Der reale Stundenplan sieht anders aus

In dem Artikel Geschafft ist geschafft, das erste Semester” habe ich Euch einen Einblick in mein erstes Semester gegeben und dabei auch meinen Stundenplan hochgeladen. Auf dem Stundenplan kann man leider nicht sehen, was noch zusätzlich an Aufwand dazugehört. Deshalb möchte ich heute erklären, was ich zusätzlich an Arbeit aufgewendet habe und kann dadurch vielleicht auch besser verständlich machen, wie meine Uniwoche tatsächlich inhaltlich ausgesehen hat.

Der etwas “realere” Stundenplan

Montag 8:00 Uhr morgens. Ich bin trotz eines anstrengenden Wochenendes wach und auf dem Weg in die Rechenmethoden Vorlesung. Ich setze mich zu meinen Freunden in die Reihe und versuche eineinhalb Stunden zu verstehen, was der Dozent über krummlinige Koordinatensysteme an die Tafel schreibt. Wenn ich einen guten Tag erwischt habe, dann verstehe ich die Hälfte von dem, was der Dozent versucht, uns näher zu bringen. Ich denke, dass Rechenmethoden die leichteste Vorlesung im 1. Semester ist, trotzdem ist vieles neu und somit bin ich froh, wenn ich auf Grund mathematischer Notationen, die mir manchmal etwas unnötig kompliziert erscheinen, überhaupt etwas verstehe. Die Vorlesung ist um 9:45 Uhr vorbei.

Nun gilt es durchzuatmen, denn um 10:15 beginnt die zweistündige Vorlesung der “richtigen” Mathematik. Für mich ist Maphy oft sehr abstrakt und in den Vorlesungen ist mir das Tempo meistens zu hoch, um von der Tafel mitzuschreiben und gleichzeitig den Vorlesungsinhalt zu verstehen. Gerade in Maphy müsste ich die Vorlesungen besser nacharbeiten, aber dafür fehlt mir die Zeit. Vor der Mittagspause habe ich meistens ein Motivationstief, deshalb freue ich mich immer auf die Mittagszeit.

Obwohl Maphy 1 für mich das schwierigste Modul im 1. Semester gewesen ist, hat es mir zu meiner eigenen Überraschung am Ende des Semesters, als ich für die Klausur gelernt habe, Spaß gemacht, da ich viel mehr verstanden habe und viele mathematische Konstrukte mehr in einem Zusammenhang sehen konnte.

Die Mittagspause beginnt für mich um 12:00 und endet um 14:00. Entweder gehe ich in die Mensa am Nordcampus oder ich fahre nach Hause, um neue Kräfte für das Exphy-Praktikum zu sammeln, das von 14:00–18:00 Uhr stattfindet. Neben der Versuchsdurchführung fertigen wir ein Messprotokoll an. Meistens sind meine Freundin, die meine Praktikumspartnerin ist, und ich früher fertig. Der Tag ist dann keineswegs vorbei. Entweder wird bis 18:00 Uhr noch gerechnet oder wir fangen schon mal mit dem Praktikums-Protokoll an, das wir bis Montag abgeben müssen. In der Abbildung seht Ihr einen Versuchsaufbau aus dem Anfängerpraktikum des 2. Semesters.

Versuchsaufbau “Der Transformator”, Quelle: https://lp.uni-goettingen.de/get/originalimage/4246

Um 18:15 Uhr beginnt meine Exphy-Übung. Nach solch langer Zeit in der Uni kann ich mich kaum noch konzentrieren. Ich kann meinem Übungsleiter nicht mehr folgen, denn ich bin an einem Punkt angekommen, an dem mein Gehirn einfach keine Kapazitäten mehr hat. Meistens wird in meiner Exphy-Übung der Übungszettel besprochen, den ich in der vorherigen Woche gerechnet habe. Zu Hause angekommen, habe ich das Gefühl, dass ich heute aus der Uni nichts von den Vorlesungsinhalten mitgenommen habe.

Rückblickend ist das natürlich nicht so gewesen, denn hätte ich nichts aus den Vorlesungen und Übungen mitgenommen, hätte ich die Klausuren auch nicht bestehen können.

Das Tolle am Dienstag ist, dass ich keine Uni-Veranstaltungen habe, denn obwohl mir einige Aspekte des Uni-Alltags Spaß machen, kann ein Unitag auch sehr anstrengend sein. Trotzdem sitze ich ab 11:00 Uhr in der Uni und schreibe im Cip-Pool (ein Raum mit vielen Computern) das Protokoll für das gestrige Praktikum. LaTeX ist die Software, mit der das Protokoll auf sehr wissenschaftliche Weise geschrieben wird. Am Computer wird ein Quellcode in LaTeX verfasst und dieser wird in ein PDF-Dokument umgewandelt. Ich habe heute mit dem Plotten der Messdaten mittels Gnuplot Schwierigkeiten und es vergeht ein bisschen Zeit, bis ich eine schöne Graphik geplottet habe (siehe Abb.). Die Zeit rennt davon und ehe man es sich versieht, ist es draußen dunkel. Über die Inhalte des Praktikums werde ich demnächst einen separaten Artikel schreiben.

Nach einiger Zeit habe ich mich an die Benutzung von LaTeX und Gnuplot gewöhnt, sodass die Protokolle schneller von der Hand gehen.
Ein typischer Plot, den ich mit Gnuplot erstellt habe.

