Was es bedeutet eine Klasse zu führen

Schüler brauchen Führung und es ist die Aufgabe von Lehrern ihnen diese zu geben.

Aber was ist eigentlich Führung?

Alle Menschen werden in allen Lebensbereichen entweder geführt oder führen selbst. Es ist egal, ob dies in der Familie, auf der Arbeit oder eben in der Schule ist. [1] Führung bedeutet nach Anselm Grün nichts anderes als “… zielorientierte Beeinflussung von Menschen.” [2] Drath und Paulus (1994) gehen hierbei noch einen Schritt weiter und definieren Führung wie folgt: “Leadership is the process of making sense of what people are doing together so that people will understand an be comitted.”[3] Sie geben der zielorientierten Beeinflussung einen konkreten Arbeitsauftrag. Nämlich einen gemeinsamen Sinn für die Menschen zu schaffen und sie dabei zu unterstützen die gemeinsame Arbeit zu verstehen und sich dieser zu verpflichten. Hierbei ist es von zentraler Bedeutung, wie man zu diesem Ziel kommt. “Wer führend tätig ist, muss wissen, dass er zum Glück eines Menschen maßgeblich beiträgt, wenn er seine Person und seine Leistung wahrnimmt, bewertet, lobt oder wohlwollend kritisiert.” [4]

Doch sollten wir zunächst einen Schritt zurück gehen und den eigentlichen Zweck von Führung betrachten.

Was ist der Zweck der Führung?

Stephan Merath beschreibt den Zweck von Führung anhand dreier Kriterien. Das sind Energie, Beitrag und Zukunft. Ich werde im Nachfolgenden sein Modell auf den Bereich der Schule adaptieren.

  1. Energie: Mit dem ersten Zweck meint er, dass Konflikte reduziert werden müssen, bzw. ein bewusster Umgang damit gepflegt werden muss, um das Vertrauen innerhalb einer Klasse aufbauen zu können. Die Schüler sollten eine Basis schaffen können, in der sie sich gegenseitig unterstützen. Störungen sollten daher so schnell als möglich behoben werden. Nur dadurch ist es möglich, dass die gesamte Klasse ihr Potenzial ausspielen kann. [5]
  2. Beitrag: Die Klasse muss ihren gemeinsamen Zweck erfüllen, nämlich sich so gut wie möglich auf ihren späteren Beruf vorzubereiten, um dem zukünftigen Arbeitgeber den größtmöglichen Nutzen bieten zu können. Möglichst alle Schüler sollten sich an diesem Zweck, also dem späteren gesellschaftlichen Nutzen, ausrichten. Nur so kann die Klasse gemeinsam überragende Ergebnisse erzielen. [6]
  3. Zukunft: Sowohl das Kollegium als auch die Schüler tragen zu einer hervorragenden Schule bei. Das führt dazu, dass sie wiederum dazu beitragen, dass auch ihr späteres Unternehmen heraussragend wird. Der Lehrer muss die Schüler durch eine individuelle Förderung, passend nach den Leistungen des Einzelnen, unterstützten. Dadurch hat die Klasse die Chance auf eine strahlende Zukunft. [7]

Betrachtet man diese Aspekte ist es für die Führungskraft, also die Lehrkraft notwendig alle Aspekte im Blick zu behalten. Eine Hilfestellung dafür kann das Transaktionsanalytische Dreieck geben. Es setzt sich aus dem Ich, dem Wir und dem Es zusammen. [8] Das Ich stellt also in unserem Fall den Schüler als Individuum dar, der gemeinsam mit der Klasse (dem Wir) daran arbeitet seinem zukünftigen Arbeitgeber einen möglichst großen Nutzen zu bieten (das Es). Dabei muss der Schüler individuell gefördert werden. Es muss aber auch ein intensiver Austausch mit der Klasse gegeben sein, um das Ziel erreichen zu können.

Welche Führungsstile gibt es?

Auch hier möchte ich ein Modell von Stephan Merath als Grundgerüst nutzen. Er geht von fünf Führungsstilen aus. Diese Führungsstile helfen dabei einzuschätzen, wo ihre Klasse und sie gerade stehen. Außerdem können sie dadurch entscheiden wohin sie wollen. Und sie können erkennen, was benötigt wird, um ihr persönliches Ziel zu erreichen. [9]

  1. Stil: Zwang

Bei diesem Führungsstil sagt der Lehrer ganz klar wo es langgeht und die Schüler folgen ihm. Wenn einer aus der Klasse nicht folgt, wird er bestraft. Der Nachteil dieses Stiles ist, dass die Schüler nur das machen, was absolut notwenidg ist und nur, wenn “die Peitsche” droht. Wichtig für diesen Stil ist, uns bewusst zu machen, dass kaum noch jemand primär in diesem Stil führt. Jedoch benötigt man ihn als Ultima Ratio Zwangsmaßnahmen, zum Beispiel falls ein Schüler seine Schulpflicht verweigert. [10]

2. Stil: Aufgaben und Prozesse

In diesem Stil muss die Lehrkraft die prinzipielle Freiheit seiner Schüler akzeptieren. So hat der Schüler die Möglichkeit auch auf eine andere Schule zu gehen. Außerhalb der Schulzeit hat die Lehrkraft keinen Einfluss auf ihn.

