Das narzisstische Dilemma: Ein Lösungsansatz

Das narzisstische Dilemma ist ein psychologischer Fachbegriff, der die Ambivalenz narzisstischer Eigenschaften bezeichnet. Dabei können drei Grundrichtungen definiert werden, die ich vor Kurzem in meinem ersten Beitrag auf The New Worker genauer erläutert habe. Diese Ausprägungen lassen sich wie folgt noch einmal zusammenfassen:

  • Erfüllter Narzissmus: mittlere Ausprägungen z.B. in Form einer gesunden Selbstliebe, gesunden Beziehungen auf Augenhöhe und hoher Empathie.
  • Exhibitionistischer Narzissmus: extrem hohe Ausprägungen z.B. in Form von übertriebener Selbstdarstellung, eingeschränkter Selbstregulation und geringer Empathie; wird als Größenselbst bezeichnet.
  • Defizitärer Narzissmus: extrem niedrige Ausprägung z.B. in Form von Minderwertigkeitskomplexen, Kontaktschwierigkeiten und fehlender Abgrenzung; wird als Größenklein bezeichnet.

In narzisstischen Organisationen treffen dann Größenselbsts und Größenkleins aufeinander und gehen Beziehungen eine Ko-Abhängigkeit ein. Im bereits erwähnten Beitrag habe ich versucht, dieses Phänomen von der individuellen Ebene auf die organisationale Ebene zu übertragen und verschiedene Konzepte aus „New Work“ („Neue Arbeitswelt“) mit einzubeziehen.

Doch was in der Theorie logisch und leicht klingen mag, sieht in der Praxis (wie Sie vielleicht aus eigener Erfahrung wissen) ganz anders aus. Denn wie sage ich einem Narzissten, dass er selbst das Problem ist, wenn dieser gar kein Problem sieht? Und was kann man tun, um einen gesunden Narzissmus zu entwickeln und dadurch persönliche und unternehmenskulturelle Blockaden aufzulösen?

Um nun die gesunde Form des Narzissmus (Erfüllter Narzissmus, s.o.) zu verstehen und zu entwickeln sowie gleichzeitig die ungesunden Formen (Exhibitionistischer bzw. Defizitärer Narzissmus) zu erkennen und zu verhindern, bietet sich eine Analyse von Verhaltenspräferenzen an. Damit möchte ich den Versuch wagen, entsprechende Tipps und Hinweise abzuleiten. Eines der wohl am meisten verbreiteten Verfahren basiert auf zwei grundlegenden Verhaltensdimensionen, nämlich 1. der Intro- vs. Extraversion und 2. der Sach- vs. Menschennorientierung.

Das INSIGHTS-MDI® Verfahren

Um einen Menschen etwas verstehen zu lassen, ganz egal ob er Narzisst ist oder nicht, hilft das Einnehmen der logischen Denk- und emotionalen Gefühlsmuster seines Gegenübers. Wenngleich diese hoch individuell sind, lassen sich wiederkehrende Persönlichkeitstypen erkennen. Das auf der Theorie von C.G. Jung (1875–1961) basierende INSIGHTS MDI® Modell setzt genau hier an: Es stellt Handlungsempfehlungen für den Umgang mit verschiedenen Persönlichkeitstypen dar und wird deshalb als Grundlage für den Beitrag verwendet. Aus den beiden oben genannten Modell-Dimensionen ergeben sich dann vier Basistypen, die jeweils durch Farben symbolisiert werden:

  • D=Dominant (Extraversion + Sachorientierung), ROT
  • I=Initiativ (Extraversion + Menschenorientierung), GELB
  • S=Stetig (Introversion + Menschenorientierung), GRÜN
  • G=Gewissenhaft (Introversion + Sachorientierung), BLAU

Über einen Fragebogen mit 24 x 4 Begriffen, die in eine Reihe gebracht werden müssen, wird die Ausprägung in den vier Basistypen ermittelt. Dadurch lassen sich insgesamt 60 Verhaltensschemata ableiten. Wichtig ist nun hierbei, dass sich aus dem Ergebnis Rückschlüsse auf präferierte Verhaltensweisen im Umgang mit der Umwelt ziehen lassen.

Für diesen Beitrag möchte ich mich im Weiteren auf die vier Basistypen beschränken, um den Rahmen nicht zu sprengen. Dadurch wird die Betrachtung dann leider doch etwas schematisch und undifferenziert, aber das muss ich in Kauf nehmen.

