Sieht so die “Neue Arbeit” aus? Geht so “New Work”?

Neue Arbeit — warum eigentlich?

Ein Tischkicker neben dem Kühlschrank mit Green Smoothies. Die Duz-Chefin, die mit ihren Mitarbeitern im Großraumbüro sitzt. Der braungebrannte Mit-Zwanziger, der mit Laptop und Smartphone von Bali aus arbeitet. Projekte, die mit bunten Post-its anfangen und noch bunteren Präsentationen enden.

Sieht so die „Neue Arbeit“ aus? Geht so „New Work“?

“Neue Arbeit” — neu-deutsch “New Work” — ist das Buzzwort der Stunde. Man liest von jungen, hippen Menschen, die „anders“ arbeiten: Mit voll viel Spaß, ungezwungen, ungebunden und natürlich super kreativ. Sie sind gut ausgebildet, leben in Berlin oder Kalifornien, arbeiten hauptsächlich am Bildschirm, notieren ihre Einfälle für ein neues Start-up oder Nebenprojekt aber trotzdem in ihren schwarzen Notizbüchern.

Schöne neue Arbeitswelt?

Bei vielen entsteht der Eindruck, die viel zitierte “neue Arbeit” sei etwas für Menschen, die in ganz neuen Strukturen an ganz neuen Ideen mit ganz neuen Werkzeugen arbeiten. All das ist richtig — nur nicht hinreichend. Die Schlussfolgerung nämlich, dass diese Menschen, die „anderen“ sind, wird nicht mehr lange stimmen. “New Work” erscheint oft als etwas, das sich eine kleine Elite zu ihrem eigenen Vergnügen gönnt. Aktuell ist das leider oft auch noch so.

Gleichzeitig ändern sich aktuell Strukturen so grundlegend, dass alle Organisationen Mitarbeiter brauchen, die unter diesen neuen Bedingungen mit neuen Werkzeugen umgehen können und auf neue Ideen kommen. Die ebenfalls viel zitierte Digitale Revolution klopft immer vernehmlicher an die Türen deutscher Konzerne, Mittelständler und Bildungseinrichtungen.

Die Frage ist nur ob ihr jemand öffnet.

Die Digitalisierung „passiert“ nicht irgendwo im Sillicon Valley, sondern tagtäglich in unseren Hosentaschen, Büros und Schlafzimmern. Innerhalb weniger Jahre ist unser Alltag ohne digitale Produkte nahezu unvorstellbar geworden. Wir — Individuen und Organisationen — können und müssen uns entscheiden, ob wir digitale Errungenschaften nur (unkritisch) nutzen oder aktiv an ihrer Gestaltung beteiligt sein wollen. Lautet die Antwort auf diese Frage ja, müssen wir darüber nachdenken wie wir in unserem Bereich innovativ sein können. Damit sind wir bei der ältesten Frage der Welt: Wie kommt das Neue in die Welt?

Ein kurzer Blick zurück nach vorne:

Noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts glich Innovation dem Paarungsverhalten von Pandas: Zufällig, sporadisch und mässig erfolgreich. Bis zur Industriellen Revolution waren die europäischen Gesellschaften überwiegend agrarisch, dörflich und gemächlich geprägt. Neuerungen entstanden — wenn überhaupt — durch talentierte Individuen und verbreiteten sich — wenn überhaupt — nur langsam.

Durch die Industrialisierung änderte sich das grundlegend: Ausgehend von der Dampfmaschine revolutionierten eine Reihe von beeindruckenden Maschinen den Alltag der Menschen. Distanzen konnten plötzlich viel schneller überbrückt werden und das bald sogar ohne mitreisende Menschen. Immer mehr Familien zogen der neuen Arbeit in die Städte nach. Auch im Haushalt erleichterten allerlei Apparate die Arbeit, mit der vor allem viele Frauen bis dahin den Großteil ihrer Zeit verbracht hatten. Langfristig stieg der Lebensstandard in Westeuropa für viele Menschen rasant an. Möglich wurde dies unter anderem weil auch Arbeit größtenteils standardisiert wurde.

