Warum wir Journalisten anders über Muslime berichten müssen

Und wie uns das gelingen kann. Neun Thesen für eine bessere Islam-Berichterstattung.

Woran denken Sie, wenn Sie das Wort “Islam” hören? Wenn Sie nicht zufällig muslimisch sind, vermutlich an nichts Gutes. Jeweils mehr als 60 Prozent der Gesamtbevölkerung haben bei dem Stichwort “Islam” eine der folgenden drei Assoziationen: Benachteiligung der Frau, Fanatismus, Gewaltbereitschaft. Fragt man dagegen türkeistämmige Deutsche, sieht das Bild ganz anders aus: Friedfertigkeit, Solidarität, Toleranz werden am häufigsten genannt. Man könnte sagen: Wer den Islam aus der Nähe kennt, fühlt sich mit ihm meist ganz wohl. Beim Rest genießt er keinen guten Ruf.

Mehr als die Hälfte der Deutschen verbindet mit dem Wort „Islam“ inzwischen ein Gefühl der Bedrohung. Dabei schätzt der Verfassungsschutz nur etwa 750 der 4,5 Millionen in Deutschland lebenden Muslime als Gefährder ein. Das sind 0,017 Prozent. Islamfeindliche Stereotype haben der AfD zu ihrem Aufstieg verholfen und bereiten den Nährboden für einen bisher ungekannten Hass: Mehr als 1000 Mal sind Muslime im Jahr 2017 Opfer von islamfeindlichen Straftaten geworden. Experten schätzen, dass die Dunkelziffer bis zu acht Mal so hoch sein könnte. Woher kommen die Vorurteile? Die Antwort sollte Journalisten zu denken geben: Aus den Medien. Nur wenige Deutsche haben regelmäßig Kontakt zu Muslimen.

Anfang des Jahres haben wir in München das Projekt The Muslim Story gegründet: für mehr Islamkompetenz in Redaktionen und mehr Medienkompetenz unter Muslimen. Weil wir glauben, dass sich die Art und Weise, wie wir in Deutschland über Muslime sprechen, ändern muss. Wir sind nicht dafür, den Islam nicht mehr zu kritisieren. Aber dafür, dass es angemessen getan wird: Überlegt, mit einem Blick für die Proportionen des Problems und die großen Unterschiede innerhalb des Islam. Wie eine bessere Berichterstattung aussehen könnte, haben wir in den folgenden Thesen zusammengefasst.

1. Gebt dem Islam nur die Aufmerksamkeit, die er verdient. Burkadebatte, Schwimmunterricht, Schweinefleisch, Hände-Schütteln: Allein 2015 und 2016 befassten sich laut ZEIT Online 117 Talkshows im Öffentlich-Rechtlichen mit den Themen Flüchtlinge, Integration, Islamismus und Rechtspopulismus. Deutlich seltener zur Sprache kamen Probleme, die viel mehr Deutsche betreffen, wie Gesundheit und Pflege. Ebenso verzerrt sind die Proportionen, die manchen Problemen beigemessen werden. Nur eine Handvoll Frauen in Deutschland trägt Burka — aber ein Burkaverbot wird diskutiert, als hänge das Überleben unserer Nation davon ab. Nicht anders ist es beim Schwimmunterricht. Verlässlich meldet sich alle paar Monate ein Politiker zu Wort: Es sei nicht hinnehmbar, dass Eltern ihre Töchter vom Schwimmunterricht fernhalten. Doch wie viele Eltern tun das überhaupt? Nur etwa ein Prozent der Muslime verweigern aus religiösen Gründen den Schwimmunterricht. Aber: Mehr als 40 Prozent der muslimischen Schulkinder in Deutschland können tatsächlich nicht am Schwimmunterricht teilnehmen, weil es an ihren Schulen keinen mehr gibt. Das ist in der Tat eine Geschichte wert.

2. Erzählt auch die positiven Geschichten. “Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten”, besagt ein Sprichwort. Vielen Journalisten fällt es schwer, da, wo alles gut läuft, einen Nachrichtenwert zu erkennen. Das ist nicht nur bei Muslimen so. Gerade dort aber fehlt vielen Menschen das Korrektiv der eigenen Erfahrung. Dem Medienwissenschaftler Kai Hafez zufolge behandeln 60 bis 80 Prozent der Beiträge in der überregionalen Presse den Islam im Kontext körperlicher Gewalt oder anderer negativer Themen. Und das, obwohl die Ergebnisse großer Studien keineswegs von einem missglückten “Multi-Kulti” sprechen. Der Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung und die große BAMF-Studie Muslimisches Leben in Deutschland zeigen etwa: Mit jeder Generation steigt das Bildungsniveau. Muslime sind heute genauso häufig erwerbstätig wie Nicht-Muslime. Fast zwei Drittel der Muslime geben an, dass ihr Freundeskreis mindestens zur Hälfte aus Nicht-Muslimen besteht. Meist werden solche Ergebnisse kurz vermeldet und danach wieder vergessen. Es entstehen keine Geschichten daraus, die diesen Zahlen ein Gesicht verleihen. Deshalb sollten wir öfter über Muslime schreiben, die sich gegen Antisemitismus engagieren, Solarzellen auf Moscheedächern installieren oder im Ramadan “Plastik fasten”.

