Wie Best-Practices das Denken NICHT verhindern

Einfach unter Best-Practice nachschlagen

Auf Business-Konferenz gibt es meistens einen Slot, der “Best-Practice” heißt: Unternehmen zeigen, wie sie in bestimmten Situationen erfolgreich gehandelt haben.

Ist das sinnvoll? Und wenn ja, für wen?

Dieser Artikel befasst sich damit, was Best-Practices sind und was das für euch bedeutet, wenn ihr davon lernen wollt.

Die Best-Practice-Inflation

Jeremy Rifkin prägte durch sein gleichnamiges Buch den Begriff Null-Grenzkosten-Gesellschaft. Da ich mich nicht mehr ganz genau an meine VWL-Vorlesung erinnern kann, kopiere ich mal aus Wikipedia, was Grenzkosten sind:

Die Grenzkosten (auch Marginalkosten) sind in der Betriebswirtschaftslehre und der Mikroökonomik diejenigen Kosten, die durch die Produktion einer zusätzlichen Mengeneinheit eines Produktes entstehen. (https://de.wikipedia.org/wiki/Grenzkosten)

Wenn mit jeder weiteren produzierten Mengeneinheit, der zur Produktion benötigte Input weniger wird, sinken die Grenzkosten. Es ist für Apple unerheblich ob über iTunes 100 oder 10000 mp3s heruntergeladen werden. Das ist für Apple gut (die Labels zahlen natürlich je Verkauf eine Gebühr).

Die Grenzkosten einer zusätzlichen Best-Practice sind ebenfalls minimal, weil in jedem Unternehmen unendliche Best-Practices existieren.

Ihr könnt jeden x-beliebigen Zustand in eurem Unternehmen herauspicken. Irgendwas, das ganz gut läuft. Dann beschreibt ihr den Zustand und wie es dazu kam. Fertig ist eine Best-Practice.

Bittet zehn Kollegen den selben Zustand und den Weg dahin zu beschreiben. Dann habt ihr elf Best Practices.

Und alle sind soweit richtig — sie erreichen das gewünschte Ziel. In der Best-Practice-Welt.

Ist das gut? Ist das schlecht?

In erster Linie zeigt das, dass Best Practices per se nie vollständig beschreiben können, was zum Erfolg geführt hat. Das macht sie erstmal nutzlos. Außer man macht aus allen Best-Practices zu einem Bereich den “einen richtigen”. Dann hat man einen definierten Prozess. Aber das ist nicht der Punkt, den ich hier machen möchte.

Ein Schritt zurück: Was sind eigentlich Best Practices?

Das Business Dictionary schreibt dazu:

A method or technique that has consistently shown results superior to those achieved with other means, and that is used as a benchmark.

Geht es also ausschließlich um Methoden und Techniken, die man erlernen kann und dann wird man auch besser als gut?

Investopedia fasst den Begriff etwas weiter und sagt auch, wie Best Practices entstehen:

A set of guidelines, ethics or ideas that represent the most efficient or prudent course of action. Best practices are often set forth by an authority, such as a governing body or management, depending on the circumstances.

Eine Best-Practice scheint ein konkretes Verhalten zu sein, das erfolgsversprechend ist. Das ist doch klasse oder? Wieso sagt man denn immer, dass Startups so risikoreich sind? Zeigt mir eine Gründer-Best-Practice und ich investiere mein gesamtes Vermögen in die Geschäftsidee eines Röhrenfernsehervertriebs anno 2017.

Ihr wisst jetzt also grob was Best-Practices sind. Aber bringt euch das weiter?

Um zu verstehen, welchen Sinn Best-Practices wirklich haben, müssen wir uns zunächst die Bereiche ansehen, in denen sie nicht wirken. Der Fakt, dass Startups, Softwareprojekte, Unternehmensfusionen oder Projekte scheitern, zeigt, dass es Bereiche gibt, in denen sie nicht funktionieren.

Unsicherheit ist der Feind von Best-Practices

In einem Buch habe ich mal folgendes gelesen:

Wenn ein Mensch erfolgreich ist, schreibt er diesen Erfolg seinen eigenen Leistungen zu. Wenn derselbe Mensch nicht erfolgreich ist, hat er Pech gehabt.