Sogar Neuerungen waren nicht länger ein Glückstreffer, sondern das Ergebnis systematischer, linearer Prozesse innerhalb großer Organisationen. Lange Zeit ein wahres Erfolgsmodell — für die Unternehmen, die in regelmäßigen Abständen neue Maschinen und bald auch Dienstleistungen anbieten konnten. Aber auch für viele Angestellte, die tagsüber zwar standardisiert und teilweise entfremdet arbeiteten, dafür aber nach Feierabend und am Wochenende die Konsumenten der wunderbaren Waren waren, die sie bei ihren Arbeitgebern herstellten.

Bis eines Tages Breitband zum Fliessband dazu kam.

Die linearen Prozesse, die viele große Unternehmen bisher so groß gemacht haben, stossen an Grenzen, bzw. stellen diese in Frage: Die Grenzen zwischen privat und beruflich, zwischen Unternehmen und Kunden, zwischen Produktion und Marketing brechen auf. Wir tragen das Wissen der Welt auf unseren Smartphones mit uns herum und können gleichzeitig immer weniger über unser eigenes Fachgebiet wissen. Wir haben unendlich viele Möglichkeiten, aber unser Tag hat immer noch 24 Stunden.

Zudem merken wir immer deutlicher, dass die Maschinen, die unser Leben so angenehmen gemacht haben, unseren Planeten zu einem immer unangenehmeren Ort werden lassen. Wir spüren die wachsende Ungleichheit innerhalb unserer Unternemen, Gesellschaften und unserer globalisierten Weltwirtschaft. Zudem haben immer mehr junge Menschen immer weniger Lust mit dem Vergnügen bis nach der Arbeit zu warten. Sie haben Zeit ihres Lebens gelernt, dass nichts bleibt wie es war und wollen auch am Arbeitsplatz nach dieser Devise handeln.

Kurz: Im Interesse unserer eigenen begrenzten Arbeits- und Lebenszeit, unserer Umwelt und unserer Unternehmen ist es Zeit darüber nachzudenken wie wir im Rahmen dieser Umwälzungen und Unwägbarkeiten weiter produktiv sein können.

Organisationen, die unter den Bedingungen der digitalen Revolution erfolgreich sein wollen, können nicht länger an den Strukturen, Prozessen und Denkweisen des industriellen Zeitalters festhalten. Innovation braucht einen neuen Rahmen. Neue Arbeit ist also dann sinnvoll, wenn Organisationen unter neuen Bedingungen Neues in die Welt bringen wollen.

Das Problem: Das wollen fast alle, aber wenige setzen es bislang konsequent um.

“Neue Arbeit” ist kein Spaß einiger weniger Hipster, kein Privileg und schon gar kein Selbstzweck. Wie bei der industriellen Revolution befinden wir uns aktuell wieder mitten einem Transformationsprozess, der das Potential hat die Art und Weise wie wir leben und arbeiten, grundsätzlich zu ändern. In welche Richtung dieser Wandel geht und wer letztlich davon profitiert, steht dabei noch nicht fest.

Momentan ist zu beobachten, dass viele Menschen den tiefgreifenden, schnellen Veränderungen um uns herum ängstlich und skeptisch gegenüber stehen. Manche neigen dazu die scheinbar goldenen, alten Zeiten bewahren zu wollen. Das oben gezeichnete Bild der ultramobilen, ultracoolen Digitalnomaden, die verächtlich auf die Ewiggestrigen in allen Normalarbeitsverhältnissen blicken, trägt nicht gerade dazu bei “neue Arbeit” attraktiver zu machen. Ebensowenig wie vom Management verordnete “New Work”-Maßnahmen, die sich in gelockerten Krawatten, halbjährlichen Kreativworkshops und Feelgood-Fun erschöpfen.