3. Hört auf, Probleme zu “islamisieren”. Antisemitismus, Bildungsdefizite, Gewalt gegen Frauen: Das alles sind reale Probleme. Nur eines sind sie nicht: Allein mit dem Islam zu erklären. Juden lebten in der islamischen Welt über Jahrhunderte sicherer als im christlichen Europa. Jugendliche aus türkeistämmigen Familien hinken in Deutschland bis heute in der Schule hinterher, iranischstämmige schneiden hingegen überdurchschnittlich gut ab. Ja, Frauen sind in Teilen der islamischen Welt Gewalt und Benachteiligung ausgesetzt — sie sind es aber ebenso in Indien und Lateinamerika. Wissenschaftler verzweifeln regelmäßig daran, dass viele Phänomene und ihre komplexen Ursachen durchaus gut erforscht sind, den Ergebnissen von Journalisten aber nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Stattdessen müssen „archaische Wertvorstellungen“ oder „die Scharia“ herhalten, um die Gewalttätigkeit junger Männer zu erklären. Diese Schlagworte helfen nicht dabei, Lösungen für real existierende Probleme zu finden. Als Journalisten sollten wir bei jeder Pauschal-Aussage über „den Islam“ besondere Vorsicht walten lassen. Andernfalls laufen wir Gefahr, die Deutung von Radikalen zu übernehmen, die noch jede Schandtat als religiöse Vorschrift verkaufen.

4. Zeigt andere Bilder. Man muss nur einmal „Islam und Medien“ in die Google-Bildersuche eingeben, um zu sehen, wie einfallslos viele Redaktionen ganz unterschiedliche Themen bebildern: Tiefverschleierte Frauen; Muslime neben einer irgendwie gearteten Deutschlandflagge (meist zerrissen); Muslime, die blutüberströmt Waffen schwenken; Muslime mit wutverzerrten Gesichtern. Dabei werden Dinge assoziativ miteinander verbunden, die nur scheinbar etwas miteinander zu tun haben. Was beispielsweise hat ein palästinensisches Begräbnis, ein religiöser Akt in einem kriegerischen Kontext, damit zu tun, wie deutsche Muslime ihren Glauben leben? Der Islam wird oft als etwas Fremdes, Bedrohliches gezeigt. Und die verschleierte Frau wird durch ihren ständigen Wiederabdruck zum Gesicht des Islams. Dabei steht sie rein statistisch nur für eine Minderheit: Gerade einmal ein Viertel der Musliminnen in Deutschland trägt immer ein Kopftuch, noch viel weniger verschleiern ihr Gesicht.

5. Erlöst uns von Experten, die keine sind. Warum sitzt in einer Talkshow über Flüchtlinge kein einziger Flüchtling? Warum spricht in einer Talkshow über Muslime nur ein einziger Muslim, der als Erdoğan-Anhänger gilt und Vorsitzender einer skurrilen 2000-Mitglieder-Partei ist? Leider setzen manche Journalisten immer noch auf Skandalisierung, entsprechend kommen vor allem Vertreter zu Wort, die starke Zitate liefern. In Talkshows sitzt dann etwa eine Niqab-Trägerin oder ein Salafisten-Prediger. Beides ist nicht repräsentativ, aber es eignet sich, um Schlagzeilen zu produzieren. Dabei hat Deutschland durchaus eine lange Tradition der Islamwissenschaft und viele kluge Köpfe, die unsere Debatten bereichern könnten, statt sie reduktiv zuzuspitzen. Kämen diese Menschen öfter zu Wort, würde das auch das muslimische Vertrauen in die Medien stärken.