Dahinter steckt die These, dass wir in Bereichen, die von hoher Unsicherheit geprägt sind, viel weniger Einfluss auf das Geschehen haben, als wir denken. Nassim Nicholas Taleb nennt das epistemische Arroganz.

“Best-Practice: Zufriedenere Mitarbeiter durch freie Gehaltswahl.” Das ist ein guter Titel für einen Vortrag oder? Vermutlich wird er sogar richtig gut. Aber das “durch” sollte durch ein “und” ausgetauscht werden.

Es kann durchaus sein, dass in dem fiktiven Beispiel die Einführung von freier Gehaltswahl mit der Zufriedenheit der Mitarbeiter korreliert. Aber dass es auf den Zustand der freien Gehaltswahl zurückzuführen ist, ist leider sehr naiv — die epistemische Arroganz geht (wohl unbewusst) mit uns durch.

Das Problem ist, dass nur Misserfolge und Fehler zeigen, wie es nicht geht. Irrtümer sind Signale, das Handeln zu ändern. Ein paar Tage später gibt es wieder Schwierigkeiten und man passt sich erneut an. Das geht einige Monate so, bis man irgendwann das Projekt doch noch erfolgreich abschließen kann.

Und jetzt wird es gefährlich.

Bei einer Best-Practice-Geschichte schaut man rückwirkend, was nach den jeweiligen Anpassungen funktioniert hat und erzählt das als eine kohärente Story. Die Zuhörer sehen, was seinerzeit in der ganz bestimmten Situation (aus welchen von 1000en Gründen auch immer) gescheitert ist , und wie dann die (zufällig) erfolgreiche Lösung aussah.

Ehe man sich versieht glaubt man als Zuhörer daran, dass es sich um ein Verhalten oder ein Vorgehen handelt, das wiederholt erfolgsversprechend ist. Und so nimmt man das Gesehene oder Gehörte mit in den Alltag und… wird scheitern.

Faustregel 1: Je höher die Unsicherheit ist, umso weniger wert sind Best-Practices.

Faustregel 2: In Bereichen hoher Unsicherheit gilt Best-Tinkering statt Best-Practice.

Best-Tinkering soll schlicht ausdrücken, selber zu probieren und sich dem Ziel langsam annähern. Der englische Begriff “Tinkering” lässt sich frei als “herumtüfteln” bezeichnen.

Aber sind Best-Practices komplett ungeeignetes Lernmaterial?

Ich glaube, dass 99,9% aller Management-Trends, Methoden und Moden eine Berechtigung haben.

Ich glaube auch, dass 99,9% aller Menschen, die damit arbeiten möchten, falsche Erwartungen haben.

Seid euch bewusst, dass ihr auf Konzepte jeder Art, mit dem richtigen Auge schauen solltet. Entsprechend denke ich nicht, dass man von Best-Practices nichts lernen kann.

Wann sie euch etwas bringen können:

  • Wenn ihr sie als das seht, was sie sind: Erfolgsgeschichten, die unter ganz bestimmten Gegebenheiten entstanden sind. Eine Teilgegebenheit (die vielleicht eine Promille ausmacht) ist das Verhalten, die Technik oder die Methodik (die Practice).
  • In Bereichen mit wenig Unsicherheit können sie konkrete Anleitungen geben. Beispiele sind Produktionsstraßen oder andere Arten prozessbasierter Arbeit. Das sind Bereiche, in denen es wenige menschliche Interaktionen gibt oder diese “ignoriert” werden können.
  • Schlichtweg als Inspiration und Motivator. Best-Practices auf Konferenzen sind immer in spannende Geschichten verpackt. Und diese Geschichten sind wichtig. Die Aussagen, die sie transportieren, sind zwar meist nicht anwendbar. Dennoch können starke Geschichten sehr motivierend wirken, sich selbst auf einen Weg zu machen. Sie geben Mut.

Seid also wachsam, falls euch jemand mit Best-Practices überzeugen möchte.


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