Hello Mr President

Erster Tag der SXSW 2016: Barack Obama und Casey Gerald

Schon das Zugangsverfahren war alles andere als einfach: Via Lotterie vergab die SXSW die Kapazitäten im Long Center für die Eröffnungskeynotes dieses Jahres. Gestern Abend kam dann die Mail mit dem positiven Bescheid — dass ein Ticket für mich bereitliegen würde.

Abzuholen von acht bis elf Uhr. Einlass dann ab elf Uhr. Zutritt nur für Ticketinhaber, die sich bis 12.30 Uhr in die mehrere hundert Meter lange Schlange eingereiht hatten. Keine großen Taschen, keine Schirme, keine spitzen Gegenstände. Nur das Nötigste mitbringen.

Als ich gegen 10.30 Uhr mein Ticket bekam, hieß es auch: keine Notebooks. Die letzte Entscheidung liege aber beim Secret Service. Was mich dazu veranlasste, meine Tasche zurück ins Quartier zu bringen — dank Uber und Airbnb kein größeres Problem. Wieder am Palmer Events Center, die Schlange reichte derweil schon weit in den angrenzenden Park, teilte uns nach einiger Zeit eine Helferin mit, dass Notebooks nun doch erlaubt seien. „Don’t shoot the messenger.“

Die Zeit verging langsam, die Schlange wuchs stetig, die Sonne schien warm. Doch irgendwann und irgendwie ging es voran. In großen Schüben schleuste man uns zur Sicherheitskontrolle.

Und schließlich fand ich mich auf dem Balkon wieder, in schwindelnder Höhe in einem zum Bibbern kalt klimatisierten Saal, wo alsbald Casey Gerald seine Keynote begann, die unversehens zum Vorprogramm des Präsidenten geworden war. Und ja, schon sein mit leiser Stimme ohne Folien frei vorgetragenes „gospel of doubt“ war den Aufwand wert — auch wenn ein Video den gleichen Zweck erfüllt hätte.

Der Vortrag, ähnlich gehalten bereits auf der TED, rückte gründlich die Perspektiven zurecht. Dass Technologie kein Selbstzweck ist, sondern den Menschen dienen sollte, dass der Zweifel eine Tugend sein kann und was er den Präsidenten der USA fragen würde: “What would you say if you were not afraid?”

Ob der Zufall des präsidialen Terminkalenders oder die kongeniale Planung der SXSW-Macher nun Casey Gerald zum Präliminarium Obamas gemacht hatten, sei dahingestellt. In jedem Fall legte Gerald die Latte für den amtierenden Präsidenten hoch.

Der kam eine halbe Stunde verspätet — vielleicht weil er zuvor noch Tacos essen musste. Doch dann gehörte die Bühne ihm und Patrick Svitek von The Texas Tribune, dem blitzgescheiten und eloquenten Gesprächspartner des mächtigen Mannes. Als Obama die Bühne betrat, erhoben sich mehrere Tausend Zuschauer unter lautem Applaus und Jubel von ihren Plätzen.

Obama war, wie man ihn kennt: witzig, intelligent, charmant, präsidial und zugleich erfrischend unprätentiös. Seine Botschaft an die im Auditorium, insbesondere aber an den Screens versammelte Tech-Community war vergleichsweise schlicht: Technologie kann die Arbeit der Regierung verbessern, sie kann helfen, die großen Probleme zu lösen (denen sich Obama auch nach Ende seiner Amtszeit zu widmen gedenke) und auch die Partizipation der Bürger erhöhen.

Kritisch wurde es am Ende, als Patrick Svitek den Fall Apple vs. FBI aufgriff und Obama, ohne zum konkreten Einzelfall sprechen zu wollen, für eine Balance zwischen dem Schutz der Privatsphäre und den Sicherheitsinteressen des Staates (und damit der Bevölkerung) eintrat. Dieser Punkt dürfte der anwesenden Szene eher weniger gefallen haben.

In der Summe eine gelungene Inszenierung für beide Seiten. Die SXSW freut sich in ihrem 30. Jahr über einen sehr speziellen Moment — und der amtierende Präsident bereitet seine Zeit nach dem Auszug aus dem Oval Office vor. Dass er, wie seine Vorgänger, als teuer bezahlter Redner auf Konferenzen auftreten wird, kann sicher vermutet werden.

Dass er ausgerechnet die SXSW für seinen Auftritt gewählt hat, dürfte auch kein Zufall sein. Die regierungsskeptischen Texaner, aber auch die sehr breite, eher demokratisch und international orientierte Szene der Festivalbesucher waren seine bevorzugten Adressaten.

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