Zwischen Straßenfotografie und Kunst — wie ich Saul Leiter entdeckte

Kürzlich bin ich auf eine Folge des sehr zu empfehlenden Video-Podcasts “The Art of Photography” gestoßen, in der es um die Farbfotografien des New Yorkers Saul Leiter ging. Die gezeigten Arbeiten gaben mir Rätsel auf: sie waren weder dokumentarisch-klar wie beispielsweise von Joel Meyerowitz oder Jack Simon, noch sozial engagiert porträtierend wie bei Justin Vogel oder Matt Stuart. Auch spielten graphische Elemente oder Architektur keine Hauptrolle. Zudem durchbrachen die Fotos viele formale Regeln, wie ich sie in den letzten Monaten gelernt oder beobachtet hatte.

Taxi, New York. 1957 by Saul Leiter

Ich sah auf unscharfe, fast schon abstrakte Motive. Auf verschwommene und durch beschlagene Scheiben hindurch fotografierte Szenen. Auf Fotos, die zu 80 Prozent von schwarzen Flächen oder aus dem Fokus geratenen Objekten im Vordergrund bestanden und nur kleine Teile einer Situation freigaben. Oder zerklüftete, von Spiegelungen und Verzerrungen gezeichnete, konfuse Aufnahmen. Aber die Harmonie von Farbe und Formen, von Geschichte und Leere war ungeheuer intensiv und faszinierte mich.

Alle Fotografiern von Saul Leiter (1929–2013)

Doch wer ist dieser Mann, den ich da entdeckt hatte?

Saul Leiter wurde 1929 geboren und hat die meiste Zeit seines Lebens in New York City verbracht, wo er 2013 verstarb. Tatsächlich war er Fotograf und gleichzeitig Künstler, hatte sich neben der Malerei vor allem der Straßenfotografie verschrieben, die er meist in seiner Nachbarschaft betrieb. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich allerdings als Modefotograf, denn sein künstlerisches Schaffen fand erst spät die verdiente Anerkennung. Dann aber richtig: seit 2002 war er in verschiedenen Ausstellungen in New York und anderen US-Städten zu sehen. Danach u.a. in Italien, Frankreich, und UK.

Portrait Saul Leiter von http://www.pierrebelhassen.com

Was kann ich nun von Saul Leiter für meine Straßenfotografie lernen?

  1. Die Realität durchbrechen
    Straßenfotografie muß nicht dokumentatorisch sein. Jeder Mensch sieht in jedem Augenblick die Dinge anders. Somit ist jeder Blick subjektiv, und das gilt das besonders für den Ausschnitt der Umgebung, den ein Fotograf einfängt. Gleiches gilt für die fokussierten Objekte. Es gibt keine Objektivität und damit Realität in der Fotografie. Also habe ich alle Freiheit der Gestaltung und sollte sie mir nehmen.
  2. Rätsel ergeben Spannung
    Unschärfe, Objekte am Rand, Anschnitte und Spiegelungen — alle diese Elemente ergeben die richtige Spannung. Der Betrachter ist fast schon gezwungen, sich die Zeit zum Entdecken eines Fotos zu nehmen. Und genau dann sticht ein Foto aus der Masse heraus.
  3. Öfter und länger an einem Ort bleiben
    Straßenfotografie braucht kein rast- und ruheloses Umherrennen in der Stadt. Jede einzelne Szenerie birgt zahlreiche Motive, die es mit viel Beobachtung und Vorstellungskraft zu entdecken gilt. Also lieber eine längere Zeit an einem Ort verweilen, statt mit der Kamera kilometerlange Wege zurückzulegen.

Hier nun ein paar Beispiele meiner Arbeiten, die Saul Leiter inspiriert oder seiner Herangehensweise ähnlich sind.

Alle Fotografien von Sven Hoffmann, Köln 2015

Leider verpasst habe ich die Ausstellungen in Deutschland: Saul Leiters Werke waren zuletzt in Hamburg (2012), Berlin (2013) und Frankfurt (Anfang 2015) zu sehen. Ein kleiner Trost: der Ausstellungskatalog “Saul Leiter Retrospektive” ist beim Kehrer Verlag erschienen und ist immer noch erhältlich. Hier findet sich ein kurzes Video, das den Katalog mit vielen Beispielseiten zeigt.

Zu guter Letzt hier nun der Video-Beitrag des Bloggers Ted Forbes von “The Art of Photography”, mit dem meine Saul-Leiter-Entdeckung begann.

Gute Unterhaltung!

Sven Hoffmann 2015, www.streetphotographycologne.com