Remote? Niemals! — Wieso eigentlich?

Arbeiten ist heute überall möglich: Im Büro, im Park, am Esstisch oder auch am Strand. Dennoch bestehen viele Arbeitgeber darauf, dass man stets “im Büro” sein muss, denn dort läuft die Kommunikation einwandfreier und die Ergebnisse sind besser. Ein Trugschluss…

Was dieser Artikel sein soll und was nicht

Ich gebe in diesem Artikel zunächst nur einen Überblick darüber, was mir in diversen Gesprächen mit Mitarbeitern, Vorgesetzten und Chefs in Bezug auf “Homeoffice” mehr als nur einmal genannt wurde. Ich kratzte sozusagen nur an der Oberfläche und gebe rudimentäre Anmerkungen zu den meist-genannten Gründen “Contra-Homeoffice”. In späteren Posts möchte ich dann (gerne auch aufgrund von Feedback zu diesem Post) sowohl die Vorteile von Homeoffice aufgreifen als auch konkret darauf eingehen, wie wir bei den Kellerkindern einige Dinge gelöst und auch die Denke auf Mitarbeiterseite bereichert haben.

Bestandsaufnahme: Warum Büroarbeit so wichtig erscheint

Die feste Überzeugung, dass es nicht möglich ist, sich via Chat, Telefon oder auch Videokonferenz sozial so auszutauschen als stünden wir nebeneinander sind oftmals die Ängste, die wir bei Bewerbungsgesprächen hören. Chefs (ich nutze “Chefs” künftig als Synonym für Chefs und Vorgesetzte), sind zudem der Meinung, dass die Kommunikation innerhalb von Projekten nur im Büro richtig funktioniert und der Mitarbeiter “jederzeit griffbereit” ist.

Die (vermeintlichen) Gründe gegen das Homeoffice

Es ist nicht nur das soziale Miteinander, das viele Chefs davon abhält Mitarbeitern zu erlauben von zu Hause zu arbeiten: Es ist die pure Angst und der Aberglaube, dass die Mitarbeiter “sowieso nichts tun” oder “deutlich unproduktiver sind” als im Büro.

Dass das nicht stimmt beweisen viele Angestellten nach Feierabend, wenn sie eine Präsentation zu Hause fertigstellen oder Mails an Kunden “noch schnell auf dem Sofa” beantworten. Produktivität hat nichts mit der Örtlichkeit zu tun, sondern vielmehr mit dem inneren Drang wirklich etwas zu schaffen.

Die Gründe für Chefs, warum Homeoffice nicht erlaubt wird sind meist:

  1. “Das soziale Miteinander kommt zu kurz.”
  2. “Im Tagesgeschäft können wir nicht arbeiten, wie wir wollen. Wir müssen kurze Kommunikationswege einhalten können. Das geht nicht im Homeoffice”
  3. “Unsere Infrastruktur erlaubt es uns nicht remote zu arbeiten”
  4. “Wir haben täglich Meetings, die Präsenz erfordern. Insbesondere unsere Dailies bzw. Standups”
  5. “Wir haben schlechte Erfahrungen gemacht” (Anmerkung: pauschalisiert. Konkrete Beispiele sind oft Mangelware)

In meinen Gesprächen haben sich zwei Gründe herauskristallisiert, die viele Chefs unter anderem aus Angst gegenüber dem Mitarbeiter als “schwach” dazustehen nicht öffentlich nennen:

  1. Schlechte Erfahrungen wegen Ablenkung: Viele Chefs haben Mitarbeitern probeweise erlaubt “mal” im Homeoffice zu arbeiten. Das Resultat ist in so einem Fall aber oftmals ernüchternd. Denn: Gerade in der ersten Zeit in einem Homeoffice gibt es viele Ablenkungen wie die Waschmaschine, der Gang zur Post wegen eines Pakets oder der schnelle Einkauf. Ich gehe weiter unten noch einmal genauer darauf ein.
  2. Der Chef selbst: Einige (wenn vielleicht auch wenige) Chefs möchten die Mitarbeiter “um sich herum” haben um das Gefühl nicht zu verlieren “etwas geschaffen zu haben”. Ganz nach der Devise:
Sind die Mitarbeiter im Büro und kann ich sie sehen und — viel wichtiger: sie mich — , dann bin ich etwas. Sehe ich (oder meine Kunden, die zu Besuch kommen), die Mitarbeiter nicht, bin ich Nichts.

Und es geht doch…

Es war nicht nur ein- oder zehnmal, dass mir Freunde und Kollegen sagten, dass Homeoffice nicht vollständig verboten wäre. “In absoluten Ausnahmefällen geht es schon”, “einmal die Woche mal ist okay”, habe ich oft gehört.

Die Frage, die ich mir in dem Moment immer stelle ist: Warum geht es denn dann nicht immer?

Um keine Missverständnisse auskommen zu lassen: Wir bei den Kellerkindern arbeiten zwar oftmals Remote und teilweise gänzlich. Es ist aber keine “Entweder-Oder-Entscheidung”. Auch ein Mix aus Off- und On-Site sind selbstverständlich möglich!

