Ist schon »New Work« oder ist schon Freitag?

Bild: Display Michelberger Hotel Berlin © Catharina Bruns
New Work”, Leute — ihr habt davon gehört, aber macht ihr auch, was ihr wirklich wirklich wollt”?

Denn mit diesem Anspruch ist die ursprüngliche Idee des Urhebers der New Work Bewegung” Frithjof Bergmann bekanntlich untrennbar verknüpft. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, und trotzdem hört es sich in den Ohren der heutigen Arbeitsgesellschaft fast unerhört an, wenn einer sagt: „Ich mache, was ICH wirklich will”. Bergmann sah in New Work die Befreiung von der Knechtschaft der Lohnarbeit” — 30 Jahre später ist in der New Work-Debatte nichts davon übrig. Viel zu radikal, Jobs als milde Krankheit” zu bezeichnen — entwickelte sich die Festanstellung doch zumindest in den Industrie- und Sozialstaaten zum Arbeitsverhältnis mit dem meisten Privilegien. In unserer Arbeitskultur ist Arbeit und Job für viele ein und dasselbe, Vollbeschäftigung ist immer noch das höchste politische Ziel, Jobs sind Zeichen für Fortschritt, Wohlstand und Wachstum. Die Normalarbeit” boomt und die meisten Menschen sind heilfroh über ihre abhängige Beschäftigung. Wenn niemand befreit werden will, worum geht es denn dann bei New Work”?

Auch heute soll „New Work” nicht weniger sein, als eine „Revolution” der Arbeitswelt. Ganz schön viel los in den Großkonzernen, die nun meinen, diese neue Ära einzuläuten. Denn bei dieser anscheinend ganz neuen Arbeit, sind alle auf Augenhöhe und Büros nicht mehr mit Ficus Benjamini, Fax und Filterkaffee ausgestattet, sondern eigens von „New Work Architekten” entworfene „Future Workplaces”, in denen nichts mehr an Arbeit erinnert, aber dafür alles nach Vergnügen aussieht. Plötzlich sollen sich alle mit dem Job identifizieren, obwohl der Deal, Arbeitskraft und Lebenszeit gegen Geld, der uralte Deal der Arbeit geblieben ist. Wir sind heute, nicht wie es Bergmann vorschwebt, der „Befreiung von der Lohnarbeit”, sondern vielmehr dem „Total Office” näher gekommen. Das Büro-Konzept, das Menschen vergessen lassen soll, dass sie eigentlich im Konzern sind, und nicht zuhause. Die maximale Vereinnahmung und Täuschungsmanöver von Montag bis Freitag und das Gegenteil einer selbstbestimmt arbeitenden Gesellschaft. Nicht die Arbeit ist hier so neu, sondern das Ausmaß, mit dem der Job als Lifestyle verkauft wird. Anstatt freie Arbeitsmodelle zu kultivieren, lassen erwachsene Menschen sich zum arbeiten auf den Spielplatz schicken, oder werden zurück in die Zentrale gepfiffen.

Ich frage mich schon lange, warum es in der ganzen Debatte um New Work eigentlich überhaupt nicht um Entrepreneurship und eine neue Selbstständigkeit geht.

Gerade bei „New Work” ist immer die Rede von Leadership, mehr Selbstbestimmung und Freiheit — aber bitte immer im Rahmen eines angestellten Jobs, wo am Ende doch Dienst Dienst ist, und Schnaps Schnaps. Immer wenn ich „agile”, „Change”, oder „Arbeiten 4.0.” höre, frag ich mich, wohin uns das eigentlich konkret bringen soll. Und bei dieser Feststellung darf man sich auch mal fragen, weshalb New Work auf einmal nur ein Thema für Wissenschaftler, Personaler und Akademiker in Konzern- und Agenturjobs ist, und warum die so genannte Revolution der Arbeit von oben, statt von allen kommen sollte. Vielleicht weil sich bei New Work bisher alles nur um Organisatorisches und die Modifizierung der Bürokarriere dreht, was eindrucksvoll zeigt, wie wenig wir uns auch die Zukunft der Arbeit unabhängig von Jobs und abhängiger Beschäftigung vorstellen können. Dabei wissen wir alle, dass Jobs nicht nur für ein geregeltes Einkommen, sondern auch für reichlich Unzufriedenheit und vor allem für Abhängigkeit sorgen.

Beim Gallup-Engagement Index, der das Engagement und die Motivation von Mitarbeitern messen soll, kommt jedenfalls seit Jahren das Gleiche heraus: um die 70 Prozent der Mitarbeiter machen „nur” Dienst nach Vorschrift (was auch sonst, das ist schließlich der Job) und 15 Prozent haben zumindest innerlich schon gekündigt. 85 Prozent der Angestellten revolutionieren demnach die Arbeitswelt nicht gerade, wenn sie ihre täglichen Aufgaben abarbeiten oder auf den Feierabend warten. Sie bekommen die Veränderungen, wie schon immer, vorgesetzt. Alles beim Alten. Ist schon Freitag?

Wenn das fremdbestimmte Jobsystem nun so wenig Leute vom Hocker reißt, warum gehen wir eigentlich mit den heutigen Möglichkeiten nicht tatsächlich ganz neu an die Arbeit? Nennt es wie ihr wollt, aber der Wandel findet weder im Konzern statt, noch hängt er an einem bestimmten Job oder Beruf. Es ist auch nicht so kompliziert, sondern beginnt eigentlich schon, wenn der Einzelne sich dazu entscheidet, anders zu arbeiten. Und damit meine ich nicht, Selbstbestimmung, die sich nur darauf beschränkt, ob man nun um neun oder um zehn ins Büro kommt. Unabhängigkeit und Selbstbestimmung könnten die zentralen Argumente der neuen Arbeit sein, aber trotzdem gilt es immer noch als erstrebenswerter sich im „Totalen Office” zu bewerben, und damit in einer Welt, in der immer andere entscheiden, was neu ist und wann es los geht.