Die vier Basistypen

Im Folgenden stelle ich die vier Basistypen (D, I, S, G) kurz dar und beschreibe anschließend, welche Antreiber zur Veränderung dieser Basistypen benötigt werden. Beim Lesen können Sie sich schon mal selber fragen, wie Sie sich einschätzen. Oder versuchen Sie mal Ihren Chef oder Ihre Chefin einzuordnen und verkaufen Sie ihm/ihr Ihre neueste Idee in der passenden Art und Weise.

Ich werde für die folgende Aufzählung der Einfachheit halber immer die männliche Form verwenden, bitte stören Sie sich nicht daran.

(I) Der Gelbe — Redner und Visionär

Der Gelbe ist der extravertierte Fühler. Er möchte viele Beziehungen aufbauen und Kontakt-Netzwerke knüpfen, die er aktiv sucht (das „I“ steht für Initiativ). Ihm geht es dabei vor allem um Einfluss, er strebt nach gesellschaftlicher Anerkennung, zeigt gerne Gefühle, ist fröhlich und positiv, verzettelt sich aber auch des Öfteren. Er sucht den Kontakt mit vielen Menschen und hat ein großes Netzwerk. Er fragt vor allem „Wer?“. Er kommuniziert emotional und lebendig, sein Kommunikationsstil ist eher „verkäuferisch“ und er kann begeistern. Er fürchtet jedoch persönliche Ablehnung und Isolation, Kritik nimmt er leicht persönlich.

Er ist in seiner Ausrichtung menschenorientiert und aktiv, baut schnell Beziehungen auf, verliert aber oft auch schnell das Interesse, wenn Dinge nicht vorangehen oder die Abwechslung fehlt.

(S) Der Grüne — Vertrauens- und Familienmensch

Der Grüne ist der introvertierte Fühler. Er ist ein Beziehungsmensch und hat eher wenige, aber sehr gute Freunde. Er kann sehr gut zuhören und sich in andere hineinversetzen. Mitgefühl ist seine Stärke — er ist wohl der Erfinder der Empathie, hat aber manchmal Probleme, sich abzugrenzen und leidet auch mit. Er hat einen langen Atem und zeichnet sich durch Beharrlichkeit und Stetigkeit (das „S“) aus. Er lässt sich durch Sicherheit und Stabilität motivieren, Unsicherheit, schnelle Veränderungen und Überraschungen fürchtet er. Er fragt häufig „Warum?“. Er kommuniziert eher zuhörend und spricht bedächtig, aber tiefschürfend.

Er ist in seiner Ausrichtung menschenorientiert und passiv, er baut Beziehungen eher langsam und vorsichtig auf und ist ein Teamplayer.

(G) Der Blaue — Detaillist und Denker

Der Blaue ist der introvertierte Denker. Er ist ein Mensch von Zahlen, Daten und Fakten. Das „G“ steht für gewissenhaft, ihm geht es dabei vor allem um Präzision und Systematik, er neigt zum Perfektionismus. Vor allem anderen sind ihm standardisierte Vorgehensweisen wichtig. Er wirkt distanziert und unfreundlich, er braucht eigentlich keine persönlichen Kontakte. Er entscheidet nur auf Basis von Fakten und nach sorgfältiger Untersuchung aller Aspekte. Er fragt vor allem „Wie“, dabei interessiert er sich sehr für Regeln. Dadurch lassen sich Konflikte vermeiden, die er fürchtet. Er ist darauf bedacht, die Dinge in Ordnung und unter Kontrolle zu halten.

Der Blaue ist sachorientiert und passiv, Beziehungen sind für ihn schwierig, da sie seine Welt in Unordnung bringen und unplanbar sind. Er schätzt es eher, alleine zu arbeiten.

(D) Der Rote — Macher und Kämpfer

Der Rote ist der extravertierte Denker. Er geht Probleme und Schwierigkeiten zielorientiert an und sucht die schnellste Lösung. Das „D“ steht für Dominanz, er strebt nach Macht. Er zeigt wenig Gefühle, höchstens Ärger und Unmut, wenn es nicht schnell genug geht oder wenn er nicht die Kontrolle hat. Er wird motiviert durch schwierige und herausfordernde Situationen. Er fragt vor allem „Was?“, also beispielsweise „Was steht an?“. Er kommuniziert direkt und anweisend. Er fürchtet Versagen und Machtverlust.

Er ist in seiner Ausrichtung also sachorientiert und aktiv, schnell, direkt, dabei weniger menschenorientiert. Beziehungen sind „Mittel zum Zweck“ und nur unter funktionalen Aspekten wichtig — nämlich, um Ziele zu erreichen.

Und was hat das jetzt mit Narzissmus zu tun?

