Der ganz normale Wahnsinn

geht weiter im zweiten Semester, diesmal mit mehr Erfahrung!

Viele von euch fragen sich bestimmt häufiger, ob sie überhaupt studieren wollen. Wie bereichernd die abstrakten Inhalte für euch sein werden, lässt ich selbst in 100 Blogartikeln nicht erklären, das muss jeder selber ausprobieren. Aber ich kann euch zumindest in den flexiblen, zum Teil ruhelosen und dann doch wieder abenteuerlichen Alltag einer Studentin eintauchen lassen …

Welches Bild habt ihr im Kopf, wenn man von einer Studentenbude spricht? Auch das einer unaufgeräumten Wohnung, in der irgendwo ein leerer Kasten Bier von der letzten Party und viel ungewaschenes Geschirr rumsteht und in der im Kühlschrank nichts außer Essiggurken zu finden ist? Diese Assoziation ist zwar nicht repräsentativ, hat aber durchaus eine Berechtigung. Ein Vorteil am Unileben ist, dass es so flexibel ist — ein Nachteil am Unileben ist, dass es so flexibel ist. Wenn wie letzte Woche der Donnerstag Feiertag ist und entsprechend genossen wird, muss man das Verpasste eben wann anders nachholen. Wenn man nicht zur Vorlesung geht, halst man sich damit umso mehr Arbeit auf, die sich in Nachtschichten und Wochenenden erledigt werden will. Da kann man den Kasten Bier eben erst einen Monat später zum Pfand wegbringen und die Garderobe, die bei der Party runtergekracht ist, wird fürs Erste durch die Couch ersetzt. Eine Taktik von mir, die Flexibilität zu meinem Vorteil auszunutzen, habe ich letzte Woche zum ersten Mal richtig perfektioniert:

Nach einem sehr schönen Samstag bei meinen Großeltern in Wolfsburg und einem wunderbaren Abend danach in Göttingen wache ich dementsprechend fit am Sonntag auf. Mist. Ich wollte richtig viel machen. Damit unsere Bude nicht wie die oben beschriebene Klischee-Studentenbude aussieht, haben Bad putzen, Zimmer aufräumen und kochen erstmal Priorität! Sowas macht (ganz ohne Ironie!!) richtig Spaß, wenn man stattdessen eigentlich lernen müsste. Um drei Uhr setze ich mich doch mal an meine Arbeit, diesmal im Programm: Protokoll schreiben! Ich bin total aus der Übung und brauche eine gefühlte Ewigkeit, um im Programm Latex wieder durchzusteigen.
Zwei Stunden später … und immer noch nicht fertig, so was Ärgerliches und das Wetter ist so schön. Das Kopfweh von gestern setzt jetzt erst richtig ein. Hach, ich les einfach mein Buch in der Sonne weiter, ich habe in der Woche bestimmt noch genug Zeit, das Protokoll fertig zu schreiben.

Montag fällt mir dann auf: Donnerstag ist Feiertag und ich wollte von Freitag bis Sonntag nach Hause fahren, kann also absolut nichts erledigen! Und wenn ich ehrlich bin, habe ich auch keine Lust, schon wieder an einem freien Tag verkatert richtig unproduktiv an Protokoll und Zetteln zu sitzen. Also Ranklotzen! Denn das Gute an Uni ist: man kann machen, wann und wie viel man will! Die nächsten zwei Tage richtiges Burn-out Programm durchziehen und im Idealfall bin ich Mittwoch Abend fertig. Mit der Arbeit und nicht mit den Nerven hoffentlich …

Die Burn-out Tage sahen dann folgendermaßen aus:

Montag

8 Uhr: Anamech Vorlesung (Anamech = Analytische Mechanik, die anderen Abkürzungen habe ich in dem Artikel über meinen Stundenplan im ersten Semester erklärt)
10 Uhr: Diff Vorlesung
12 Uhr: mensen
13 Uhr: Anamech Zettel rechnen
14 Uhr: im Praktikum den Versuch aufbauen
16 Uhr: immer noch im Praktikum den Versuch aufbauen, weil noch keine Messung funktioniert
18 Uhr: nach doch noch erfolgreicher Messung (nach wohlgemerkt drei Stunden) den Anamech Zettel weiterrechnen
18:30 Uhr: den Anamech Zettel abschreiben, weil die einzige fehlende Aufgabe eine 20 Zeilen lange Ausmultiplikation und Anwendung binomischer Formeln ist. Bei so etwas frage ich mich immer, woher die Leute, deren fürs Verständnis absolut unsinnige Umformungen ich abschreibe, die Motivation nehmen, das alles wirklich selber zu rechnen.
Na egal, 19 Uhr: in meiner WG essen und anfangen, irgendetwas im Haushalt zu erledigen, obwohl ich in einer Stunde woanders sein wollte …
20:40 Uhr: viel zu spät zum Arbeitskreis der Amnesty Hochschulgruppe kommen
22:45 Uhr: die Tür aufschließen und froh sein, dass ich heute keine Nachtschicht machen muss.

