Das Märchen vom schmutzigen Elektroauto

Jul 15 · 5 min read

Regelmässig ist in der Presse zu lesen, dass die angeblich so umweltfreundlichen Elektroautos — oh Schreck! — gar nicht so sauber seien. Zuletzt zum Beispiel im Tages Anzeiger und der NZZ. In der Regel folgt die Story dem Schema:

  • Batterie-Herstellung erzeug erhebliche Mengen von CO2
  • Der Strom für den Betrieb kommt nicht sauber „aus der Steckdose“ sondern vom schmutzigen Kohlekraftwerk
  • Ausserdem seien Rohstoffe wie Lithium, Cobalt, und „seltene Erden“ begrenzt, und zum Teil ethisch fragwürdig
  • Das Elektro-Tankstellennetz fehlt

All diese Punkte sind zum Teil korrekt (mehr dazu unten). Was typischerweise folgt sind aber meist diese Schlussfolgerungen:

  • dass ein Benziner / Diesel heute CO2 effizienter sei
  • dass Gas, Wasserstoff, syntethische Kraftstoffe etc. eine bessere alternative Technologie zum batteriebetriebenen Elektroauto sind (oder es wird gar keine Alternative erwähnt -sic)

Beides ist nicht korrekt und wurde mehrfach widerlegt. (Ich werde diesen Artikel über die Zeit mit Quellen ergänzen, aber als Startpunkt empfehlen sich diese beiden Twitter Threads die wiederum auf die entsprechenden Originalquellen verweisen.)

Viel wichtiger sind aber einige Punkte, die den Autoren immer vollständig entgehen:

Ein Elektroauto kann schon heute mit 100% erneuerbarer Energie betrieben werden

Als Elektroauto-Fahrer kann ich schon heute entweder eine Solaranlage installieren, oder bei meinem Stromanbieter (für einen Aufpreis) nur erneuerbare Energie beziehen. Das heisst der durschnittliche Strommix eine Landes, der für die meisten Berechnungen zum CO2 als Basis dient, wird irrelevant. In diesem Fall ist das Elektroauto heute bei weitem die beste Alternative zu jedem anderen Auto. Beim Benzinauto hat man keine Wahl. Der CO2 Ausstoß bleibt wie er ist.

Ausserdem geht auch der Strommix über die Zeit zu höherem Anteil Erneuerbare, wie in obigen Links auch dargelegt. Das heisst die Bilanz verbessert sich auch in diesem Fall über die Jahre, und ganz automatisch.

Zukünftige Alternativen sind Zukunftsmusik — und wir brauchen Lösungen heute

Wasserstoff, syntethische Treibstoffe, Power-to-Gas sind alles wichtige Technologien, allerdings sind sie heute nicht Marktreif und ökonomisch/ökologisch schwieriger einzusetzen als Batteriebetriebene Fahrzeuge: Herstellung von Wasserstoff oder anderen Gasen und dann Nutzung durch Brennstoffzelle oder Verbrennung ist alles so ungefähr ca. 50% so effizient wie direktes Laden der Batterie und Elektromotor. (Das kann man an verschiedenen Stellen online oder im Physikbuch nachlesen.) Das heisst mit jeder Kilowattstunde Strom die für diese Technologien genutzt werden sind CO2 Ausstoss und/oder Kosten ca doppelt so hoch bei Nutzung im Batterie betriebenen Elektrofahrzeug. Jedes Argument bezüglich Strommix etc., das gegenüber dem CO2 Ausstoss des batteriebetriebenen Elektroauto vorgebracht wurde zählt also doppelt für diese Technologien. (Ausnahme: Batterieherstellung (die Frage is allerdings auch wie die CO2 Bilanz der Herstellung eines Wasserstoff Autos aussieht — ich weiss es nicht). Falls 100% Erneuerbare genutzt werden ist CO2 Bilanz im Betrieb für beide gut, nur die Kosten für Alternativen zum Batteriebetrieb doppelt so hoch.)

Der Punkt warum wir Lösungen jetzt und nicht in 20 Jahren brauchen: weil die nächsten 1–2 Jahrzehnte entscheidend sind um die Erderwärmung unter 2 Grad zu halten. Wir sollten zwar mit Hochdruck an neuen Technologien forschen, aber nicht auf diese warten.