Werfen wir mit dem Wissen über die verschiedenen Persönlichkeitstypen nun einen Blick auf das psychiatrische Klassifikationssystem DSM-5 zur Behandlung narzisstischer Persönlichkeitsstörungen (NPS). Seit 2013 ist dieses System die in de USA gültige Auflage des “Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders”. Folgende Eigenschaften werden dabei für die NPS in der exhibitionischen Form aufgeführt, während das DSM neuerdings auch die defizitäre Form von Narzissmus als eine NPS deklariert:

  1. Identität: Übertriebener Bezug auf andere für die Regulierung von Selbstdefinition und Selbstwertgefühl bzw. überzogene Selbsteinschätzung; starke Emotionsschwankungen zwischen Extremen
  2. Selbststeuerung: Übertrieben hohe persönliche Standards, die auch auf andere übertragen werden
  3. Empathie: Eingeschränkte Fähigkeit, die Gefühle anderer zu erkennen oder sich mit ihnen zu identifizieren; auf die Reaktion anderer fixiert, aber nur, wenn sie als für das Selbst relevant eingeschätzt wird; Überschätzung der eigenen Wirkung auf andere.
  4. Intimität: Beziehungen sind weitgehend oberflächlich und dienen vor allem der Regulation der Selbstachtung; Beziehungen sind vor allem bestimmt durch das Bedürfnis nach persönlichem Vorteil und wenig Interesse an anderen.
  5. Überheblichkeit oder gar Größenwahn: offenes oder verdecktes Anspruchsdenken; Selbstbezogenheit; Glaube, besser zu sein als andere; herablassend
  6. Aufmerksamkeitssucht: Überzogenes Bestreben, die Aufmerksamkeit anderer zu erregen und im Mittelpunkt zu stehen; nach Bewunderung heischend.

Der Abgleich dieser typisch narzisstischen Eigenschaften mit den Verhaltenspräferenzen der vier oben dargestellten Basistypen ergibt eine auffällige Deckung mit dem roten (Dominanz) und gelben (Initiative) Typen. Die starke Orientierung in der eigenen Wahrnehmung nach außen ist ein markantes Merkmal des extravertierten Verhaltensstils. Gibt es zudem noch eine eingeschränkte Selbstwahrnehmung (“Blinder Fleck”), dann ist damit wohl der Nährboden geschaffen für “schwierige” Persönlichkeiten. Somit wird klar, dass Selbstwahrnehmung und Selbstregulation grundlegende Kompetenzen sind, wie sie auch im Konzept der Emotionalen Intelligenz (z.B. Daniel Goleman) beschrieben werden und Grundlage für soziales Verhalten sind.

Die Betrachtung der organisationalen Ebene zeigt, dass eine gesunde Diversität verschiedener Verhaltenspräferenzen zu den besten Ergebnissen führt. Ein Team aus vielen “Roten” (Dominanzverhalten) funktioniert wahrscheinlich nicht besonders gut, weil zu stark ausgeprägtes Wettbewerbsdenken die Kooperationsfähigkeit behindert. Zu viel “Grün” (Stabilität und Sicherheitsstreben) wiederum könnte am Ende zu Lethargie führen. Im Bezug auf zu viel Narzissmus wurde schon im ersten Beitrag klar, dass Organisationen und Teams dadurch vergiftet werden.

Umso wichtiger wird es nun, bei der Zusammenstellung von Organisationen, dies zu berücksichtigen. Unglücklicherweise hilft eine gewisse Extrovertierheit gerade im Rotanteil “nach oben” zu gelangen, also Macht und Status zu erlangen. Einmal “oben” angekommen, werden jedoch andere Eigenschaften (z.B. Empathie) wichtiger. Hier haben wir somit eine weitere Form des Dilemmas.

Empfehlungen zur Bewältigung des narzisstischen Dilemmas

Hieraus ergeben sich in der Balance von organisationaler und persönlicher Ebene einige Empfehlungen und Hinweise:

Empfehlungen auf der organisationalen Ebene

  1. Fördern Sie gesunden und ausgeglichenen Narzissmus durch hohe persönliche Wertschätzung im Umgang untereinander und leben Sie das konsequent vor.
  2. Definieren Sie Verhaltensnormen, die allen Basistypen gerecht werden. Eine gesunde Balance zwischen anspruchsvollen Zielen, persönlicher Anerkennung, stabilen Beziehungen und klaren Regeln sind zu empfehlen.
  3. Gestalten Sie Anreiz- und Vergütungssysteme, die nicht nur den wettbewerbsorientierten “Roten” entgegenkommen. Boni und Provisionen sind — wenn überhaupt — nicht für alle gleichermaßen motivierend.
  4. Achten Sie sehr genau darauf, wer in Ihrem Unternehmen Verantwortung und Macht erhält. Es ist ein weit verbreiteter Fehler, den besten Fachmann zur Führungskraft zu machen.
  5. Unterstützen Sie Menschen, die in Verantwortung kommen, durch Möglichkeiten zur Persönlichkeitsentwicklung, z.B. durch Coaching-Angebote. Ein neutraler Blick von außen kann oft viel bewirken.
  6. Achten Sie bei der Zusammenstellung von Teams auf eine gute Mischung von Verhaltensstilen. Gut funktionierende Teams zeichnen sich dadurch aus, dass sie diese Stile zum gemeinsamen Vorteil nutzen und situativ Verantwortung verteilen.