Alle wollen angeblich selbstständig arbeiten, aber niemand will selbstständig sein? Aus meiner Sicht ist das eine Kulturfrage. Beim Thema Unternehmertum sind sich fast alle einig: Das kann nicht jeder. Das ist nur etwas für ganz spezielle Typen. Man muss entweder erben, oder braucht Geld, Vitamin B, Heldenbrust und Superkräfte — Nein, nein, normale Menschen müssen angeleitet werden und brauchen Sicherheit. „Die” können das nicht.

Achso? Ich streite diese Bedürfnisse nicht grundsätzlich ab, aber stimmt es nicht auch, dass je mehr man selbst macht, desto besser beherrscht man es und desto weniger Anleitung benötigt man? Und gibt es nicht auch so etwas wie Selbstsicherheit, die wächst, je mehr Herausforderungen man eigenständig meistert? Die Zivilgesellschaft hat Ideen und ist bestens ausgebildet — aber nur sehr Wenige sollen in der Lage sein, ihr Können selbstständig umzusetzen? Unsinn. Es ist heute so risikolos wie noch nie möglich, mit den eigenen Werten zu gründen, seinen Markt zu testen und unternehmerisch erfolgreich zu sein. Bei der derzeitig guten Konjunktur ist es ein Rätsel, dass nicht viel mehr Leute aktiv mitmischen und versuchen sich etwas Eigenes aufzubauen.

Was fehlt, ist nicht Geld, sind nicht Ressourcen oder fachliches Know-How, sondern die Kultur der Selbstständigkeit.

Und die wird auch dadurch verhindert, dass hierzulande das gesamte Bildungs- aber vor allem das Sozialversicherungssystem einseitig auf die Festanstellung ausgelegt sind. Wer was anderes macht, merkt schnell — ich bin der Fehler im System. Erschreckend, denn im Jahre 2017 und mit den Möglichkeiten der Wissensgesellschaft, ist eigentlich das unflexible System der Fehler. Es ist noch für die Fabrik gemacht, nicht für neues Arbeiten, und niemand reformiert.

Sicherlich darf und wird es verschiedene Entwicklungen und Definitionen von „Neuer Arbeit” geben. Dass New Work in einer Angestelltengesellschaft nun irgendwie in das System der abhängigen Beschäftigung passen soll, ist nicht verwunderlich. Jobs und Fremdbestimmung wird es immer geben, aber wo New Work verordnet wird, ist immer nur „New Office” drin. Das kommt davon, wenn man Wirtschaft BWLern, Arbeit Politikern und Neue Arbeit Personalern ganz alleine überlässt.

Wer eine Revolution will, der muss wohl oder übel selbst anfangen. Selbstständigkeit ist die Qualität und Kompetenz, die uns jede Entwicklung am besten meistern lässt. Schließlich weiß niemand, was morgen wirklich los ist. Ein bisschen höher als bei der gewohnten alten Arbeit ist die Messlatte schon: Während man mit „Arbeit nach Plan” in der Fabrik noch auf der sicheren Seite war, bestimmt in Zukunft womöglich die Fähigkeit ohne Anleitung arbeiten zu können den Grad von Freiheit und Sicherheit. Um das zu beherrschen, muss man sich allerdings eine Haltung zulegen. Es geht um Inhalte und Werte, die man sich selbst gestalten und konsequent leben muss. Selbstbestimmte Arbeit muss im Gegensatz zum Job nicht weniger, sondern wieder mehr mit dem eigenen Leben zu tun haben.

Alle schauen auf die Großen, dabei spielt die stille Revolution sich eigentlich in dem kleinen Laden um die Ecke ab, der es schafft in Zeiten von Same-Day Delivery, Amazon und Internet seinen Kunden ein Angebot zu machen, das ihnen besser gefällt oder ihre Probleme einfacher löst und seine Inhaber unabhängig sein lässt, und das, ohne dass sie je über „New Work” sinniert hätten.

Neue Arbeit findet dort statt, wo Arbeit kein „Job” mehr ist, sondern Ausdruck von Selbstständigkeit und Kreativität — egal ob angestellt oder frei.

Schicksal oder Fortschritt, da muss man sich eben entscheiden. Wenn uns „Change” nicht mehr diktiert oder schonend beigebracht werden muss, sondern wir die Veränderungen selbstdenkend und eigenhändig mitgestalten, anstatt nach Routine und Anleitung zu suchen, wird es interessant. Dann beginnt eine neue Kultur der Selbstständigkeit. Und ohne die gibt es zwar viel Change-Management, aber wenig Neues.

Bergmanns diffuse Utopie für eine „Neue Arbeit — neue Kultur” taugt sicher nicht für den Wohlstand und eine fortschrittliche Gesellschaft, an den wir uns bereits gewöhnt haben und die viele sich wünschen. Aber ein Stück weit darf man ihm noch folgen, wenn er (sinngemäß) sagt „Jobs machen den Menschen klein und schwach, aber Arbeit sollte den Menschen stärken”. Da ist doch etwas dran.

Jobs gehören in die Logik des Industriezeitalters und damit in die Disziplin von gestern. Aber unsere Arbeit und Zukunft gehören uns selbst. „Was Arbeit ist, entscheidest du”. Wer etwas Neues will, darf das ruhig ernst nehmen.


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