Nutzungsverhalten und Tankstellennetz

Jeder, der ein Elektroauto (vor allem Tesla) über einige Monate nutzt, realisiert, dass die “Elektro-Tankstellen” gar nicht so wichtig sind. Meistens lädt man Zuhause über Nacht oder beim Arbeitgeber während des Tages. Letzteres ist in Kalifornien längst gang und gäbe. Ich lebte selbst für einige Jahre im Silicon Valley: mein Tesla wurde beim Arbeitgeber geladen, während ich bei der Arbeit war. 100% Solarstrom. Kostenlos. Ca 1–2 mal laden pro Woche reichte bei weitem.

Der Punkt ist: das Nutzerverhalten ist komplett anders. Man muss sozusagen nie mehr “zur Tankstelle”. Das realisiert man erst wenn man so ein Auto über einige Monate nutzt. Und die meisten Journalisten haben eben nie ein Elektroauto wie einen Tesla über mehrere Monate gefahren. Sie sollten. Es führt einem vor Augen warum Tesla Nutzer so begeistert sind. Es hat wenig mit Tesla-Kult zu tun, sondern mit Einsicht und der Erfahrung am eigenen Leibe wie die Zukunft aussieht.

Natürlich braucht es Schnelllader für weite Distanzen. Die schnelle Ladung ist in der Tat vermutlich noch die einzige Hürde um das Elektroauto in allen Punkten dem Benzinauto Überlegen zu machen. Dies ist allerdings mehr ein “Engineering” Problem, und weniger ein fundamentales physikalisches Problem.

Man beachte ausserdem, dass man sowohl Benzin als auch Wasserstoff nicht zuhause laden kann. Und deshalb zum Beispiel das Wasserstoff Auto viel stärker von einem existierenden Tankstellennetz abhängig ist als das Elektroauto.

Rohstoffe

Gewinnung der Rohstoffe für EVs ist nicht optimal, aber dem Thema wird zuviel Aufmerksamkeit geschenkt. Es gibt genügend Lithium, Kobalt, und andere Rohstoffe. Sie können recycelt werden. Ethische Fragen: diese müssen mit Hochruck gelöst werden. Es sollte politischer Druck auf die Batteriehersteller und Abbauländer ausgeübt werden. Aber: das kann vor allem im Vergleich zur Ölförderung (erhebliche Umwelt und ethische/politische Probleme) oder Batterietechnologie in anderen Produkten kein Argument sein nicht auf Elektrautos zu setzen. Im besten Fall ist es scheinheilig. (Die exakt gleichen Batterien und Rohstoffe finden sich in jedem Smartphone — nur selten liest man über die Problematik des Lithium oder Cobalt Abbaus im Kontext für die Nutzung in unserem Smartphone.

Eine Bemerkung zu „seltenen Erden“: in Batterien und den meisten Elektromotoren kommen keine Elemente der seltenen Erden zum Einsatz, wie oft fälschlicherweise geschrieben wird. Oben genannte Lithium, Cobalt etc gehören nicht in diese Gruppe. Zudem sind weder diese noch die eigentlichen seltenen Erden wirklich selten.

Zweck der kritischen Artikel?

Man fragt sich also, was der Sinn eines Artikels sein soll, der das Elektroauto negativer als korrekt oder nötig darstellt. Denn es müsste ja jede Möglichkeit zur Reduktion des CO2 Ausstosses von uns mit Begeisterung aufgenommen werden. Mir Fallen drei Gründe ein:

  • journalistische “Enthüllung” eines Missglaubens oder “Pointe” (allerdings eben basierend auf falschen Annahmen, wie oben dargelegt.)
  • Rechtfertigung des Status Quo („es ist ok Diesel zu fahren. Ich muss bei diesem neumodischen Zeug nicht mitmachen.“)
  • aufzeigen das *kein* Auto die einzige Alternative ist.

Punkt 1) und 2) sind schlechter Journalismus, Punkt 3) leider vermutlich naiv.

Quellen und weiterführende Links:

Quack Ventures

Blog of Quack Ventures

    Till Quack

    Written by

    Product at mapillary. Formerly: founder of kooaba, Product at Qualcomm, Engineering at Apple. Also running Quack Ventures. Father of two.

    Quack Ventures

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