Umgekehrt ist es notwendig, dass der Schüler eine Vorstellung von seinen Pflichten (z.B. Schulpflicht) hat und ihm muss klar sein, dass er für das Privileg unterrichtet zu werden auch eine Leistung (Pflichterfüllung) zu bringen hat. Ein weiterer, wichtiger Faktor ist hierfür der Respekt vor dem Eigentum anderer. Die Lehrkraft muss in der Lage sein, Aufgaben eindeutig zu beschreiben. Der Schüler muss sie nachvollziehen und umsetzten können.[11] Daraus resultiert, dass der Schüler ein gewisses Maß an geistiger Reife vorweisen muss. Deshalb ist es wichtig für jüngere Kinder/Schüler entwicklungspsychologische Erkenntnisse zu Rate zu ziehen, damit eine mögliche Überforderung auszuschließen ist. In den nachfolgenden drei Stilen wird dies noch relevanter, da weitergehende Vorraussetzungen seitens des Schülers gefordert werden.

3. Stil: Führen mit Zielen

Im vorherigen Stil wurde die Tätigkeit, sowie die Umsetzung der Tätigkeit definiert. Nun wird das Ergebnis und die gegebenen Rahmenbedingungen definiert. [12] Das würde im Kontext Schule heißen, dass den Schülern Ziele vorgegeben werden und die Schüler selbst für die Umsetzung verantworlich sind. So müssen Sie die Fähigkeit besitzen, selbstverantwortlich Ziele zu verfolgen. Können sie das nicht, müssen wir wieder zum 2. Stil zurückkehren. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Schüler häufig, aufgrund der Möglichkeit in diesem Stil arbeiten/lernen zu können, überfordert sind. Ihnen fehlt häufig ein konkreter Rahmen. Das kann nun bedeuten, dass es sinnvoll ist, vorrübergehend den vorherigen Stil zu nutzen, um den Schülern wieder Sicherheit zu geben. Wenn der vorherige Stil ausreichend beherrscht wird, kann wieder in Stil Nummer 3 gewechselt werden.

4. Stil: Führen mit flexiblen Zielen bzw. Selbstorganisation

Dieser Stil ist nur dann für Schüler nutzbar, wenn diese den vorherigen Stil, indem es um selbstverantwortliches Handeln geht, beherrschen. Denn hier sollen die Schüler selbst die Möglichkeit haben ihre Ziele zu definieren. Die Lehrkraft ist dann lediglich für den Zielfindungsprozess zuständig. Sie fungiert somit als Moderator. [13] Häufig wird dieser Stil von Lehrkräften dazu genutzt, es den Schülern zu ermöglichen sich Ziele, für die Verbesserung der eigenen Verhaltensweisen, zu setzten. Dieser Bereich sollte jedoch auch weiter auf den Unterrichtsstoff ausgeweitet werden, was wiederum ein Mehr an individueller Förderung bedeuten würde.

5. Stil: Emotionale Führung mit Sinn

Aus der Neurobiologie wissen wir, dass absolut jede unserer Entscheidungen auf Emotionen zurückzuführen sind. Deshalb rücken hier die Emotionen der Schüler und auch die des Lehrers in den Vordergrund. Einher gehen damit auch die Bedürfnisse. Laut dem Unternehmercoach-Modell, welches sich stark an die Bedürfnispyramide von Maslow anlehnt, sind folgende Bedürfnisse von zentraler Bedeutung:

  • “Physische Bedürfnisse
  • Sicherheit
  • Abwechslung
  • Bedeutsamkeit und Aufrechterhaltung des Selbstbildes
  • Verbindung
  • Fairness
  • Wachstum
  • Sinn + Beitrag” [14]

Bernhard Bueb schreibt: “Wer lange Zeit mit Menschen zusammenlebt und sie aufmerksam beobachtet, könnte zu dem Schluss kommen, dass ihr Leben ein fortwährendes Ringen um Anerkennung sei.” [15] Ich möchte dies noch etwas ausweiten. Nicht nur ein Ringen um Anerkennung, sondern ein Ringen darum, ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Jeder Mensch möchte mit seinen Bedürfnissen enrstgenommen werden. Nehmen wir diese nicht ernst, tragen wir aktiv zum Unglück unserer Schüler bei. Umgekehrt jedoch, können wir mit diesem Stil der Führung unsere Schüler und somit auch unsere Gemeinschaft stärken. In der Klasse heißt das unter anderem einen Rahmen zu schaffen, in dem die Schüler die Möglichkeit haben sich über ihre aktuellen Probleme aber auch über ihre Erfolge auszutauschen.

Welche Handlungsmöglichkeiten gibt es für Lehrkräfte?