Wer es mit “neuer Arbeit” ernst meint, sollte mit derlei Kosmetik und Innovations-Entertainment aufhören oder zumindest nicht dabei stehen bleiben.

Nicht jeder Tag und jede Aufgabe sind hip und lustig und werden es auch nicht dadurch, dass man Konfetti wirft und Glitzer drauf streicht.

Sinnvoller ist es, statt über rein technologiegetriebene Innovation und vordergründigen Spaß über nachhaltigen Sinn nachdenken. Und zwar gemeinsam mit Kunden, Partnern und Mitarbeitern. Sinnvolle Neuerungen lassen sich am Besten erarbeiten, wenn man von Anfang an denjenigen zuhört, die diese später nutzen sollen. Angst vor Veränderung kann am Besten durch Beteiligung am Veränderungsprozess überwunden werden.

Die Antworten auf das Nachdenken können dabei ganz unterschiedlich ausfallen. Ja, “New Work” kann in Cafés, Co-Working Spaces stattfinden, sie kann mit Post-its und Prototypen zu tun haben und von relativ jungen, relativ gut gebildeten Mitarbeitern ausgeführt werden. Aber “neue Arbeit” kann auch in regulären Zweierbüros passieren, ganz ohne Programmcode und UX-Design auskommen, dafür aber im Anzug oder Blaumann daher kommen.

Neue Technologien sind zwar der Motor und die Trägermedien der digitalen Revolution, aber nicht das einzige Werkzeug von “neuer Arbeit”. Im Gegenteil — allzu Menschliches rückt wieder in den Vordergrund. Empathie für die wahren Bedürfnisse von Kunden, Zusammenarbeit über Abteilungsgrenzen hinweg und flexibles Vorgehen statt starrem Programmcode beispielsweise.

Es kommt nicht nur darauf an was man tut, sondern wie.

Andere räumliche Rahmenbedingungen, flexible Prozesse und durchlässige Strukturen erleichtern sicher vieles, sind aber nicht die eigentliche “neue Arbeit”. Diese passiert in den Köpfen und täglichen Taten aller Mitarbeiter.

Es gibt Muster und Grundwerte, die unter den Bedingungen der digitalen Revolution für viele Organisationen und Teams sinnvoll sind: Kooperation, Nutzerzentriertheit und Iteration zum Beispiel.

Diese können sich aber in der jeweiligen Unternehmenskultur ganz unterschiedlich niederschlagen. Hierarchie kann furchtbar einengen oder wunderbar befähigend genutzt werden. Transparenz kann als zwangsverordnet werden oder Kommunikation auf Augenhöhe ermöglichen. Kollegen, die Fehler zugeben, können an den Pranger gestellt oder für ihren Mut belohnt werden. Auch Effizienz, Standardisierung und der gute alte Feierabend haben nach wie vor ihren wichtigen Platz in den Unternehmen.

Unternehmen sind dann erfolgreich, wenn sie möglichst einzigartige Produkte und Dienstleistungen anbieten, die das Leben ihrer Kunden tatsächlich bereichern. Das gleiche gilt im digitalen Zeitalter auch für die Art und Weise wie diese Produkte und Dienstleistungen erarbeitet werden: “Neue Arbeit” kommt nicht fertig aus der Schublade, sondern muss zur jeweils einzigartigen Unternehmenskultur passen und von Mitarbeitern als tatsächlich bereichernd empfunden werden, damit das neue akzeptiert wird.

Wertschöpfung entsteht im Wissenszeitalter auch durch Wertschätzung.

Unternehmen sollten das sehr ernst nehmen. Nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit oder weil das zufällig auch Spaß macht, sondern aus schierem Selbsterhaltungstrieb.

Die neue Arbeit kann ganz schön viel Arbeit machen. Aber es lohnt sich damit anzufangen. Welche konkreten Formen diese neue Arbeit annehmen kann und ob sie etwas mit Tischkickern, tropischen Inseln und bunten Klebezetteln zu tun hat, das wollen wir in diesem Format in Zukunft ergründen.


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