Product Design im Zeitraffer

Wie man einen Google Design Sprint erfolgreich durchführt

Ja, ein Design Sprint ist anstrengend. Keine Ablenkung, kein Facebook, Twitter oder E-Mail, kein Small Talk an der Kaffeemaschine, kein langsames in den Tag starten. Stattdessen: Vollgas von der ersten Minute. Und es ist aufwändig mindestens fünf hochqualifizierte Personen aus dem Tagesgeschäft herauszureißen, um einen Sprint zu machen.

Also warum sollte man einen Design Sprint machen? Weil es funktioniert. Wenn man ein paar Dinge beachtet.

Design Sprint?

Ein Design Sprint ist ein fünftägiger Workshop, bei dem ein interdisziplinäres Team ein Produkt im Zeitraffer entwickelt. Das Konzept wurde von Google Ventures entwickelt und in der Arbeit mit unzähligen Startups perfektioniert. Anfang 2016 kam das Buch dazu heraus, das den Prozess Schritt für Schritt erklärt.

Seit 2015 setze ich mich intensiv mit Workflows auseinander und habe das Sprint-Konzept bei Serviceplan bereits Ende letzten Jahres für ein großes Projekt in abgewandelter Form eingeführt.

Schließlich war es dieses Jahr an der Zeit, den Design Sprint in seiner Reinform anzuwenden. Und so zögerte ich keine Sekunde als Robert mich fragte, ob ich einen Design Sprint für sein neues Startup moderieren wollte.

Erfahrungen aus unserem Design Sprint

Ich werde an dieser Stelle nicht den gesamten Prozess erklären, dafür gibt es das Buch, in dem alles im Detail erklärt ist. Aber ich kann unsere Erfahrungen weitergeben. Dieser Artikel ist daher für alle, die:

  1. grundsätzlich wissen, was ein Design Sprint ist
  2. überlegen, ob sich ein Design Sprint für sie lohnt
  3. oder konkret planen, einen Design Sprint durchzuführen

(Für alle, die mehr grundsätzliche Informationen zu Design Sprints suchen, empfiehlt sich die Übersicht von GV und die Publikation sprintstories.com)

1. Set the Stage

Wir waren in Roberts Wohnung, die ziemlich gut geeignet ist für einen Sprint: Es gibt einen großen hellen Raum, Platz für 5 bis 8 Personen und kaum Ablenkung durch unser aller Tagesgeschäft.

Keine Geräte während des Sprints

GV hat eine schöne Checkliste veröffentlicht, die man sich unbedingt zu Gemüte führen sollte bevor man startet.

Neben der üblichen Ausstattung (Whiteboard, Klebepunkte, Post-its) gibt es zwei Punkte, die ich besonders betonen möchte:

  1. Investiere in einen Time Timer, am besten den großen. Der Time Timer ist eine etwas klobige, sehr analoge Eieruhr, mit der die verbleibende Zeit einer Einheit plakativ dargestellt wird. Diese Uhr schafft Orientierung: Jeder Sprint-Teilnehmer hat jederzeit ein Gefühl dafür, wieviel Zeit ihm für eine Aufgabe bleibt.
  2. Esst gesund und esst gemeinsam. Snacks für den Tag sollten gesund und nicht zu schwer sein, also vor allem Obst, um das Energielevel zu halten. Gemeinsames Mittagessen außerhalb der Sprint-Location macht den Kopf frei und hilft den Beteiligten, sich besser kennenzulernen. Was sich erstmal trivial anhört, macht sich spätestens am zweiten Tag bemerkbar, denn sowohl die Intensität der Arbeit als auch der Grad Interaktion unter den Teilnehmern ist im Sprint sehr hoch.

2. Folge dem Skript

Dienstag vormittag, wir hängen gerade Post-its an die Wand mit Ideen an die Wand. Auf einmal sagt jemand: „Das macht doch gar keinen Sinn.“ Der erste Reflex: Wir machen das anders als im Buch beschrieben.

Aber es ist ja so: Die Leute von GV haben nicht umsonst ein Buch geschrieben. Sie haben die Methode erfunden, getestet und immer weiterentwickelt. Vieles mag einem am Anfang seltsam vorkommen, aber es hilft, sich ziemlich strikt an den Prozess, die Zeiten und die einzelnen Schritte zu halten.

Nicht alles ist perfekt, aber es ist für alle effektiver, im Nachhinein die Schwachstellen im Skript zu definieren und für das nächste Mal anzupassen. Gebt nicht dem Reflex nach, im Voraus alles anders zu machen oder mitten im Prozess den Ablauf zu ändern.

Das Sprint-Buch jederzeit griffbereit

3. Betrachte das große Ganze

Ein Design Sprint besteht aus fünf Tagen zusammen, jeder Tag verfolgt ein Ziel, das auf den Ergebnissen des Vortages aufbaut. Jeder Tag wiederum ist in mehrere Arbeitsschritte und Methoden unterteilt. Da passiert es schnell, dass man die Übersicht verliert und am Sinn einer speziellen Methode zweifelt.

Dagegen hilft eine einfache Methode: Am Anfang jedes Tages definiert der Moderator das Tagesziel und erklärt, welche Schritte bis zur Erreichung des Ziels gemacht werden. So können alle Schritte in den Kontext eingeordnet werden. Eine kurze Zusammenfassung am Ende des Tages schafft zusätzliche Transparenz und Identifikation mit dem Prozess.

Menschen, die auf Post-its schauen

4. Verteile die Rollen

Unser größter Fehler: Wir hatten die Moderatorenrolle (im Design Sprint heißt es „Facilitator“) nicht eindeutig geklärt. Mark und ich wollten uns tageweise abwechseln. So konnten wir gemeinsam den Sprint planen und koordinieren und gleichzeitig aktiv mitarbeiten. Dachten wir.