Dienstag

7:15 Uhr: den Wecker verfluchen, weil ich gestern natürlich noch ewig irgendwelche Sachen erledigt habe, die mich gerade angesprungen haben, anstatt einfach ins Bett zugehen.
8:20 Uhr: mich ziemlich stolz darüber, dass ich doch aufgestanden bin, an den Exphy Zettel setzen. Denn mein erster Termin ist eigentlich erst um 10 und ich bin absolut kein Morgenmensch!
10 Uhr: die Rechnerei für eine kurze Besprechung unterbrechen und gleich weitermachen
12:30 Uhr: die Mittagpause ist heute eine Brotzeit während dem Rechnen
14:15 Uhr: erstes Tagesziel erreicht, der Exphy Zettel ist fertig. Ab in die Anamech Übung
16 Uhr: in die Theorie des Versuchs von gestern einlesen, das daaauert schon wieder …
18 Uhr: zu einem Freund fahren, bei dem ich zum indisch Essen eingeladen bin. Selbst bei einem Burn-Out Unitag kann ich der Aussicht Daal und Linsencurry nicht widerstehen. Aber spätestens um halb 9 bin ich auf jeeden Fall zuhause und setz mich ans Protokoll!
22:15 Uhr: wie ihr seht, halb neun sieht anders aus … sehr vollgefressen und schon fast in die Phase der Tiefenentspannung eingetaucht, habe ich es am Ende doch noch geschafft, vom gemütlichen Matratzenlager aufzustehen und mich auf die Socken zu machen. Also schnell anfangen mit der Nachtschicht, für Kaffee ist’s leider schon zu spät.
1 Uhr: Endlich geschafft! Die Nachtschicht war gar nicht so schlimm, wie ich dachte. Im Bett rattert mein Hirn allerdings weiter und ich träume von den Formeln, die im Protokoll vorkamen …

Die Überbleibsel meiner Nachtschicht am Morgen. Um den Rosmarin am Fenster vorm Vertrocknen zu retten, war ich leider noch nicht durchgeplant genug, aber das krieg ich auch noch hin.

Mittwoch

8 Uhr: Schade, um pünktlich zu sein, hätte ich früher aufstehen müssen. Aber die Sonne scheint und das einzige Tagesziel für heute ist der Diff-Zettel! Die Burn-out Taktik hat sich jetzt schon gelohnt.
8:45 Uhr: Nach Frühstück mit meinem Mitbewohner kommen wir erst zur zweiten Hälfte der Exphy Vorlesung. „Warum bist du denn noch gekommen?“ — damit werde ich begrüßt. Toll, diese Motivation am Morgen, echt!
10:15 Uhr: Diff Übung
12 Uhr: mensen gehen
13 Uhr: nach ungewöhnlich kurzer Mittagspause in dem Mathegarten in der Sonne sitzen und bemerken, dass der Diff Zettel ungewöhnlich einfach ist. Mensch, so ein Glück, das passiert einem ja fast nie, dass etwas weniger Arbeitsaufwand ist, als gedacht.
16 Uhr: völlig verdattert stehe ich in unserem Wohnzimmer und habe, ich kann’s kaum fassen, endlich frei! Da kann ich ja sogar noch zum Baumarkt fahren und unsere Tomatenpflanzen umtopfen vor dem Grillen heute Abend …

Dieses Semester klappt die Arbeitsaufteilung schon wesentlich besser als letztes, ich bekomme richtig Routine! Das erste Semester ist ziemlich abschreckend und überfordernd, aber wenn man es geschafft hat, wird vieles schnell besser. Die Belohnung ist in dem Fall ein richtiger Urlaubsdonnerstag mit „Sonntagsfrühstück“ um 2, an dem ich endlich mal wieder ein Buch fertig gelesen habe und anschließend ein super schönes Sommer-Wochenende mit Bergblick am See im wunderbaren Bayern.

Im nächsten Artikel möchte ich euch gerne ein paar Aktionen vorstellen (teilweise kamen sie schon in diesem Eintrag vor), die Göttingen für mich wirklich lebenswert machen. Das gibt es nämlich dieses Semester endlich auch: Zeit für andere Dinge!

Liebe Grüße und bis dann
Leonie


One clap, two clap, three clap, forty?

By clapping more or less, you can signal to us which stories really stand out.