Zu meiner eigenen Überraschung sitze ich am Mittwochmorgen um 8:20 Uhr in der Exphy-Vorlesung. Ständig muss ich daran denken, was ich heute noch alles erledigen möchte. An vorderster Stelle würde das Protokoll stehen, aber damit sind wir gestern schon fertig geworden, also werde ich mich den Übungszetteln zuwenden. Aber was rechne ich als erstes? Während ich meiner morgendlichen Tagesplanung nachgehe, erklärt die Dozentin gerade etwas anhand ihrer Skizze. Die Versuche, die der Vorlesungsassistent vorführt, sind meistens die Highlights der Vorlesung und dort lohnt es sich, genau aufzupassen.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass ich die Vorlesungen, die von 8:15–9:45 Uhr stattfinden, nicht wahrnehme. Ich habe für mich entdeckt, dass Vorlesungen mit physikalisch-mathematischem Inhalt nicht das beste Lernsystem für mich sind. Ich setze mich lieber zu Hause an den Schreibtisch und arbeite dort konzentriert mit einem Lehrbuch oder dem Vorlesungsskript ein paar Stunden (Erkenntnis des 2. Semesters).

Den restlichen Tag in komprimierter Übersicht:

  1. 10:15–11:45 Uhr Maphy-Vorlesung.
  2. 14:00–16:00 Uhr RM-Vorlesung.
  3. 16:00–18:00 Uhr Exphy-Zettel rechnen, wenn ich am Wochenende nicht fertig geworden bin.
  4. 18:00–20:00 Uhr Exphy-Saalübung (findet nur bei Bedarf statt)

Der Donnerstag beginnt mit der vierstündigen Maphy-Saalübung, sie beginnt um 8:00 Uhr. Das Ziel der Saalübung ist, den Maphy-Übungszettel zu rechnen. Sowohl die Dozentin als auch ihre Assistenten und einige Tutoren sind anwesend und man kann viele Fragen stellen, auch zu Vorlesungsinhalten, die nicht verstanden wurden. Außerdem geben die Tutoren Hilfestellung beim Bearbeiten der Übungszettel.

Ich war ein einziges Mal im Semester in der Maphy-Saalübung. Es war mir einfach zu laut, sodass ich mich nicht konzentrieren konnte und dann beschlossen habe, der Sache keine Chance zu geben.

Von 12:00–14:00 Uhr ist Rechenmethoden-Saalübung. Normalerweise rechne ich hier den Rechenmethoden-Zettel. Der Vorlesungsassistent schreibt dabei Tipps und Kniffe an die Tafel und rechnet besonders komplizierte Aufgaben an der Tafel vor. Sowohl in der Maphy- als auch in der RM-Saalübung wird erlernt, in Gruppen Aufgaben zu bearbeiten. Der wesentliche Unterschied ist, dass die Maphy-SÜ vierstündig ist und die RM-SÜ zweistündig.

Um 14:15 Uhr fängt dann meine RM-Übung an. Ich habe keine Anwesenheitspflicht und, da ich die RM-Zettel nicht abgeben muss, gehe ich lieber nicht in die Übung. Normalerweise mache ich jetzt den Maphy-Zettel oder gebe dem Exphy-Zettel den letzten Schliff. In schlechten Wochen bin ich immer noch nicht mit dem Praktikums-Protokoll fertig und das hat dann Priorität.

Um halb vier mache ich mich auf den Weg zum Unisport. Mein Fußballtraining fängt gleich an. Nach Fußball wollte ich eigentlich den Maphy-Zettel rechnen, stattdessen treffe ich mich mit meinen Freunden und wir lassen den Tag ausklingen.

Gestern ist es spät geworden und ich habe meinen Wecker verschlafen (Freitag), deshalb bin ich nicht zur Exphy-Vorlesung gegangen, die um 8:15 Uhr beginnt. Zu Maphy-Vorlesung (Beginn 10:15 Uhr) gehe ich aber, denn dort kann ich mir keinen Rückstand erlauben. Nach der Mittagspause habe ich nur noch von 14:00–16:00 Uhr Maphy-Übung.

Fürs Wochenende ist der Maphy-Zettel geplant, den ich am Montag abgeben muss, und der Exphy-Zettel, den ich allerdings erst nächsten Freitag abzugeben habe. Mit ein paar Freunden habe ich den Exphy-Samstag eingeführt. Wir treffen uns am Nachmittag und dann backen, rechnen und kochen wir zusammen.

Am Sonntag habe ich den Maphy-Zettel vor der Brust. Da ich keine Chance sehe, den Zettel alleine zu rechnen, schreibe ich ihn einfach von meiner Freundin ab. Immerhin habe ich versucht zu verstehen, was sie da geschrieben hat.

Es wird nicht erwartet, dass man jede Teilaufgabe der Zettel komplett selber rechnet und nachvollzieht, da der Zeitaufwand enorm wäre. Deshalb ist es nicht ungewöhnlich, wenn ich einen Zettel oder Teilaufgaben davon abschreibe und später versuche, sie zu verstehen.

Eine Uniwoche kann schon anstrengend sein, besonders wenn man einen solchen Alltag nicht gewohnt ist. Den Aufwand kann man nicht wirklich in Stunden rechnen, aber auf dem obigen Bild lässt sich erahnen, was ich in einer Woche im ersten Semester geleistet habe. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass der Aufwand in den nächsten Semestern weniger wird, aber Studierende höherer Semester sagen mir oft, dass sie sich daran gewöhnt haben. Im Endeffekt muss jeder sein Pensum selbst finden und letztlich ist es stark typabhängig, welcher der beste Weg ist, um zu lernen. 
Ich hoffe, Ihr könnt Euch nun eine bessere Vorstellung machen, wie mein erstes Semester ausgesehen hat.

Bis Bald, Aaron


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