Millennial Mindset — Schluss mit dem Generationskonflikt!

Sie lassen sich nicht führen, wollen nur chillen und denken eh nur an sich. Engagement? Von wegen. Erstmal müssen Kohle und Benefits stimmen, denn Instagram zeigt, wie das ideale Hipster-Worklife auszusehen hat — #Workhardplayharder.

Aktuell wird kaum so viel über sie diskutiert, theorisiert und spekuliert: die Generation Y oder Millennials, die etwa zwischen 1980 und 2000 geboren wurden.

Aber wer sind diese Millennials überhaupt; was wollen sie wirklich? Und warum glaube ich, dass der Millennial Mindset als Katalysator für die New Work Bewegung funktionieren kann?

Mit 25 Jahren bilde ich fast exakt den Durchschnitt der jungen Generation ab und habe mich bewusst für die Bezeichnung ‘Millennial Activist’ entschieden, um die Arbeitswelt neu zu gestalten und zu verändern. Was mich zu meiner heutigen Haltung bewegt hat und immer noch jeden Tag antreibt, ist ein persönlicher Schmerzpunkt:

Das Potenzial von jungen Menschen wird weder gefördert noch wertvoll genutzt.

Aufgewachsen zwischen deutschen und chinesischen Werten, Normen und Konventionen in einem kleinen Dorf in Südbaden, adaptierte ich ein klassisches, leistungsgetriebenes Bild von Arbeit. Mit dem Umzug zum ‘Irgendwas-Mit-Medien’ Studium nach Berlin begann ich, die Farben und Motive, die dieses Bild prägten, zu defragmentieren und zu hinterfragen. Denn über die Erkenntnisse und Auseinandersetzung mit der Medienbranche, digitalen Transformation und Zukunftsentwicklungen fand ich den Einstieg in die Arbeitswelt. Über unterschiedliche Studentenjobs und Praktika hatte ich mal mehr mal weniger das Gefühl, auf fehlendes Zu- und Vertrauen zu stoßen. Was musste geschehen, damit ich mich auf Augenhöhe einbringen und verantworten durfte, statt an Excel-Tabellen und Powerpoint-Folien zu sitzen? Ob Familienbetrieb, Konzern und Agentur, kehrte ich immer wieder zu denselben Fragen zurück.

Warum wird jungen Menschen so ein begrenzter Raum an Entwicklung ermöglicht? Warum wird es oft so schwer gemacht, eigene Verantwortung übernehmen zu dürfen und darüber Erfahrungen zu machen? Ist das alles oder kann Arbeit mehr Sinn machen?

Nicht umsonst nennt man unsere Generation ‘Why’. Wir trauen uns, zu hinterfragen, weil es uns falsch scheint, es nicht zu tun. Aber wie ist es dazu gekommen und welche äußeren Einflüsse haben unsere Lebenswelt geprägt?

Die Lebenswelt der Millennials

Photo by Jason Wong on Unsplash

Digitalisierung und Technologisierung

Millennials sind mit dem Aufstieg des Internets aufgewachsen und haben als Digital Natives ein natürliches Verhältnis zu digitalen Medien und Smartphones. Gleichzeitig sind sie mit einem extremen Überfluss an Informationen konfrontiert, damit ist zwar alles schneller, direkter und individualisierter verfügbar, nur welche Algorithmen und Strukturen steckt hinter dieser vermeintlichen Transparenz?

In einem ganz ähnlichen Spannungsfeld befinden sich heutige Organisationen, die sich in ihren Strukturen, Prozessen, Kompetenzen und Kulturen um- oder neu aufstellen, um zukunftsfähig zu bleiben. Wir sprechen nicht umsonst vom Plattformenzeitalter, in dem, nach der Studie von Online Marketing Rockstars 2017, GAFA (Google, Apple, Facebook und Amazon) fast Faktor 50 mehr wert ist als die gesamte deutsche Internetökonomie.

Millennials sind genau in dieser disruptiven, sich transformierenden Welt groß geworden und sind Teil dieser evolutionären Entwicklung. Natürlich haben vorige Generationen ähnliche Herausforderungen in Zeiten der Industrialisierung erlebt, nur bin ich überzeugt, dass wir uns heute in einem weitaus unvorhersehbareren und revolutionären Umbruch befinden.

Globalisierung

Die junge Generation gehört einer offenen, vernetzteren Welt an, in der Grenzen zunehmend verblenden. So identifizieren sie sich weniger mit Statussymbolen wie Autos oder dem eigenen Haus, sondern vielmehr über das Reisen, Kennenlernen anderer Kulturen und Teil sein von einer internationalen Community — der Generation Global. Dadurch wird ein schärferes Bewusstsein geprägt was Konsum, Ressourcen und die eigene Umwelt angeht, wodurch die Sharing Economy wiederum profitiert. Für die Arbeitswelt eröffnen sich neue Märkte und Industrieländer, wobei gleichzeitig der Konkurrenzdruck steigt. Ein ähnliches Spannungsfeld, das zwischen kollaborativem Ecosystem oder geopolitischer Entgrenzung steht.