Ich möchte auf die oben erwähnten, einzelnen Gründe gerne etwas genauer eingehen. Ganz klar ist, dass meine Anmerkungen allesamt nicht in einer Nacht umgesetzt bzw. geändert werden können. Das Argument “das haben wir bisher immer so gemacht” sollte keines sein. Vielmehr sind Anregungen meines Erachtens nach eine Chance sich und die eigene Firma weiter zu verbessern.

“Das soziale Miteinander kommt zu kurz.”

Es ist eine Umstellung nicht jeden Tag ins Büro fahren zu müssen. Nicht jeden Tag den Husten von anderen in U- und S-Bahn zu hören. Sich nicht über den Fahrer vor einem aufzuregen oder den Radfahrer, der die Straße nutzt und nicht den Radweg.

Es ist auch eine Umstellung sich nicht am guten Nespresso- oder Jura-Automaten zu treffen und darüber zu sprechen, wie das Wochenende war.

Alles kann einem fehlen. Die verschwitzten Mitfahrer in den “Öffies” nicht. Okay. Es ist aber ein fairer Tausch für das Homeoffice. Denn das Soziale kommt nicht zu kurz, wenn das Unternehmen darauf achtet. Wir bei den Kellerkindern nutzen einen eigenen Slack-Channel für Youtube-Links oder “dumme Bilder” und fördern die aktive Kommunikation zwischen den einzelnen: via Chat oder Videokonferenz bspw. bei Pairprogramming.

Regelmäßig (alle sechs- bis spätestens acht Wochen) treffen wir uns physisch für ein bis zwei Tage und verbringen den Tag gemeinsam. Ohne Projektstress und ohne Arbeit. So lernen wir uns sogar besser kennen, als nur “mal kurz beim Kaffee”.

“Im Tagesgeschäft können wir nicht arbeiten, wie wir wollen. Wir müssen kurze Kommunikationswege einhalten können. Das geht nicht im Homeoffice”

Ich gebe zu, es ist eine Umstellung einen Mitarbeiter oder Kollegen nicht an der Schulter tippen zu können, wenn eine Frage zu beantworten ist. Doch das eigentliche Problem besteht dabei nicht an dem Fehlen dieser Möglichkeit im Homeoffice. Viel mehr ist es ein gänzlich unproduktes Verhalten: Jede Unterbrechung — egal welcher Art — wirft uns bis zu 30 Minuten in unserer Arbeit zurück. Soll heißen: Frage ich einen Kollegen nach seiner Meinung und er muss seine Arbeit unterbrechen ist es schädigend für die Firma und auf Dauer auslaugend für den Mitarbeiter.

Wir bei den Kellerkindern haben uns auf eine “Asynchrone Kommunikation” verständigt. Was bedeutet das konkret? Keiner, wirklich keiner (!), hat den Anspruch, dass ein Kollege oder Mitarbeiter sofort antwortet. Wenn die Hütte brennt (bspw. ein Kunde ein Problem im Produktivsystem hat), nehmen wir den Hörer in die Hand und unterbrechen den Mitarbeiter durch einen Telefonanruf. In diesem Fall ist das Ausmerzen des Problems wichtiger als der Arbeitsablauf. Zugegebenermaßen passiert so etwas recht selten.

Effizienter und zugleich effektiver ist die Einführung einer Chat-Software wie Skype, Hipchat oder Slack. Letzteres nutzen wir.

Viele Agentur-Geschäftsführer und -Projektmanager geben mir als Grund oft an, dass sie jederzeit auskunftsbereit gegenüber Kunden sein müssen. Wenn in so einem Moment der Mitarbeiter nach seinem Status gefragt wird, ist grundsätzlich an der Struktur der Kommunikation etwas falsch. Wir nutzen bspw. JIRA als Ticket-System in dem zu jeder Aufgabe stets ein aktueller Status hinterlegt wird.

“Unsere Infrastruktur erlaubt es uns nicht remote zu arbeiten”

In Zeiten von Dropbox, digitalen Telefonanlagen und Skype gilt dieser Punkt als nicht valide. Insbesondere mit einer VPN-Verbindung in die Räumlichkeiten des Büros ist zudem sichergestellt, dass Daten stets verschlüsselt übertragen werden.

Erstaunlicherweise ist gerade, wenn das Internet im Büro einmal ausfällt und die Firma soweit weitestgehend handlungsunfähig ist, oben genanntes schnell vergessen und eine Webmail-Oberfläche oder Weiterleitungen auf das (private) Handy sind aus Zauberhand möglich…

“Wir haben täglich Meetings, die Präsenz erfordern. Insbesondere unsere Dailies bzw. Standups”

Wird oftmals gesagt, dennoch wiederhole ich es an der Stelle gerne: Meetings sind der Tod der Produktivität. Je mehr Menschen On-Site (also im Büro) arbeiten, umso mehr Geld wird für Meetings verbrannt. Meetings, die oft sinnlos sind. Sei es aufgrund des Themas, der Länge oder der Teilnehmer.

