbüros in den Ministeriumsabläufen und die Vorteile des breit gefächerten Ansatzes der flexiblen Innovationseinheit zeigte sich zu Beginn der Pandemie-bedingten Einschränkungen des sozialen Lebens und Arbeitsalltags besonders deutlich: Mit ad hoc-Formaten wurden innerhalb weniger Tage Schulungen zu digitaler Kommunikation im Haus und eine mehrmonatige Qualifizierungsreihe von Mehrgenerationenhäusern zur digitalen Nachbarschaftsarbeit angestoßen und umgesetzt. Zudem trug das Innovationsbüro in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) zu einer Whitelist mit digitalen Wissensangeboten zur Fortbildung in digitalen Methoden bei und stellte angesichts der neu geltenden Kontaktbeschränkungen verschiedene Veranstaltungsformate wie unter anderem die Innovationswerkstatt kurzerhand auf Online-Formate um.

Die Corona-Krise hat in vielen Bereichen den Blick auf den sprichwörtlichen ›eigenen Bauchnabel‹ mehr oder weniger erzwungen. Mit dem intern-externen Ansatz des Projekts ist es jedoch gelungen, die innerhalb und außerhalb des Hauses liegenden Arbeitsfelder zusammenzuhalten und nun mehr denn je auf Freiräume für gemeinsames Lernen und Austausch zu setzen. Damit entspricht der Ansatz des Innovationsbüro auch der zentralen Aufgabe des BMFSFJ als Gesellschaftsministerium, unterschiedliche Lebensbereiche zusammen zu bringen, Synergieeffekte zu fördern und Innovationen aus dem Lebens- und Arbeitsalltag heraus zu entwickeln.

Apropos Buzzword-Bingo: Alle, die jetzt noch genaueres dazu hören wollen, was das Innovationsbüro so macht — wir freuen uns über tiefergehenden Austausch zur Verwaltungsinnovation, z. B. per Mail oder im Newsletter-Abo.

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Lilian Emonds ist Politikwissenschaftlerin und arbeitet im Bereich Forschung & Projekte im iRights.Lab. Sie ist Policy Advisor beim Innovationsbüro.

Mads Pankow ist Politikberater und Autor zu Fragen von KI und Gesellschaft. Außerdem arbeitet er im iRights.Lab als Policy Advisor für das Innovationsbüro.

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Bessere Bürgerdienste, bessere Verwaltung — das ist das…

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Bessere Bürgerdienste, bessere Verwaltung — das ist das Anliegen des ›Public Service Lab‹. Durch Konferenzen, Workshops und Artikel führt es Verwaltungs­mitarbeiter­Innen & BeamtInnen an nutzerzentrierte Arbeits­praktiken heran und unterstützt sie in der digitalen Transformation.

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