6. Findet diversere Protagonisten. In Beiträgen, in denen es nicht um den Islam geht, kommen Muslime als Protagonisten kaum vor. Deshalb erscheinen sie uns als Menschen, die immer und überall ausschließlich Muslime sind. Die muslimische Frau nebenan ist aber vielleicht auch Physikstudentin, Metal-Fan und macht sich über die Erziehung ihres Kindes Gedanken. Über all das könnte man mit ihr auch reden. Sie wird aber leider zu selten dazu befragt. Weil das Publikum in der Vorstellung vieler Journalisten immer noch weiß und christlich ist. Dabei geht es nicht einmal um political correctness, sondern schlicht um guten Journalismus: Wir sollten zumindest versuchen, die Gesellschaft so abzubilden, wie sie ist.

7. Holt mehr Muslime in die Redaktionen. Wer selbst der weißen Mittelschicht angehört, der wird sich auch vor allem mit Themen und Problemen befassen, die diese Gruppe umtreiben. Wer will, dass das eigene Medium die Lebensrealität möglichst vieler Deutscher abbildet, sollte sie bei der Themenwahl mitreden lassen: Das gilt für alle Minderheiten, eben auch für Muslime. Wir wissen, dass das nicht immer einfach ist. Bisher zieht es nicht viele muslimische Deutsche in den Journalismus. Nur wenige können sich unbezahlte Praktika leisten, sicher wirkt auch die Berichterstattung über Muslime abschreckend. Wer will schon immer Einzelkämpfer sein? Hier bräuchte es mehr gezielte Förderung und eine aktivere Ansprache. Erste gute Beispiele gibt es bereits: jetzt.de, das junge Angebot der Süddeutschen Zeitung, hat kürzlich eine Praktikumsstelle ausgeschrieben, die sich explizit auch an Menschen mit Migrationsgeschichte richtete.

8. Berichtet über Lösungen, nicht nur über Probleme. Wenn in Berlin eine Kita kein Schweinefleisch mehr serviert, weil in ihrem Einzugsbereich 80 Prozent Muslime sind, macht das mit Sicherheit Schlagzeilen. Wenn eine Gruppe muslimischer Studenten sich an der Uni einen Raum zum Beten wünscht oder ein Imam einer Politikerin die Hand nicht geben will, auch. Wenn eine Gesellschaft vielfältiger wird und zu den alten Bräuchen neue hinzukommen, lassen sich Missverständnisse und Konflikte nicht immer vermeiden. Meist werden solche Beispiele dann zum Anlass genommen, in Maischberger-Manier zu fragen, wo genau die Grenze der Toleranz verläuft. Als würden sich die Probleme auflösen, wenn man Härte fordert. Aber will man den Imam zum Handschlag zwingen? Die Studenten dazu, wegen unnötiger Rennerei den Unterricht zu verpassen? Es gibt unzählige Beispiele von Unternehmen und Gemeinden, die für solche Konflikte längst Lösungen gefunden haben: Wo Mitarbeiter seit Jahren einen Raum zum Beten nutzen, ohne dass sich jemand daran stört. Wo es Rind- und Schweinefleisch gibt und die Erzieher mit ihren Schützlingen bewusst darüber sprechen, warum manche Kinder manche Sachen (nicht) essen, aber beides okay ist. Statt immer gleich das große Ganze zu verhandeln, könnten wir fragen: Wo läuft es bereits besser? Was können wir von anderen lernen?

Und zuletzt…

9. Nehmt Muslime als Zielgruppe wahr. Weil sie eine sind. Es ist Auftrag der öffentlich-rechtlichen Medien, zu einem funktionierenden demokratischen Gemeinwesen beizutragen. In einer pluralistischen Gesellschaft bedeutet das, ein Programm mit und für alle gesellschaftlichen Gruppen zu machen. Doch viele Journalisten schreiben nur über Muslime, aber nicht für sie. Offenbar weil sie davon ausgehen, dass muslimische Deutsche keine deutschen Medien konsumieren. Woher kommt dieses Bild? Oft hören wir von jungen Muslimen, dass sie sich in den Medien nur als Zerrbild ihrer selbst wiederfinden. Themen aus ihrer Lebensrealität kommen kaum vor. Damit geht uns Journalisten auch eine wachsende und zunehmend gebildete Zielgruppe verloren. Das heiß nicht, dass wir über Probleme mit und unter Muslimen nicht mehr reden sollten. Auch nicht, dass Journalisten ihr Programm an den Wünschen einer Minderheit ausrichten sollten. Aber es bedeutet, Muslime auch als Konsumenten wahrzunehmen. Zumindest gelegentlich könnte man deshalb auch Themen behandeln und Protagonisten engagieren, die spezifisch muslimische Lebensrealitäten ansprechen: Das junge Programm von ARD und ZDF, Funk, hat mit seinem Satire-Programm „die Datteltäter“ schon gezeigt, wie gut das funktionieren kann.