Empfehlungen auf der persönlichen Ebene

  1. Fallen Sie nicht auf Manipulationen wie sanftes oder leidendes Verhalten herein. Entziehen Sie sich vielmehr dem Bann der anziehenden narzisstischen Aura und bleiben Sie Ihren eigenen Worten und Werten treu.
  2. Lassen Sie sich Zeit. Auch oder gerade wenn der Narzisst Druck ausübt, neigt man dazu, überstürzt Entscheidungen zu treffen.
  3. Kommen Sie schnell zur Sache. Fassen Sie sich dabei kurz und seien Sie spezifisch und klar in Ihren Aussagen und Forderungen.
  4. Trennen Sie Persönliches und Geschäftliches. Dies erleichtert nicht nur die Kommunikation mit Narzissten, sondern hilft auch die Probleme mit ihm von sich selbst und dem eigenen Privatleben abzukapseln.
  5. Schrauben Sie Ihre Erwartungen herunter und finden Sie sich damit ab, dass Sie es dem Narzissten nie recht machen können.
  6. Versuchen Sie auch die kleinste Kritik immer in einem dicken Mantel Lob und Schmeicheleien zu verpacken. Jedoch sind kritische Äußerungen immer eine Gratwanderung.
  7. Rechnen Sie mit schnellen und starken Stimmungs- und Verhaltensänderungen und versuchen Sie, sich nicht davon irritieren zu lassen. Bleiben Sie ruhig und versuchen Sie, emotionalen Abstand zu nehmen.
  8. Erkennen Sie das verletzte und schwache innere Kind des Narzissten hinter der machtvollen Fassade, um sein Verhalten besser zu durchschauen und Angst im gemeinsamen Umgang abzubauen. Versuchen Sie einfach mehr zuzuhören.
  9. Springen Sie über Ihren eigenen Schatten und geben dem Narzissten die Anerkennung, die er auf Grund seiner versteckten Minderwertigkeitskomplexe so dringend benötigt.
  10. Lassen Sie sich nicht ausnutzen und vergegenwärtigen Sie sich Ihre Freiheit. Machen Sie sich und dem Narzissten Ihre persönlichen Grenzen klar und üben Sie sich darin, “Nein” zu sagen.

Fazit

Hilfe zur Selbsthilfe wird von Narzissten meist eher als Angriff und Kränkung aufgefasst und erreicht somit oft das Gegenteil der gewünschten, positiven Verhaltensänderung. Statt den anderen zum Wohle aller verändern zu wollen (was selbst Therapeuten bei narzisstischen Persönlichkeiten unheimlich schwer fällt), kann eine Anpassung unseres eigenen Verhaltensstils helfen. Im Arbeitskontext können wir dadurch Konflikte mit dem verletzten inneren Kind des Narzissten vermeiden und stattdessen ihre unbestrittenen Stärken zum Wohle aller einzusetzen. Auf dieser Stufe kann dann Narzissmus eine Chance sein, uns selbst besser kennen zu lernen und somit dem Dilemma etwas Gutes abzugewinnen. Oft haben wir genau mit denjenigen Verhaltensweisen ein Problem, die wir selbst an uns noch nicht akzeptiert haben. Und damit bewahrheitet sich für beide Seiten einmal mehr die alte Weisheit: “Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung”.


Weitere Beiträge und Informationen zu dem Thema findest Du unter
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Quellen

Domröse, O. (2016). Die narzisstische Persönlichkeit: Ein Urschrei nach nicht erhaltener Liebe.
http://simplyfeelit.de/narzisstische-persoenlichkeit-und-hochsensibilitaet/

Grüttefien, S. (n.d.) Tipps zum Umgang mit Narzissten.
https://umgang-mit-narzissten.de/verhaltensregeln/

Grüttefien, S. (n.d.). Narzissmus als Chance.
https://umgang-mit-narzissten.de/narzissmus-als-chance/

Mischkowski, A; Klauk, B.: Egomanen als Risikofaktoren im Unternehmen in: Personalführung 2/2011
https://www.dgfp.de/hr-wiki/Egomanen_als_Risikofaktoren_im_Unternehmen.pdf


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