Bad Ecolover: Warum wir uns ständig selbst ermahnen, nicht “nachhaltig genug” zu leben

Die Vorstellung eines nachhaltigen Lebens scheint 2017 zum Greifen nah: Es gibt widerverwendbare Bambus-Kaffeebecher zu kaufen, Carsharing, Biofreilandeier bei Aldi, vegane Fleischersatzprodukte, Öko-Labels in der Boutique nebenan — das gute Leben, es steht in den Startlöchern und wenn wir alle schnell genug zugreifen und kritische Artikel auf Facebook posten schaffen wir es vielleicht doch noch gemeinsam, den Planeten zu retten. Oder?

Quelle: flickr.com / IQRemix

Bei aller Liebe zu den schönen Fotos von Tofu-Bowls und tierfreien Lederimitaten auf Instagram: Tatsache ist doch, dass viele an den eigenen Anforderungen an das sogenannte „nachhaltige Leben“ in irgendeiner Art und Weise scheitern, sobald sie das Haus verlassen haben.

Scheitern, weil die Gesellschaft, die Läden, die Gastronomie flächendeckend scheinbar dazu in der Lage ist, eine Infrastruktur bereitzustellen, die notwendig wäre, um nachhaltig agieren zu können, ohne sich dabei entweder wie ein Teilzeitversager oder dogmatischer Ökobauer vorzukommen. Scheitern, weil mal wieder Bock auf dickes Steak und neue Unterwäsche bei H&M.

2017 bedeutet nachhaltig Leben auch: sich jeden Tag aufs Neue mit Problemen konfrontieren, auf die man nach 9 Arbeitsstunden oft keinen Bock mehr hat. Sich den Jutebeutel in den Rucksack packen, den wiederverwertbaren Bambusbecher frischgewaschen neben der Spüle stehen haben und vor der Arbeit mit Inhalt befüllen, Geschirr mithaben, für den Take-Away-Lunch mittags, um Plastikmüll zu vermeiden und die Umwelt zu schonen. Nachhaltigkeit bedeutet ganz einfach: Aufwand. Aufwand, der zwar mit einem modernen Leben vereinbar ist, wenn man sich darum kümmert — aber nicht unbedingt jeden Tag eine SMS mit „Bitte denk an mich“ sendet.

Alles total einfach?

Was einem nämlich keiner gesagt hat: Nachhaltig zu leben ist kein Label, das man sich anziehen kann. Es ist eine Haltung, die sich im eigenen Handeln manifestiert. Es braucht nicht nur Willen, den eigenen Anforderungen standzuhalten, sondern auch Budget für neue Anschaffungen und Zeit für geplante Routinen.

Jetzt mal unter uns: Wie oft ist es dir im letzten Monat passiert, dass du vom Bäcker ums Eck eine Plastiktüte in die Hand gedrückt bekommen und trotz schlechtem Gewissen nicht „nein“ gesagt hast? Thai-Essen zum Mitnehmen bestellt und am Flussufer aus einer Plastikverpackung gegessen hast? Mit Plastikgabel, die du anschließend weggeschmissen hast? Den Jutebeutel zuhause vergessen und eine Tüte bei Aldi gekauft hast? Eben.

Solche Dinge passieren. Die Umstellung im Kopf bedeutet leider nicht automatisch, auch sein komplettes Handeln zu jedem Zeitpunkt unter Kontrolle zu haben. Und genau das nervt, in den schwachen Momenten. In den Momenten, in denen man denkt: Wozu das Ganze? Wozu heuchlerisch mit dem Bambus-Becher in die U-Bahn spazieren, wenn man sich doch abends ohnehin wieder in Plastik verpackte Ramen holt?

Vielleicht sind wir zu streng zu uns.

Vielleicht sollten wir aufhören, uns ständig selbst zu beschämen, wenn ein Vorhaben nicht geklappt hat. Gerade im Bewusstsein darüber jahrelang in einer Welt sozialisiert worden zu sein, in der McDonalds als Delikatesse und Tupperware als Revolution stilisiert wurde.

Vielleicht sollten wir aufhören zu verlangen, dass alle, die A sagen, auch B sagen müssen — oder C. Leute zu verurteilen, die sich vegetarisch ernähren, aber Leder tragen. Essenretten, aber auch mal bei einem Lieferdienst bestellen. Primark hassen, aber bei Rossmann einkaufen. Vielleicht reicht es — für den Anfang — einfach bei A zu bleiben. Option-A solange durchzuhalten, auszuführen, bis sie zur Gewohnheit, zur Routine geworden ist.

Und irgendwann, irgendwann sind wir dann auch wirklich bereit für Option B.