Wertewandel

Eine weitere äußere Dynamik, die ebenso das Bewusstwerden des eigenen (digitalen) Verhaltens prägt, sind die sich ändernden Werte. Als Gegengewicht zur Always-On Mentalität, Multitasking-Phänomenen und Individualisierung der Gesellschaft spielt bei Millennials die Frage nach Ethik, Moral und sozialer Verantwortung eine höhere Rolle. Auch die Arbeitgeberentscheidung ist eine Frage der Ethik. Kann ich mich mit der Marke und dem Unternehmen identifizieren? Es gilt: Purpose before Profit. Dies wiederum stellt die Arbeitswelt vor neue Themen, wie die Umverteilung von Arbeitsplätzen, Chancengleichheit, bedingungsloses Grundeinkommen und, was heißt Diversität in der Umsetzung?

Demographischer Wandel

Letztlich wirkt die Bevölkerungsentwicklung auf die Lebenswelt der Millennials ein. Denn einerseits besteht ein hoher Bedarf an jungen Fachkräften, Stichwort War for Talent, und gleichzeitig stoßen hier Anforderungen, Bedürfnisse und Erwartungen aufeinander, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Die Jungen fordern und stellen sich stur, die Alten erwarten und stellen sich stur. Etwas radikal formuliert, doch genau an dieser Stelle erkenne ich heute noch eine große Kluft des gegenseitigen Unverständnisses.

Gerade deshalb möchte ich meine Perspektive teilen und anfangen, Verständnis zu schaffen für die Ursprünge der Bedürfnisse von Millennials. Was haben die äußeren Dynamiken für Auswirkungen auf die innere Lebenswelt?

Warum wir so sind, wie wir sind

Me, Myself and I

“Ich bin so erzogen worden, dass Erfolg nur durch viel und harte Arbeit kommt. Gut sein alleine reicht nicht.”

Ob wir es uns eingestehen oder nicht, Erziehung hat einen maßgeblichen Einfluss auf unsere Glaubenssätze. Was die Ichbezogenheit der Millennials auswirkt, ist wohl oder übel auch dem Erziehungsstil der eigenen Familie zu verdanken. Dem demographischen Wandel zufolge bekommen Eltern weniger Kinder und diese durchschnittlich weniger Geschwister. Damit verschiebt sich das Hauptaugenmerk und all die geballte Hoffnung auf den Nachwuchs. Nicht weiter schlimm, bis allerdings das eigene Ich mit einer verschobenen Selbstwahrnehmung und einem erhöhten Selbstbewusstsein konfrontiert wird. Nach welchen Zielen strebe ich, die meiner Eltern oder die meinigen? Ab dem Punkt beginnt die Me-Myself-and-I Generation, nach sozialer Gefügigkeit zu streben und gleichzeitig, nach Individualität und Sicherheit zu suchen.

Instagram, Facebook und Co.

Was in der verunsicherten Beziehung zur eigenen Person hinzukommt ist der Drang nach Mitteilungsbedürfnis und Selbstdarstellung. Denn ja, Plattformen wie Instagram, Facebook und Co. fördern Narzissmus und ein ständiges Vergleichen in einer konstruierten Welt.

Was hat sie, was ich nicht habe?

So wird Glaubwürdigkeit und Erfolg in Followerzahlen und Instagram-Filtern gemessen — wie gesund kann das sein? Und wie viel digital ist eigentlich genug in der (Arbeits-)welt von heute?

Instant Access 24/7

Für was Millennials außerdem bekannt sind ist ihre fehlende Ausdauer. Kaum ein halbes Jahr im Job, geht’s schon wieder weiter. Die ständige und sofortige Verfügbarkeit an Informationen und Konsumgütern ist zur Gewohnheit geworden. Ob über Amazon Same-Day Delivery, Netflix oder Google, alles, was wir wissen müssen, ist ein Klick entfernt. Was daraus folgt ist klar eine fehlende Geduld und Resilienz, denn zu warten, haben wir nicht gelernt.

Was Millennials in der Arbeitswelt suchen

Was ist es denn nun, was sie wirklich suchen, diese jungen, verwöhnten, ungeduldigen Menschen?

Millennials, und da spreche ich sicherlich nicht für jeden Einzelnen der in das Altersspektrum der Generation fällt, suchen an erster Stelle: persönliche Weiterentwicklung. Und das ist kaum wunderlich, wenn ich die Puzzleteile aus äußeren Dynamiken und innerer Lebenswelt zusammensetze. Junge Menschen haben schon immer nach Entwicklung gesucht, denn ja, sie wollen, dass ihr Potenzial entdeckt, erfüllt und gefördert wird. Gleichzeitig kompensieren Millennials ihre eigene fehlende Selbsteinschätzung mit der Suche nach einem Purpose, um sich voll und ganz mit der eigenen Arbeit zu identifizieren und dort einen höheren Sinn zu stiften.

Millennials suchen nach Orientierung und stoßen auf die harten Mauern der realen Arbeitswelt. Was sie dort finden ist ein Erfolgsprinzip, das nach Leistung funktioniert, Lohnarbeit, das mit Geld und Zeit bemessen wird, Karriereleitern die nur in die eine und nicht in mehrere Richtungen verlaufen und Führung, die Control-and-Command an die Tagesordnung hängt.