Interessant ist es nun zu hinterfragen, an welchen Stellschrauben ich drehen kann, um entweder Lösungen für bestehende Probleme zu finden oder um aktiv in den nächsten Führungsstil zu gelangen. Dabei sind diese 4 Ebenen hilfreich:

  1. Aufgabe/Inhalt

Bei dieser Ebene betrachte ich als Lehrkraft, ob meine Schüler oder auch ich mit meinen aktuellen Aufgaben über- oder unterfordert sind. Sollte dies der Fall sein, hilft es häufig zu überprüfen, ob die Aufgabenstellungen klar sind. Vielleicht ist der Schüler bereits auf einer anderen Stufe und möchte mit Zielen geführt werden, um seine Eigenverantwortung ausleben zu können. In diesem Fall sollte man dies unterstützen und ihm mehr Freiraum in seinem Lernen lassen.

2. Person

Natürlich kann es auch vorkommen, dass ein Schüler oder auch die Lehrkraft persönliche Probleme mit in die Schule bringt. Diese Probleme können unterschiedliche Gründe haben. Zum Beispiel spielen folgende Aspekte eine wesentliche Rolle: Physischer Zustand, Umfeld, Gefühle, Fokus und Klarheit, Glaubenssätze und Kompetenz [16]. Gibt es bei einem Schüler zum Beispiel massive Schwierigkeiten innerhalb der Familie, muss ich als Lehrkraft dies ernstnehmen und gegebenenfalls Maßnahmen einleiten. Dies kann ich jedoch nur, wenn ich die Bedürfnisse und Gefühle der Schüler ernst nehme . Doch auch ich, die Lehrkraft, muss im Sinne der Selbstführung eine Bewusstheit für meine Emotionen erlangen, um negative Emotionen nicht an den Schülern auszulassen.

3. Beziehung/Gruppe

Auch die Betrachtung der Ebene der Beziehungen ist vonnöten. Gerade der Umgang der Schüler untereinander ist von zentraler Bedeutung für den Unterricht. Hier ist es notwendig vor allem klare Regeln für den Umgang miteinander zu definieren und im Notfall klare Konsequenzen auszusprechen. Sind die Regeln klar, kann es sinnvoll sein, den Schülern den Raum zu geben, Konflikte konstruktiv miteinander zu lösen.

4. Struktur/Organisation

In diesen Bereich fallen unter anderem Themen wie:

  • “Die Organisation des Klassenzimmers
  • Die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schule
  • Verfahrensabläufe
  • Gestaltung des Unterrichts
  • Motivationssysteme
  • Regeln und Kosequenzen
  • Gewaltprävention
  • Zusammenarbeit mit Kollegium
  • etc.” [17]

Das sind alles Aspekte in denen ich als Lehrkraft die Möglichkeit besitze aktiv Veränderungen vorzunehmen. Das heißt ich muss hier klare Vorstellungen haben und den Überblick über diese Bereiche behalten.

Was bedeutet es nun eine Klasse zu führen?

In meinen Augen bedeutet es, sich bewusst und umfangreich darüber Gedanken zu machen, wie ich Schüler bestmöglich auf ihre zukünftige Arbeit vorbereiten kann. Dass hierzu viele Aspekte betrachtet werden können und müssen, ist durch das Vorangegangene deutlich geworden.

Es bedeutet sich Gedanken dazu zu machen, was Führung ist, welchen Zweck diese verfolgt, aber auch, wie ich selbst führen kann und welche Möglichkeiten ich habe zu führen.

Was ich Ihnen bieten kann:

Ich bin Pädagoge, Coach, Organisations- und Personalentwickler und kann ihnen ein professionelles Coaching anbieten.

Wenn ihrerseits Interesse besteht, dann melden sie sich entweder telefonisch unter +49 (0) 176 30348820 oder per Mail (jonas.butz@web.de) bei mir. Dort können Sie einen Termin für ein kostenloses Erstgespräch mit mir vereinbaren. Falls sie vorab noch mehr zum Thema “Coaching” erfahren möchten, können sie gerne auch meine folgenden Artikel lesen (ebenfalls auf medium.com zu finden):

  • Warum gerade Coaching für Lehrkräfte sinnvoll ist!
  • Was ist eigentlich Coaching?
  • Welchen Nutzen hat Coaching?
  • Welche Kompetenzen Coaching bei Lehrkräften fördert
  • Evaluationen zu Coaching

Literaturverzeichnis

[1] Vgl. Aigner, 2011, S.7

[2] Asssländer/Grün, 2010, S.19

[3] Drath/Paulus, 1994

[4] Meier, 2010, S.657

[5] Vgl. Merath, 2017, S.76ff

[6] Vgl. Ebd., S.80

[7] Vgl. Ebd., S.81

[8] Vgl. Langmaack, 2011, S.51f

[9] Vgl. Merath, 2017, S.89

[10] Vgl. Ebd., S.89f

[11] Vgl. Ebd., S.93f

[12] Vgl. Ebd., S.95

[13] Vgl. Ebd., S.97

[14] Vgl. Ebd., S. 233

[15] Meier, 2010, S.657

[16] Merath, 2017, S.179

[17] Vgl. Eichhorn, 2015

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