Konkret haben wir festgestellt, dass wir aufgrund der Remote-Arbeiten unsere Meeting-Zeit signifikant verringern konnten. Unser Daily mit aktuell sieben Teilnehmern dauert selten länger als zehn Minuten. Wohlgemerkt kommen in der Zeit alle zu Wort und berichten über ihren (Arbeits-) Tag.

Meetings, die wir via zoom abhalten — auch mit unseren Kunden — sind deutlich effektiver und effizienter. Schließlich muss der Kunde nicht extra bei uns ins Büro kommen (und unsere Kunden sind meist mehrere hundert Kilometer entfernt). Dito für unsere Kollegen, die ebenfalls bis zu 650km entfernt arbeiten. Tendenz: Steigend.

Wichtig an der Stelle ist nur eines: Alle Mitarbeiter müssen mit guten Kameras und Headsets ausgestattet sein (die meisten Notebooks haben bereits gute Kameras, externe sind für 50–90 EUR erhältlich). Für Meetings mit mehreren Teilnehmern im Büro nimmt man einmalig 900 EUR in die Hand und besorgt sich das Produkt Logitech GROUP, mit dem wir sehr gute Erfahrungen gemacht haben.

“Wir haben schlechte Erfahrungen gemacht”

Wie ich weiter oben geschrieben habe, sind schlechte Erfahrungen der Hauptauslöser dafür, dass Mitarbeiter nicht im Homeoffice arbeiten dürfen. Dabei spielt es gar keine Rolle, ob “zu Hause” ein wirkliches Homeoffice, das Café um die Ecke oder auch die Finca auf Palma bedeutet.

Das Schlimme an der Geschichte: Oft wird nur aufgrund von “Hörensagen” so geurteilt, denn es hat bei einer bekannten Firma nicht funktioniert.

Das Problem ist oftmals zweierlei: Die Zeit oder der Mitarbeiter.

Problem: Die Zeit. Ablenkungen gerade am Anfang sind normal und auch wichtig. Aus unserer Erfahrung heraus benötigt ein Mitarbeiter in der Regel vier bis sechs Wochen (Vollzeit!) um sich im Homeoffice zu akklimatisieren. Anfänglich gibt es zu viele Ablenkungen und Dinge, die wichtiger erscheinen. Ergebnis: Die Produktivität sinkt.

An der Stelle ist es wichtig den Mitarbeiter aufzufangen und ihm nicht das Gefühl zu geben, er müsse direkt genau soviel, wenn nicht sogar mehr als im Büro leisten. Versucht er es, wird oftmals das Gegenteil erreicht: Der Mitarbeiter hat das Bedürfnis abends noch den Output vom Tag nachzuholen, wird schlampig, ist unzufrieden und der Chef trifft die Entscheidung: Homeoffice funktioniert nicht.

Problem: Der Mitarbeiter. Machen wir uns nichts vor: Auch der Mitarbeiter kann das Problem sein. Es gibt nicht wenige Mitarbeiter, die es nicht schaffen sich außerhalb der Büroräume zu konzentrieren und aufzuraffen wirklich etwas zu tun. An der Stelle sollte man als Chef analysieren: Ist der Mitarbeiter wirklich nur im Homeoffice unproduktiv oder ist er gegenwärtig mit sich, der Firma oder seiner Arbeit im allgemeinen unzufrieden? Soll heißen: In so einem Fall ist das “Experiment Homeoffice” sogar mehr als nützlich für das Unternehmen.

Zusammenfassung

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass das Thema “Homeoffice” vielfältig ist und oftmals in den Köpfen der Chefs als “Problem” gesehen wird. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass es eines Mitarbeiters bedarf diesen Umstand wie eine Galionsfigur zu ändern. Sozusagen als Wegbereiter für alle anderen Mitarbeiter zu fungieren.

Das Homeoffice als 1:1-Übertragung vom gemeinsamen Büro an einen anderen Ort zu sehen kann und wird nicht funktionieren. Es bedarf Anpassungen auf beiden Seiten.

Und jetzt? — Wie es weiter geht

Ich werde in den kommenden Wochen versuchen an dieser Stelle sowohl aus der Sicht des Chefs als auch der des Mitarbeiters passende Artikel als Anknüpfung zu veröffentlichen. Es ist mir, als Geschäftsführer der Kellerkinder, ein Anliegen unsere Arbeitsweise und auch diejenige von anderen Unternehmen darzulegen und anhand konkreter Handlungsempfehlungen und Beispiele zu zeigen, dass Homeoffice (egal, ob partiell oder als vollständiger Arbeitsplatz) funktionieren kann. Stay tuned ;-)

Like what you read? Give Siegmund Mioduszewski a round of applause.

From a quick cheer to a standing ovation, clap to show how much you enjoyed this story.