Erwartungen vs Realität

So habe ich mir das Physikstudium nicht vorgestellt.

In letzter Zeit denke ich häufiger darüber nach, warum ich nochmal Physik studiere, warum ich hier bin und wo ich hinwill — und finde nicht wirklich Antworten. Bei diesem ganzen Herumgedenke sage ich immer wieder Freunden, wie viel das Physikstudium von mir verlangt und dass ich das alles nicht erwartet hatte bevor ich mit dem Studium anfing. 
 Aber was habe ich mir denn eigentlich am Anfang vom Physikstudium vorgestellt?

Nicht viel, um ehrlich zu sein, wo ich jetzt darüber nachdenke.

Allgemein hege ich eher selten große Erwartungen, so kann ich auch weniger enttäuscht werden. Meistens, wie auch beim Physikstudium, denke ich mir “warum eigentlich nicht?” und springe kopfüber ins kalte Wasser. So weiß ich spätestens nach dem Aufkommen, wie kalt das Wasser wirklich ist und ob ich noch ein wenig drinbleiben oder so schnell wie möglich an den nächsten Strand schwimmen möchte. Also ist es natürlich einfach für mich zu sagen, dass das Physikstudium nicht meinen Erwartungen entspricht, da ich nie wirklich welche gefasst hatte. Aber man jammert als Physikstudentin auch manchmal einfach mal gerne, wenn es einem gerade zu viel wird.

Trotzdem kann ich sagen, dass mich Dinge am Studium überraschen, mit denen ich nicht gerechnet hätte. So hätte ich zum Beispiel nicht gedacht, insgesamt dreiundzwanzig Stunden an Pfingsten in den Computerräumen zu sitzen, an einem Versuchsprotokoll zu schreiben und danach immer noch nicht fertig zu sein. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ich mich ein Semester lang dazu bringen kann fast jeden Tag von 8 bis 18 Uhr (okay, an besonders verschlafenden Morgenden eher ab 10) in der Physik zu verbringen und nichts anderes als Physik im Kopf zu haben.

Und ich hatte tatsächlich erwartet, mehr Zeit für Dinge außerhalb des Studiums zu haben und kein sofortiges schlechtes Gewissen zu entwickeln wenn ich Sport, Kultur und andere Interessen, wie bei mir Geschichte, zu verfolgen versuche. Nach einem Theaterbesuch setze ich mich wirklich noch mit hängendem Kopf wieder an meinen Schreibtisch, weil ich nicht das Gefühl haben möchte, den Abend nicht genug für das Studium getan zu haben.

Ein Musik-Festival, hätte ich vor zwei Jahren gesagt, wäre etwas, was man locker in ein Studium einbringen könne und dann saß ich vor einer Woche, nach dem Hurricane-Festival, da und fragte mich, wieso ich mir gedacht hatte nach einem langen Wochenende ohne Physik nicht stofftechnisch hinterherzuhängen. Ich hätte es spätestens merken sollen, als nicht-physikalisch okkupierte Freunde mit einem “Cool, du gehst aufs Hurricane-Festival?!” reagierten, während die Leute in der Physik meistens nur ein “…so kurz vor der Klausurenphase? Bist du dir sicher, dass du da hingehen willst?” rausbrachten.

Aber ich kann den Spieß auch umdrehen:
Ich habe ja schon in einem Blogeintrag die Hilfsbereitschaft der Physiker*innen erwähnt und das ist auch ein Punkt, den ich mir so vor dem Studium nicht hätte vorstellen können.

Der Teil der Bib(liothek) der Physik, wo Essen, Trinken und Diskutieren erlaubt ist — Die Tafeln dürfen auch hier natürlich nicht fehlen.

Hätte mir jemand vor zwei Jahren erzählt, dass ich mich heute in einem Fakultätsgebäude so wohl fühlen würde, wie in der Physik, ich hätte nur ungläubig dahergeguckt. Aber die Community von Physikstudierenden gibt diesem neuem, technischen und effizienten Gebäude eine gemütliche Persönlichkeit, die nach druckfrischen Zetteln, Kaffeeflecken auf Buchseiten, Bleistiftanspitzresten und Pizzaresten am Donnerstagabend riecht, weil Freitag der Aufgabenzettel fertig sein muss. Und seitdem ich durch die Mitgliedschaft im Fachschaftsrat einen Mitarbeiterausweis habe, der mir buchstäblich die Türen der Physik öffnet, streune ich auch mal gerne durch den Keller, schaue in Labore rein und freue mich, dass so viele Bürotüren offen stehen, hinter denen Leute ihre Bachelorarbeit schreiben, ihren Master machen oder auch nach ihrem Doktor weiter an der Uni forschen.

Das ist der Göttinger Spirit, wurde uns schon in dem Vorkurs berichtet. Es sei Tradition, Türen offen zu lassen um ein Zeichen zu geben immer reinkommen und Fragen stellen zu können. Diesen Göttinger Spirit findet man aber auch in der Bibliothek und den Arbeitsräumen. Gerade gestern habe ich mit einem Kommilitonen über eine MaPhy-Aufgabe geredet, wo wir beide nicht weiterkamen. Da dreht sich jemand vom Tisch nebenan um und sagt, dass er sich das gerne einmal anschauen könnte, falls das hilfreich wäre. Und es war hilfreich.

Und ich hätte vor einem Jahr auch nicht erwartet, dass ich immer noch ein Fach studieren möchte, auch wenn es meine Freizeit wie ein schwarzes Loch aufsaugt. Stattdessen werfe ich dem schwarzen Loch lieber mehr Freizeit hinterher um es näher zu betrachten und verstehen zu können. Ich muss nur aufpassen, dass es mich nicht vollständig verschlingt.


Show your support

Clapping shows how much you appreciated Kim (sblog)’s story.