Was den unbedarften, idealistischen, aber aufrüttelnden Mindset der Millennials ausmacht, ist das Hinterfragen von Bestehenden, um Raum für Neues zu schaffen. Deshalb glaube ich stark an das Potenzial dieser Generation als Changemaker, die den Wandel einerseits in sich tragen und sich andererseits trauen, Fragen zu stellen, um so die Entstehung einer neuen Arbeitswelt mit voranzutreiben. Somit haben Unternehmen die wertvolle, aber herausfordernde Verantwortung und Aufgabe, dieses oft ungenutzte Potenzial aufzufangen und es von der Frustration in die Konstruktion zu führen. Orientierung geben, Geduld und Resilienz beibringen sowie Selbstführung, um Klarheit für Fragen zu schaffen wie: Was heißt Arbeit für mich? Welchen Sinn und Zweck verfolge ich? Was bedeutet Erfolg?

It’s not about generations, it’s about a mindset.

Ich bin überzeugt, dass Millennials und die vorherigen Generationen mit ihren Ansprüchen an die Arbeitswelt nicht so weit auseinanderliegen, wie wir oft glauben oder lesen. Der wesentliche Unterschied liegt darin, sich zu erinnern, bewusst zu werden und auszusprechen, warum, wie und was man arbeiten möchte. Eine Veränderung zu schaffen, die durch das Hinterfragen, Reflektieren und Fantasieren entsteht. Deshalb möchte ich anfangen zu teilen, was ich mir für die neue Arbeitswelt erhoffe.

Zukunftssichere Organisationen brauchen einen klaren Purpose

Um zukünftig zwischen digitalen und globalen Entwicklungen bestehen zu können und Orientierung zu schaffen, braucht es eine klare Verbindung zum Unternehmenspurpose. Warum und wofür arbeiten wir? Welchen Beitrag schaffe ich mit meiner Arbeit? So kann auch die mühsamste Excel-Tabelle einen Sinn erfüllen und motivieren.

Organisationsstrukturen müssen Raum für individuelle Bedürfnisse schaffen

In der heutigen postindustriellen Welt sollten wir wieder lernen, den Menschen als Ganzes wahrzunehmen, statt in ein möglichst enges Korsett einer Stellenbeschreibung zu zwängen. Von Silos und Hierarchien zu kompetenzbasierten, fluiden Strukturen, die meine Potenziale und Erfahrungen individuell einsetzbar machen. Auf diese Weise lässt sich erst erleben, was Selbstorganisation und -verantwortung heißt. Das schafft ebenso Orientierung für das eigene Ich als Teil eines Ganzen und gleichzeitig Effizienz und Effektivität im nachhaltigen Sinn.

Gelebte Menschlichkeit ist das Zentrum einer wertebasierten Unternehmenskultur

Kultur ist das, was wir als Menschen kreieren. Für mehr Menschlichkeit braucht es daher eine offene Kommunikationskultur, denn egal ob über Slack oder von Tisch zu Tisch, gemeinsam entwickelte Rituale schaffen eine gemeinsame Basis des gegenseitigen Verständnisses und ermöglichen eine konstruktive Feedbackkultur. Dazu gehört auch, von einer Schuld- zu einer Lernkultur zu wandeln und individuelle Möglichkeiten zur Weiterbildung sowie Wissenstausch anzubieten.

Führung fordert Emotionale Intelligenz

All die vorangegangenen Punkte sind nichts ohne die Neudefinition von Führung. Denn Führung bedeutet in Zukunft Selbstführung und nimmt die Rolle eines Coaches und Mentors ein, statt Anzuweisen und zu Kontrollieren. Nur mit dem Lebendig werden des Purpose in Führungskräften von morgen kann ein Raum für Austausch geschaffen werden, der zwischen Generationen stattfindet. Ein Interesse beider Seiten, einander aktiv zuzuhören, zu verstehen und — mit Emotionaler Intelligenz — zu interagieren.

Die New Work Bewegung hat gerade erst begonnen.

Umso wichtiger empfinde ich, dass wir anfangen miteinander zu reden. Zwischen Generationen, zwischen Abteilungen, zwischen Branchen und zwischen Kulturen. Es klingt simpel, und fordert doch von beiden Seiten eine Bereitschaft zu Kompromiss und Verständnis. Millennials fordern, aber nicht ohne Grund, und auch nicht aus rein eigennützigen Motiven. Millennials fordern das Umdenken und Hinterfragen aus eigener Unsicherheit und Orientierungslosigkeit. Alleine wird die Generation die Arbeitswelt nicht verändern, denn dafür braucht es generationsübergreifende Bereitschaft, eine Offenheit für Innovation, Mut zum Scheitern und Experimentieren und Visionäres Denken.

Der Millennial Mindset, jedoch, kann ein wichtiger Katalysator für die Weiterentwicklung unserer Arbeitswelt sein.


Originally published at www.monikajiang.de on October 30, 2017.


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