Die Schwierigkeit: Ein Design Sprint braucht eine unabhängige, moderierende Person mit Autorität. Das geht nur, wenn man außerhalb der operativen Arbeit steht, also nicht aktiv mitarbeitet und diskutiert.

Die Facilitator-Rolle ist eine der beiden wichtigsten im ganzen Sprint. Sie sollte nach Möglichkeit extern besetzt werden, so dass der Facilitator neutral und authoritär sein kann.

Diskussionen im Team

Neben dem Facilitator gibt es eine weitere extrem relevante Rolle: Den Decider. Der Decider — Überraschung — entscheidet. Er hat das letzte Wort in jeder Diskussion und kann alle anderen überstimmen. Bei uns war Robert der Decider und er hat seine Rolle mit Bravour erfüllt.

An manchen Stellen muss der Facilitator den Decider auffordern, eine Entscheidung zu treffen. Das sind die Momente, in denen hitzig diskutiert wird, die Zeit davon läuft und es keine Einigung zu geben scheint. Nur mit einer harten Entscheidung kann der Prozess weiterlaufen und verstrickt sich nicht in endlosen Argumentationen.

Der Entscheider entscheidet

5. Mach es gut genug, nicht perfekt

Fünf Tage sind eine sehr kurze Zeit. Die meisten von uns sind es gewohnt, ein Design oder einen Prototypen ständig zu überarbeiten und nach und nach zu perfektionieren.

Dafür ist im Design Sprint keine Zeit. Und das ist gut. Denn unser Prototyp muss gerade gut genug sein, damit wir ihn testen können. Ein Prototyp ist eine Fassade, wie die Häuserfront der Westernstadt im Vergnügungspark. Sieht echt aus, ist aber ein Fake. Es ist erstaunlich, wie wenig Funktionalität ein Prototyp braucht, damit man ihn testen kann.

Scribbles für den Prototypen

Worauf man aber bei aller Unperfektheit achten sollte:

  • Es muss echt aussehen. Ein Wireframe reicht nicht, er suggeriert beim ersten Hinschauen: „Das ist nicht fertig.“
  • Texte sind essentiell. Lorem Ipsum suggeriert wie ein Wireframe, dass der Prototyp nicht fertig ist. Gut geschriebene Texte verstärken nicht nur die Illusion der Echtheit, sie schaffen auch eine Tonalität, die essentiell für ein Produkt sein kann.
  • Ein Beispiel aus unserem Sprint: Einer unserer beiden Prototypen war ein Chatbot. Wir gaben ihm einen Namen (Rusty), eine Tonalität (Rusty fragt nicht, Rusty entscheidet, er ist fordernd, frech und gleichzeitig charmant) und ein Gesicht. Unsere Tester fanden Rusty „süß“ und „sympathisch“, was einen erheblichen Einfluss darauf hatte, wie sie den Rest der User Experience wahrnahmen.
Rusty

6. Hab deine Technik im Griff

Das iPhone im Testraum wird über AirPlay auf den Rechner im Nebenraum übertragen, der Rechner im Testraum nimmt über die Webcam auf und stream ebenfalls auf den Rechner im Nebenraum, der an einen Beamer angeschlossen ist, über einen zweiten Rechner wird per WhatsApp auf das Testhandy geschrieben.

Auswertung der Interviews und Live-Übertragung aus dem Interviewraum

Das war unser Setup für das Aufzeichnen und Stream der Interviews, Version 27. Wir haben den halben Donnerstag damit verbracht, die Technik in den Griff zu bekommen. Wertvolle Zeit, die uns für die Prototyp-Entwicklung und vor allem für eine Generalprobe fehlte.

Nichts nervt mehr (und raubt mehr Zeit), als komplizierte Aufbauten und Screensharings, die nicht nicht richtig funktionieren. Daher der Tipp: Entweder ist das Setup sehr einfach oder ihr investiert ein paar Euros für einen Testraum, bei dem alles steht und funktioniert.

7. Und jetzt die entscheidende Frage: Lohnt sich das?

Die Antwort ist ja. Ein Design Sprint lohnt sich definitiv. Er ist die schnellste Art innerhalb kürzester Zeit aus einer Idee einen getesteten Prototypen zu machen. Der Aufwand hört sich erstmal groß an: Fünf Tage lang eine Handvoll wichtiger Menschen aus dem Tagesgeschäft rausnehmen, dazu Räume, Technik und einen externen Facilitator. Auf der anderen Seite: Was kostet es, wenn diese schlauen Menschen Wochen ihrer wertvollen Zeit damit verbringen, eine ungetestete Hypothese feinzuschleifen? Wenn sie durch ständige Meetings und E-Mails von der wichtigen Produktentwicklung abgelenkt werden? Wenn man nach fünf Wochen oder gar nach fünf Monaten feststellt, dass die Idee gar nicht funktioniert.

Mark und Bastian bei der Arbeit

Design Sprints sind Zeitraffer. In nur fünf Tagen entwickelt das Team nicht nur einen Prototypen und testet diesen. Die Teilnehmer lernen sich zudem als Team kennen und schätzen, sie verstehen das Produkt- oder Geschäftsproblem, sie arbeiten wirklich interdisziplinär und sie haben jeden Tag echte Erfolgserlebnisse.

Nicht alles wird beim ersten Design Sprint perfekt funktionieren. Aber das macht überhaupt nichts. Viel wichtiger ist es, fünf Tage lang sehr konzentriert zu arbeiten, um am Ende ein Ergebnis zu haben. Das ist nicht nur effektiv, es macht vor allem eine Menge Spaß.


Wenn du einen Design Sprint durchführen möchte, sprich mich gerne an. Mehr Informationen gibt es auch unter nicolaskittner.com