HR sollte ein Innovationstreiber im Unternehmen sein!

Für Recruiting Essentials haben wir eine der jüngsten Veranstaltungen der deutschen HR-Landschaft näher unter die Lupe genommen. Im Interview berichten die Initiatoren und Veranstalter, Michael Witt und Robindro Ullah, wie die HR TEC Night HR dabei helfen kann, den digitalen Wandel in Unternehmen mitzugestalten.

Foto: HR TEC Night

Hallo Robin, hallo Michael! Die HR-Szene ist seit Anfang 2018 um eine Veranstaltung reicher. In aller Kürze, was ist die HR TEC Night und warum sollte man sie besuchen?

Robindro Ullah & Michael Witt: Zunächst einmal hallo und vielen Dank für die Möglichkeit, dass wir uns hier über die HR TEC Night austauschen können. Das freut uns sehr.
Aus unserer Sicht ist die HR TEC Night nicht mehr und nicht weniger als eine kleine aber feine Bildungsoffensive im Personalwesen. Warum? Weil zum einen in diesem Format und in dieser Häufigkeit und zu diesem Preis es noch nichts Vergleichbares gibt und zum anderen wir praxisnahe und relevante digitale HR Themen adressieren wollen. Dabei geht es nicht nur ums Recruiting, sondern auch um andere Bereiche der HR-Arbeit. 
Und das war auch schon die Antwort auf den zweiten Teil deiner Frage: Jede Personalerin, jeder Personaler ist bei der HR TEC Night herzlich willkommen und kann sich dort eine „Portion“ Digitalisierung und HR Technologie abholen. Es soll kein Digitalisierungs-Seminar oder Kongress sein, den man punktuell besucht und dann im Tagesgeschäft wieder vergisst. Es geht um kontinuierliche Impulse, die neben der Arbeit konsumiert werden können und hohe Praxisrelevanz haben.

Glaubt Ihr, dass Digitalisierung im Bereich HR eine besondere Rolle spielt bzw. spielen wird?

Ja absolut — eigentlich auch schon spielt! Nicht nur bei Asterix existiert das bekannte gallische Dorf, dass dem Imperator trotzt. Unsere ganze HR-Branche trotzt mit aller Kraft der Digitalisierung. Dies ist aber häufig kein böser Wille, sondern meist erwachsen aus einem Informationsdefizit. Während Personalvorstände sich am Wochenende in Silicon Valley digitalisieren lassen, muss der gemeine HR-Manager auf andere Mittel zurückgreifen. Die Frage, ob Digitalisierung im HR eine Rolle spielt, ist zudem im Grunde obsolet. Die Frage ist, welche Rolle will HR in Zukunft in der Unternehmenslandschaft spielen? Wollen wir die Treiber von Veränderung sein oder doch lieber die outsourcebaren Dienstleister.

Der Slogan der HR TEC Night lautet „Die Zukunft beginnt gestern“: Heißt das, HR hat die Zukunft schon verschlafen?

Wir wollen damit ein wenig provozieren. Die Leser dieses Claims sollen zum Denken anregt werden. Und ja, wir haben im HR schon viel Zukunft verschlafen. Da brauchen wir uns gar nichts vormachen. Hier genügt der Blick ins Recruiting. Unsere Zielgruppen sind uns meist etliche Schritte voraus und wir haben nichts Besseres zu tun, als den Trends mühsam hinterher zu hecheln. Das Stichwort „mobile Karriereseite“ sagt im Grunde schon alles. Mit dem Claim wollen wir eine gewisse Dringlichkeit in den Markt bringen, die bei vielen noch nicht angekommen ist. Die Entwicklung ist heute schneller denn je und wird nie wieder so langsam sein wie heute!

Schritt zu halten mit der Digitalisierung, ist eine der großen Herausforderungen derzeit in HR. Wie sollte das idealtypisch ablaufen? Und wie erlebt Ihr die Realität?

