Wundersoft – Warum der Wunderlist-Microsoft-Deal perfekt ist.

Ein paar schnelle Gedanken

Microsoft übernimmt also 6Wunderkinder und damit Wunderlist für eine Summe zwischen 100 und 200 Mio. USD. Während die meisten applaudieren, gibt es natürlich auch Zweifler und Nörgler. Entweder lautet der Vorwurf, das Berliner Startup betreibt seinen eigenen Sell-Out. Oder es werden Stimmen laut, die einen dreistelligen Millionenbetrag für eine To-Do App absurd finden.

Ich denke, der Deal ist perfekt. Für alle Seiten.

Perfekt für 6Wunderkinder:

  • Ja, es ist nur eine To Do App, das ist kein schlechter Preis
  • Über zahlende User hat das Unternehmen noch nie öffentlich gesprochen. Ich gehe davon aus, das hat einen Grund. Denn die Free-Version ist für normale Consumer mehr als ausreichend und im Enterprise Markt existieren mit Konkurrenten wie Asana, Trello, Basecamp und vielen anderen sehr hohe Eintrittsbarrieren.
  • Eine To Do App kommt, egal wie gut sie ist, irgendwann an ihre Grenzen. Nicht umsonst arbeiten Google und seit neuestem auch Dropbox an kompletten Produktivitäts-Ökosystemen, bei denen E-Mail, Organisation und Kollaboration nahtlos miteinander verknüpft sind. Die API von Wunderlist war ein Anfang, aber APIs funktionieren selten so gut, wie komplett integrierte Systeme.
  • Mit Sunrise, Accompli (jetzt Outlook für Mobile) und Skype hat sich Microsoft ein eindrucksvolles mobiles Produktivitätsportfolio zusammengestellt, Wunderlist befindet sich also in allerbester Gesellschaft.
  • 100 bis 200 Mio. USD sind sehr viel Geld. Natürlich ist dies keine Zahl bei der sich VCs vor Freude einnässen. Aber man sollte bei dieser ganzen Startup-Valuation-Diskussion zwischendurch mal wieder einen Realitätscheck machen: Es ist nicht so, dass alles unter 1 Mrd. Dollar Peanuts sind.
  • Zusammengefasst: Selbst mit der letzten großen Finanzierungsrunde von 19 Mio. USD wäre das Wachstum der Wunderkinder wahrscheinlich schon bald an seine Grenzen gestoßen. Ein großer Partner macht also durchaus Sinn.

Perfekt für Microsoft

  • Microsoft hat mobile verschlafen. Hastige Versuche der letzten Jahren haben nicht so richtig gefruchtet, Windows mobile ist auch nach dem Aufkauf von Nokias Handysparte keine echte Konkurrenz für Android und iOS.
  • Microsoft ist uncool. Outlook habe ich seit 10 Jahren nicht mehr geöffnet, Powerpoint und Word (auf dem Mac) fasse ich nur an, wenn es nicht anders geht. Und das geht nicht nur mir so.
  • Unter Microsoft neuem CEO Satya Nadella ändert sich derzeit einiges. Genau wie Tim Cook ein besseres Apple als Steve Jobs schafft, baut Nadella ein besseres Microsoft als Bill Gates und Steve Ballmer. Mit den Zukäufen erstklassiger Apps wie Sunrise (nutze ich von Tag eins), Accompli und Skype verfolgt das Unternehmen eine neue Strategie, bei der cloud-basierte Produktivitätsanwendungen im Zentrum stehen. Wenn man in Redmond also nicht ein eigenes mobiles Betriebssystem von Weltrang schaffen kann, dann zumindest die besten Applikationen auf allen Devices.
  • Microsoft kämpft an vielen Fronten: Apple etabliert alle paar Jahre völlig neue Devices und Anwendungsszenarien, Google hortet das Weltwissen und monetarisiert es, zusammen dominieren Cupertino und Palo Alto das Mobile-Geschäft. Und von hinten schleicht sich Dropbox an, die mit cloudbasiertem Filesharing plus Mailbox, Hackpad und Carousel ebenfalls in den Produktivitätsmarkt drängen.
  • Der Zukauf eines weiteren, erstklassigen Produktivitätstools und die damit verbundene Integration in das erwähnte Ökosystem stützen daher Microsofts neue Strategie.

Perfekt für die deutsche Startup-Szene

  • Berlin und Deutschland gewinnen noch mehr internationale Sichtbarkeit: Ein Exit mit namhaften VCs an einen Global Player wie Microsoft schafft Aufmerksamkeit.
  • Die Gründer haben jetzt viel Geld, vom dem ein Teil wieder in neue Startups gesteckt werden wird.

Also, hört auf zu meckern. Freut euch über diesen Deal. Da haben nämlich alle was von.