Mit der Digitalisierung Schritt zu halten, ist kaum möglich, wenn man sich nicht auf gewisse Dinge einlässt. Bleiben wir einmal beim Recruiter: Nicht jeder Trend ist für ihn wichtig und nicht jeder Trend der wichtig ist, wird auch überleben. Der Recruiter von morgen wird also zunehmend mehr Unterstützung im sogenannten Trend Scouting benötigen und sich die Kompetenz aneignen müssen, diese Trends zu bewerten. Wir nennen das den „Augmented Recruiter“. Ein Recruiter allein wird diese Aufgabe nämlich nicht mehr stemmen können. Er muss Bots für sich arbeiten lassen, die ihm Recherche, Informationsvorbereitung und andere administrative Tätigkeiten abnehmen. Diese Symbiose führt zu einer leistungsfähigeren Arbeitsweise.
In der Realität sehen wir, dass momentan viel darüber gesprochen, geschrieben und referiert wird und nur in den großen und finanzstarken Unternehmen umfassende Initiativen gestartet werden. In den meisten Fällen bleibt die Digitalisierung des HR-Managers leider Privatsache. D.h. die meisten Unternehmen kümmern sich nicht um die digitale Fortbildung der HR-Mitarbeiter. Aber genau das ist ja unser Ansatz. Hier wollen wir der HR-Branche endlich ein sinnvolles Tool an die Hand geben.

Wie kann der Rückstand in Sachen Digitalisierung „im Snackformat“ geschlossen werden — oder anders formuliert: Wie klappt die Revolution in kleinen Häppchen?

Mit der HR TEC Night passen wir uns im Grunde nur der Herausforderung an. Es macht ja auch nicht „Bum“ und tadaaa!, die Digitalisierung ist da. Die kommt an sich ja schon in kleinen Häppchen und ist auch sonst nicht so leicht zu verdauen. Wir sparen uns die Digitalisierung schon viel zu lange auf und die heutigen Brocken haben bereits eine ordentliche Größe. Viel zu oft führen wir Gespräche mit HR-Kollegen, wo es um Neuerungen in unserer Branche geht, wie beispielsweise der Bewerbung per Video. Da glauben nach wie vor ernsthaft Personaler, dass das auch zukünftig keine Option sein wird. Wo waren die in den vergangenen vier Jahren, in denen die videobasierte Kommunikation das Internet übernommen hat? Wenn man vier Jahre lang den Schlaf der Glückseeligen hatte, dann wacht man bei einer solchen Ansage natürlich aus dem Tiefschlaf auf.
Genau diese sehr ernüchternden Momente wollen wir den HRlern zukünftig ersparen, indem die HR TEC Night in genau der richtigen Häppchen-Größe die wichtigen Themen umsetzbar lanciert.

Bleiben wir noch bei der Digitalisierung: Was glaubt Ihr, werden in dieser Hinsicht die Top-Themen der nächsten zwei bis drei Jahre sein?

Einen der Haupttrends haben wir schon erwähnt: Die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine. Die Entwicklung der „Augmented Workforce“. Die Erweiterung der menschlichen Arbeitskraft wird in allen Bereichen geschehen in unterschiedlichsten Wertschöpfungstiefen.
Ein weiterer Trend ist die Rückkehr der Persönlichkeit und der Intimität innerhalb der sozialen Netzwerke. Gerade vor wenigen Tagen wurde ein neues Social Network gehypt: VERO. Ein Netzwerk ohne Werbung und mit sehr gut strukturierten Sichtbarkeits-Level. Durch die Monetarisierung und Kommerzialisierung von Netzwerken sind viele den ununterbrochenen Werbefluss leid und wandern wieder ab. Die Reaktion der Netzwerke ist eine bessere Strukturierung und mehr Raum für Privatsphäre. Eine Themenorientierung steht im Vordergrund und die Entwicklung weg von der Werbeschleuder.
Als dritten Trend würden wir ganz allgemein die Welt der Messenger sehen. Sie bilden zunehmend häufiger eigene Ökosysteme und bilden eine breite Palette an klassischen Netzwerk-Funktionalitäten ab. Einer der Vorreiter in diesem Segment ist WeChat, aber der Facebook Messenger wird eben in dieselbe Richtung getrimmt.

Euer Event verspricht Besuchern Inspiration und Weiterbildung im Kino-Format und zum Kino-Preis: Ist das besser verdaulich, als die typischen Weiterbildungen und Seminare?

Finden wir schon. Das zahlt eben auch auf die schon vorhin besprochenen Themen ein. Die Digitalisierung ist schnell, vielfältig und nicht aufzuhalten. Daher macht es wenig Sinn nur einmal pro Jahr sich zu bilden und dann zu denken man ist „State of the Art“. Wir wollten mit dem Preis es eben allen HRlern ermöglichen, auch ohne Arbeitgeberfinanzierung, zur HR TEC Night zu kommen und da es ja ein Feierabend-Event ist und auch das Networking ein zentraler Bestandteil sein soll, sind 120 Minuten „Programm“ im Grunde perfekt.

Widmet Ihr Euch allen Aspekten der Digitalisierung? Von Tools und Technologien bis hin zu Methoden wie z.B. Scrum, Kanban und so weiter? Wo liegt der Fokus Eurer Veranstaltungsreihe?

Ja, wir werden uns allen Themen der Digitalisierung widmen und orientieren uns da ein wenig am HR-Life-Cycle, um das Ganze zu strukturieren. Der Schwerpunkt wird dabei aber eher auf Technologien, digitalen Konzepten, Best Cases und konkreten HR-Tools liegen. Wir wollen unserer Zielgruppe, den HR-Managern, alles an die Hand geben, damit sie einen digitaleren Job machen können.

Aktuell etabliert Ihr die HR Tec Night in Stuttgart. Habt Ihr vor, das Event auch in andere deutsche Städte zu bringen?

Der Grund für Stuttgart ist, dass der ursprüngliche Gedanke von Michael war, mehr gute HR-Events an seinen Wohnsitz zu bekommen. Während man in Berlin beinahe täglich zu einem HR Event gehen kann, gähnte in Stuttgart die Leere. So sind wir dann auf die HR TEC Night gekommen. Nach den ersten HR TEC Nights gibt der Erfolg uns recht und wir wollen 2019 die HR TEC Night mit jeweils sechs Abenden in den Städten Köln und München bringen. Wie es dann weitergeht — schauen wir mal.

Ist es ein Widerspruch, dass Ihr ausgerechnet ein analoges Format wie ein Event nutzt, um Wissen über die Chancen der Digitalisierung zu verbreiten? Wie wäre es mit einem Livestream?

Nein, im Grunde ist es kein Widerspruch. Man muss nur mal in das Epizentrum der Digitalisierung blicken — in Richtung Silicon Valley. Dort läuft extrem viel analog Face-2-Face ab. Aber das ist eben auch der entscheidende Booster: ein geeigneter Mix aus verschiedenen Kollaborationsformaten. Best of both worlds — nennen wir das. 
Was den Livestream angeht, so steht dieser tatsächlich schon auf unserer Roadmap. Das Format ist ja so gedacht, dass wir es möglichst vielen HRlern zur Verfügung stellen, ein Livestream ist quasi ein Must-have.

Ich danke Euch für das Gespräch!
Das Interview führte Theresa Höhn.

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Michael Witt
Michael war von Beginn seiner beruflichen Tätigkeit im Spannungsfeld zwischen Menschen und Arbeit tätig. Als Head of Recruiting in der Personaldienstleistung und in folgenden beruflichen Stationen arbeitete Michael in leitenden Recruiting- und Personalmarketing-Funktionen die sich mit sämtlichen Facetten des nationalen und internationalen Recruitings auseinandersetzen. Für seine Arbeit wurde er bereits mehrfach ausgezeichnet. Als selbständiger Berater gibt er nun sein Wissen weiter und unterstützt Unternehmen bei der Modellierung ihrer Recruiting- und Personalmarketingorganisation.

Robindro Ullah
Als studierter Wirtschaftsmathematiker hat Robindro Ullah das Personalmanagement erst Mitte 2007 für sich entdeckt. Nachdem er in den vergangenen Jahren für die Deutsche Bahn und die Voith GmbH u.a. international tätig war und mehrfach für seine Arbeit mit dem Personalmarketinginnovator Preis und dem HR Excellence Award ausgezeichnet wurde, erhielt der Blogger und Buchautor zuletzt den Deutschen Preis für Onlinekommunikation. Heute bloggt er unter www.hrinmind.de, ist Herausgeber des ersten deutschen HR-Trendmagazins hr|tomorrow und ist als freier Berater für diverse Unternehmen und Visionen tätig.

HR TEC Night
Die HR TEC Night ist eine Fortbildung für HR-Manager zum Kino-Preis im Snack-Learning-Format. Es ist Deutschlands größte Bildungsinitiative zum Thema Digitalisierung im HR Bereich. Das Format soll in kurzen Sessions Wissen zu HR-TEC und Digitalisierung vermitteln und zeitgleich die Plattform zum Austausch bieten. In diesem Jahr findet die Night sechsmal in Stuttgart statt und wird derzeit für Köln und München geplant.